schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

 

Katzenloch

Ein Reisebericht

 

von

Thomas H. Jäkel

 

Teil 1 2 3 4

 

 

6

 

Was immer auch in diesen Sommerferien mit uns passiert sein mag, es hatte eine nachhaltige und geradezu erschütternde Wirkung auf mich und auf die meisten meiner Freunde, die mir nach Rottweil gefolgt waren. In diesen wenigen Wochen hatten wir die letzten Jahre abgeschüttelt, nicht vergessen, aber einsortiert, gebunden und ins Regal gestellt. Was uns jedoch blieb, war unsere Freundschaft und ein Selbstverständnis, wie man es für gewöhnlich bei geheimen Banden finden kann. Ich hatte keine großen Erwartungen an das Leben im Konvikt, da ich mit meinem Herzen noch immer in Leutkirch war und ich es schon als Verrat angesehen hätte, wenn ich mit einer, wie auch immer gearteten, Freude oder Begeisterung, in dieses Haus eingezogen wäre. Ich muss jedoch gestehen, dass mir die Landschaft, die ich bei der Anreise vom Auto aus betrachten konnte, sehr gut gefallen hatte und die Anfahrt zur Stadt war geradezu ein Ereignis. Als wir dieses Rottweil zum ersten Mal vom Tal aus sahen, erinnerte mich der Anblick an eine alte Ritterburg und die Fahrt über die lange Brücke hinauf auf den Berg, der mir wie ein einsamer Felsen vorkam, brachte mich fast in einen meiner vielen Träume.

 

Das bischöfliche Konvikt war gleich am Eingang zur Stadt in einer kleinen Gasse gelegen. Das Haus grenzte genau an den Rand des Felsens, lag also direkt an einem Abgrund und zusammen mit der großen Kirche, die direkt neben dem Konvikt erbaut worden war, hätte ich diese Anlage eigentlich schon vom Tal aus erkennen können. Es waren nur wenige Meter vom Konvikt bis zur Hauptstraße und doch war es hier in der Johannsergasse sehr ruhig, fast zu ruhig. Schon bald trafen auch die anderen hier ein. Nachdem die üblichen Formalitäten erledigt waren und unsere Eltern wieder den Heimweg angetreten hatten, zogen wir zusammen durch das Haus, um zu sehen, was unser neues Heim zu bieten hatte. Es dauerte nicht sehr lange, bis sich in uns eine tiefe Enttäuschung breitmachte, denn hier gab es nichts zu finden, was uns auch nur im Geringsten interessiert hätte. Kein Fußballplatz, kein Musikzimmer und auch sonst kaum eine passende Ecke oder gar einen Raum, in dem man seine freie Zeit hätte verbringen wollen. Wir waren in einem Wohnheim mit wöchentlichen Gottesdiensten gelandet und es wurde uns sehr schnell klar, dass wir das Leben hier außerhalb dieser Mauern suchen mussten.

 

Auch unsere Schule hatte nicht gerade einen Seltenheitswert. Hier im Albertus-Magnus-Gymnasium sollten wir also unsere letzten Jahre bis zum Abitur verbringen und aus meiner Sicht war das einzig Attraktive an diesem einfallslosen Bau, dass wir in unserer Klasse diesmal mit anderen Schülern aus der Stadt zusammen waren. Auch dieser Umstand lenkte unseren Blick ganz vehement auf Dinge, die mit dem Konvikt in keinerlei Beziehung standen. So gesehen waren wir nun fast frei von allen Bindungen und Verpflichtungen und konnten unser Leben so führen, wie wir das wollten, denn die uns jetzt noch verbleibenden Einschränkungen, die uns dieses bischöfliche Konvikt auferlegte, würden leicht zu ignorieren oder zu umgehen sein. Der hiesige Präfekt Kilian Nuß war ohnehin kaum zu sehen und bei den wenigen Gegebenheiten, die wir leider von Zeit zu Zeit erdulden mussten, wurde er seinem Namen verblüffend gerecht. Nomen est omen und so bestand auch in dieser Richtung kein Anlass, sich über die Frage der Loyalität irgendwelche Gedanken machen zu müssen. Nein, er war bestimmt kein Werner Redies und der Posten im Konvikt war für ihn sicherlich nur ein lästiger, aber durchaus notwendiger Schritt in seiner beruflichen Karriere. Wir jedenfalls interessierten ihn allenfalls, wenn es irgendwelche Unregelmäßigkeiten gab oder wenn wir ihn mit unseren Anliegen belästigten.

 

Diese neue Freiheit musste so schnell wie möglich in die Tat umgesetzt werden und so zogen wir gleich in den ersten Tagen am frühen Abend los, um uns einmal ausgiebig in der Stadt umzusehen. Nachdem wir uns einige Kneipen angesehen hatten, endeten wir schließlich im Gasthof zur Blume. Dort trafen wir dann auch gleich auf zwei Mädchen unserer Schule und, wie sich herausstellte, waren es die Töchter des Schulleiters und eines Lehrers, was wir natürlich keinesfalls ignorieren durften. Wir konnten also unmöglich rechtzeitig wieder im Konvikt sein, auch wenn zur Sperrstunde das Haus abgeschlossen wurde und sich jeder späte Heimkehrer schon mit dem Klingeln selbst verraten und an den Galgen stellen würde. Konrad und ich sahen uns nur kurz an und bestellten dann ein neues Bier. Zu später Stunde und reichlich angetrunken, verließen wir die Blume und die Mädchen und machten uns auf den Heimweg. Wir waren jetzt unbesiegbar und es kam uns nicht einmal in den Sinn, dass wir uns eventuell in einer ausgesprochen misslichen Lage befanden.

 

Langsam schlenderten wir von der Blume zur Hauptstraße hinunter und bogen dort in die nächste Gasse ein, die uns zum Konvikt führte. Hier wurde es schon beachtlich dunkel und wir konnten am Ende der Gasse den Hauseingang des Konvikts sehen, der die ganze Nacht von einer kleinen Lampe beleuchtet wurde. Ansonsten war alles still und niemand war zu sehen. Als wir jedoch zum Eingang kamen, bemerkten wir auf der anderen Seite des Gebäudes, dass sich dort eine beachtliche Anzahl Menschen versammelt hatte, die alle ausgesprochen guter Laune zu sein schienen. Wir gingen näher zu dieser Gruppe und sahen, dass es alles Schüler des Konvikts waren, die noch zu später Stunde und, so angetrunken, wie sie waren, zurück in ihre Zimmer wollten. Ganz offensichtlich war dies ein eingespieltes Verfahren und wir beobachteten mit Spannung, wie einer nach dem anderen ins Haus einstieg. Zunächst musste man an dem Gitter hinaufklettern, das vor jedem Fenster im Erdgeschoss angebracht war. Dann hielt man sich mit der einen Hand an diesem Gitter fest und streckte den anderen Arm so weit es ging nach oben, bis die so ausgestreckte Hand von einem Helfer im oberen Stock gegriffen wurde und man sich mit dessen Hilfe nun aufrichten und oben auf das Gitter stellen konnte. Zwischen dem oberen Fenster und dem Gitter gab es in der Wand ein altes Stück Eisen, das da herausragte und auf das man einen Fuß bringen musste, bevor die Helfer einen mit vereinten Kräften nach oben und schließlich ins Haus zogen. Das alles sah sehr kompliziert aus und manch einer wünschte sich sicherlich, das letzte Bier nicht mehr getrunken zu haben, aber es funktionierte ganz problemlos und einfach. In jedem Falle hatte sich für uns damit die Sperrstunde bis auf Weiteres ganz einfach erledigt.

 

Die förmliche Gesetzlosigkeit zehrte sehr an uns, auch wenn uns dies als solches nicht direkt bewusst wurde, da unsere Tage mehr als ausgefüllt waren und wir so viel unternahmen, wie nie zuvor in unserem Leben. Es geschah so viel, dass wir nur schwer mithalten konnten, um die Eindrücke und Angriffe auf unsere Seelen entsprechend zu verarbeiten. In der Tat war es aufregend und es war so einfach, sich in diesen Fluss des Lebens zu werfen und sich mit der Strömung hinwegtreiben zu lassen, bis man an einem anderen Ufer strandete, sich wieder befreite und weiter trieb, bis man an das nächste Ufer gelangte. Dazwischen betäubten wir uns mit unmäßigen Mengen an Alkohol und anderen Dingen, die dazu geeignet waren, uns in diesem Fluss zu halten, damit wir nicht sehen mussten, was tatsächlich alles vor uns lag.

 

Schon lange hatten wir die Tage im Kloster Marchtal vergessen, so wie sich auch viele andere Dinge aus unserer Erinnerung verflüchtigt hatten. Wir lebten jetzt nur noch nach außen und hatten die Beziehung zu unserer Seele, zu uns, nahezu verloren. Es war anstrengend und ich selbst war oft so erschöpft, dass ich Schwierigkeiten hatte, manche Tage hinter mich zu bringen. Ich wurde extrem launisch und bisweilen aggressiv und apathisch. Was mir an einem Tag noch Glück und Freude war, belastete mich bereits am nächsten Morgen und so langsam brachte mich dieser Fluss ganz an den Rand des Abgrunds. Auch unsere Freundschaften standen durch diese Einflüsse erheblich unter Druck, da ein ungebundenes Leben eben keine Bindungen erträgt und mit dem Erscheinen der Mädchen wurde alles nur noch schwieriger. In diesem Chaos flüchtete ich mich, ganz zu meinem Glück, in die Kunst und verlor mich oft viele Stunden in meinen Zeichnungen. Meine Bilder gaben mir Ruhe und Entspannung und zeichneten die Ängste und Sorgen für mich auf Papier. Ich hatte kein Elternhaus, das mich auffangen würde, wenn ich irgendwann von dieser Klippe fallen sollte und so war ich dazu gezwungen, selbst zu überstehen. Doch dazu war ich noch keineswegs in der Lage, nicht jetzt und nicht hier.

 

Doch dieser Zug war auch nicht aufzuhalten, da die Kräfte, die hier am Werk waren, immer stärker wurden. Wie bei so vielen war auch mir diese Veränderung unschwer anzusehen, denn neben meinen langen Haaren, die mir inzwischen weit über die Schultern reichten, legte ich kaum mehr Wert auf Kleidung und mein sonstiges Erscheinungsbild. Es gefiel mir sogar, wenn ich damit Aufsehen erregen konnte, denn je mehr ich mich von den normalen Menschen absetzen konnte, desto besser fühlte ich mich. Über lange Zeit trug ich damals einen bunten Wollmantel, den meine Schwester für mich gestrickt hatte und der mit seinen schrillen Farben fast schon eine Attraktion war. Natürlich verschlechterten sich auch bald meine schulischen Leistungen, sodass auch meine Versetzung zeitweise in Gefahr war. Damals wurde sogar meine Mutter in die Schule einbestellt, da sich meine Klassenlehrerin dafür starkmachen wollte, mich am Ende des Jahres von der Schule zu nehmen. Sie empfahl meiner Mutter, mich stattdessen in eine Lehre zu stecken, da ich das Abitur ohnehin nie schaffen würde. Einfühlsam, wie Lehrer in ihrem Sendungsbewusstsein ja manchmal sein können, bemerkte sie dann auch noch in meinem Beisein, dass ich ohnehin bald in der Gosse enden würde.

 

So wie es aussah, hatte hier niemand mehr Vertrauen in mich und an Verständnis war schon gar nicht zu denken. Auf der anderen Seite erkannte ich die Gefahr sehr wohl, dass meine Mutter diesem völlig absurden Vorschlag der Klassenlehrerin auch noch folgen könnte und so stellte ich nicht nur eine bloße Verbesserung meiner Leistungen in Aussicht, sondern hängte mir die Messlatte für meine Schulnoten zum Ende des Jahres selbst so hoch, dass nun gleich niemand mehr an die Ernsthaftigkeit meiner Worte glaubte. Für meine Mutter war es lediglich ein Ausdruck meiner Arroganz, die ich von meinem Vater geerbt hatte. Ich musste also nochmals nachlegen, um diese Kleingeister zu überzeugen und erklärte mich bereit von der Schule zu gehen, wenn ich meine eigenen Ziele nicht erreichen sollte. Man stimmte mir endlich zu und ich hatte mir damit wieder einmal erfolgreich ein weiteres halbes Jahr erkauft und alle Beteiligten zunächst zufriedengestellt. Allein der Gedanke, bei einem Betrieb eine Lehre machen zu müssen, versetzte mich in unbeschreibliche Panik und so begann ich mit der ernsthaften Arbeit an meinen Noten. Als ich meinen Klassenkameraden den Verlauf dieses ominösen Gespräches schilderte, bekam ich auch sofort alle mögliche Hilfe angeboten, die ich natürlich gerne annahm. Am Ende des Jahres hatte ich meine eigenen Vorgaben sogar noch übertroffen und sonnte mich in meinem Erfolg und dem Hohn, den mein Zeugnis den Zweiflern und Ungläubigen nunmehr zollte. Alle waren aber zufrieden und hatten es natürlich immer schon gewusst, wozu ich in der Lage war, doch keinem war jemals aufgefallen, wozu ich inzwischen wirklich in der Lage war.

 

Ich hatte seit einiger Zeit damit begonnen, mich, neben Klarinette und Saxofon, nun auch an der Bassgitarre zu versuchen, da mir Hygin Kramm schon in Leutkirch dazu geraten hatte. Er war auch nach Rottweil gekommen und zusammen gründeten wir nun unsere eigene Band, die wir Apostroph nannten. Als Schlagzeuger holten wir uns Michael Schädler dazu, der hier in Rottweil bei seinen Eltern wohnte. Der Präfekt willigte uns einen kleinen Kellerraum zum Üben zu, der wohl auch früher schon diesem Zweck diente und etwa die Größe von zwei Toiletten hatte. Zum Glück lag hier auch noch eine alte Bassgitarre herum, sodass ich mir zunächst nicht selbst eine kaufen und mir auch nicht ständig den Bass von Wilhelm Missler ausleihen musste.

 

Unsere ersten Versuche mussten wohl ziemlich jämmerlich geklungen haben, aber Hygin war ein sehr guter Gitarrist und so konnten wir vor allem meine Fehler hinreichend gut überspielen. Hygin hatte auch eine Menge Ehrgeiz und war die treibende Kraft in dieser Gruppe. Daher zog es uns immer häufiger in den Übungsraum, bis wir endlich ganz akzeptablen Rock spielten und sogar unsere ersten eigenen Lieder komponiert hatten. Wir waren ganz stolz darauf und freuten uns natürlich ungemein, als uns Konrad einen Auftritt am Bodensee beschaffte. Da ich selbst keine Bassgitarre besaß, nahmen wir die alte Gitarre aus dem Konvikt mit, da diese ohnehin sonst niemand nutzte. Aber das war nicht das einzige Problem, in das ich damals sehenden Auges hineingeschlittert war, denn obwohl die Mutter schon länger davon wusste, verbot sie mir wenige Tage vor dem Auftritt, an den Bodensee zu fahren. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich bei geeigneter Gelegenheit wie ein gemeiner Dieb aus dem elterlichen Haus zu stehlen und den nächsten Zug, auch ohne die Zustimmung der Mutter, zu nehmen. Es waren schon immer Situationen wie diese, die sich vollständig meinem Verständnis entzogen. Wollte die Mutter nun wirklich, dass ich meine Freunde im Stich ließ? War es ihre Absicht, dass ich mein Versprechen brach und Menschen enttäuschte, die sich auf mich verlassen hatten? Ich konnte einfach nicht zu Hause bleiben, das war unmöglich.

 

Unser Auftritt war nur ein mäßiger Erfolg, aber wir hatten zusammen einen Auftritt gehabt und das war letztlich die Hautsache. Nach dem Auftritt fuhr ich zunächst zu Konrad und verbrachte dort die Nacht im Hause seiner Mutter. Die Sophie Renz war eine der bemerkenswertesten Frauen, die ich je in meinem Leben treffen durfte. Ich liebte es bei ihr in der Küche zu sitzen und frische Seelen mit Butter zu essen. Sie liebte ihre Kinder, wie eine Mutter ihre Kinder lieben sollte und sie hat mich seit diesen Tagen immer wieder wie einen Sohn bei sich aufgenommen. Am späten Vormittag saß ich mit Konrad in seinem Zimmer im ersten Stock, als plötzlich die Sophie zu uns ins Zimmer kam und mit leiser Stimme fragte, warum denn nun gerade der Präfekt auf den Hof gefahren war. In diesem Moment fiel uns nun wirklich nichts ein und wir versicherten ihr, dass wir ausnahmsweise nichts ausgefressen hatten. Sie stieg die Treppen wieder hinunter und öffnete dem Präfekten die Haustüre, ohne ihn jedoch ins Haus zu lassen. Mit der Unschuld der heiligen Mutter Maria versicherte sie ihm, dass sich in diesem Hause weder eine alte blaue Bassgitarre, noch zwei Buben befanden und er wohl anderen Ortes danach suchen musste.

 

Es war unglaublich, dass dieser Mensch den weiten Weg von Rottweil bis an den Bodensee unternommen hatte, nur um uns, wie er es später nannte, des Diebstahls zu überführen. Natürlich hatte dies für mich ein gehöriges Nachspiel und einen Eintrag in die Akten zur Folge. Zuhause hatte ich ja das erste Unwetter wegen meiner Flucht bereits überstanden, doch mehr sollte mich noch treffen, nachdem meine Mutter vom Präfekten über die Angelegenheit „Bassgitarre“ in Kenntnis gesetzt wurde. Schon Tage später erhielt ich einen langen Brief meiner Mutter, eines dieser elterlichen Schriftstücke, die man so schnell nicht wieder vergisst. Nicht nur war ich danach ein undankbarer und missratener Sohn, sondern auch das schwarze Schaf der Familie, dessen man sich schämen musste. Diese Eigenschaften musste ich natürlich von meinem Vater bekommen haben, denn sonst gebe es in der Familie niemanden, der ein solch miserabler Mensch war. Danach folgte eine minutiöse Auflistung der von ihr für mich seit meiner Geburt erbrachten Aufwendungen, wobei in dieser Liste nicht einmal die Windeln fehlten. Kein Pfennig davon wäre es wert gewesen und die Familie konnte sich nur noch für mich schämen. Den Schluss dieses Briefes bildete die glaubhafte Versicherung, dass ich bei ihr zu Hause nicht mehr willkommen war. Nun hatte ich es endlich schwarz auf weiß.

 

Derartige Briefe, wenngleich nicht gänzlich unerwartet, entfalten doch eine seltsame Wirkung, wenn man sie dann tatsächlich in Händen hält, und bereiten einem Teenager mitunter einige Sorgen und Probleme. Das nächste Heimfahrwochenende war nur wenige Wochen entfernt, und da ich dieses Wochenende nicht im Konvikt verbringen durfte, musste ich mir eine andere Lösung einfallen lassen. Ausgerechnet für mich schwarzes Schaf hätte ja auch im Konvikt niemand eine Ausnahme gemacht. Ich plante, mir für dieses Wochenende ein Zimmer in einer billigen Pension zu nehmen, die mir auch die Gelegenheit gab, meine Wäsche zu waschen. Das einzige Problem war aber, dass ich natürlich kein Geld hatte, um eine Pension zu bezahlen und neues Taschengeld hätte ich unter normalen Umständen erst an diesem Wochenende wieder von der Mutter bekommen. Damit war nun nicht mehr zu rechnen. Ich wandte mich an Konrad und bat ihn, mir etwas Geld zu leihen. Es macht einen guten Freund aus, dass er eine Notlage auch ohne viel Worte selbst erkennt. Ich zeigte ihm den Brief. Nachdem er ihn gelesen hatte, blickte er an die Decke, atmete einmal tief durch und blickte mir entschlossen in die Augen. „Du kommst mit zu mir.“

 

Das löste natürlich die meisten meiner Probleme und ich freute mich schon von ganzem Herzen, seine Mutter wieder zu sehen. Die Sophie Renz war eine einfache Frau und hatte sicherlich ein schwieriges Leben gehabt, alleine mit drei Kindern im Hinterland von Friedrichshafen. Sie sprach einen starken Dialekt, an den ich mich aber schnell gewöhnte, denn es war immer spannend, ihre Geschichten und Meinungen anzuhören. Ihre Gedankenwelt erinnerte mich sehr an meinen Großvater, denn auch sie überzeugte nicht mit raffinierten Argumenten, sondern mit einer einfachen und lebensnahen Logik, die sie selbst mit einer beeindruckenden Gelassenheit lebte und so zum ruhenden Fels für jedermann wurde, der ihre Nähe suchte. Ich hatte von ihr nie ein böses Wort vernommen, und selbst als ich an diesem Wochenende mit Konrad bei ihr eintraf, sprach sie kein Wort über den Brief, noch fragte sie nach meiner Mutter. Ich war für diese Tage bei ihr und, abgesehen von dem zusätzlichen Teller beim Essen, sah sie darin wohl keinen großen Unterschied, denn sie liebte Konrad und damit auch seine Freunde. Herzlichkeit und Wärme waren ihr eine Selbstverständlichkeit und ich konnte mir damals schon unschwer vorstellen, woraus Konrad seine Zuversicht im Leben schöpfte. Ich beneidete ihn um seine Mutter und das tue ich noch heute.

 

Viele Menschen haben mir im Laufe meines Lebens den sicherlich gut gemeinten Rat gegeben, doch die schönen Momente des Lebens zu sehen und mich an ihnen zu erfreuen, ganz so, als ob mir diese Stunden und Tage ansonsten verborgen geblieben wären. Es mag natürlich sein, dass derartige Ratschläge davon ausgingen, ich würde das Glück geradezu von mir weisen und die Kälte der Melancholie bevorzugen. In jedem Falle gingen diese besorgten Menschen immer davon aus, dass schon der eine schöne Augenblick, mit all seiner Kraft und seiner Einzigartigkeit, in der Lage ist, Jahre des Unrechts, der Ignoranz und der Qual in Vergessenheit zu bringen, ja geradezu ungeschehen zu machen. Aber dem ist nicht so, da das Gute und das Schlechte eine untrennbare Einheit sind und ohne einander nicht existieren könnten. Ich denke aber, dass es gerade meine Gabe ist, beide Seiten in ihrer jeweiligen Wesensart zu sehen und nicht wegzureden. Das Böse und Schlechte bleibt in meiner Welt und das Gute schafft Erleichterung, ohne die ein Leben und vor allem mein Leben, kaum denkbar wäre. Aber es ist eben nur Erleichterung, die mir zuteilwird und schwache Seelen werden immer der Gefahr unterliegen, an der Last der Realität zu zerbrechen, in der Sensibilität zu ertrinken, um schließlich Schutz und Heimat in der Melancholie zu finden. Es sind die Körper, die zerbrechen, nicht die Seele des Menschen, denn sie kann nur erkranken, sich dem Bösen zuwenden oder selbst zu Stein werden. Es sind Tage, wie es diese hier in Rudenweiler waren, die nicht nur Erleichterung, sondern auch Kraft zur Heilung spendeten und mich mit der Hoffnung erfüllten, dass es mehr Tage wie diese und mehr Menschen wie Sophie Renz in meinem Leben geben kann und wird.

 

An diesem, wie an den anderen Wochenenden, die wir gemeinsam in Rudenweiler verbrachten, hatten wir unsere ganz eigenen Exerzitien und feierten unser Leben in jugendlicher Ausgelassenheit. Rudenweiler bestand damals wie heute nur aus wenigen Gehöften, die da lose in dieser Gegend verstreut und von Fremden eigentlich nicht zu finden waren. Hier im Hinterland des Bodensees konnte es schon sehr ruhig werden, denn rund um den Hof waren nur Felder, Wiesen und Wald. Da gab es Hopfenfelder und Apfelbäume, klare Bäche und dichte Wälder, vor allem aber war man ungestört und konnte tun und lassen, was man wollte. Oft saßen wir bei einem kühlen Hefeweißbier vor dem Haus in der Sonne oder grillten frische Würste, wir schossen mit dem Luftgewehr auf alte Büchsen oder fuhren mit dem Motorrad durch die Gegend. Ich selbst hatte nie ein Motorrad und so freute ich mich immer, wenn ich auf einer dieser Maschinen mitfahren durfte.

 

Einmal fuhren wir quer über die Felder und Konrad zeigte mir alles Wichtige in der Umgebung, als wir plötzlich ein lautes Rufen hörten. Es war ein Bauer aus der Nachbarschaft, den Konrad gut kannte und der wohl nicht zum ersten Mal ungehalten darüber war, dass Konrad mit dem Motorrad über seine Felder fuhr. Mit einer Mistgabel bewaffnet und die Faust in den Himmel gestreckt, rief er uns schon von Weitem zu: „Ja sind wir denn in Russland, wo alles allen gehört?“ Hier wurden die Dinge noch untereinander ausgetragen und in all den Jahren habe ich dort nie einen Polizisten gesehen, noch schien einer der Zehnjährigen darüber besorgt zu sein, wenn er auf einer riesigen Kawasaki auf dem Hof erschien.

 

Wir verbrachten die meiste Zeit im Freien und lagen gerne am Ufer der Argen oder an einem der vielen Baggerseen. Eine besondere Attraktion waren immer die Grasbahnrennen, die in dieser Gegend sehr beliebt waren und uns in späteren Jahren immer am Vatertag bis nach Herxheim in die Pfalz zogen. Abends fanden wir meistens erschöpft und müde den Weg zurück zu Sophie, wo wir dann gemeinsam zu Abend aßen und ihr erzählten, was wir alles unternommen hatten. Diese Tage beruhigten, waren friedlich und ohne Probleme. Vor allem, wenn man des Nachts aus dem Haus ging, dann konnte man das frische Gras riechen und die Ruhe des nahe gelegenen Waldes spüren, dessen Umrisse man im Licht des Mondes kaum ausmachen konnte. Es war einfach schön hier.

 

In Rottweil erwartete uns eine andere Welt, die uns in ihrer Rastlosigkeit zwar nicht die Ruhe und den Frieden gab, den wir in Rudenweiler erlebten, dafür aber all die Anforderungen an uns herantrug, an denen wir schließlich wachsen sollten. Es waren die Mädchen, die für die größte Veränderung in unserem Leben sorgten und Einfluss auf alles nahmen, was uns bis dahin wichtig war. Davon war auch meine Freundschaft zu Konrad nicht ausgenommen. Ich spürte, wie ich immer mehr an Wichtigkeit verlor und den Freund vermisste, der nun viel Zeit mit irgendwelchen Mädchen verbrachte. Mir selbst waren diese seltsamen Geschöpfe von Anfang an suspekt, zumal mein Bedarf an Frauen durch meine Familie ausreichend erschöpft war und ich nichts erkennen konnte, was diese Wesen meinem Leben an Sinnvollem hinzufügen konnten.

 

Es war die Welt der Tampons, Lippenstifte und rosaroten Unterwäsche, die sich mit ständigem Gekicher und schwächelndem Gehabe daran machte, das Wesen der Fußballschuhe, der derben Worte und fatalistischen Ausgelassenheit zu zähmen, um den Wolf schließlich in einen zahnlosen, alten Haushund zu verwandeln, der mit eingezogenem Schwanz für jedes Stück Brot dankbar war, das er sich auch noch selbst erarbeiten musste. Sogar hartgesottene Charaktere wurden zu Speichel leckenden Lämmern, denen die Aussicht genug an Hoffnung gab, um sich in einen willenlosen Trottel zu verwandeln. Es war schon faszinierend und erschreckend zugleich, welche ungeheure Kraft hier am Wirken war, ohne tatsächlich etwas für die gierigen Wölfe zu tun, außer ihnen etwas in Aussicht zu stellen, das sie in den allermeisten Fällen nie bekamen. Es konnte dann auch nicht ausbleiben, dass diese Wesen zu ständigen Begleiterinnen wurden und sich auch noch in die letzten Stunden des Tages einmischten. Schon war zu hören, dass nun genug Bier getrunken war, solche und andere Redensarten nicht gehörig waren und alles doof war, was wir normalerweise als normal empfanden.

 

So manchen, der sich in der Rolle des willenlosen Don Juan auch noch wohl fühlte, überzogen sie mit Honig, bis seine Persönlichkeit schließlich bis zur vollständigen Unkenntlichkeit verformt wurde. Das konnte natürlich nicht lange gut gehen und die meisten romantischen Beziehungen mit dem anderen Geschlecht, fanden bald ihr wohlverdientes Ende. Doch auch dieser Zug war nicht zu bremsen, denn plötzlich waren die neuen Versuchungen überall zu finden und tiefere Ausschnitte und kürzere Röcke waren ein sicheres Mittel, um die inzwischen zahnlosen Wölfe immer wieder in die gleichen Fallen springen zu lassen. Andere hingegen erkannten ihre evolutionäre Vergangenheit und entwickelten einen geradezu tierischen Jagdtrieb, dem so mancher Rock zum Opfer fiel. Es muss mein Vorteil gewesen sein, dass ich es den Mädchen schon immer schwer machte, etwas Liebenswertes an mir zu finden, sodass ich von dieser manischen Besessenheit zunächst verschont blieb und mich anderen Dingen zuwenden konnte.

 

Ich verbrachte lieber sehr viel Zeit mit der Band, da wir nun einige Auftritte hatten, die für uns zu wirklichen Herausforderungen wurden. Durch den Kontakt zu einem Tourveranstalter fanden wir jetzt die Möglichkeit, in Vorprogrammen von einigen bekannten deutschen und englischen Rockgruppen zu spielen. Es war schon etwas ganz Besonderes vor Hunderten Menschen auf der Bühne zu stehen und nicht ausgepfiffen zu werden. Am Rande des Geschehens durchlebten wir das Gefühl berühmt zu sein, auch wenn sich dies weitgehend in unseren Köpfen abspielte. Aber selbst dabei zu sein und spät in der Nacht noch mit Hardin & York an der Hotelbar zu sitzen, sorgte für ausreichend Begeisterung, dass wir danach auch gleich das Hotelzimmer ruinierten und in aller Frühe losziehen mussten, um mehrere Tuben Pattex zu kaufen, damit wir wenigstens die schlimmsten Schäden vor unserer Abreise noch vertuschen konnten.

 

Die meisten unserer Auftritte fanden aber in Rottweil und der näheren Umgebung statt. Besonders hoch ging es her, wenn wir bei einer der regelmäßigen Eucha Feten spielten, die immer im Eucharistinerkloster in Rottweil stattfanden. Das Eucha war kein Kloster, sondern ein weiteres Internat und viel größer als unser Konvikt. Bei diesen Festen waren immer viele Schüler aus den Rottweiler Gymnasien da und natürlich auch aus dem Mädcheninternat, das auf unserem täglichen Weg vom Konvikt ins Albertus-Magnus-Gymnasium lag. Wir hatten viel von unseren Vorbildern gelernt und sorgten entsprechend für Stimmung, wenn wir auf der Bühne standen und ich mit meinem Bass das Schlagzeug in seine Einzelteile zerlegte. Ob unsere Musik so großartig war, kann ich schlecht beurteilen, aber wir hatten eine ganze Menge Spaß. Die Band begann sich aber ab dem Moment langsam aufzulösen, als Hygin für sich entschieden hatte, Profimusiker zu werden. Plötzlich kamen immer neue Diskussionen auf und vor allem sollten erhebliche Summen in Anlagen investiert werden. Es dauerte nicht lange, bis wir uns ordentlich zerstritten hatten und ich die Band für immer verließ.

 

An anderen Tagen beschlossen wir in der großen Pause auf dem Schulhof, dass wir nun alle in den Getränkemarkt gehen sollten und der restliche Unterricht des Tages ohne uns stattfinden musste. Wir haben es unseren Lehrern nicht unbedingt einfach gemacht, doch waren wir darin so konsequent, dass sie sich mit der Zeit daran gewöhnten und sich schon gar nicht mehr beim Präfekten beschwerten. Nach einem dieser berüchtigten Besuche im Getränkemarkt zogen Konrad, ich und Franz Bertl los und machten es uns auf der Wiese vor der Schule bequem. Wir lagen dort entspannt in der Sommersonne und leerten eine oder zwei Flaschen Saurer Fritz, was uns bei der Hitze entsprechend zusetzte. Beim Abendessen im Konvikt fielen wir dann natürlich negativ auf und zogen uns zur Sicherheit in unsere Zimmer zurück. Bald gesellten sich noch andere Freunde zu uns und brachten auch geeignete Getränke mit.

 

Es war schon zu fortgeschrittener Stunde, als die Stimmung ihren Höhepunkt fand und wir damit begannen, uns mit einer Rasierklinge die Arme aufzuschneiden, um miteinander Blutsbrüderschaft zu schwören. In unserem Zustand war das nicht gerade einfach und das erste Blut versetzte uns in einen ganz anderen Rausch, in dem wir uns dann unkontrolliert die Arme aufschnitten, bis das rohe Fleisch zu sehen war. Bei Franz war es besonders schlimm und wir mussten einen Erzieher wecken, um den Franz ins Krankenhaus fahren zu lassen. Ich selbst verschwand mit meinem blutüberströmten Arm ganz schnell in meinem Zimmer, wo mir Konrad noch einen notdürftigen Verband anlegte und ich damit erst einmal einschlief. Der Erzieher, der am Morgen in unser Zimmer kam, musste doch etwas schockiert gewesen sein, da die Wunde während der Nacht noch einige Zeit weiter geblutet hatte und dann mein Bett in tiefes Rot getränkt hatte. Ich wurde also gleich zum Arzt gefahren, wo ich einen ordentlichen Wundverband und zur Vorsicht auch gleich ausreichend Pillen gegen Depressionen bekam. Mit solchen Kapriolen machten wir uns beim Präfekten nicht besonders beliebt und schon bald standen wir gewaltig unter Druck.

 

Eines Tages klingelte das Telefon im Gang vor meinem Zimmer und ein Mitschüler kam ins Zimmer und sagte mir, dass da ein Anruf für mich war. Ich ging in den Gang, nahm den Hörer und es war mein Vater, der da anrief. Er war in Rottweil zur Beerdigung seiner Mutter, die vor Tagen gestorben war und er bat mich, an der Beerdigung teilzunehmen, obwohl ich seine Mutter nie zuvor gesehen hatte. Es war ihm offensichtlich sehr wichtig, dass ich dabei war. Ich versicherte ihm, dass ich natürlich kommen würde und erst nach dem Gespräch fiel mir plötzlich auf, dass seine Mutter, meine Großmutter, in derselben Stadt wohnte wie ich und keiner vom anderen wusste. Am nächsten Tag zog ich mich ordentlich an und ging zum Friedhof, der nicht weit vom Konvikt entfernt war.

 

Dort stand er dann, mein Vater, nach all den Jahren und, als er mich sah, kam er gleich zu mir. Er sah mitgenommen aus, roch wie früher nach Old Spice und Zigaretten und kam mir noch hagerer vor als in meinen Erinnerungen. Wir hatten uns nicht sehr viel zu sagen und schon bald ging er dazu über, andere Mitglieder der Familie zu begrüßen, von denen mir manche, wie ich mit hinreichender Verwunderung feststellte, eben nicht unbekannt waren, sondern Schüler eines anderen Gymnasiums waren, die ich täglich auf meinem Weg in die Schule getroffen hatte. Nun waren wir also miteinander verwandt, gehörten der gleichen Familie an und hatten bis zu diesem Tage keine Ahnung davon gehabt. Ich war mir ja schon lange darüber bewusst, dass meine Familie irgendwie anders war, aber dieser Tag brachte mir noch einige neue Erkenntnisse und versicherte mich in der Annahme, dass wir die Bezeichnung Familie nicht verdienten. Mein Vater lud mich nach der Beerdigung noch zu einem Essen ein, doch ich entschuldigte mich mit einer Ausrede. Er blickte mich nochmals an, nahm mich in seine Arme und verschwand in seinem Mercedes. Ich schlenderte langsam zurück ins Konvikt und überlegte mir, was eigentlich passiert war. Meine Großmutter, die ich nie kannte, war gestorben, mein Vater wollte mich unbedingt auf der Beerdigung haben, hatte mir aber nichts zu sagen, nahm mich dennoch in die Arme, als hätte er den lang verlorenen Sohn wiedergefunden und verschwand dann wie ein Traum wieder von dieser Welt. Einfach so, als wäre dies eine alltägliche Abfolge von ganz normalen Ereignissen. Es war das letzte Mal, dass ich meinen Vater sah.

 

Nicht sehr viel später, im Dezember 1975, erhielt ich einen weiteren Anruf und ich war darüber nicht weniger erstaunt, dass diesmal die zweite Ehefrau meines Vaters am Telefon war und mich mit einer anteilslosen Stimme, die in ihrer Sachlichkeit kaum zu überbieten war, davon unterrichtete, dass mein Vater am Tag zuvor gestorben war und, wenn ich dies wollte, dann könnte ich auch zu seiner Beerdigung kommen. Viel mehr hatte sie mir nicht zu sagen und fand es daher wohl am besten, das Gespräch auch gleich wieder zu beenden. Mein Vater war tot. Ich konnte mir nicht erklären, was mit ihm geschehen war, denn mit sechsundvierzig Jahren stirbt man nicht einfach so. Da ich mir aus den wenigen Informationen, die ich bis dahin erhalten hatte, keinen Reim machen konnte, rief ich meine Schwester an, die ja immerhin bei ihm gewohnt hatte. Von ihr erfuhr ich, dass sie ihn gefunden hatte, im Treppenhaus, erschossen und erhängt, ganz in seiner Art, alles genau zu planen und nichts dem Zufall zu überlassen.

 

Natürlich waren da so einige Ungereimtheiten, von denen die Tatsache, dass sich ein Rechtshänder nicht freiwillig mit der linken Hand in den Kopf schießt, nur eines der Rätsel war, das sich die lokale Kriminalpolizei zu lösen vorgenommen hatte und daher die Leiche meines Vaters für eine ungewöhnlich lange Zeit nicht zur Beerdigung freigab. Mehr noch als Traurigkeit empfand ich jetzt Wut, dass mir das Leben an diesem Tag auch noch die letzte Hoffnung geraubt hatte, meinen Vater einmal richtig zu erleben, ihn zu verstehen und ihm einfach der Sohn zu sein, der ich sein wollte. Er hatte ein Leben gewählt, das ihm Abenteuer und Genuss bringen sollte und er wurde über die Jahre sogar reich, fuhr schöne Autos, wohnte in einem großen Haus und musste nun doch ein solches Ende finden. War all dies nicht genug? Vielleicht hätte ich ihn besuchen sollen, ihm in seiner Not zur Seite stehen oder ihm in seiner dunkelsten Stunde die Stütze sein, die ihn vor dem Tod gerettet hätte. Auch wenn er mich nie in sein Leben einbezogen hatte, konnte ich mich nicht einfach von meiner Schuld freisprechen, einer Schuld, die mir an diesem Tag zufiel. Welchen Teil seines Lebens übergab er mir in dem Moment, als er selbst Hand an sich legte? War es meine Pflicht, sein Leben zu vollenden und zu erreichen, was er nicht geschafft hatte oder war sein Tod sogar ein Zeichen für mich, ein Hinweis, dass auch mein Leben mit dem sechsundvierzigsten Jahr sein Ende finden würde?

 

Am Abend vor der Beerdigung holte mich meine Mutter von einem Auftritt ab, den wir schon lange geplant hatten und zur Verstärkung kamen auch die Tante Christine und die Großmutter mit. Die Fahrt verlief sehr ruhig und zum ersten Mal bemühten sich diese drei Frauen, nichts Schlechtes über meinen Vater zu sagen, was nun ja auch nicht mehr nötig war. Am nächsten Morgen jedoch war ich mit der Mutter alleine zu Hause im Katzenloch und wir sprachen über den Vater, als die Mutter plötzlich anfing zu weinen und von ihrer Ehe sprach, wie sehr sie diesen Mann geliebt hatte und dass alleine die Großmutter die Schuld an der Scheidung trug. Im Angesicht des Todes scheint den meisten Menschen die Wahrheit an die Lippen zu drängen, auch wenn es nur die Wahrheit ist, an die sie gerne glauben möchten.

 

Die Beerdigung war so, wie ich das von anderen Anlässen kannte, nichtssagend und nur für die Hinterbliebenen gemacht. Während meine Mutter sehr andächtig im Hintergrund stand, als der Sarg in das Grab hinabgelassen wurde, benötigte seine zweite Ehefrau kaum den Trost der heiligen Mutter Kirche, denn sie war schon den ganzen Morgen emsig damit beschäftigt, den Nachlass zu sichern. Dabei empfand sie auch ganz offensichtlich keine Scham, dass sie mich noch vor dem Gottesdienst darum bat, einen Verzicht zu unterschreiben. Wenn mir das Sterben jemals einen Schrecken einjagte, dann war es an diesem Morgen in Wiesensteig und der Gedanke, von solchen Menschen überlebt zu werden.

 

Sein Tod nahm in der Tat seltsame Züge an, weshalb ich mich zusammen mit meiner Schwester aufmachte, um mehr über ihn zu erfahren. Da wir von der Polizei aber keine weiteren Informationen bekamen, wandten wir uns zunächst an seinen Hausarzt, der nichts als ungläubige Verwunderung über den Tod meines Vaters empfand. Noch Tage zuvor hatte er ihm mitgeteilt, dass seine Lebererkrankung und alle anderen gesundheitlichen Probleme nach einer langen Therapie weitgehend geheilt waren und sich alle Werte im Bereich des Normalen befanden. An anderer Stelle erfuhren wir, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem anderen Mann gehabt haben soll, der meinem Vater erhebliche Beträge schuldete. Am Tag seines Todes war zum ersten Mal sein Hund nicht im Haus, der ansonsten sehr wachsam das ganze Gelände bewachte. Je mehr wir in Erfahrung brachten, desto zweifelhafter wurden die Umstände seines Todes und ich glaubte nicht mehr daran, dass er tatsächlich aus eigenem Antrieb aus seinem Leben geschieden war. Meine Hoffnung, dieses Kapitel meines Lebens mit der Beerdigung meines Vaters für immer zu schließen, hatte sich nicht erfüllt und ließ mich stattdessen mit Zweifeln, Ängsten und Sehnsüchten auf diesem kalten Friedhof zurück. Die Seele meines Vaters hatte sich ganz heimlich in mich geschlichen. Endlich hatte ich meinen Vater für mich und konnte zu Ende bringen, was er begonnen hatte.

 

Nach meiner Rückkehr ins Konvikt suchte ich, mehr als sonst, die Ruhe und Abgeschiedenheit, um mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein und fand an manchen Tagen sogar den Weg in die Kirche, wo ich ganz alleine saß und mir den Altar ansah. Gott war mir fremd geworden, doch ich verstand seinen Sohn, den er alleine gelassen hatte, bis sie ihn schließlich ans Kreuz schlugen. Es war nicht die Traurigkeit über den Tod meines Vaters, sondern ein anderer Schmerz, der sich tief in mir bemerkbar machte und meiner Seele mit jedem Tag ein Stück näherkam. Es schmerzte einfach und ich wusste nicht warum, noch konnte ich mir erklären, warum ich an manchen Tagen nur noch die nackte Angst vor Augen hatte. Soweit ich mir das selbst erklären konnte, gab es auch keinen Zusammenhang zwischen realen Ereignissen und der zunehmenden Finsternis, in der ich mich befand. Ich konnte ohne Probleme mit anderen auf eine Party gehen und dort die Ausgelassenheit und Freude in mich aufnehmen, nur um plötzlich in eine tiefe Apathie zu verfallen und mich unter schweren Schmerzen in die Einsamkeit zurückzuziehen.

 

An einem Abend verließ ich das Haus eines Freundes und brach in Tränen aus, sobald ich die Haustüre hinter mir geschlossen hatte. Es regnete sehr stark an diesem Abend und ich ging langsam durch die menschenleeren Straßen, ohne mich um den Regen zu kümmern, der sich schon bald in ein heftiges Gewitter verwandelte. Der Sturm peitschte mir das Wasser ins Gesicht und ich zitterte am ganzen Körper, ohne auch davon entsprechend Notiz zu nehmen, denn ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass mir diese Geschehnisse nur noch im Hintergrund bewusst wurden. Ich hatte mich in einen heftigen Disput mit mir selbst verstrickt und trug diese Diskussion lautstark auf meinem Weg ins Konvikt aus. Mit einem Mal verstummte ich und mein Schritt erstarrte, als ich die Hochbrücke erreichte. Ich versuchte mich zur Seite zu drehen, um ans Geländer zu kommen, doch ich konnte nicht. Auch war es mir nicht möglich weiter zu gehen. Ich erstarrte einfach dort am Anfang der Brücke und ließ den Regen über mich strömen. Es wurde mir schnell bewusst, welche dunkle Kraft mich dort festhielt und ich brüllte mich, so laut ich konnte, selbst an, dass ich weitergehen und es nicht tun sollte, nicht durfte, nicht jetzt, nicht in dieser Nacht. Ich weiß nicht, wie ich meinen Weg schließlich zurück ins Konvikt gefunden hatte, doch saß ich später nass und total erschöpft in meinem Zimmer und wartete auf ein Zeichen, das nie kam.

 

Diese Phasen konnten einige Tage oder auch nur Stunden andauern und verflogen so selbstverständlich, wie sie gekommen waren. In jedem Falle hatte diese Hochbrücke etwas magisch Anziehendes an sich, denn jedes Mal, wenn ich über diese Brücke ging, zog es mich an das Geländer und ich sah hinunter in das Tal, das sie überspannte. Von hier aus hatte man einen ausgesprochen schönen Ausblick auf die Landschaft, die vor Rottweil lag und man konnte sich leicht vorstellen, von hier einfach loszufliegen. Auf meinen Freund Walter Stroh jedoch hatte diese Brücke eine ganz andere Wirkung, als er des Nachts sein Zimmer verließ und sich von dieser Brücke in die Tiefe stürzte. Wir waren gute Freunde und kannten uns bereits aus Leutkirch. An diesem besagten Abend besuchte ich ihn in seinem Zimmer und er war sichtlich niedergeschlagen. Wir redeten lange Zeit miteinander, aber manchmal können Worte nicht ändern, wonach sich die Seele dürstet. Walter war, wie so viele, aus dem Konvikt ausgezogen und ich musste ihn in seinem Zimmer zurücklassen, um selbst zurück ins Konvikt zu gehen. Melancholie und tiefe Niedergeschlagenheit waren uns allen nicht sehr fremd und Walter war zudem ein sehr sensibler Mensch. Dennoch traf es mich hart, als ich am nächsten Tag von dem Ereignis hörte. Er war nicht tot, sondern hatte den Sprung in die Ewigkeit überlebt und lag nun mit etlichen gebrochenen Knochen im Krankenhaus.

 

War uns das Leben vorgeschrieben? Kaum jemand überlebte den Sturz von der Hochbrücke, doch Walter musste auf den Abhang gefallen sein, wodurch der Sturz abgefangen wurde. Ich konnte ihm im Krankenhaus nicht von meinem nächtlichen Erlebnis erzählen, nicht erklären, dass ich selbst schon auf diesem Weg war. Wir alle lebten an einem Abgrund, bewusst oder unbewusst. Der Erste, der uns für immer verließ, war Heiner Braun. Er entschied sich noch vor dem Abschluss der Schule eine Lehre zu beginnen. Zusammen mit seinen anderen jungen Kollegen starb er wenig später in einem Autounfall. Waren unsere Wege vorgezeichnet? An solchen Tagen war es das Beste, sich abends ins Jugendhaus an einen Tisch zu setzen, viel Bier zu trinken und solange in die Kerze am Tisch zu starren, bis man sich langsam in nichts auflöste. Da draußen wartete eine Welt auf uns, die uns nie eine Einladung geschickt hatte und keine warmen Worte für uns fand. Jeden Tag erhängten sich Menschen, sprangen von Brücken oder schossen sich eine Kugel in den Kopf. Vielleicht war ich einfach zu feige dazu und zog es vor mit Alkohol und Zigaretten den Weg der kleinen Schritte zu gehen. Ich war eben ein Wunschkind, das am Ausgang lebte, weil man es dort vergessen hatte.

 

Meine Einstellung zum anderen Geschlecht hatte sich inzwischen nicht wesentlich verändert, obwohl ich die eine oder andere Beziehung, wenn man das so nennen wollte, hinter mich gebracht hatte. Am längsten hielt ich es mit Elke Block aus und das auch nur, weil ihre beste Freundin, die Martina Lünz, schon lange mit Konrad zusammen war. Die Elke war ein ausgesprochen hübsches Mädchen, aber wir hatten uns beide nichts zu sagen und spielten, in unseren Grenzen, nur die Rolle der Freunde auf dem Rücksitz. Eine Freundin zu haben war für mich in gewisser Weise ein sozialer Zwang, damit man bei Partys oder beim nächtlichen Grillen am Neckarufer nicht immer alleine neben dem Bierkasten saß, während die anderen sich eng umschlungen die Zungen in die Hälse steckten.

 

Mein grundsätzliches Desinteresse blieb den Mädchen auch nicht verborgen, jedenfalls war ich in dieser Hinsicht nicht besonders begehrt. Eines Tages jedoch fiel mein Blick auf ein Mädchen, das auf mich einen ganz anderen Eindruck machte und dies nicht zuletzt deshalb, weil sie für mich einfach unerreichbar war. Vielleicht war es auch der wichtige Umstand, dass sie verwaschene Jeans und ein einfaches T-Shirt anhatte und kein Make-up trug. Ich sah sie zum ersten Mal bei einem Fest in der Stadionhalle, inmitten von Hunderten Menschen und konnte von da an ihr Gesicht nicht mehr vergessen. Natürlich fehlte mir jeglicher Mut sie anzusprechen und so versuchte ich heimlich immer wieder in ihrer Nähe zu stehen, um sie im Kreise ihrer Freunde zu erleben und vor allem ihre Stimme zu hören. So hatte ich das früher schon mit Anette Redeker gemacht. Ich zog es dann aber doch vor, mich mit einer Bierflasche in eine dunkle Ecke zu setzen, da mir einfach kein Weg einfiel, wie ich mit ihr ins Gespräch kommen sollte, ohne dabei lächerlich zu wirken und am Ende sogar noch abgewiesen zu werden. Ich sah sie dann in den folgenden Wochen immer wieder in der Stadt, doch ergab sich auch dabei keine Möglichkeit, ihr in irgendeiner Weise näherzukommen oder gar ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

 

Da ich aber ohnehin sehr mit mir selbst beschäftigt war, unternahm ich auch keine weiteren Anstrengungen und lehnte mich mit dem Gefühl zurück, dass sie für mich eben unerreichbar war. Doch das Leben führt uns auf seltsame Wege und manchmal verstecken sich hinter einfachen Häuserecken die großen Chancen unseres Lebens. Konrad und ich gingen an einem der folgenden Abende wie gewohnt ins Jugendhaus, besorgten uns ein Bier und unterhielten uns dort angeregt, als plötzlich Christoph und genau dieses Mädchen vor unserem Tisch standen und fragten, ob sie sich noch zu uns setzen konnten. Ihr Name war Brigitte Schaefer, und wie sich jetzt herausstellte, war ich ihr doch schon einmal aufgefallen. Wir spielten zusammen Karten und hatten an diesem Abend noch sehr viel Spaß.

 

Am Ende fragte sie mich noch, ob ich am nächsten Tag auch zu dem Fest kommen würde, das in ihrem Internat mit den Kollegen aus Nagold organisiert wurde. Ich zögerte, da sie während des Kartenspiels einen Freund aus Nagold erwähnt hatte, entschied mich aber am nächsten Tag doch, zu diesem Fest zu gehen. Schon nach kurzer Zeit hatte ich jedoch das Gefühl, dass ich besser im Konvikt geblieben wäre, denn es war für mich fast unerträglich, sie mit dem Anderen zu sehen, eng umschlungen und vor allem küsste sie ihn auch noch vor meinen Augen. Warum hatte sie mich nur gefragt, ob ich zu diesem Fest kommen würde? Wollte sie mir unbedingt ihren Freund zeigen? Ich legte mich vor einen der Lautsprecher, schloss die Augen und entschwand in meine Welt, da es hier in diesem Moment einfach nicht auszuhalten war. Nach einigen Flaschen Bier sah die Welt aber wieder etwas erträglicher aus und ich fasste allen Mut, den ich finden konnte, und forderte sie zum Tanzen auf. Sie stimmte sogar zu und wir verbrachten einige Zeit zusammen, redeten über absolut belanglose Dinge und tasteten behutsam die Grenzen unserer Persönlichkeit ab. Ich musste sie einfach wieder sehen.

 

Wenige Tage später sprang ich mit einem gewaltigen Satz über meinen Schatten, ging zu ihrem Internat und fragte an der Pforte nach ihr. Keiner wusste, wo sie war und ich wollte gerade wieder gehen, als sie plötzlich den Gang herunter kam. Sie war sichtlich überrascht, mich am Eingang zu sehen und sagte mir sofort, dass sie keine Zeit hatte, da sie mit ihren Freundinnen verabredet war. Ich war natürlich niedergeschlagen und sah ihr traurig nach, wie sie mit ihren Freundinnen den Weg zur Straße hinunterlief. Ich hatte allen Mut und alle Hoffnung verloren und sank langsam auf den Rasen nieder. Dort saß ich nun und sah den vielen schönen Mädchen zu, die ständig in das Haus hinein und hinausgingen. Da ich mich einfach nicht mehr von meinem Platz bewegte, setzten sich über die Stunden immer mehr Mädchen zu mir und wir redeten viel über Brigitte und welche Chancen ich wohl bei ihr hätte. Da kamen interessante Geschichten und Anekdoten zutage und ich hatte schon bald das Gefühl, dass ich Brigitte seit Jahren kannte. Es wurde schon dunkel, als Brigitte wieder zurückkam und bei unserem Anblick fassungslos stehen blieb. Die anderen Mädchen erklärten ihr ganz aufgeregt und zu meiner vollen Unterstützung, dass ich mich nicht von diesem Platz bewegt hätte, nur um sie nicht zu verpassen.

 

Alle blickten sie ganz erwartungsvoll an und so vereinbarten wir für den nächsten Tag gemeinsam ins Freibad zu gehen. Nicht erst seit diesem Tag war alles Weibliche für mich ein einziges Mysterium. Nach einem schönen und sehr entspannten Tag im Freibad, erklärte sie mir, dass sie mich zwar sehr gern hatte, aber ihren Sylvester für mich nicht aufgeben konnte. Doch schon am nächsten Tag trafen wir uns wieder, wie an jedem Tag, der nun bis zu den Sommerferien folgte. Am letzten Schultag vor den Ferien wartete sie auf mich vor ihrem Internat und wir fuhren gemeinsam nach Stuttgart, wo wir einen herrlichen Tag miteinander verbrachten. Am Abend trennten sich unsere Wege und wir fuhren in entgegengesetzte Richtungen nach Hause. Ich war glücklich, so glücklich, wie noch nie in meinem Leben.

 

Selbst der Anblick der hässlichen Wabenhäuser im Katzenloch erfreute mich und die Mutter war sichtlich erstaunt, mich in solch guter Laune zu begrüßen. Die Welt war also doch schön und ich hatte einen eigenen Platz in ihr. Nach dem Abendessen legte ich mich entspannt ins heiße Bad und wollte dort den Tag ausklingen lassen, als mir meine Mutter das Telefon brachte. Es war Brigitte, die wissen wollte, wie es mir ginge und so mussten wir eine kleine Ewigkeit miteinander geredet haben. Sie bestand darauf, dass ich sie am nächsten Tag anrufen würde und ich musste ihr auch versprechen, sobald wie möglich zu schreiben. Als ich sie am nächsten Tag anrief, hatte ich bereits meinen Brief geschrieben, aber es gab noch so viel zu reden und wir konnten beide den Hörer nicht auflegen. Spät in dieser Nacht rief sie dann nochmals an. Sie war wieder aufgestanden und wollte nochmals mit mir reden, meine Stimme hören. Diesmal war das Gespräch aber deutlich kürzer und am Ende meinte sie nur: „Was werden die Leute nur sagen, wenn es nach den Ferien mit uns nicht mehr so ist, wie vorher. Ich mag dich. Ich bin so gleichgültig. Ich besaufe mich jetzt.“

 

Sie hatte mich dann noch einmal angerufen, bevor sie mit ihrer Familie an die Ostsee fuhr, um ihre Sommerferien dort zu verbringen. Danach hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Für mich hingegen standen ganze fünf Wochen Ferienarbeit bei der WMF in Geislingen an und ich musste an diesem Wochenende an meine Freunde denken, die sicherlich in der Sonne lagen und sich bräunten. Montags stand ich dann zu unchristlicher Zeit auf und machte mich auf den Weg in die Fabrik. Ich wurde am Fließband eingeteilt und durfte mit meinem Kollegen Salvatore einen nicht endenden Strom von Tabletts in verschiedene Bänder umleiten. Diese Tabletts waren mit bestellten Waren gefüllt und ich musste auf dem Packzettel einen Buchstaben erkennen und das Tablett dann in eines der anderen Fließbänder schieben. Nach meiner ersten groben Schätzung kamen da jeden Tag einige Tausend dieser Bretter an und mein Leben reduzierte sich schon am ersten Tag auf einen Buchstaben und eine Handbewegung, solange, bis ich die Zeit endgültig vergaß, wie im Tran an diesem Band stand und endlich Kopfschmerzen hatte.

 

Es war eine ausgezeichnete Art, seine Zeit totzuschlagen und fünf Wochen aus dem Leben zu streichen. Vor allem war es unbegreiflich, wie der gute Salvatore das seit Jahren durchstand und noch immer jeden Tag gut gelaunt an diesem Band erschien. Ich jedenfalls war jeden Tag froh, wenn die Schicht zu Ende war und ich langsam nach Hause spazieren konnte. Hier in Geislingen hatte ich außer Frank keine Freunde mehr und entsprechend langweilig waren meine Abende nach der Arbeit. An einem Wochenende traf ich meinen alten Schulkameraden Joachim Mössner wieder. Wir gingen damals zusammen in die erste Klasse des Gymnasiums und seit meinem Weggang waren auch schon wieder sieben Jahre vergangen. Ich erfuhr, dass einer aus unserer Klasse bereits an einer Überdosis gestorben war. Auch hier in Geislingen gab es also Abgründe, in die man sich stürzen konnte.

 

Zum Glück ging die Ferienarbeit bald zu Ende und es blieben mir noch ein paar Tage, bevor ich wieder nach Rottweil durfte, um diesmal das letzte Schuljahr zu beginnen. Nun stand also das Abitur an und wieder ging eine Periode meines Lebens zu Ende. Wie zuvor würden auch jetzt viele Freundschaften langsam verschwinden und wieder würden wir alle unsere eigenen Wege gehen. Diese letzten Tage hier im Katzenloch waren einzig von Langeweile durchzogen und es ging mir körperlich nicht gut. Ich hatte wieder Schlafstörungen und beim Rauchen wurde es mir unangenehm schwindelig. Von Brigitte hatte ich nichts mehr gehört und es schmerzte mich im Grunde auch nicht mehr so sehr, denn nach den Wochen am Fließband war mir eigentlich alles ziemlich egal. Ich hatte mich sogar in einer schwachen Minute dazu entschlossen, mir die Haare ganz kurz schneiden zu lassen. Das war schon ein seltsames Gefühl, als die Locken da so auf den Boden fielen. Am Ende dieser Ferien fand ich mich kraftlos und ohne Hoffnung wieder. Langsam begann mich auch der Gedanke an meine Zukunft zu quälen, denn ich hatte absolut keine Vorstellung, was ich nach dem Abitur anfangen sollte.

 

Nach meiner Ankunft in Rottweil war ich niedergeschlagen und orientierungslos. Von den schönen Tagen mit Brigitte war nach den Ferien nur noch die Erinnerung geblieben und wir trafen uns nicht mehr. Ich lebte so in die Tage hinein, ohne diese als solche wahrzunehmen. Zuviel ging mir durch den Kopf und mit der Zeit gelang es mir sogar, dies für mich zu behalten und mir so wenig wie möglich anmerken zu lassen. Ich verbrachte auch einige Zeit mit Kirstin Radtke, die mir sehr gefiel. Doch die Erinnerung an Brigitte saß sehr tief in mir und ich hatte meine Gefühle, die sie in mir geweckt hatte, noch keineswegs überwunden. An einem Nachmittag traf ich Brigitte zufällig auf dem Heimweg von der Schule und wir redeten lange miteinander, da es uns beiden ein Bedürfnis war. Ich verstand, dass sie nicht mit mir zusammen sein wollte, weil es da noch ihren Freund Sylvester gab und sie uns nicht beide in ihrer Gefühlswelt haben wollte. So etwas hatte ich mir am Fließband schon selbst ausgedacht, denn dort hatte ich ausreichend Zeit, um mir über sie den Kopf zu zerbrechen. Aber, wie gesagt, das Weibliche war schon lange zum großen Mysterium meines Lebens geworden und so hatte ich natürlich nicht damit gerechnet, dass Brigitte bereits am nächsten Tag ins Konvikt kam und dort nach mir fragte. Wir verbrachten wieder jeden Tag miteinander und fanden uns eines Abends alleine im Stadtgraben wieder, wo wir bei einer guten Pfeife den Sternenhimmel bewunderten. Mit dem Blick auf die Sterne frage sie mich: „Was würdest du denken, wenn ich dir sagen würde, dass ich gerne mit dir schlafen würde?“ Was sollte ich mir bei so einer Frage auch denken. Ich war glücklich, dass sie mich das fragte, denn es war für mich das erste Mal.

 

Meine Rückenschmerzen wurden jetzt immer heftiger und ich musste deshalb mehrmals den Arzt aufsuchen. Ich denke, dass diese Schmerzen viel mit meiner psychischen Verfassung zu tun hatten, denn ich begann mich in diesem Sommer endgültig zu zerreißen. Es war mir nicht mehr möglich, die Balance zu halten und ich schwankte zwischen Hochgefühlen und tiefer Depression umher, bis mir dann die körperliche Kraft fehlte, selbst ganz einfache Dinge zu erledigen. Meine schulischen Aufgaben konnte ich oft nur mit letzter Kraft erfüllen und an vielen Tagen musste ich bis tief in die Nacht arbeiten, um meine Ziele noch zu erreichen. Ich wurde zu einer Belastung für mich selbst und oft wusste ich nicht mehr, ob ich einen Menschen nun liebte oder hasste. Schlimmer noch war, dass ich mein Verhalten in vielen Situationen nicht mehr steuern konnte und sehr häufig völlig überreagierte, was mir zwar in der jeweiligen Situation schon bewusst war, aber von mir nicht mehr beeinflusst werden konnte.

 

Da passierten Dinge mit mir, die mir zusehends Angst machten. Mein Verhältnis zu Brigitte war noch der einzige Quell der Kraft, die ich in diesen Monaten schöpfen konnte, doch mit der Zeit wurde auch diese Beziehung schwer belastet und an den Rand des Abgrunds getrieben. Auch wurde der Druck in der Schule immer größer, denn das Abitur rückte näher, und es galt vor allem, in den Leistungskursen so viel Punkte wie möglich zu sammeln. Es sind die dunklen Stunden, die einsamen Nächte, an denen sich die Dämonen selbst ins Zimmer lassen und alles zerstören, was der Seele noch letzter Halt und Hoffnung ist. Mein Selbstwert zerrann mit jeder Träne und ich fühlte mich wertlos, nutzlos und ohne ein Recht auf dieser Welt zu sein. In manchen Nächten sah ich aus dem offenen Fenster und wollte mich in die Tiefe stürzen, da ich für mich keine Zukunft sah. Doch ich musste bleiben, durfte noch nicht gehen, nicht vor meinem sechsundvierzigsten Geburtstag. Die Gedanken, die mir in diesen Nächten völlig wirr durch den Kopf schwirrten, schmerzten so sehr, dass ich mich zusammengekauert in eine Ecke meines Zimmers setzte, um den körperlichen Schmerz zu ertragen, den mir die Seele bereitete. Ich hätte vieles ertragen, aber nicht den Verlust meiner Brigitte, die für mich das einzige Licht in diesem Dunkel war. Ich nahm deshalb wieder diese Medikamente, die mir dabei halfen, über die schlimmsten Tage hinwegzukommen.

 

Viele meiner Freunde waren vorzeitig aus dem Konvikt ausgezogen und hatten sich in der Stadt ein Zimmer genommen. Das war hauptsächlich auf den Feldzug des Präfekten zurückzuführen, den dieser gegen uns führte, da er überzeugt davon war, dass wir nicht in ein Haus, wie sein Konvikt gehörten. Mir war dieses Glück nicht vergönnt, denn im Gegensatz zu Sophie Renz, die ihren Konrad natürlich unterstützte, verweigerte meine Mutter ihre Zustimmung. Sogar der Präfekt war ganz angetan von der Idee und versuchte persönlich meine Mutter davon zu überzeugen. Aber nichts hatte Erfolg und ich musste weiterhin im Konvikt bleiben. Konrad und die anderen Freunde führten da draußen ihr Leben und hatten eine Freiheit, über die ich nicht verfügen konnte. Schon bald war zu spüren, wie sich eine ganz eigene Szene entwickelte und ich war kein Teil davon. Vielleicht gab mir das die nötige Zeit, mich auf mein Abitur vorzubereiten und letztlich war es ja auch nur ein Vorbote dessen, was uns nach dem Abitur erwartete.

 

Die meisten hatten schon ihre erste Post von der Bundeswehr erhalten und mussten sich auf den Wehrdienst einstellen. Mir blieb dies zunächst erspart, da ich wegen meinen Rückenproblemen nicht eingezogen wurde. Ich war darüber sehr froh, denn ich war mir damals ganz sicher, dass ich es dort nicht lange ausgehalten hätte und fahnenflüchtig geworden wäre. Ich verbrachte auch weiterhin meine Zeit mit Brigitte und einmal übernachtete sie sogar im Konvikt und hatte sich damit einer Todsünde schuldig gemacht. Zum Ausgleich war ich eine Nacht in ihrem Internat und musste mich morgens an den Erziehern vorbeistehlen. Irgendwie musste man ja im Angesicht des drohenden Abiturs noch den Spaß im Leben bewahren. Und dann war es soweit. Das Abitur hatte begonnen und ich war froh darüber, denn nichts war anstrengender, als auf diese Prüfung zu warten. Das lag aber nicht so sehr an der Prüfung, sondern eher daran, dass sich allerhand Menschen dazu berufen fühlten, mir jeden Tag aufs Neue erklären zu müssen, was von dieser Prüfung abhängen würde. Sie mussten alle davon ausgegangen sein, dass ich schwer von Begriff war. Vielleicht war es dann auch eine große Enttäuschung für meine ehemalige Klassenlehrerin, die mich damals schon in der Gosse sah, dass ich das Abitur doch noch ganz gut geschafft hatte und nicht dazwischen abgestürzt war.

 

Etwa zu dieser Zeit begann ich mich etwas konkreter mit meiner Zukunft zu beschäftigen, ein Gedanke, der mir schon immer zuwider war, da ich mir sicher war, dass ich nur ein Künstler sein konnte. Doch auch die Tatsache, dass ich mich seit Jahren mit der wunderbaren Welt der Bilder beschäftigt hatte, konnte mich nicht vor dem schlagenden Urteil der Inquisition retten. „Die Kunst kann dich nicht ernähren“ hörte ich aus lauten Kehlen und so wurde in aller Eile ein Beratungsgespräch mit einem dieser umsichtigen und erfahrenen Beamten beim lokalen Arbeitsamt in Geislingen vereinbart. Ich muss nicht besonders betonen, dass dieses Gespräch nicht im Geringsten etwas mit mir als Person zu tun hatte und sich daher fast ausschließlich auf die Ängste und Lebensweisheiten einer vergangenen Generation konzentrierte. Die Folge war, dass meine beruflichen Aussichten immer geringer wurden und mir bald klar wurde, dass für mich nicht mehr als eine Stelle als Sachbearbeiter infrage kommen konnte. Das zumindest war schon deutlich mehr als früher die Gosse. Um diesem Trauerspiel ein Ende zu bereiten und dem Druck des Familienrats nachzugeben, stimmte ich meinen allwissenden Peinigern demütig zu und entschied mich notgedrungen für ein Studium der Rechtswissenschaften. Damals fand ich diese Entscheidung nicht allzu nachteilig, da es mir nur darauf ankam, zu studieren und nicht arbeiten zu müssen. Schon bald kehrten wieder Ruhe und Friede im Hause ein und meine Mutter war sich jedenfalls ganz sicher, dass sie mich vor dem sicheren Untergang gerettet hatte.

 

Meine Situation war jetzt gar nicht mehr so schlecht. Ich hatte mein Abitur geschafft, musste nicht zur Bundeswehr und würde Jura in Tübingen studieren. Erleichternd kam hinzu, dass mir mein Vater noch dreißigtausend Mark als Pflichtteil hinterlassen hatte und zudem eine Halbwaisenrente bis zum Abschluss meiner Ausbildung. Damit konnte man sich auch damals nicht die Welt kaufen, aber es war genug, um mir so viel finanzielle Freiheit zu schenken, dass ich nicht mehr so stark von meiner Mutter abhängig war. Meine neue Freiheit begann gleich damit, dass ich endlich aus dem mir inzwischen verhassten Konvikt auszog und mir ein eigenes Zimmer im Hause des Rechtsanwalts Schellhorn nahm, wo bereits andere meiner Freunde wohnten. Endlich konnte ich mir auch ein Auto kaufen, denn was wäre diese Freiheit ohne ein Auto wert gewesen. Es musste natürlich ein alter Mercedes-Benz sein, eines dieser Monster mit Heckflossen und dem typischen Dieselgeräusch.

 

Zum Trotz und als stille Auflehnung gegen den Familienrat, kaufte ich mir dann eine Flasche Old Spice, um meinem neuen Lebensgefühl auch den passenden Geruch zu geben. Es waren schöne Monate. Die Schule war zu Ende und es gab Grillfeste, Partys und ausgelassene Abende im Jugendhaus. Zusammen mit Brigitte fuhr ich dann zu ihren Eltern nach Illingen und wurde dort wie ein Sohn empfangen und aufgenommen. Da ihr Vater auch noch am gleichen Tag wie ich Geburtstag hatte, war es nicht sehr schwer, das Eis zu brechen. Ich fühlte mich dort so wohl, dass ich bald in der Bäckerei ihrer Eltern mithalf, Brot an Kunden auslieferte und mit Agent, dem liebsten aller Bernhardiner, spazieren ging. Es war ein Zuhause, wie es sein soll und besonders hatte ich die Oma ins Herz geschlossen. Hier war ich willkommen und hatte vor allem Menschen, die mich nicht nur sehr gern hatten, sondern auch immer zu mir standen. Das nahm dem Umstand den Schmerz, dass ich jetzt alleine nach Tübingen gehen würde, da Brigitte noch ein weiteres Jahr bis zu ihrem Abitur in Rottweil bleiben musste. Ich hatte es endlich geschafft. Ich war ein freier Mensch.

 

 

7

 

Es war ein schöner Tag, der sich über Rottweil legte und, entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, war ich schon sehr bald aufgestanden, um mich in aller Frühe für meine Reise fertigzumachen. Vor Tagen hatte ich die lang ersehnte Zulassung für meinen Studienplatz in Tübingen erhalten und nun wollte ich mich nach einer neuen Bleibe umsehen, da ich von allen Seiten hörte, dass dies ein sehr schwieriges Unterfangen sein konnte. Mit Tübingen war ich keineswegs vertraut und ich hoffte, dass mir ein Falkplan, ausreichend Zigaretten und ein wenig Geld, hilfreich zur Seite stehen würden, um meinen Weg durch die Stadt zu finden. Als ich meinen Diesel vorglühte, wusste ich, dass ich wieder einmal vor einem Neuanfang stand und es würde auch diesmal lange Wochen dauern, bis ich mich in der neuen Umgebung eingelebt hatte. Ich war darüber nicht traurig, denn mich erwartete jetzt eine neue Welt, die sich bereits an diesem Morgen ungemein wichtig anfühlte und in der ich mein Glück finden musste, wenn ich mit meinem Leben jemals etwas Sinnvolles anstellen wollte. Mein Mercedes schüttelte sich wie immer heftig in den Tag und ich fuhr langsam über die Hochbrücke, vorbei am Konvikt und dann die Brücke hinunter, die mich vor Jahren in diese Stadt gebracht hatte. Die Welt lag nun vor mir und ich fühlte die Freiheit, die sich mir schon seit einigen Wochen näherte und sich jetzt, beim Verlassen der Stadt, vor mir aufbäumte. Der Vater war tot und die Mutter nahm seit meinem Ausscheiden aus dem Konvikt kaum mehr Anteil an meinem Leben. In Zukunft würde es keinen Präfekten und auch keine Klassenlehrer mehr geben. Für mein Auskommen war leidlich gesorgt, auch wenn mir die Halbwaisenrente kaum ein bequemes Leben bescheren würde. Ich musste bestimmt neben dem Studium noch arbeiten, aber daran war ich ja schon seit Jahren gewöhnt. Die Fahrt kam mir sehr lange vor und das mag auch daran gelegen haben, dass solche Reisen für mich damals noch etwas Besonderes waren. Ich war aufgeregt, als ich das Ortsschild von Tübingen sah und dann in die Stadt fuhr, die für die nächsten Jahre mein Zuhause werden sollte.

 

Nach einer ersten kurzen Rundfahrt verbrachte ich die nächsten Stunden mit Wohnungsangeboten, die ich in der Zeitung fand und die mir ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit vermittelten, da alles entweder zu teuer oder schon längst vergeben war. In meiner Not suchte ich verschiedene Maklerbüros auf, nur um mir dort leere Karteikästen anzusehen. Ich empfand es inzwischen als lohnender, mich nach einem späten Mittagessen umzusehen und die mir für diesen Tag noch verbliebene Zeit damit zu verbringen, einen ausgiebigen Spaziergang durch die Altstadt zu unternehmen. Mein Weg führte mich zunächst ans Neckarufer. Von hier aus konnte man all die alten Gebäude sehen, die sich zu beiden Seiten der Neckarhalde aneinanderreihten und über allem thronte das Schloss Hohentübingen. Fast unscheinbar und doch aus diesem romantischen Bild kaum wegzudenken, stand der Hölderlinturm in zartem Gelb und sprach von den Qualen und Leiden des Dichters, der hier lange Jahre seines Lebens verbrachte. Ich verließ diesen Ort der Ruhe, mit seinen Stocherkähnen und der Platanenallee, und begab mich in das emsige Treiben der Altstadt, mit ihren vielen kleinen Gassen, in denen sich die Menschen tummelten, einkauften oder für das leibliche Wohl sorgten. Immer wieder durchquerte ich enge Wege, um dann plötzlich auf einem weiträumigen Platz vor der Stiftskirche oder dem Rathaus zu stehen. Ich liebte dieses schwäbische Ambiente, das kleinbürgerliche Leben und auch die seltsame Sprache der vielen Zugereisten konnte nicht verhindern, dass jedes Fenster, jeder Balken und jede Malerei dieser alten Fachwerkhäuser eine einzigartige schwäbische Geschichte zu erzählen hatte. Hier gefiel es mir und ich spazierte langsam vorbei am Wilhelmstift, versuchte jede auch noch so enge Gasse, bis ich mich letztlich vor der Jakobskirche auf eine Parkbank setzte, um mich von dem Fußmarsch auszuruhen. Die Kirche lag etwas abseits der belebten Gassen und es war sehr angenehm hier im Schatten zu sitzen und die Ruhe zu genießen, die man seltsamerweise rund um die meisten Kirchen findet.

 

So schön dieser Tag auch für mich begonnen hatte, so ergebnislos ließ er mich auf dieser Parkbank zurück und ich fragte mich, wie diese Wohnungssuche jedes Semester vonstattengehen konnte, ohne dass zumindest einige Studenten unter der Neckarbrücke ihre Zelte aufschlagen mussten. Da ich dort aber niemanden gesehen hatte, war ich mir sicher, dass ich nicht der Erste sein würde. Ausweglose Situationen erfordern bekanntlich außergewöhnliche Maßnahmen und so fasste ich mir ein Herz und ging zu einem Haus in der Jakobsgasse, das mir von meiner Parkbank aus aufgefallen war. Es war ein sehr schmales Haus und, so wie die anderen Häuser, musste es bestimmt schon hundert Jahre alt gewesen sein. Doch es war nicht nur alt und verzweifelt zwischen die viel größeren Nachbarhäuser eingequetscht, es war auch in einem ganz entscheidenden Punkt anders: es war von einem Baugerüst umgeben. Wahrscheinlich wurde es erst kürzlich renoviert, was natürlich gleich mehrere Vorteile mit sich brachte. Einmal gibt es in neu renovierten Häusern immer ein kleines Zimmer zu vermieten und dann war natürlich alles neu und nicht abgewohnt.

 

Der Vermieter, ein noch junger Mann, öffnete die Türe und war sichtlich erstaunt, ob meiner direkten Frage nach dem Zimmer, das er doch zu vermieten hatte, denn dieses war weder fertig, noch hatte er sich bisher Gedanken gemacht, das Zimmer an einen Studenten zu vermieten. Ich erklärte ihm, dass ich ein anständiger Mensch war, der danach trachtete, einmal Rechtsanwalt zu werden und hierfür dringend ein Dach über dem Kopf suchte. Die Idee überzeugte ihn und gemeinsam stiegen wir durch das enge Treppenhaus, in dem noch alles nach frischem Holz roch, bis hinauf unter das Dach, wo sich das besagte Zimmer befand. Es gab ausreichend Platz für eine Matratze, einen kleinen Schreibtisch und ein Regal. Natürlich musste die Matratze auf dem Boden unter der Dachschräge liegen, denn sonst hätte weder Regal, noch Schreibtisch in dem Raum Platz gefunden. Dusche und Toilette gab es nur einen Stock tiefer, wo auch seine alte Mutter ihr Zimmer hatte. Die Mutter, so bemerkte er nebenbei, war schon etwas vergesslich und ich sollte mich darauf einstellen. Mit anderen Worten, das Zimmer war wie geschaffen für mich und überzeugte vor allem durch ein kleines Fenster, von dem man einen sensationellen Blick auf die Dächer der angrenzenden Häuser hatte. Wir wurden uns schnell einig und ich hatte meine Bleibe in Tübingen gefunden. Erleichtert verabschiedete ich mich und trat stolz und frohen Mutes wieder in die Jakobsgasse hinaus. Mit leuchtenden Augen schlenderte ich zur krummen Brücke und lief dort dem Rudi Hagmann in die Arme, der in Leutkirch mein Erzieher war. Er studierte schon seit einiger Zeit in Tübingen Theologie und wohnte hierzu passend im Wilhelmstift. Nun kannte ich wenigstens einen Menschen in dieser Stadt und konnte mich zufrieden wieder in meinen alten Mercedes setzen und nach Rottweil fahren.

 

Es war eine Zeit des Abschieds und, wie die Blätter eines Baumes im Herbst, verließen jetzt meine Freunde das Leben, das wir hier in den letzten vier Jahren geführt hatten. Für die meisten stand der Wehrdienst an und so wurden die Zelte in Rottweil schnell abgebrochen und anderen Orts wieder aufgebaut. Fast begann ich mein Glück zu bedauern, da ich ihnen nicht folgen konnte. Plötzlich gab es leere Zimmer, wo vorher ein Freund wohnte. Neue Gesichter übernahmen, was zurückgelassen wurde und immer öfter trank ich mein Bier alleine. Was mir blieb, war meine Zeit mit Brigitte und ihren Freundinnen, die sich so wie ich, plötzlich ohne die wilde Horde wiederfanden. Es war Zeit zu gehen, denn alles drohte hier zum Stillstand zu kommen. Dabei war es keineswegs langweilig, denn ich hatte endlich die Gelegenheit viele Dinge in Ruhe zu tun, die zuvor immer nur eine Nebenrolle spielen durften. Es machte mir ungemein Spaß, einen Nachmittag mit Hermann Hesse zu verbringen, und diesen Demian bei einem kleinen Spaziergang am Abend zu ergründen, ihn zu verstehen und die Kraft und Begierde nach dem Leben zu spüren, wie sie in diesen Tagen auch in mir zum Vorschein kamen. Doch die Stadt glich nun einem Fotoalbum aus alten Tagen und ließ mich mit den Erinnerungen zurück, die bereits begannen, blass und unscharf zu werden. Mit den Freunden ging auch das Lebensgefühl und damit der Geist, der mich jeden Tag erfüllte, der mich antrieb und mir Grund und Sinn war, wieder in die Sonne zu treten. Es war vorbei und ich packte meine Sachen und zog in mein Spitzwegzimmer, um endlich in mein eigenes Leben zu treten.

 

Von meinem neuen Domizil aus konnte ich bequem zu Fuß in die Neue Aula gehen, die gleich am Anfang der Wilhelmstraße lag und so etwas wie der Palast der Rechtswissenschaften war. Dabei schlenderte ich durch die engen Gassen der Altstadt und durchquerte dann den Botanischen Garten, bis ich diese Idylle verlassen musste und vor den Stufen dieses imposanten Gebäudes stand. Es war bereits am ersten Tag meines Studiums, als genau an diesen Stufen alle meine Erwartungen an das Studentenleben mit einem Schlag zerbrachen, und ich mich einer Realität ausgesetzt sah, die ich mir selbst in meinen schlimmsten Träumen nicht bedrückender und grässlicher hätte vorstellen können. Hier begann nicht der lange Marsch durch die Institutionen, stattdessen wurde der repressiven Toleranz und dem Opportunismus in einer Weise gehuldigt, die bizarr und geradezu lächerlich war. Hier waren Menschen, junge Menschen, eine neue Generation, die nichts anderes im Sinn hatte, als möglichst schnell einer Studentenverbindung beizutreten, einträgliche Kontakte zu knüpfen, einen Ehemann zu finden und sich mit Produkten zu schmücken, die man mit Vaters Geld erworben hatte. Dies war nicht das Land der Dichter und Denker und es war eine Schande, dass sich ein Hölderlin dies von seinem Denkmal aus im angrenzenden Botanischen Garten ansehen musste.

 

Da streiften sie, ohne jemals auch nur eine einzige Vorlesung besucht zu haben, beflissen durch die altehrwürdigen Hallen, gaben von sich, was sie gerade gehört hatten, schwebten in sich und über allem Banalen und hatten sich natürlich schon jetzt bis zur Rente alles genau ausgedacht und zurechtgelegt. Was immer auch zur Debatte stand, hatte keine wirkliche Bedeutung und zudem nur Bestand, wenn es der herrschenden Meinung und damit dem Allerheiligsten aller Juristerei entsprach. Die erste Vorlesung war eher eine Einführung und Begrüßung. Ich traute meinen Augen nicht, als ich vor der Türe des Auditorium Maximum stand und die schlichte Masse von Menschen bestaunte, die da aufgeregt auf Stühlen, Bänken, Fenstersimsen und sogar auf den Stufen saßen und standen. Dazwischen fand ich auch meinen alten Freund Klaus-Peter Broghammer, der hier sichtlich in seinem Element war. Er war jetzt wichtig geworden und hatte sich bestimmt vorgenommen, nie wieder so gehänselt zu werden, wie das im Konvikt leider der Fall war. Er wusste einfach alles und ich fragte mich, ob er jemals etwas anderes gemacht hatte, als hier zu studieren. Ich war aber sehr froh ihn hier zu haben, da mir dieser Umstand schon an diesem Tag erlaubte, wieder durch den Botanischen Garten in die Altstadt und in mein Spitzwegzimmer zu flüchten, denn die letzten Stunden waren erst einmal genug für einen Tag.

 

Ich verbrachte den Rest des Tages unter meiner Dachschräge, vertiefte mich in die Abenteuer von Thyl Ulenspiegel und Lamme Goedzak und wartete bis die Sonne über den Dächern von Tübingen unterging. Zu dieser Stunde saß ich immer wieder gerne an meinem kleinen Fenster und blickte auf die Dächer der angrenzenden Häuser, auf denen sich das Licht der abendlichen Sonne tummelte und diese kleine Welt in alle möglichen Farben tauchte. Es wurde Nacht und ich hatte wie gewöhnlich nichts zu Essen in meinem Zimmer, was mir ausreichend Grund gab, mein Versteck zu verlassen und das Restaurant X in der Kornhausgasse aufzusuchen, wo es ohne Zweifel die besten Burger, Currywürste und Pommes gab. Zudem lag das X nur wenige Meter vom Pfauen entfernt, wo man die nur allzu fetthaltige Kost ganz einfach mit einem Hefeweißbier hinunterspülen konnte.

 

Ich gewöhnte mich schnell an das nächtliche Treiben in der Altstadt und verband meine Kneipenbesuche gerne mit ausgedehnten Spaziergängen, da die engen Gassen mit ihrer oft spärlichen Beleuchtung ein idealer Ort waren, um sich in Gedanken zu verlieren, die in engen Dachzimmern zu gefährlich waren, um gedacht zu werden. Jetzt ärgerte ich mich, dass ich dem Einfluss der Mutter gefolgt war und mich für dieses Studium entschieden hatte. Kunst, Philosophie oder selbst ein Studium der Theologie hätten mir ein geistiges und seelisches Zuhause gegeben, aber nicht dieses Studium. Doch, wie schon so oft, war ich auch dieses Mal wieder zu schwach und zu feige, um mich vom Tisch zu erheben und meines Weges zu ziehen. Vielleicht, so dachte ich mir schließlich, war es auch meine eigene Art, das Leben anzunehmen, das mir vorbestimmt war, denn an jenen Punkten, die uns ungerecht und mitunter grausam erscheinen, werden oft die Weichen für den Weg in eine Zukunft gestellt, die uns dem Ort näher bringt, der unser eigentliches Ziel ist. Für den Moment gab es aber ohnehin keinen brauchbaren Ausweg und in jedem Falle konnte ich die Studienzeit auch für wichtigere Dinge als die Juristerei nutzen. Mit diesen Gedanken kehrte ich in mein Zimmer unter dem Dach zurück und beschloss gleich am nächsten Morgen mit den Besorgungen für mein Studium zu beginnen.

 

Nun, da ich die richtige Einstellung zu meinem Studium gefunden hatte, konnte ich mich erst einmal richtig ausschlafen und gleich nach dem Aufstehen am nahe gelegenen Marktplatz einen frischen Cappuccino trinken, um meine Lebensgeister zu wecken. So fühlte sich das Leben schon besser an und ich brach frohen Mutes auf, um mir in der Osianderschen Buchhandlung alles zu kaufen, was ein angehender Jurist so benötigte. Darunter waren auch solche Jahrhundertwerke wie der Schönfelder und der Sartorius, die nicht nur unzählige Gesetze und Verordnungen enthielten, sondern durch ihr prägnantes Erscheinungsbild auch der Umwelt klar und unmissverständlich mitteilten, mit wem man es hier zu tun hatte. Was dies in dieser Stadt zur Folge haben konnte, durfte ich schon am nächsten Tag erleben, als ich nach meiner ersten richtigen Vorlesung mit dem feuerroten Schönfelder unter dem Arm in die Mensa zum Mittagessen wollte. Dort nämlich wurde ich am Eingang von zwei Spätachtundsechzigern festgehalten und darauf hingewiesen, dass so reaktionäre Elemente wie ich in der Mensa keinen Platz hatten. Um ernsthafte Handgreiflichkeiten zu vermeiden, ließ ich mich notgedrungen auf eine Diskussion ein und wurde schon bald, von mir völlig unbekannten Menschen, als Faschist und Unterdrücker beschimpft. Dieser verbalen Umklammerung konnte ich mich erst durch den Hinweis entledigen, dass ich gerade dabei war, den langen Marsch durch die Institutionen anzutreten und natürlich einer von ihnen war. Dies brachte mir nicht nur Beifall und spontane Umarmungen ein, sondern öffnete mir endlich auch den Weg in die Mensa.

 

Hier war ich nicht Mensch, hier durfte ich nicht sein und ich empfand es geradezu als unwahrscheinlich, dass der alte Herr Geheimrat einen solchen Ort im Sinne gehabt hatte, als er seinen Faust zu Papier brachte. Meine Jugend, mit ihrem ungezwungenen Leben, war nun endgültig zu Ende gegangen und der viel beschworene Ernst des Lebens hielt Einzug in meine Tage. Auch wenn ich mich mit aller Kraft gegen diese Tatsache stemmte, war es doch ein aussichtsloser Kampf, den ich da zu gewinnen suchte, denn, was immer ich auch unternehmen wollte, das System würde am Ende doch gewinnen. Hier wurden frühzeitig Grenzen gezogen und Zugehörigkeiten festgelegt, in deren Rahmen man sich bewegte, ob man das nun wollte oder auch nicht. Ich war entweder Jurist oder ein Heimatloser, dem nur noch sein Zimmer im Elfenbeinturm blieb. Für die einen war ich ein abtrünniger Verräter, für die anderen ein ausgesprochen suspekter Zeitgenosse, ein Wanderer zwischen den Welten und für beide war ich die Erinnerung, die man nicht mehr haben wollte.

 

So destruktiv und bisweilen naiv dieses intellektuelle Aufbäumen auch gewesen sein mag, man konnte auch die Kraft spüren, die da durch die Geburt einer neuen Generation freigesetzt wurde. All die neuen Welten, die in den Gängen und Sälen geschaffen wurden, zeugten von dem Wunsch nach Freiheit, nach Harmonie und einer alles umfassenden Gerechtigkeit, die sich in verrauchten Kneipen genauso auszubreiten begann, wie in den kleinen Zimmern, die in einen Hauch von Vanilletee und Patchouli getaucht waren. Doch der Schein zeichnete uns ein falsches Bild, denn diese wunderbaren Welten gab es nicht umsonst, und auch nicht für jeden, denn sie standen nur den Eingeweihten, solchen Menschen also, die zu einer Gruppe gehörten, in der man sich solch eine Welt bereits selbst erschaffen hatte, zur Verfügung. Das elitäre Denken hatte jetzt zu einer schleichenden Absonderung geführt und der individuellen Isolation die Tore geöffnet. Man war eigentlich nicht Student, sondern Sportlehrer, Jurist, Philosoph oder Arzt und vertrat diese Rolle mit jedem Semester, das man hinter sich gebracht hatte, mit zunehmender Überzeugung, die man wiederum aus dem Nimbus der eigenen Zunft schöpfte. Auch wenn uns das System noch lange Haare und zerrissene Jeans zubilligte, war doch die eiserne Hand schon fest in unseren Nacken und formte uns so gut es ging. Was früher noch unvorstellbar war, wurde langsam zum Standard. Wie lange würde ich diesem Prozess standhalten können?

 

Dem Studium konnte ich trotz aller Anstrengung, die ich in den ersten Wochen noch in der Lage war aufzubringen, nahezu nichts abgewinnen und bald schon wurde ich ein selten gesehener Gast in der Neuen Aula. Ich lebte ziellos in die Tage hinein, verbrachte viel Zeit mit dem Lesen von Büchern und fand darin vor allem mit Hermann Hesse eine Heimat, in der ich mich mit meiner Seele und meinen Gedanken verstanden fühlte. Ein anderer Ort, an dem ich mich überaus wohl fühlte, war das Plattengeschäft Rimpo, das nur wenige Meter von meinem Haus entfernt, ganz in der Nähe des Pfauen gelegen war. Dort verbrachte ich oft Stunden, denn man konnte dort ungestört Musik anhören, die einem ansonsten wohl nie zu Ohren gekommen wäre. Es war bei Rimpo, wo ich zum ersten Mal Frank Zappa hörte, eine Erfahrung, die mir als Freude und Bewunderung geblieben ist. Schon bald tat ich mich auch mit Hans-Werner Pfeifer zusammen, der Bruder von Renate, die in der gleichen Klasse wie Brigitte war. Wir suchten uns einen guten Schlagzeuger und begannen zusammen Jazz zu spielen. Hans-Werner war sehr versiert auf dem Piano und plötzlich hielten Namen wie Chick Corea, Stanley Clarke oder Al Jareau Einzug in meine Welt. Unsere Übungsabende hatten auch einen ganz besonderen Reiz, denn wir fanden einen winzigen Übungsraum mitten im Botanischen Garten und so hatte ich in den Pausen einen ausgezeichneten Blick auf die Neue Aula, die da am Rande des Parks lag und mir zumindest auf diese Weise das Gefühl gab, noch ein Teil des Jurastudiums zu sein. Ansonsten hatte ich mit Hans-Werner wenig zu tun und unsere Beziehung ging selten über ein gemeinsames Bier hinaus. Unter der Woche verbrachte ich meine Zeit mit allerlei Dingen, die mir meistens spontan in den Sinn kamen. Ich zeichnete, begann mich mit Fotografie zu beschäftigen, saß gerne am Neckarufer in der Nähe des Hölderlinturms und sah den Stocherkähnen zu, die da lautlos über den Neckar geschoben wurden. Nachts zog ich durch die Kneipen der Altstadt oder setzte mich auf den Marktplatz und sah den Menschen zu, die sich hier in Massen tummelten. Es war ein ruhiges, aber auch ein sehr einsames Leben, das mich mit tiefen Gedanken erfüllte und mir die Gelegenheit gab, so zu leben, wie mir gerade der Sinn stand. Es ging mir gut, hatte ich doch mein Auskommen und von meiner Familie nichts zu befürchten, denn über die Jahre, die ich hier in Tübingen verbrachte, fand nur mein Großvater den Weg zu mir.

 

Es waren die Wochenenden, die mich aus meiner kleinen Welt herausrissen und mich dann für wenige Tage ein Teil der Gesellschaft werden ließen, die ich sonst nur von außen betrachtete. Wann immer dies möglich war, kam Brigitte nach Tübingen und wir verbrachten dann das Wochenende zusammen. Immer öfter fuhren wir auch gemeinsam zu ihren Eltern nach Illingen. Diese Besuche waren für mich eine wahre Erlösung von den intellektuell verseuchten Beziehungen, die man in Tübingen hatte, denn dort in Illingen stand ich in der warmen Bäckerei, redete mit normalen Menschen, denen der Sinn für die einfachen und doch so wichtigen Fragen des Lebens noch nicht abhandengekommen war. Hier war ich nicht der Jurist, sondern ganz einfach nur ich und man liebte mich genau dafür.

 

Inzwischen hatte sich auch meine Schwester fest in Stuttgart niedergelassen und so wie es aussah, hatte sie den Mann für ihr Leben gefunden. Das gab mir natürlich ausreichend Gelegenheit für manche spontane Reise nach Stuttgart, wo ich auch den Rainer Schmidt kennenlernte, der dann nicht viel später mein Schwager werden sollte. Der Rainer war ein aktiver und lebensfroher Zeitgenosse, den ich von Anfang an sympathisch fand. Vor allem aber war er mit einer begnadeten Ruhe gesegnet worden, die zumindest damals meiner Schwester, wie auch mir, etwas gab, das in unserem Leben immer gefehlt hatte. Er war der Sohn eines Arztes und der Umstand, dass seine Familie nicht gerade unvermögend war, erlaubte uns an manchen Wochenenden in das familieneigene Haus am Bodensee zu fahren und dort auf dem Segelboot Pegasus unbeschwert das Leben zu genießen. Es waren ausgelassene und beruhigende Tage und ich war froh, dass meine Schwester endlich ihre eigene Familie haben würde. Die Frage war nur, unter welchem Stern diese Ehe stehen würde und welche Unterstützung die Familien bereit waren, diesen zwei Menschen zu gewähren. Natürlich konnte es nicht ausbleiben, dass ich mich an die Ehe meiner Eltern erinnerte und ich versuchte mich selbst davon zu überzeugen, dass das Schicksal keine Erbkrankheit war und meine Schwester mit ihrem Rainer eine bessere Zukunft erwartete, als dies meinen Eltern vergönnt war. Doch, wie so oft im Leben, müssen wir erst verdrängen, was so offensichtlich vor uns liegt, nur um uns nicht in bewegungslose Steine zu verwandeln und trotz drohender Gefahren den Weg zu gehen, der uns vorgezeichnet ist. Es ist schon richtig, wenn man sagt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt. Meine Befürchtungen aber waren leider nur allzu berechtigt und es sollte nicht lange dauern, bis sich die hässliche Fratze der Missgunst zeigte. Alles wiederholt sich im Leben, alles.

 

Meine gelegentlichen Besuche im Katzenloch hatten sich in ihrer Qualität grundlegend verändert, denn seit dem Beginn meines Studiums war ich nur noch Sohn und damit ein Besucher, in dessen Angelegenheiten man sich nicht ungefragt einmischen wollte. Das galt natürlich nur, solange mit meinen seltsamen Umtrieben für die Familie keine zusätzlichen finanziellen Verpflichtungen verbunden waren. Doch mit meinem Studium musste ich den Familienhimmel durchbrochen haben, denn es war mir niemand in unserer Sippe bekannt, der jemals eine Universität besuchte. Das schützte mich zwar nicht vor den spontanen Wutausbrüchen und den irrationalen Übergriffen selbst empfundener Minderwertigkeit, aber es rückte mich weit genug an den Rand des Geschehens, um mir den Status eines Beobachters zu geben. Die Nachricht von der bevorstehenden Hochzeit meiner Schwester wurde zunächst positiv aufgenommen und so mancher konnte sich einer gewissen Verwunderung nicht erwehren, dass ausgerechnet meine Schwester in eine Arztfamilie einheiraten sollte. Der Sohn eines Arztes war natürlich standesgemäß und dies sogar für meine Tante, die noch immer fest daran glaubte, dass adliges Blut in unseren Adern floss. Das Tragen fremder Federn ist wohl der einfachste Weg zur eigenen Erfüllung, solange jedenfalls, bis dem Träger dieser Pracht bewusst wird, dass es nicht die eigenen Federn sind, die er trägt und er sich plötzlich wieder nackt auf einem dürren Ast wiederfindet, den er sein Leben nennt.

 

Anfangs wetteiferten die Mitglieder des Familienrates noch in einer nie zuvor gesehenen Euphorie um die beste Idee für ein Hochzeitsgeschenk. Nach einiger Zeit jedoch musste jemand zu dem Schluss gekommen sein, dass man eine Arztfamilie wohl kaum mit Bettlaken und einer Kaffeemaschine beeindrucken konnte. Da uns jedoch offensichtlich die Mittel fehlten, um ein richtig beeindruckendes Geschenk in die Waagschale zu werfen, begann eine dauerhafte Konversation über die Anderen, die Arztfamilie, die schließlich nicht erwarten konnten, dass man sich wegen dieser Hochzeit auch noch verschulden würde. Überhaupt, so fragte man sich nun, waren das ohnehin seltsame Leute und, ob diese Ehe gut gehen konnte, war mehr als fraglich. Bei diesen Konversationen fiel es niemandem auf, dass diese andere Familie noch kein Wort gesagt hatte und die wachsende Ablehnung und Aggression nur in den Köpfen des hohen Rates stattfand. Ausgerechnet meine Mutter, die es ja nun hätte besser wissen sollen, ließ sich dazu hinreißen, die führende Rolle in diesem Feldzug zu spielen. Keine Bettlaken würde sie ihrer Tochter schenken, da ja dann auch der Rainer darin schlafen würde und das war nicht akzeptabel. Es ging nicht mehr um meine Schwester, nicht um ihr Glück und auch nicht um diese junge Ehe, denn niemand kam auf die Idee, dass das schönste Geschenk ein Wort der Entschuldigung gewesen wäre, eine Geste der Versöhnung und vor allem der Versuch, der eigenen Tochter endlich eine liebende und verständnisvolle Mutter zu sein. Doch dafür war es wieder einmal zu spät.

 

Eine seltsame Vorahnung überkam mich bei dem Gedanken, dass ich selbst einmal in dieser Situation sein könnte und ich fragte mich, wie sich der Familienrat dann verhalten würde. Bislang wussten sie ja nur sehr wenig von Brigitte und ihrer Familie. Wahrscheinlich nahmen sie auch an, dass es eben eine der Freundinnen war, die man in diesem Alter eben so hatte. In meinem Herzen jedoch begann ich den Wunsch und das Verlangen zu spüren, mein Leben mit Brigitte zu verbringen, doch von solchen Gedanken nahm meine Mutter natürlich keine Kenntnis, wie ihr auch ansonsten alles verborgen blieb, was mein Leben ausmachte.

 

Doch die Hochzeit meiner Schwester war ein ausgesprochen schönes Ereignis, denn sie ließ es einfach nicht zu, dass man ihr diesen Tag ihres Lebens kaputt machte. Ich konnte das Glück geradezu fühlen, das sie in ihrer Erscheinung an diesem Tag ausstrahlte und als sie da vor der Wallfahrtskirche Ave Maria in Deggingen stand, da wusste ich, dass sie endlich in ihrem Zuhause angekommen war. Es war ein befreiender Moment für sie und ich wünschte mir so sehr, dass sie die Dämonen der Vergangenheit gleich dort an diesem heiligen Ort hätte zurücklassen können, um endlich ihre Ruhe zu finden. Doch die Narben, die man uns in der Jugend zufügt, sitzen sehr tief und selbst ein wunderschönes Hochzeitskleid kann letztlich nur verdecken, was so nahe an der Seele seine Heimat gefunden hatte. Aber für den Moment spielte all dies keine besondere Rolle mehr. Sie fuhr mit ihrem Rainer davon, um selbst eine Familie zu gründen, ihre Familie, und sie wollte alles besser machen, eine Ehefrau und Mutter sein, sich sorgen und kümmern. Ich bewunderte sie, denn sie war so entschlossen und voller Mut. Sie war jetzt erst einmal in Sicherheit und so fuhr ich wieder zurück in meine eigene Welt der Gedanken, der Bücher und Bilder.

 

Am Rande dieser Ereignisse hatte ich vorsorglich schon einmal damit begonnen, mich nach einer geeigneten Einnahmequelle umzusehen, da es bei näherer Betrachtung um meine finanziellen Verhältnisse doch nicht so gut bestellt war, wie ich zunächst angenommen hatte und ich vor allem Brigitte an den Wochenenden mehr als nur Bouillon mit Ei bieten wollte. Von Hans-Werner erfuhr ich, dass es im IBM-Werk in Sindelfingen immer wieder Möglichkeiten gab, als Student zu arbeiten. Meine Bewerbung blieb zunächst aber unbeantwortet und ich begann mich bereits anderweitig umzusehen, als mich völlig unerwartet ein Schreiben der IBM-Hauptverwaltung erreichte, worin man mich freundlich zu einem Bewerbungsgespräch nach Vaihingen einlud. Ganz offensichtlich hatte ein findiger Mitarbeiter im Werk meine Bewerbung weitergeleitet und mir damit nicht nur eine großartige Möglichkeit, sondern auch eine Handvoll neuer Probleme geschaffen, die für mich so ungewohnt waren, dass ich zunächst dazu neigte, diese Einladung einfach zu ignorieren.

 

Ich kam schließlich aus dem Katzenloch und hatte meine Zeit auf Fußballplätzen, im Bett und in verrauchten Kneipen zugebracht. Mit meinem Studium hatte ich mich in diesen zwei Semestern nur allzu oberflächlich beschäftigt und besaß damit absolut nichts, was mich für solch eine Tätigkeit empfohlen hätte. Selbst wenn ich einen Kleiderschrank gehabt hätte, wäre darin nicht einmal ein ordentlicher Anzug oder gar eine Krawatte zu finden gewesen. Ein gedankenloser Anruf bei meiner Mutter verstärkte nur meine Zweifel und war für die Lösung des Problems wenig hilfreich. Auf der anderen Seite erwachte in mir der reine Fatalismus, da meine Mutter mir eindringlich nahelegte, alles zu akzeptieren, was man mir dort anbot, da man bei IBM normalerweise nur die Besten der Besten einstellte und ich ja ganz offensichtlich nicht zu diesem illustren und elitären Kreis zählte. Ich musste arbeiten, um mein Leben hier in Tübingen zu bezahlen, soviel war klar, und ich musste auch dafür Sorge tragen, dass ich meine Unabhängigkeit von der Familie bewahrte, um meinen inneren Frieden zu behalten. Da gab es keine Alternative, aber ich hatte in den letzten Jahren am Fließband, am Bau und selbst beim Zirkus gearbeitet und darin weder Freude, noch eine innere Erfüllung gefunden. Eine Büroarbeit konnte mir neben dem dringend benötigten Geld auch Einblick in eine mir bis dahin unbekannte Welt geben und mit etwas Glück sogar eine Türe für eine spätere Beschäftigung öffnen. Ich investierte daher in die passende Bekleidung, setzte mich in meinen alten Mercedes und fuhr zum Vorstellungsgespräch nach Vaihingen. Auf dieser Fahrt saß mein Vater neben mir, wie er selbst in einem Dunst von Marlboro und Old Spice jeden Tag nach Stuttgart ins Büro gefahren sein musste, und zum ersten Mal gab er mir Kraft.

 

Doch dies war auch ein neuer Tag, ein ganz anderer Tag als sonst und er machte sich bereits am frühen Morgen unmissverständlich bemerkbar. Wie gewöhnlich ging ich nach dem Aufstehen die Treppe hinunter, um mich dort zu duschen und für den Tag frisch zu machen. Auf dem Weg ins Bad traf ich die Mutter meines Vermieters, die mir in ihrer freundlichen Art einen schönen Morgen wünschte. Als ich dann nach einiger Zeit das Bad wieder verlassen wollte, sah ich, wie sich die alte Dame ängstlich hinter ihrer Zimmertüre versteckte und mich von dort aus argwöhnisch durch den Türspalt beobachtete. Bei meinem nächsten Schritt sprang sie wie wild geworden aus ihrem Zimmer, schrie mich hysterisch an, nannte mich einen Einbrecher und begann am ganzen Körper zu zittern. Ich zog es vor mich jetzt nicht mehr zu bewegen und freute mich, als der Vermieter schnellen Schrittes die Treppe heraufstürmte und sich der alten Dame annahm. Der Zwischenfall konnte zum Glück schnell gelöst werden und ich machte mich endlich auf den Weg nach Vaihingen.

 

IBM war mir natürlich nicht unbekannt, auch wenn ich bis dahin noch nie einen richtigen Computer vor mir hatte, aber allein schon das Gebäude der Hauptverwaltung war beeindruckend und spiegelte eine Macht wieder, die diesem Unternehmen etwas Besonderes gab. Ich hatte noch etwas Zeit, um mich auf das Gespräch vorzubereiten, denn mein Weg führte mich zunächst von Tübingen aus durch den Schönbuch, eine Gegend, die durch ihre intensive Natur und die darin versteckten Farben angenehm beruhigend auf mich wirkte und mir immer wieder das Gefühl gab, dass die Welt zum Greifen nahe vor mir lag. Die Anfahrt zur IBM führte wieder durch einen dichten Wald, bis ich endlich in dieser Abgeschiedenheit vor dem Haupttor stand. Es war schon ein seltsames Gefühl in diesen Hochsicherheitstrakt eingelassen zu werden und die gesamte Prozedur wäre sicherlich einschüchternd gewesen, wenn die Leute am Tor, aber auch im Gebäude, nicht so freundlich und hilfsbereit gewesen wären. Überhaupt war das ganze Vorstellungsgespräch freundlich, spannend und keineswegs anstrengend. Ganz offensichtlich hatte man hier ein echtes Interesse an jungen Menschen, denen man nicht nur eine einfache Ferienarbeit, sondern ein lang angelegtes Ausbildungsprogramm anbieten wollte. Die sehr offene und direkte Atmosphäre ermutigte mich schließlich zu manchen gewagten Aussagen und es gelang mir für einige Zeit, den Dämon des Katzenlochs zu vergessen. Ich war selbstbewusst, voller Energie und wollte jetzt unbedingt bei dieser Firma arbeiten. Es war ein sehr interessanter Tag, an dessen Ende ich in das Ausbildungsprogramm aufgenommen wurde. Mein Leben hatte eine neue Wendung genommen. Ich war der Welt der Fließbänder und der Baustellen erst einmal entkommen. Mehr als dies war ich aber dem Katzenloch entkommen und allem, was ich damit bislang verbunden hatte.

 

Meine Zeit in der Jakobsgasse ging nun auch zu Ende, da Brigitte ihr Abitur abgeschlossen und einen Studienplatz in Tübingen bekommen hatte. Ich sah schon wieder die hilflosen Augen der Wohnungsmakler vor mir, denn wir wollten nun natürlich endlich zusammen in einer Wohnung leben. Aber zu dieser gefürchteten Wohnungssuche kam es nicht, denn ihr Vater hatte bereits im Hintergrund nach einer schönen Wohnung gesucht und in Lustnau einen anderen Handwerksbetrieb gefunden, der uns eine großzügig angelegte Wohnung vermieten wollte. Als ich die Wohnung zum ersten Mal sah, war ich tief beeindruckt, da ich noch nie in meinem Leben in solch einer großen Wohnung gelebt hatte. Die Wohnung im Katzenloch war deutlich kleiner und all die Jahre im Internat musste ich mein Zimmer mit anderen teilen. Auch mein derzeitiges Dachzimmer war nicht größer als das Bad der neuen Wohnung. Es war für mich ein richtiges Ereignis. Meine wenigen Sachen waren sehr schnell aus der Jakobsgasse abgeholt und in die neue Wohnung gebracht. Auch sonst kam nun Schwung in meine Tage, da viele meiner Freunde nach ihrem Wehrdienst ihre Studienzeit begannen und so mancher seinen Weg nach Tübingen fand. Irgendwie war es so, als hätte Brigitte das reine Leben mit sich gebracht und mich mit einem gewaltigen Schwung aus meiner Höhle gespült. Besonders freute ich mich natürlich, dass ich schon bald Konrad, der sich auch für ein Jurastudium entschieden hatte, hier in Tübingen sehen würde. Trotz der positiven und sicherlich guten Veränderungen war mir aber etwas bange zumute, denn ich hatte mich im letzten Jahr sehr an mein ruhiges und abgeschiedenes Leben in der Altstadt gewöhnt und schnelle Veränderungen waren noch nie meine besondere Stärke. Alles ging so schnell, dass ich kaum ausreichend Zeit hatte, mich auf die vielen neuen Dinge einzustellen und mich wieder einmal in der Rolle des Beobachters wiederfand. Ich hätte mich eigentlich freuen sollen, denn alles lief so gut und machte für sich genommen viel Hoffnung auf eine gute Zukunft. Stattdessen entwickelte ich eine dunkle Vorahnung.

 

 

8

 

Was immer in unserem Leben auch geschieht, kündigt sich schon lange vorher an und liegt zu jeder Zeit ganz offen vor uns, kann verstanden und begriffen werden, wie der Sinn, nach dem wir alle suchen, wenn wir nur sehen und verstehen wollten, was so klar und unmissverständlich vor uns liegt. Doch leider haben wir den Glauben an unsere eigenen Sinne inzwischen verloren, weshalb wir auch immer mehr wissen, als wir tatsächlich verstehen. Es gibt keine seltsamen Ereignisse, keine schlechten Tage oder gar Dinge, die einfach so und ohne Grund vor unseren Augen geschehen. Stattdessen sind wir jeden Tag selbst Zeuge und sehen, wie sich die Zukunft in aller Ruhe vor uns entwickelt, ohne dass wir darauf auch nur den geringsten Einfluss hätten. Was also lag für mich näher als meiner dunklen Vorahnung nachzugeben und die Akteure aufmerksam dabei zu beobachten, wie sie ihren Beitrag in einem Spiel leisteten, in dem ihnen eine kleine Rolle zugewiesen wurde. War ich nun ein Pessimist, der nur das Schlechte sah, oder war ich ein Mensch, dem die Einsicht in die Zusammenhänge gewährt wurde und der diesen kurzen Augenblick für so real und gegenwärtig hielt, dass ihm diese Ahnung zur Wahrheit wurde? Der Gedanke beschäftigte mich, da er in seiner eigenen Konsequenz den Kritikern das Wort reden konnte, dass meine Vorahnungen, die mich schon seit Jahren verfolgten, der Grund für meine Missgeschicke waren und das Böse geradezu anzogen, ganz so, als wäre ich mit meinen Gedanken tatsächlich in der Lage, den Gang der Dinge zu beeinflussen und mit all der Macht, die mir damit zur Verfügung stand, ausschließlich solche Dinge über mich zu bringen, die geeignet waren, mich entweder gleich zu zerstören oder mein Leben so unangenehm, wie nur irgendwie möglich, zu gestalten. Letztlich war eine solche Erklärung natürlich nie gänzlich auszuschließen, doch empfand ich es als eher unwahrscheinlich, dass ich über solche Fähigkeiten verfügte, und genügte mir daher auch weiterhin in der Rolle des ahnenden Beobachters.

 

Während ich noch damit beschäftigt war, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen, war Brigitte schon reichlich damit beschäftigt, ihr Studium zu organisieren. Die ganze Wohnung trug ihre Handschrift und überall waren Blumen, Duftkerzen oder Stoffpuppen zu finden. Es war schön und angenehm hier zu leben und kam meinem Bedürfnis nach einem Zuhause sehr zugute. Wir hatten nur wenige Möbel und nutzen einfache Bretter und weiße Ziegelsteine, um uns damit nach Belieben unsere Regale zu bauen. Im Wohnzimmer gab es eine üppige Landschaft aus Matratzen und Kissen, die alle sorgfältig am Boden ausgelegt waren und in denen man sich leicht vor der Welt verstecken konnte. Aber es waren vor allem die vielen liebevollen Kleinigkeiten, mit denen Brigitte es schaffte, ein warmes und freundliches Zuhause zu gestalten, einen Ort, an dem ich mich gerne aufhielt, da er mir Ruhe und Entspannung gab. Wir führten ein sehr harmonisches Dasein, zogen gemeinsam durch das soziale und kulturelle Leben der Stadt und bereicherten uns mit langen Gesprächen und Diskussionen, wenn wir dazu die Gelegenheit hatten. Was immer Brigitte aus ihrem Germanistikstudium nach Hause brachte, war mir Bereicherung und Ansporn für weitere Gedanken. Dort war meine Vorahnung nicht verankert, doch zog sie ihre Kraft aus dem Sportstudium, welches Brigitte als zweites Studienfach belegt hatte. Mit jedem Monat, der nun verging, wurde sie ein wenig weiter in etwas hineingezogen, das sie zunehmend von mir entfernte und in manchen Zeiten so sehr vereinnahmte, dass sie begann, mir fremd zu werden. Immer öfter fand ich mich in unserer gemeinsamen Wohnung alleine und hatte der Anziehungskraft, die Volleybälle, Kajaks, Grillfeste oder koedukative Veranstaltungen ausübten, nichts entgegenzusetzen. Die wenige Zeit, die uns noch verblieb, verschwand schon bald in den Vereinsaktivitäten des TSV Lustnau, wo Brigitte nun Handball spielte. Sie war ganz in ihrem Element und ich freute mich, sie so glücklich zu sehen. Ich hingegen spürte eine dunkle Macht in mir, die sich beängstigend schnell ausbreitete und schließlich ganz Besitz von mir ergriff. Noch war unsere Beziehung stark genug, um die drohenden Veränderungen zu ertragen und Brigitte ließ keinen Versuch aus, wieder Licht in meine sich verdunkelnde Welt zu bringen. Sie war einer der ganz wenigen Menschen in meinem Leben, der glaubwürdig nach meinem Befinden fragen konnte, jemand, dem ich tatsächlich am Herzen lag und der es immer wieder schaffte, mich in den nächsten Tag zu bringen. Sie war die wichtigste Person in meinem Leben geworden.

 

Menschen waren mir jetzt ausgesprochen suspekt und, da sie mir nur allzu oft Angst einflößten oder bei mir zumindest ein kaum zu ertragendes Unwohlsein auslösten, zog ich mich noch weiter zurück und hielt mich von größeren Ansammlungen fern. Es war daher ein mutiges Ansinnen, als Brigitte mich plötzlich dazu überreden wollte, auch Mitglied beim TSV Lustnau zu werden und vielleicht sogar mit dem Handballspielen zu beginnen. Anfangs konnte ich dieser Idee nicht den geringsten Sinn abgewinnen, doch Brigitte ließ nicht locker und ihre feinfühligen Hinweise, sie doch wenigstens nach dem Training auf ein Bier mit den anderen Spielern zu treffen, hatten schließlich Erfolg. Als ich in die Stammkneipe der Handballer kam und mich mit an den Tisch setzte, konnte ich eigentlich nicht anders, als mich zu freuen, dass ich der Einladung endlich gefolgt war. Ganz hungrig und verschwitzt vom Training, machten sie sich über Kartoffelsalat, Spätzle und leckere Schnitzel her, hoben kurz den Kopf und winkten mir freundlich mit der Gabel in der Hand zu. Schon bald lernte ich, dass diese illustre Runde aus Lokführern, Automechanikern, Polizisten und anderen bodenständigen Zeitgenossen bestand, die unsere seltsame Spezies nur liebevoll und schmunzelnd „Studentle“ nannten. Es wurde ein lustiger und unterhaltsamer Abend, dem noch weitere folgten, bis ich so vertraut mit diesen Leuten war und endlich zustimmte, auch zum Training zu kommen. Ich war im Allgemeinen kein großer Freund von Vereinen, denn meine Erfahrungen aus der Vergangenheit waren nicht nur gut gewesen. In jungen Jahren war ich zwar im Fechtverein bei der TG Geislingen und erfuhr dort so viel Unterstützung, dass ich mich für die deutschen Schülermeisterschaften im Florettfechten in Essen qualifizierte. Aber schon in Leutkirch hielt ich es im dortigen Verein nur wenige Tage aus und nahm mir damals vor, in keinen Verein mehr einzutreten. Aber das lag viele Jahre zurück und schließlich war ich diesen Menschen jetzt sogar freundschaftlich verbunden und hatte nicht das Gefühl, mich damit auf ein Wagnis einzulassen. Das Vereinsleben tat mir gut und ich entschloss mich, meine Erfahrungen als Torwart auch beim Handball zu nutzen. Meine Tage wurden spürbar heller und verdrängten die dunklen Gedanken, die mich zuvor so eng umschlungen hatten. Ich bekam wieder ausreichend Luft zum Atmen, zumindest für den Moment, denn das Dunkle war keineswegs verschwunden und schlummerte abwartend in meinem Inneren.

 

Es muss in dieser Zeit gewesen sein, als wir uns spontan und zweifellos in einem Gefühl der inneren Zufriedenheit entschlossen, meine Mutter zu besuchen. Ich kann mich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, was wir uns von diesem Besuch letztlich erwarteten und kann daher nur vermuten, dass es Brigittes ausgeprägter Familiensinn war, der uns auf diese Idee brachte. Vielleicht war es auch der Gedanke, dass wir in eine gemeinsame Zukunft steuerten und ein Besuch bei meiner Mutter mehr als überfällig war. Aber wir waren damals so voller Tatendrang und Energie, dass wir alles Gewesene vergaßen und uns eines frühen Morgens gemeinsam auf die Reise nach Geislingen machten. Meine Mutter empfing uns freundlich und hatte schon Kaffee und Kuchen vorbereitet. Natürlich brannten ihr einige Fragen auf den Lippen, die wohl jede Mutter in dieser Situation stellen würde und die vor allem Brigitte erwartet hatte. Ausgelassen und selbstbewusst erzählte sie von ihren Eltern, der Bäckerei und wie gut ich mich mit allen in der Familie verstand. Ich kannte jeden Gesichtsausdruck meiner Mutter, denn sie konnte ihre Gefühle nie vor uns verstecken und so bemerkte ich, wie sich die Stimmung langsam verschlechterte und eine Ernsthaftigkeit aufkam, die nichts Gutes verhieß.

 

Schon bald lenkte meine Mutter vom Thema ab und unterbrach das Gespräch mit allerlei Banalitäten, die es letztlich dann unbedingt erforderlich machten, dass sie die Küche aufräumen musste. Nach einiger Zeit kehrte sie wieder zu uns zurück und schon bald verloren wir uns in einer allgemeinen Diskussion über nichtssagende Themen der Tagespolitik, in deren Verlauf wir die bereits im Raum liegende Ernsthaftigkeit wieder aufgriffen und uns heftig stritten. Es war nun in jedermanns Interesse, dass wir uns wieder auf den Heimweg machten und wir verabschiedeten uns daher höflich, standen auf und gingen durch den Flur zur Türe, als mir meine Mutter aus einiger Entfernung nachrief, dass ich meinen Hausschlüssel auf der Kommode im Flur lassen sollte. Die Aufforderung traf mich unerwartet, doch legte ich den Schlüssel nach kurzem Zögern und ohne weitere Worte wie gewünscht auf die Kommode und verließ mit Brigitte die Wohnung.

 

Wir gingen wortlos das Treppenhaus hinunter und blickten uns erst ratlos an, als wir das Haus verließen. Auf der Rückfahrt nach Tübingen versuchten wir zu verstehen, was gerade geschehen war, fanden jedoch keine einleuchtende Erklärung dafür, dass mich meine Mutter aus ihrer Wohnung verbannt hatte. Doch wenige Minuten nach unserer Ankunft in Tübingen sollte sich dieser mysteriöse Umstand von selbst klären, als meine Mutter bei uns anrief und sich lautstark darüber beklagte, dass ich sie verlassen und den Schlüssel heimlich auf der Kommode zurückgelassen hatte. Meinen Einwand, dass ich schließlich nur ihrer Anweisung folgte, fand sie schlicht empörend und absurd und riet mir mit eindringlichen Worten, mich in Zukunft doch an meine neue Familie zu halten, bei der ich mich ganz offensichtlich ja sehr wohl fühlte. Meine Mutter hatte sich entschieden und mir die Schuld dafür zugewiesen. Es war kein großer Verlust und doch hatte ich an diesem Tag mein Elternhaus verloren. Ich konnte mich über diesen Umstand nicht einmal beklagen, denn in ihrer Welt hatte ich das Haus und meine Mutter verlassen. Ich kam mir plötzlich betrogen und schäbig vor.

 

So sehr ich mich in den folgenden Wochen auch bemühte, dieses Ereignis zu vergessen und mich stattdessen an den Dingen zu freuen, die mich jeden Tag umgaben, gelang es mir nicht. Es war mir nun klar geworden, dass ich lernen musste, mit dem ständigen Verlust zu leben, wenn ich mein eigenes Leben überstehen wollte. Meine Vorahnungen waren nicht verschwunden und ihre ständige Präsenz deutete mir an, dass ich noch mehr verlieren sollte, solange, bis ich hilflos und erschöpft in meine eigenen Arme sinken würde. Weder mein Körper, noch meine Psyche, waren für diesen Moment vorbereitet und würden der Sehnsucht genauso nachgeben, wie dies mein Vater getan hatte. Es gab keinen anderen Ausweg, als mich selbst von allem zu trennen, um dem drohenden Schmerz des Verlustes zu entrinnen. Der Geist mag willig sein und das Fleisch vielleicht schwach, aber Körper zerbrechen unter der Last des Lebens.

 

Ich erinnerte mich wieder an meine Tage im Kloster Marchtal und die innere Ruhe, die ich dort während den Exerzitien fand. Diese Kraft musste ich wieder finden und so begab ich mich auf eine lange Reise, um meine eigene Seele wieder in mein Leben zu bringen. Je mehr wir uns näherten, desto weiter rückten die Dinge um mich herum in den Hintergrund, wurden unwichtig und verloren schließlich ihre bisherige Bedeutung. Brigitte konnte mir auf diesem Wege nicht mehr folgen, denn mit der Zeit begann ich eine Art von Doppelleben zu führen und spielte den Menschen in meiner Umgebung eine Rolle vor, die ihren Erwartungen am besten entsprach. Mein eigentliches Leben jedoch fand nur noch in meinem Kopf statt, denn dort führte ich meine Diskussionen, setzte mich mit den Problemen auseinander, die ich zu lösen hatte und dort erlebte ich auch meine Abenteuer, die für meine Mitmenschen unsichtbar blieben.

 

Es war daher nicht zu vermeiden, dass mich Brigitte und viele andere Menschen oft nicht mehr verstanden, da ihnen der wahre Hintergrund meiner Ansichten, Reaktionen und Handlungen verborgen blieb und sie in Ratlosigkeit und Unverständnis zurückgelassen wurden. Ich selbst konnte jedoch Stunden und sogar Tage allein verbringen, ohne auch nur einen Moment der Langeweile zu erleben, da mich so viele Fragen beschäftigten, deren Antworten irgendwo tief in mir selbst verborgen lagen und nur dort. Es war eine faszinierende Welt, die sich mir nun eröffnete, doch wie sollte ich andere Menschen in meine Erlebnisse einbeziehen, in eine Welt, die sie nicht sehen, hören oder nachvollziehen konnten. So nahm ich Anteil an ihrer Welt und freute mich mit meinen Freunden Handball zu spielen oder am Baggersee Würste zu grillen. Doch sobald sich mir die Gelegenheit dazu bot, verschwand ich wieder in meine Welt der Gedanken. Eine Folge dieser Veränderung war meine spürbare Abneigung gegen alles Körperliche, denn ich empfand Berührungen als genau so unangenehm und abstoßend, wie Zärtlichkeiten. Körper waren vergänglich, unwesentlich und geradezu überflüssig und das galt in gleichem Maße für meinen eigenen Körper, dessen Bedürfnisse ich auf das Extremste vernachlässigte. Erst, wenn sich nach Tagen, an denen ich mich nur von Zigaretten, Kaffee und Alkohol ernährte, dann ernsthafte Probleme einstellten und mein Körper schließlich seine Kooperation verweigerte, gab ich den Bedürfnissen nach und versorgte den Körper mit den Dingen, die er dringend benötigte. Nein, ich suchte keine Körper mit all ihren niedrigen Trieben und Bedürfnissen, sondern Seelen in ihrer reinsten Form.

 

Während ich mich auf den Weg ins Innerste meiner Seele begab, entdeckte Brigitte für sich die Reize des Realen. Es sollte der Beginn unserer Trennung sein. Man blickt in seinem Leben auf viele Ereignisse und Entwicklungen zurück und quält sich immer wieder mit der Frage, wer oder was die Schuld daran trug, dass unser Leben sich gänzlich anders entwickelte, als wir uns das einst vorgestellt hatten. Nur allzu gerne vergessen wir dabei, dass es neben unseren Wünschen und Erwartungen andere Kräfte gibt, die abseits unseres Willens wirken und auch andere Lebenswege gestalten, die uns nur für kurze Zeit und oft sogar ohne tieferen Sinn berühren. Doch es gibt keine Schuld, denn niemand trägt eine solche Schuld an unserem Leben, außer dem Leben selbst.

 

Es beginnt mit einem letzten Bier in der Haaggasse, einem zusätzlichen Tag in der Breitachklamm oder ganz einfach mit den Stunden, die man lieber auf dem Rasen liegend verbringt, als nach Hause zu gehen. Es war nicht schwer zu sehen, dass in Brigitte nun ein Feuer brannte, das den Hunger und die Begierde nach Abenteuern nährte, eine Sehnsucht, die es zu erleben galt, bevor die kurzen Jahre der Freiheit sich dem Ende näherten. Ich konnte ihr dabei nicht helfen, sondern stand ihren Bedürfnissen jetzt im Wege. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Prozess weder zu verhindern, noch zu beeinflussen und stattdessen alles über mich ergehen zu lassen, was diese Menschwerdung mit sich brachte. Doch selbst meine innere Entschlossenheit konnte mich nicht darauf vorbereiten, dass ihr Interesse zuerst auf meinen Freund Konrad fiel.

 

Dieser Umstand alleine schmerzte mich zutiefst, doch wurde die Qual fast unerträglich, als sie mir eines Tages mitteilte, dass sie das Wochenende bei Konrad in Rudenweiler verbringen wollte. Ganz offensichtlich lag auch ihr dieser Besuch im Magen und musste ihr ein Gefühl der Schuld gegeben haben. Um sich davon zu befreien und sich selbst freizusprechen, bat sie die schöne Ulla Halder, eine ihrer besten Freundinnen, mich an diesem Wochenende zu besuchen und sich um mich zu kümmern. Mein Leben nahm nun eher bizarre Züge an und rückte die Grenzen der Normalität immer weiter in die Ferne. Was immer an diesem Wochenende in Rudenweiler auch geschah, es war nicht von Dauer und schon bald nahm ihr Kommilitone Michael Schmid den Platz neben ihr ein. Es war für mich nun absehbar, dass wir uns schon bald trennen würden, denn bereits nach wenigen Wochen hatte sie jegliches Gefühl verloren und nahm auf mich keine Rücksicht mehr. Es war unerträglich sie zusammen mit Michael in unserer Wohnung zu treffen und nicht weniger schmerzhaft, sie nächtelang gar nicht in der Wohnung zu sehen. Unsere Beziehung war zu Ende und wir beschlossen, uns zu trennen.

 

Die ruhigen Tage, die nun folgten, nutzte ich dazu, um in den Trümmern nach den Dingen zu suchen, die mir geblieben waren. Meine Mutter wollte mich nicht mehr sehen und zu Brigittes Familie konnte ich jetzt auch nicht mehr gehen. Die Frau, die ich noch immer sehr liebte, lebte mit einem anderen Mann und mein Vater war ohnehin nicht mehr für mich da. Mein Studium war langweilig und gab mir nicht einmal einen Grund, um morgens aufzustehen. Und dann waren da die Menschen, die ich zusammen mit Brigitte kennengelernt hatte und deren Zuneigung nach unserer Trennung in vielen Fällen nicht mehr die gleiche sein würde als zuvor. Was mir blieb, war meine Schwester und mein Großvater, die aber beide für mich nicht direkt erreichbar waren. Ich lag am Ufer, wie ein gestrandeter Walfisch, schnappte nach Luft, und suchte mit meinen kleinen Augen nach der rettenden Hand.

 

Schon bald würde ich mich nach einer neuen Wohnung umsehen müssen und mein jetziges Zuhause, an das ich mich so sehr gewöhnt hatte, wieder gegen eine kleinere Bleibe eintauschen, die ich mir leisten konnte. Einsamkeit war ab jetzt keine Option mehr. Es kam mir daher sehr gelegen, dass es in meinem Leben auch noch Dinge gab, die nicht in einem Zusammenhang mit Brigitte oder meiner Mutter standen und die unabhängig von diesen Ereignissen einfach weiterliefen. Nach meinen ersten Stationen in der Gehaltsabrechnung und im Forderungseinzug, hatte ich nun eine Arbeit in der Rechtsabteilung der IBM bekommen. Darauf freute ich mich sehr, da ich jeden Morgen aufstehen musste und das Haus verlassen konnte. Niemand würde mich dort nach Brigitte fragen und zudem konnte ich wieder etwas Geld in meine Haushaltskasse bringen. Auch mein Leben im TSV Lustnau bekam eine neue Bedeutung und ich genoss die Kameradschaft, die mir dort zuteil wurde. Zudem übernahm ich die Aufgabe des Trainers für die Mini-Handballgruppe und betreute dort kleine Buben und Mädchen. Die Stunden und Tage zwischen diesen Regelmäßigkeiten verbrachte ich weitgehend in mir selbst und, wenn der Schmerz in meiner Brust mir dann doch die Luft zum Atmen nahm, betäubte ich mich mit einer Flasche Gin. Es war kein Leben, wie man es sich wünscht, aber es hielt mich am Leben und das war für den Moment zumindest ausreichend.

 

Mehr als erwartet belasteten mich die Trennung von Brigitte und die Ereignisse der letzten Wochen. Es war absehbar, dass ich mich in diesen Gefühlen verfangen und langsam immer weiter in das Dunkel driften würde, das mich nun umgab. Wenn die Psyche der Seele das letzte Licht raubt, dann breitet sich die Melancholie unaufhaltsam über dem Sein aus, bis die Depression schließlich das Leben konsumiert. Ich musste so schnell wie möglich meine Außenwelt ändern und etwas für mich selbst tun, damit ich diesen Prozess noch rechtzeitig zu meinen Gunsten beeinflussen konnte. Obwohl ich meinen alten Mercedes erst vor einem Jahr gegen einen neuen Golf ausgetauscht hatte, den ich mir mit meiner Erbschaft leisten konnte, entschloss ich mich spontan dazu, mir einen feuerroten gebrauchten Golf GTI zu kaufen, den ich bei einem Spaziergang mit Claus Lengl auf der Wilhelmstraße gesehen hatte. Ich konnte Brigitte dazu überreden, mein altes Auto zu übernehmen und so stand dem Kauf dieses Prachtstücks nichts mehr im Wege.

 

Mein alter Freund Klaus-Peter Broghammer half mir dabei, eine neue Wohnung zu finden und schon bald zog ich in mein neues Zuhause in Derendingen ein. Die Wohnung war unglaublich klein und hätte sicherlich eher die Bezeichnung Wohnklo verdient, doch hatte ich trotz aller Beschränkungen neben meinem kleinen Zimmer auch mein eigenes Bad und eine winzige Küche. Was ich jedoch am meisten schätzte, war, dass Klaus-Peter genau einen Stock unter mir wohnte und ich daher immer jemanden hatte, den ich kannte und mit dem ich reden konnte, wenn mir danach war. Als Nächstes versuchte ich alte Kontakte wieder zu beleben und unsere gemeinsamen Freundschaften zu pflegen. Ich war zwar traurig, aber ich hegte keinen Groll gegen Brigitte, denn ich wollte sie in meinem Leben nicht missen. Wir trafen uns immer wieder und halfen uns gegenseitig, wann immer der andere eine Hilfe benötigte. Mit der Zeit freundete ich mich sogar mit Michael Schmid an, was mir verständlicherweise nicht leicht fiel. An vielen Abenden zog ich los und durchsuchte die Kneipen in der Altstadt. Wenn ich schließlich fündig wurde und dort Leute traf, die ich kannte, war ich willkommen und hatte einen schönen und unterhaltsamen Abend. Umso tiefer war meine Traurigkeit und Enttäuschung, wenn ich dann wieder alleine in meiner Wohnung saß. Ich fragte mich nun immer häufiger, warum sich all diese Leute ständig in den Kneipen trafen, Partys feierten oder zusammen ins Kino gingen und kein einziger dieser sogenannten Freunde jemals auf die Idee kam, mich anzurufen, mich einzuladen oder sich ganz einfach nach meinem Befinden zu erkundigen. Wie konnte es sein, dass ich überall willkommen war und doch nicht dazugehörte?

 

Nach wenigen Monaten sah ich keinen Sinn mehr, der es wert gewesen wäre, die anstehende Nacht noch zu überleben und war fest entschlossen, meine Heimreise anzutreten. Ich hatte alles sorgfältig vorbereitet. Das Zimmer war aufgeräumt und ich löschte alle Lichter, zündete eine Kerze an und hörte Frank Zappa. Vor mir lagen ein Handtuch und frische Rasierklingen. Ich hatte mich schon den ganzen Abend an einer Flasche Jack Daniels zu schaffen gemacht und damit meines Vaters gedacht, von dem ich wusste, dass er davon den ganzen Keller voll hatte. Mit geschlossenen Augen erlebte ich nochmals die wenigen Dinge, die mir in meinem Leben wichtig waren, sah Freunde und Landschaften. Meine Hand griff entschlossen nach der Rasierklinge, doch ich konnte mir die Adern nicht aufschneiden. Wieder war es so, als würde mich eine unsichtbare Hand zurückhalten, und ich begann heftig zu zittern. Doch alle Kraft, die ich aufzubringen vermochte, war nicht ausreichend, um diesen einen Schnitt zu machen. Ich brach in Tränen aus, griff wieder zur Rasierklinge und endete wieder mit einer zitternden Hand, die diese Adern nicht durchschneiden wollte. Ich schrie in mich hinein und forderte Antworten. Das Licht der Kerze verschwamm in meinen Tränen und ich sah meinen Vater, wie er dort mit zerschossenem Kopf an dem gespannten Strick hängte. Ich konnte es nicht tun, nicht in dieser Nacht, aber ich wusste jetzt, dass dies mein Ausweg war, die Lösung, die mir nun immer zur Verfügung stand, wenn der Schmerz nicht mehr zu ertragen war. Langsam griff ich wieder nach der Flasche und betrank mich, bis ich bewusstlos am Boden einschlief.

 

Es waren nicht die besten Voraussetzungen für meine Arbeit in der Rechtsabteilung der IBM. Natürlich hatte ich in der Zwischenzeit gelernt, mich in meinen unterschiedlichen Welten zu bewegen und so viel wie möglich zu verbergen, was nicht für die Außenwelt bestimmt war. Das fiel aber bei meinem inzwischen beachtlichen Alkoholkonsum eher schwer, da ich meinen Tag in der Regel mit ein oder zwei großen Gläsern Gin Orange begann. Wie so oft in meinem Leben erschien auch jetzt wieder ein schützender Engel, um mich vor Schaden zu bewahren. In der Rechtsabteilung war ich Frau Sitta Zehender zugeteilt worden, die dort für den Aufbau und die Pflege der Rechtsdatenbank zuständig war. Was immer sie auch in mir gesehen hatte, bescherte mir jedenfalls so viel Freiraum und Verständnis, dass ich genug Zeit hatte, um mein Leben langsam wieder in Ordnung zu bringen. Und wenn es an manchen Tagen gar schlecht um mich bestellt war, dann bot sie mir mit einem verständnisvollen Lächeln an, früher nach Hause zu gehen und ihr zu versprechen, mich endlich einmal wieder auszuschlafen. Sie selbst war noch verhältnismäßig jung und, wie ich später herausfand, in ihrer Ehe sehr viel alleine. Vielleicht bemühte sie sich daher so sehr, dynamisch und entschlossen zu wirken, den Erwartungen zu entsprechen und ihre gute und sorgende Seele unter dem Einheitsblau der IBM zu verstecken. Sie war mir immer ein guter Freund und verstand mich besser als viele meiner Freunde, denn sie konnte sehen, hören und verstehen, auch ohne lange Erklärungen und Entschuldigungen. Sie förderte mich und empfahl mich innerhalb der Rechtsabteilung, bis man mir schließlich anbot, das Ausbildungsprogramm zu verlassen und als freier Mitarbeiter für die IBM tätig zu sein. Sie war die helfende Hand, um die ich so lange gebeten hatte. Schon bald buchte man mich für die Erstellung von Rechtsgutachten, die Hannover Messe und sogar für die Task-Force, die im Rahmen des Anti-Trust-Verfahrens ins Leben gerufen worden war. Natürlich hatte ich nun auch ein passables Einkommen, doch viel wichtiger war, dass sie es schaffte, mich wieder für weltliche Dinge zu interessieren und mir zu zeigen, dass ich auch in der Welt der IBM Bestand haben konnte. Sie selbst blieb dabei immer im Hintergrund, erwartete keinen Dank und freute sich einfach daran, dass mein Selbstwertgefühl sich mit der Zeit wieder stärkte und sie mich schließlich wieder lachen sah. Sie wusste, wie dankbar ich ihr dafür war.

 

Trotz aller Aufmerksamkeit, die ich jetzt genoss, war mein Heimweh ungebrochen und in Gedanken zog es mich immer wieder an meinen See zurück. Wenn Gott mich unbedingt in diesem Leben haben wollte, dann war es auch mein Recht, seine Entschlossenheit auf die Prüfung zu stellen und mein Schicksal herauszufordern, wo immer sich eine geeignete Möglichkeit ergab. Auf diese Weise würde ich dann auch den Moment sicherlich nicht verpassen, wenn sich die Türe doch einmal für einen Moment öffnen und mir die Heimreise ermöglichen würde. Während meine Kommilitonen wieder einmal emsig an der Semesterarbeit saßen, stand ich jeden Morgen auf und fuhr der Sonne entgegen, verließ diese akademische Hochburg und verschwand ganz heimlich in den Gängen der IBM. Inzwischen waren wir ein lustiger Haufen geworden und Sitta hatte oft ihre Freude an unserem ausgelassenen Humor und der Freiheit, die wir jeden Morgen in ihr Büro brachten. Ich arbeitete nebenher noch im Pfauen und an manchen Tagen kam ich von der IBM nach Tübingen zurück, zog mich kurz um und stand dann für den Rest des Abends bis spät in die Nacht hinter dem Tresen und zapfte Bier für durstige Akademiker. Das ging auf die Dauer natürlich nicht gut, aber Gott war schließlich auf meiner Seite, wenn er mich haben wollte.

 

Ich genoss das Gefühl der Unbesiegbarkeit und lebte meinen Übermut mit Vorliebe am frühen Morgen aus, wenn ich meinen GTI durch den Schönbuch trieb. An manchen Tagen traf ich dort einen dunkelblauen Renault 5 Alpine, der wohl morgens die gleiche Strecke fuhr wie ich. Sobald wir Augenkontakt hergestellt hatten, begann auch schon das Rennen durch den Schönbuch. Es war verwunderlich, wie zwei Menschen, die noch nie in ihrem Leben ein einziges Wort miteinander gesprochen hatten, auf diese Weise freundschaftlich verbunden sein konnten und dafür ihr Leben aufs Spiel setzten. Das Gute an diesen morgendlichen Straßenrennen war, dass ich ausreichend Adrenalin in mir hatte, um wie neu geboren bei Sitta ins Büro zu laufen. Besonders unterhaltsam waren die Wochen, als die Rosemarie Schubert aus Graz zu uns stieß, denn sie war nicht nur ein kleiner, sondern auch ein sehr bemerkenswerter Mensch. Wir freundeten uns damals schnell miteinander an und verbrachten die meiste Zeit miteinander, die uns neben der Arbeit blieb. Gerne erinnere ich mich an die ausgedehnten Spaziergänge, die wir in der Mittagspause auf dem IBM-Gelände unternahmen und die uns in tiefe Gespräche verwickelten. Wir hatten eine intensive Seelenverbindung, die uns direkten Zugang in die innersten Gefühle und Sorgen gab und uns auf eine ganz besondere Art miteinander verband. Noch viele Jahre nach unserer gemeinsamen Zeit bei der IBM schrieben wir uns lange Briefe, bis wir uns dann aus den Augen verloren und sich unsere Wege trennten.

 

Ich war ausreichend ausgelastet und bemühte mich, alles Weibliche aus meinem Leben zu verbannen, da ich inzwischen davon überzeugt war, dass jegliches Unheil auf dieser Welt seinen Ursprung in dem Erscheinen einer Frau hatte. Doch ist das Weibliche so hartnäckig, dass man trotz aller Bemühungen dieser Bedrängung irgendwann unterliegt und man sich dann doch damit auseinandersetzen muss. An einem meiner eher schlechten Tage kam ich morgens noch ganz verschlafen zu Sitta ins Büro und setzte mich mit einer Tasse Kaffee zu ihr, um die anliegenden Aufgaben für den Tag zu besprechen. Es dauerte geraume Zeit, bis mir auffiel, dass dort links neben der Türe eine junge Dame saß, die ich zuvor noch nie gesehen hatte. Sie versuchte den Eindruck zu erwecken, in die Lektüre eines Buches vertieft zu sein, doch ihre wachen und neugierigen Augen blickten aufmerksam über die überdimensionierte Brille und ihr Lächeln verriet, dass sie an der ganzen Atmosphäre in diesem Raum ausgesprochen interessiert war. Verduzt blickte ich Sitta an, die mich mit einem kurzen Wort aufklärte: Praktikantin.

 

Sie war sehr attraktiv und sah gepflegt aus, ganz so, wie die meisten Studentinnen, die sich in Tübingen bei den Betriebswirten oder bei den Ärzten herumtrieben. Nein, sie war nun bestimmt kein Wesen aus meiner Welt, denn in der trugen die Mädchen einfache T-Shirts und alte Jeanshosen. Überdies war es ausgeschlossen, dass sie an mir irgendein Interesse haben konnte, nicht in meinem Zustand und schon gar nicht an diesem Tag. Doch strahlte sie etwas Freundliches aus, etwas Weiches und so konnte es nicht ausbleiben, dass ich sie beobachtete oder besser gesagt, dass mein Blick magisch zu ihr gezogen wurde. Zunächst konnte ich mit ihrem Lächeln nichts anfangen und vermutete, dass sie uns einfach für Chaoten hielt und es eben amüsant fand, uns aus der Distanz zu beobachten. Zum Mittagessen traf sie sich immer mit ihren Freunden. In der Kantine konnte ich aus der Ferne sehen, mit wem sie sich da umgab und das war für mich nicht gerade ermutigend. Ich nahm mir also vor, sie irgendwann anzusprechen und mehr über diesen Engel zu erfahren, den uns das Leben so einfach in unser Büro geweht hatte.

 

Sie war eine Seele, die an einem Rettungsanker im Wasser trieb und sich danach sehnte, das andere Ufer zu erreichen, ohne sich jedoch von der Sicherheit zu trennen, die ihr der Anker bot. Ihr Name war Sibylle Probst und sie war im Rahmen ihres Studiums an der Berufsakademie hier bei der IBM. Wir konnten nicht unterschiedlicher sein und in gewissem Maße waren wir die Welt des Demian. Sie war die helle und sichere Welt und ich bewegte mich in der dunklen, unsicheren und gefährlichen Welt. Das, was uns miteinander verband, war die Sehnsucht nach dem anderen Ufer. In unseren langen Gesprächen tasteten wir uns langsam aneinander heran, versuchten auszuloten, was den Anderen ausmachte und wo wir gemeinsame Punkte hatten, die uns verbinden konnten. Doch unsere Beziehung war mehr eine seelische, als eine intellektuelle, und wir fühlten eine innere Zuneigung, die zwar rätselhaft, aber dennoch vorhanden war.

 

Sibylle legte jedoch akribisch Wert darauf, ihre Welten zu trennen und ich kann mich nicht daran erinnern, dass sie mich je einem ihrer Freunde oder gar ihrer Familie vorgestellt hätte, außer natürlich dem Reinhard, von dem sie offensichtlich annahm, dass er am ehesten zu mir passen könnte. Wir telefonierten oft und trafen uns gelegentlich, wobei es mich in der Tat überraschte, dass sie sich einmal sogar zu einem Besuch in Derendingen hatte überreden lassen. Ich führte in ihrem Leben ein Schattendasein, denn es gab mich ja tatsächlich, aber in ihrer normalen Welt hatte ich keinen wirklichen Platz. Sie nannte es „sich an die Wahrheit heranlügen“ und meinte damit, dass unsere seltsame Beziehung ihrer sicheren Existenz keinen Schaden zufügen sollte. Wir waren auf unsere Weise in einem Geheimbund und jeder lebte sein Leben so weiter, wie zuvor. Meine ständigen Versuche, sie auf meine Seite zu ziehen, scheiterten kläglich und fanden schließlich ihr Ende, als ich sie bat, mit mir nach Paris zu fahren, um eine Dali-Ausstellung zu besuchen. Sie lehnte ab, nicht, weil sie es nicht gewollt hätte, sondern, weil ihre eigene Welt es nicht zuließ und sie schließlich dem Druck ihres Freundes nachgab. Wir hielten den Kontakt dennoch und sie heiratete später genau diesen Mann, mit dem sie schon seit Jahren zusammen war. So ganz brach unser Kontakt nie ab, auch wenn es später dann für viele Jahre sehr ruhig um uns beide wurde. Sie ist mir immer ein guter Freund geblieben und ihr Lächeln wird nie aus meinem Leben schwinden.

 

Es war an der Zeit, mich wieder in meiner Welt zu bewegen und den Menschen zu begegnen, die tatsächlich und real für mich da waren. Es schien mir mehr als angebracht, nun endgültig Abstand von derartigen Beziehungen zu nehmen und das andere Geschlecht, so gut als möglich, zu meiden. Da ich ungebunden war, fand ich schon bald die geeignete Zerstreuung, um mich endlich von den Ereignissen zu erholen, die mein Leben in den letzten Jahren bestimmt hatten. Es war mir nicht verborgen geblieben, wie sensibel und zugleich hartnäckig mein Körper auf die Einflüsse der Außenwelt reagierte und mir dann mehr als einmal seine Kooperation verweigerte. Eines Morgens wachte ich in meiner kleinen Wohnung auf und konnte mich einfach nicht von der warmen Bettdecke trennen, als mich plötzlich ein unwiderstehlicher Gedanke erfasste und in den Tag trieb. Ich besorgte mir schnell etwas Verpflegung, hob noch etwas Geld vom Bankautomaten ab und fuhr zur nächsten Tankstelle, um mein Auto vollzutanken. Ich begann meine ganz persönliche Reise, die mich zunächst nach Rottweil und an den Bodensee führte, bevor ich mich durch die Schweiz auf den Weg nach Aix-en-Provence machte. Welch wundersame Erleichterung eine andere und mediterrane Umgebung der Seele bereiten kann, wenn Kaffee und Croissants am Cours Mirabeau zur Wohltat werden und sich die inneren Sorgen und Ängste in alles Neue verflüchtigen, das sich den wachen Augen nähert, eine Welt, die sich gnädig und liebevoll zeigt, sich selbst mit jedem neuen Tag übertrifft und die Dämonen an warmen Sommerabenden mit der untergehenden Sonne in die Tiefen des Meeres zieht.

 

An manchen Orten verweilte ich länger und ließ mich von der Landschaft und dem Treiben der Menschen einfangen, doch versuchte ich jeden Tag etwas näher an Spanien heranzukommen. Meistens schlief ich im Auto, da ein Golf mit umgelegten Sitzen, einem Schlafsack und großen Kissen eine ganz passable Schlafstätte bietet. In manchen Nächten, an denen ich bis zu später Stunde noch auf der Straße war, kam es mir so vor, als ob ich ganz allein und still in meinem Auto saß und die ganze Welt an mir vorbeizog. Ich hatte eine Ruhe gefunden, die mir bis in die Seele ging und mir wieder zurückgab, was mir in Tübingen abhandengekommen war. Ich hatte mein Ziel erreicht, hatte Spanien und Ruhe gefunden und trat dann meine Heimreise quer durch Frankreich an. In dieser Phase suchte ich die Ferne und versuchte, so oft als möglich, Tübingen zu verlassen.

 

Mit Hansjörg Jung, der mit Brigitte Sport studierte, fuhr ich zusammen nach Italien. Wir packten unsere Fahrräder in den Zug und begannen unsere Tour in Florenz. Nur mit unseren Fahrrädern und viel guter Laune machten wir uns auf den Weg durch den Apennin nach Rom und schließlich auf die Insel Giglio. Es war ein völlig anderes Gefühl mit dem Fahrrad durch die Hitze der Toskana zu fahren, die vielen Gerüche und Klänge zu erleben und Menschen am Rande der Straßen zu beobachten, an denen man mit dem Auto nur allzu schnell vorbeigefahren wäre. Italien wurde für mich zu einem Wallfahrtsort und auch meine nächste lange Reise führte mich rund um den Stiefel bis hinunter nach Sizilien. Es war Bernd Klingel, ein guter Freund aus dem Verein und ebenfalls Jurastudent, der diese Reise plante und dafür auch seinen VW-Bus zur Verfügung stellte. Zusammen mit seinem alten Freund Ralf Schönleber aus Stuttgart fuhren wir los, um Italien einmal komplett zu umrunden. Wir schliefen im Bus, kauften unterwegs auf Märkten ein, bereiteten unser Essen auf Parklätzen zu und ließen das Land und seine Menschen völlig Besitz von uns ergreifen. Es war eine Reise durch Tausende von Jahren europäischer Geschichte, unserer Geschichte und Kultur, die uns prägt und bestimmt. Zwischen Olivenhainen, Tempeln und weiten Landschaften, mit den schwarzen Sandstränden am Fuße der Vulkane und dem Leben in den engen Gassen von Palermo, war weder Zeit, noch Platz für dunkle Gedanken. Diese Reisen waren Leben, wie es sein soll.

 

Mit der Zeit konnte ich mein Leben einigermaßen in geordnete Bahnen bringen und erreichte sogar, dass sich meine Seele mit meiner Psyche in Harmonie befand. Diese Veränderung wurde von meiner Umwelt sehr wohl wahrgenommen und machte mich vor allem für bekümmerte und besorgte Geister zu einem bevorzugten Gesprächspartner, um die vielen Sorgen und Nöte von den verängstigten Seelen zu spülen. Nächtelang saß die liebe Katrin Faulhaber in meinem Zimmer, um mir bei Kerzenlicht und einer Flasche Rotwein von ihren Sorgen zu erzählen, die ihre Liebe für Hubert Stanecker mit sich brachte. Auch hatte ich den Vorzug Jutta Biedermann immer dann zu treffen, wenn sie entweder besorgt oder schon in Tränen aufgelöst war. Nur selten machte sich jemand die Mühe, sich nach meinen Sorgen und Gedanken zu erkundigen. Solche Stunden verbrachte ich dann mit Nikolaus Hopfenzitz, der auch Jura studierte, und bei Hansjörg in der Wohngemeinschaft lebte. Andere gingen sogar so weit, dass sie abends auf ihrem Weg nach Rottweil bei mir haltmachten und die Nacht bei mir verbrachten, was angesichts der Tatsache, dass sich die Damen ganz ungestört auszogen und splitternackt neben mir lagen, während sie mir von ihren verflossenen Liebhabern erzählten, doch manches Problem mit sich brachte. Wieder war ich sehr willkommen und gehörte keineswegs dazu, doch jetzt war es mir mehr Unterhaltung als schmerzliche Erfahrung, da sich meine Sehnsucht auf andere Ziele richtete und mein Entschluss mich von allem Weiblichen zu distanzieren, mit jedem Gespräch dieser Art gestärkt wurde. Es ist erstaunlich, wie nahe man den Frauen kommen kann, wenn man sich offensichtlich nicht für sie interessiert und, wie tief sie ihre Seelen öffnen können, wenn Sex nicht zur Debatte steht.

 

Doch mein Leben, wie ich es kannte, war in Gefahr, denn die Bundeswehr hatte mich keineswegs vergessen und lud mich, nach all den Jahren, wieder zur Nachmusterung ein, deren Ergebnis mir jedoch keinen weiteren Aufschub oder gar eine Freistellung gab. Ich musste mir also dringend eine Lösung einfallen lassen, wenn ich nicht pünktlich nach meinem Examen den Gang in die nächste Kaserne antreten wollte. Das ganze Thema war mir so verhasst und fremd geworden, dass ich bei Pirmin Hoch, einem Freund aus dem Handballverein, Rat suchte. Schon bald war es beschlossene Sache, dass ich den Wehrdienst verweigern würde und so setzte ich die Prozedur mit einem kurzen Schreiben in Gang.

 

Es war unglaublich, wie wenig diese Menschen sich mit den grundlegenden Fragen des Lebens auseinandergesetzt hatten und mit welchen banalen und durchsichtigen Fangfragen sie versuchten, mich unglaubwürdig zu machen, meine Motive anzuzweifeln, um mich ablehnen zu können. Pirmin begleitete mich zur Verhandlung nach Stuttgart und das gab mir die Möglichkeit, mich meiner Argumente zu versichern. Ich hatte mich, entgegen vielfacher Warnungen, gegen eine Berufung auf religiöse Gründe entschieden, obwohl sich dies aufgrund meiner Internatszeit anbot. Allein schon dieser Umstand brachte den Ausschuss völlig aus dem Konzept, da ich es war, der sich das Töten selbst verbot und da ich nun nicht Gott war, konnten mich die üblichen Argumente auch nicht widerlegen, doch um mich zu widerlegen, hätten sie mir zuhören müssen, was nicht Teil ihrer Stellenbeschreibung war. Es war unerträglich und ich entschloss mich nach einiger Zeit, die Verhandlung abzubrechen, stand auf und ging mit Pirmin, dem die Überraschung tief ins Gesicht geschrieben stand, zur Türe. Der Vorsitzende war nicht weniger verblüfft und auf seine Drohung hin bot ich ihm an, mich sofort verhaften zu können. Plötzlich war der ganze Raum in Unruhe und man einigte sich nach heftiger Diskussion darauf, die Verhandlung doch fortzuführen, wobei der Vorsitzende mir nun das Recht einräumte, das Protokoll jederzeit zu ändern. Das Gespräch nahm nun einen kultivierteren Verlauf und die Prüfer versuchten zumindest meine Argumente zu verstehen, wobei ich das Gefühl hatte, dass ihnen das Konzept menschlicher Verantwortung bis zum Schluss unzugänglich blieb. Nicht weniger rätselhaft erschien ihnen die soziale Relevanz des Handelns und ich denke, dass sie schließlich einfach aufgaben. Ich wurde für den Zivildienst anerkannt. Vielleicht war es nur meine Gabe, Menschen mit Fragen und Argumenten zum Wahnsinn treiben zu können oder meine abgrundtiefe Abneigung gegen diese Institution, die mit so vielen Kriegen unbeschreibliches Leid über diese Welt gebracht hatte, die mich diese Verhandlung erfolgreich bestehen ließen. Tief in mir fühlte ich, dass es der Präfekt Redies und mein Freund Pirmin waren, die mir die Kraft und Überzeugung gaben, für mich einzustehen, mich selbst zu leben und meinem Dasein ein Profil zu geben. Es war eine der wichtigsten Entscheidungen, die ich in meinem Leben getroffen habe.

 

Nun musste ich mich endlich meinem Studium widmen, um zu vermeiden, dass ich zum ewigen Studenten wurde. Die Anmeldung zum Examen brachte mehr mit sich, als nur die Angst zu versagen. Ich hatte nur etwa ein Jahr, um mich auf diese gefürchtete Prüfung vorzubereiten und da ich kaum über detaillierte Kenntnisse verfügte, bedeutete dies, dass ich ganz von vorne anfangen musste. Zum Glück hatte sich zur gleichen Zeit auch Klaus-Peter zum Examen angemeldet und, da er dieses Studium sehr ernsthaft betrieb, war er mein Fundus, auf den ich dringend zurückgreifen musste. Ich kaufte mir alle einschlägigen Lehrbücher und Kommentare, um möglichst unabhängig arbeiten zu können, da mir die juristische Bibliothek in der Neuen Aula nicht nur zuwider war, sondern auch kein sinnvolles Lernen zuließ. Die Vorbereitung auf das Examen absorbierte mein gesamtes Dasein und ich verbrachte unzählige Stunden an meinem Schreibtisch. Die Bücherberge waren so hoch, dass ich an manchen Tagen die ganze Kraft verlor, um an meinem Programm festzuhalten. Doch ich musste dieses Examen erfolgreich hinter mich bringen, da ich auch nicht die Kraft gehabt hätte, nochmals durch diese Vorbereitungszeit zu gehen. Klaus-Peter half mir sehr viel und gab mir die Kraft, manche Themen einfach abzuschließen.

 

Die Anspannung war zum Schluss so hoch, dass ich ganz aufgeregt zum Zahnarzt ging, weil eines Morgens mein ganzer Mund voller Blut war und sich die Blutungen auch nicht stoppen ließen. Meine Kräfte neigten sich dem Ende zu und ich war fast euphorisch, als das Examen in greifbare Nähe rückte. Was dann folgte, konnte nur noch mit Fatalismus überstanden werden und brachte mich an den Rand eines Zusammenbruchs, doch bestand ich dieses Examen, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg. Für mich jedoch war es ein Freudentag, als ich die gute Nachricht erhielt. Ich hatte mein Studium abgeschlossen und war auf dem Weg dorthin nicht in der Gosse gelandet, wie mir dies einst prophezeit wurde. Ich war froh und glücklich, dass ich einen Abschnitt meines Lebens abgeschlossen hatte und mich wieder etwas Neuem zuwenden konnte. Wie so oft lag jetzt wieder Aufbruchstimmung in der Luft und jeder folgte seinem Plan. Auch Klaus-Peter zog aus seiner Wohnung aus und fuhr endlich zurück nach Schramberg, wo er sich immer schon zu Hause gefühlt hatte. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Zwanzig Jahre später stürzte er sich von der Neckarbrücke bei Schramberg auf die Autobahn, ohne dass wir jemals wieder ein Wort miteinander geredet hatten.

 

 

9

 

Die Zeit nach dem Staatsexamen verbrachte ich genauso, wie meine ersten Wochen nach meiner Ankunft in Tübingen, als ich in meinem Spitzwegzimmer in der Jakobsgasse gewohnt hatte. Ich liebte es, die Nächte in der Tübinger Altstadt zu verbringen und den aufgeregten Konversationen zu lauschen, die immer wieder zwischen Zigarettenrauch und Biergeruch ihren Weg zu mir fanden. Ich hatte mein Canossa hinter mir und einen Schritt in meinem Leben getan, den mir viele Menschen nie zugetraut hatten und den sie mir jetzt auch nie wieder nehmen konnten. Natürlich war es keineswegs eine Glanzleistung, die ich da vollbracht hatte und dennoch werde ich den Tag nie vergessen, als ich schließlich das Examenszeugnis in meinen Händen hielt, ein Tag, an dem ich der Gosse endgültig entkommen war und nun etwas Verwertbares besaß, das mir gehörte und nur mir allein. Auch wenn mir dieses Studium nie am Herzen lag, erlaubte ich mir jetzt eine Zeit, die mich mit Stolz und Zufriedenheit erfüllte, die mir Freude und Bewunderung für all die Dinge bescherte, die mich in den Wochen und Monaten zuvor in meiner Dunkelheit nicht mehr berühren konnten. So saß ich morgens wieder am Marktplatz und genoss meinen Cappuccino, während sich die Welt ganz einfach an mir vorbeibewegte. Ich besuchte Kirchen, bewunderte Malereien und Statuen und schlenderte genüsslich am Neckar entlang, jedoch nicht ohne dabei zumindest für wenige Minuten an meinem geliebten Hölderlinturm innezuhalten.

 

In gewisser Weise blätterte eine alte und hart gewordene Kruste mit jedem Tag mehr von mir ab. Doch nichts erfüllte mich mit mehr Freude, als die Tatsache, dass vor mir eine neue Aufgabe lag, die so gar nichts mit der Juristerei zu tun hatte. Es war an der Zeit, dass ich mich nach einem Platz für meinen Zivildienst umsah. Zunächst sagte ich der Drogenhilfe in Tübingen zu, obwohl mir diese Organisation ein eher bedrückendes Gefühl vermittelte. Fast in letzter Minute überredete mich aber ein Freund, noch eine andere Stelle zu besuchen und so fuhr ich nach Mössingen, um mich dort in der Körperbehindertenförderung Neckar-Alb vorzustellen. Am Eingang verwies man mich sofort an Lothar Eberhardt, dem Leiter des Fahrdienstbüros, der mich auch umgehend und fast begeistert empfing. Mein nunmehr abgeschlossenes Jurastudium und meine Erfahrungen bei IBM beeindruckten ihn so sehr, dass er mich dem Geschäftsführer, Herrn Döbereiner, vorstellte, um dessen Zustimmung zu meiner Einstellung zu erhalten. So geschah es auch und wir kehrten ausgelassen wieder ins Fahrdienstbüro zurück, wo wir uns noch einige Zeit über die Einrichtung und ihre Besonderheiten unterhielten. Von dem Büro hatte man einen zentralen Blick auf die meisten Gebäude der Einrichtung, die mit einer eigenen Schule, Wohnheimen, einer Kantine und selbst einer eigenen Kfz-Werkstatt den Eindruck einer kleinen Stadt aufkommen ließ. Überall sah man Rollstühle, junge und alte Menschen, die humpelten, an Krücken gingen oder sich anderweitig mit Geduld und viel Mühe auf ihrem Weg befanden. Es war erstaunlich, wie viele behinderte Menschen unter uns lebten, ohne gesehen zu werden. Doch all die persönlichen Schicksale, die sich hier jeden Tag erneut trafen, um ein Leben zu meistern, erzeugten nicht die Traurigkeit, die ich erwartet hatte, sondern erfüllten die Straßen, Plätze und Gänge mit Gelächter, Lärm und allerlei anderen Umtrieben. In diesen wenigen Minuten spürte ich eine Kraft, die mir selbst bislang nicht zu eigen war und ich wusste, dass ich einen Platz gefunden hatte, an dem ich mich wohlfühlte.

 

Schon bald begann ich meinen Zivildienst in diesem Fahrdienstbüro und war ein bisschen enttäuscht, dass man mich dort mit allerlei Verwaltungskram überschüttete. Anscheinend hatten sich eine ganze Menge von Angelegenheiten angesammelt, die ausgesprochen unbeliebt waren, weil sie von den meisten Kollegen nicht bearbeitet werden konnten. Nun verstand ich auch, warum sich Lothar so gefreut hatte, dass er einen jungen Juristen für sein Büro verpflichten konnte, denn schon nach wenigen Tagen hatte ich alle Versicherungsfälle auf dem Tisch, die eine täglich im Einsatz befindliche Fahrzeugflotte in die Verwaltung gespült hatte. Ich mag an diesem Punkt nicht gänzlich ausschließen, dass mich in diesen ersten Tagen eine unheilvolle Vorahnung überkam, die mich nachdenklich stimmte und mir ein Bild vor Augen führte, das mir in groben Umrissen die folgenden Jahre meines Lebens aufzeigte. Ich war keineswegs unzufrieden, auch wenn ich weiße Hemden, gepflegten Krawatten und Rollstühlen nur sehr schwer miteinander vereinbaren konnte.

 

In dieser Organisation trafen ganz unterschiedliche Welten aufeinander und ich schreibe meine anfängliche Unsicherheit im Umgang mit all den Menschen, die sich hier Tag für Tag trafen, meiner noch durchaus bemerkenswerten Naivität und Unerfahrenheit zu. Vielleicht war es aber auch der Umstand, dass ich bisher nur selten mit so vielen Menschen konfrontiert war und bei den wenigen Anlässen, bei denen ich mich von Menschen umringt sah, stand ich nie mit eigener Verantwortung im Mittelpunkt des Interesses. Hier jedoch kämpfte man an drei Fronten und es gab kaum eine Möglichkeit, den nicht enden wollenden Bitten, Beschwerden und mitunter unflätigen Angriffen zu entkommen. Bereits nach wenigen Tagen lernte ich auch die Glasscheibe zu schätzen, die uns am vorderen Ende des Fahrdienstbüros vor den Menschentrauben schützte, die sich dort täglich, gleich nach Ankunft der Schulbusse, versammelten. Die Notwendigkeit einer persönlichen Betreuung rückte notgedrungen genau auf die andere Seite der Scheibe, die uns offensichtlich davor schützen sollte, nicht von einem der ungehaltenen Menschen bei lebendigem Leibe gefressen zu werden. Die Glasscheibe hinter meinem Schreibtisch hingegen strahlte wesentlich mehr Ruhe und Gelassenheit aus, denn sie trennte uns nur von dem Büro, in dem Lothar Eberhardt in einer dauerhaften Rauchwolke saß und über das Geschehen hier draußen wachte.

 

Die beiden Türen auf der rechten Seite verbanden uns mit dem Rest der Verwaltung und versorgten uns gleichzeitig mit regelmäßig eiligen Anfragen und mehr Arbeit, ganz so, als wäre uns ohne diese zusätzlichen Lasten unerträglich langweilig gewesen. Doch war es in gleichem Maße von allen Seiten zu spüren, wie sehr man unsere Arbeit und Bemühungen schätzte, das Räderwerk dieser Organisation jeden Tag erneut am Laufen zu halten, um den Behinderten zumindest in dieser Hinsicht einen reibungslosen Tag zu gewährleisten. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen meiner ersten Tage, als Herr Döbereiner zu uns ins Fahrdienstbüro kam, und mich fragte, wie ich mit der ihm sehr wohl bekannten Situation hier zurechtkam. „Sie müssen sich entscheiden, ob sie vor oder hinter der Scheibe stehen wollen!“ Mit diesen einfachen Worten kommentierte er meine Sorgen, klopfte mir noch freundschaftlich auf die Schulter und verließ in aller Ruhe wieder das Büro. Die wenigen Ratschläge, die mein Leben nachhaltig beeinflussten, waren allesamt einfach und kurz und konnten ihre immense Kraft in meinem Leben nur durch eine vorbehaltlose Verinnerlichung entfalten. Ich entschied mich für meinen Platz hinter der Scheibe.

 

Die Tage im Fahrdienst begannen bereits vor fünf Uhr mit dem ersten Schulbus, der sich irgendwo auf der Alb in Bewegung setzte, um auch in den entlegensten Orten die behinderten Kinder abzuholen und rechtzeitig nach Mössingen in die Schule zu bringen. Als ich zum ersten Mal für den Frühdienst eingeteilt wurde, warnten mich die Kollegen schon Tage zuvor und rieten mir wissend an, mich gut auszuschlafen, da man beim Frühdienst der einzige Kontakt für über einhundert Schulbusse zur Zentrale war und damit gleichzeitig auch der einzige Ansprechpartner für liegen gebliebene Fahrzeuge, medizinische Notfälle oder eben alle Zwischenfälle, die vor Ort nicht gelöst werden konnten. Es war eine sehr spannende Sache und ich stand an meinem ersten Tag schon früher auf als notwendig gewesen wäre, um in jedem Fall rechtzeitig in Mössingen zu sein. Als ich endlich ankam, lag die Verwaltung noch im Dunkel der Nacht und auf dem ansonsten so lebhaften Gelände war noch keine Seele zu finden. Es blieb mir noch Zeit mir einen kräftigen Kaffee zu machen, den ich zusammen mit einer Zigarette als erstes Frühstück zu mir nahm.

 

Plötzlich wurde die angenehme Stille im Fahrdienstbüro durch ein lautes Knacken, gefolgt von einer verschlafenen Stimme zerrissen: „Samuel 123 ruft Zentrale!“ Ab jetzt würden sich alle Busse im Abstand von wenigen Minuten so melden und ich musste die Tournummer und die jeweiligen Kilometerstände in eine riesige Kartei eintragen, die in einer Box verstaut genau vor mir auf dem Tisch stand. Je mehr ich mich der sechs Uhr Marke näherte, umso chaotischer wurde meine Bemühung, mit den Rufen mitzuhalten und schon bald lagen die Karteikarten auf und unter dem Tisch wild durcheinander und ich konnte mich nur notdürftig mit einem Schreibblock retten, auf dem ich versuchte, die Daten so gut wie möglich zu notieren. Zu meinem Glück gab es an diesem Morgen keine Unfälle oder Busse, die nicht starten wollten oder gar Kinder, die in ihrem Bus plötzlich den Bezug zur Realität verloren und sich verletzten oder so aggressiv wurden, dass man einen separaten Bus senden musste, um das Kind sicher zurück nach Mössingen zu bringen.

 

Ich hatte später oft die Gelegenheit solche Szenen vom Fahrdienstbüro aus mitzuerleben, wenn über das Funkgerät, das in jedem Bus eingebaut war, nicht nur Pink Floyd, sondern auch hysterische Schreie, wildes Gebrüll und mitunter das letzte Geräusch einer Autoscheibe durch meinen Lautsprecher dröhnte. In den Wintermonaten wurde der Frühdienst schließlich zu einer Übung für Fortgeschrittene, wenn sich die Fahrzeugflotte durch die schneebedeckten Berge und Täler der Alb bewegte. Doch an diesem Morgen war ich einfach nur froh, als die Funksprüche langsam weniger wurden und danach die ersten orangefarbenen Mercedes-Busse auf dem Gelände eintrafen und die Hallen und Gänge wieder mit Lärm und lachenden Gesichtern füllten. Es war schön zu wissen, dass ich meinen Teil dazu beigetragen hatte und wenn der Fahrer eines Busses ins Fahrdienstbüro kam und sich für die Hilfe bedankte, dann war ich glücklich, denn ich gehörte endlich dazu.

 

Ich hatte mich in späteren Jahren immer wieder an meine Zivildienstzeit in Mössingen bei der KBF erinnert, da mir, neben vielen anderen Erinnerungen, immer die Faszination geblieben ist, wie viel eine Gruppe von Menschen erreichen kann, wenn alle in die gleiche Richtung marschieren und das gleiche Ziel erreichen wollen. Vielleicht lag es daran, dass es hier nicht um Geld ging und auch nicht um eine Karriere, die man sich aufzubauen hatte, sondern nur um einen Dienst, den man gut oder schlecht leisten konnte. Hier entschieden sich die meisten der Zivildienstleistenden für die vielen Behinderten und die Idee, die unserem Dienst zugrunde lag. Für mich bedeutete dies, dass sich meine Tage schon nach wenigen Wochen so sehr mit allerlei Verpflichtungen anfüllten, dass ich kaum mehr ausreichend Zeit fand, meinem früheren Leben nachzugehen. Nun, da ich ein Teil einer Organisation geworden war, entdeckte ich mit jedem Tag neue Fähigkeiten, die ich bereits in mir trug und die aus ihrem bisherigen Schlummerschlaf zum Leben erweckt wurden. Man vertraute mir hier und dieses Vertrauen gab mir die Kraft, an mich selbst und meine Fähigkeiten zu glauben.

 

Doch die organisatorische Arbeit, die mir hier zugeteilt wurde, entfremdete mich zusehends von dem eigentlichen Zweck meines Dienstes und, auch wenn mir die Anerkennung für meine Arbeit im Büro gut tat, bemerkte ich immer öfter, dass ich die anderen Kollegen beneidete, wenn sie von ihren Touren zurückkamen. Also meldete ich mich bei Lothar Eberhardt für das Behindertentaxi, ein Dienst, den man Schwerbehinderten anbot, um individuelle oder persönliche Angelegenheiten zu erledigen. Da man mich während der normalen Dienstzeit nicht aus dem Büro lassen wollte, stand ich ab jetzt an den Abenden und Wochenenden zur Verfügung. Was ich bei meinem damaligen Enthusiasmus völlig außer Acht gelassen hatte, war die Tatsache, dass ich am anderen Ende des Tages auch noch mit der gelegentlichen Einteilung für den Frühdienst rechnen musste und sich meine normalen Arbeitstage immer weiter füllten, da ich für einige Aufgaben auch von der Geschäftsleitung ausgeliehen wurde. Aber in dieser Zeit gab es nur sonnige Tage und alles machte Spaß, war Ansporn und Erfüllung, wie ich es selten zuvor in meinem Leben erfahren durfte. Und wenn die Kräfte einmal weniger wurden, dann gab es immer noch jede Menge Kaffee, Zigaretten und Schwarzriesling. Es ist eben der Glaube der Jugend an die eigene Unbesiegbarkeit, der ihr bisweilen zum Verhängnis wird.

 

Ein Behindertentaxi zu übernehmen war eine ganz besondere Aufgabe und erforderte weit mehr als technisches Geschick beim Heben, Tragen oder Stützen eines Behinderten. Viele Fahrten waren ein ganz persönliches Erlebnis, da man natürlich nicht nur Fahrer und Pfleger, sondern meistens auch der einzige Ansprechpartner war. Wir gingen gemeinsam zum Einkaufen, besuchten Freunde oder machten einen Ausflug in die Gartenschau in Ludwigsburg. Auf diesen Fahrten wurde immer viel geredet, persönliche und weniger persönliche Dinge besprochen, doch waren da immer offene Seelen, die sich gegenseitig in die Augen sahen. Man kann vieles in Büchern lesen und doch nicht verstehen, wie die Seele unter der Last des Körpers leiden kann. Selbst ein einziger Tag, an dem man unentwegt dem Schrecken der multiplen Sklerose in die Augen starrt, vermag nur unzulänglich anzudeuten, welches Grauen da über einen einst aktiven, jungen und lebensfrohen Menschen gebracht wurde.

 

Ich beobachtete diese Menschen, hörte gespannt ihren Erzählungen zu und durfte mich unentwegt wundern, warum mir selbst das Leben so unsäglich schwerfiel, hatte ich doch immer noch meine Arme und Beine und konnte diese auch noch bewegen, wie ich es wollte. Hier waren wahre Kraft und Stärke zu spüren, der Wille für ein Leben, das für die meisten unter uns kein Leben mehr gewesen wäre. Es war ein bedeutender Schritt in meinem Leben, Menschen auf dieser Ebene zu treffen, körperlos und in ihrer eigenen Existenz als Individuum und einzigartige Seele. In manchen bewegungslosen Körpern war ein solcher Reichtum zu finden, eine Welt, die man von außen kaum sehen konnte. Es waren immer Stunden, die viel mit mir zu tun hatten, denn ich begann mich auf die Suche nach dem Ursprung dieser Kraft zu machen, die diese Menschen dazu antrieb, sich morgens vom Bett in den Rollstuhl heben zu lassen und die Welt mit einem dankbaren Lächeln zu begrüßen. Noch heute erinnere ich mich an meine tiefe Verwunderung, dass ich kaum einmal Klagen hörte, kein „warum ich?“ oder eines der bei uns vermeintlich Gesunden so üblichen Klagelieder. Doch war ich mir auch sicher, dass es da sehr viele Tränen im Stillen gab, Verzweiflung und Schreie, die Gott unmöglich überhören konnte.

 

Für mich bedeutete der Umgang mit behinderten Menschen einen Rückzug auf das wesentlich Menschliche und die Bereitschaft, mich zur Verfügung zu stellen. Ich sah die Kraft der helfenden Hand in der Normalität des Augenblicks und der Chance zu vergessen, was nicht zu vergessen war. In späteren Jahren, als sich auch bei mir die eine oder andere körperliche und seelische Einschränkung im Leben einstellte, wurde mir der Rat, dass man eben lernen müsse, mit diesen Dingen zu leben, nur zu bewusst und ich frage mich, ob diesen Menschen die Absurdität ihrer wohlgemeinten Ratschläge bewusst war. Hatte einer dieser Gequälten eine Chance, sich gegen den Rollstuhl zu entscheiden? Ich habe viele Menschen in meinem Leben gesehen, die sich mit den Unwegsamkeiten ihrer persönlichen Existenz arrangiert hatten und in der Tat über die Zeit lernten, damit zu leben. Doch wie gut hatten die anderen Menschen, die uns täglich umgeben, gelernt, damit zu leben? Ja, wer Augen hat zu sehen, der sehe die Dicken, die Depressiven, die Gebrochenen und die Ängstlichen, die gelernt haben, damit zu leben und sich doch so oft wie möglich verstecken müssen, um der Gleichgültigkeit und Ignoranz zu entgehen und sich vor den missachtenden Blicken und Worten derer zu schützen, die eben nicht lernen wollen, genau damit zu leben.

 

Ich wollte anders sein und bemühte mich, meine anerzogene Scheu zu überkommen, zu helfen, wo es notwendig war und vor allem der Behinderung jegliche Privilegien abzusprechen, die uns immer dann falsche Sympathien an die Hand geben, wenn uns Mitleid und Ohnmacht überkommen. Hier waren Menschen, die nicht gehen konnten, aber durchaus in der Lage waren, Anstand und Respekt zu zeigen, Menschen, die einfachste Dinge des täglichen Lebens nicht verrichten konnten, aber dennoch in der Lage waren, Gut von Böse zu unterscheiden. Es waren Menschen, die meine Arme und Beine von Zeit zu Zeit nutzten, aber es waren auch Menschen, die Lob und Tadel genau so zugänglich waren, wie Zuneigung und Kritik. Es war eine durchweg traurige Erkenntnis, dass ich es auch nach meiner Erziehung, Schul- und Universitätszeit, immer noch nötig hatte zu lernen, wie man mit einem behinderten Menschen umgeht.

 

Mehr als dies überraschte mich die Bigotterie und Scheinheiligkeit, die sich selbst in den Facetten junger Menschen eingenistet hatten und gesellschaftlichen Erwartungen so strikt Tribut zollten, dass selbst die Pharisäer ihre Freude daran gehabt hätten. Es war um die Mittagszeit, als Lothar Eberhardt mich und Klaus-Peter Saile in sein Büro rief und uns mit etwas betretener Miene ansah, was ansonsten keineswegs seine Art war. Nachdem er minutenlang versuchte, zu seinem eigentlichen Thema zu kommen, und uns ratlos auf unseren Stühlen ausharren ließ, baten wir ihn schließlich, das offensichtlich Unaussprechliche auszusprechen. Es ging um ein Behindertentaxi besonderer Art und, da sich jeder verfügbare Zivildienstleistende mit allerlei Begründungen weigerte, diese Fahrt zu unternehmen, waren wir also die letzte Hoffnung für diese heikle Mission.

 

Die Leiterin des Behindertenheims in Rappertshofen hatte um Hilfe für einen ihrer Schützlinge gebeten, ein junger Mann, der schwerbehindert und aufgrund einer spastischen Erkrankung völlig an den Rollstuhl gefesselt war. Neben seiner Behinderung, die es ihm nicht mehr erlaubte, sich selbst zu versorgen oder sich mehr als unkontrolliert zu bewegen, war er kein tiefsinniger Geist, aber doch ein ganz normaler junger Mann. Er hatte über viele Monate eine kleine Summe von seinem Taschengeld gespart und wollte dieses Geld sinnvoll in einem Reutlinger Bordell ausgeben. Unsere Aufgabe war es nun, den jungen Mann abzuholen und ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen. Klaus-Peter sah mich verdutzt an und beide konnten wir nicht verstehen, welche Aufregung diese Fahrt im Hause verursacht hatte. Doch lernten wir bald, dass die meisten unserer Kollegen nicht vor einem solchen Haus gesehen werden wollten und schon gar nicht bei hellem Tageslicht, andere scheiterten an der Verwerflichkeit des Anliegens und wieder andere konnten eine solche Fahrt schon aus religiösen Gründen nicht annehmen.

 

Als wir den Michael in Rappertshofen abholten, war er schon sichtbar in Hochstimmung und zuckte wild in seinem Rollstuhl umher. Ungeduldig, wie er war, unterbrach er auch gleich unser ohnehin kurzes Gespräch mit seiner Pflegerin, die sich eigentlich nur für unser Verständnis bedanken wollte. Das Bordell hatte natürlich keinen Behindertenparkplatz, aber aufgrund der von unserem Fahrgast lautstark vorgetragenen Dringlichkeit, entschlossen wir uns, den Bus direkt vor dem Eingang zu parken. Wir trugen Michael behutsam in die Bar, wo er sich noch einige Schluck Bier gönnte, bevor er uns forsch aufforderte, ihn nun endlich nach oben zu bringen. Gemeinsam hoben wir ihn aus dem Rollstuhl und trugen ihn mit einiger Mühe in den ersten Stock. Er blickte prüfend in jede offene Türe und, da er offensichtlich nicht zufrieden war, ließ er uns noch bis ins vierte Stockwerk marschieren. Schließlich und zu unserer sichtbaren Freude, hatte er seine Wahl getroffen. Sein Geld hatten wir ihm vorsichtshalber schon vorher abgenommen, sodass Klaus-Peter mit der Dame verhandelte und das Honorar beglich. Was immer in der folgenden halben Stunde auch geschehen sein mag, wir holten einen ganz anderen Michael wieder aus diesem Zimmer ab. Er lachte, war lustig und wieder in der Bar angekommen, nahm er sein Glas vom Tisch und trank in aller Ruhe sein Bier, ohne auch nur einen einzigen Tropfen zu verschütten. Es war gerade so, als ob er seine Krankheit in diesem Zimmer vergessen hatte.

 

Ich war damals nur noch selten in meiner kleinen Wohnung in Derendingen und meistens nutzte ich mein Zuhause nur für die wenigen Stunden, die mir zum Schlafen blieben. Es war eine gefährliche Mischung aus Enthusiasmus und bewusster Selbstaufgabe, die bald ihren gerechten Preis einfordern sollte. Die ersten Anzeichen, die mir mein Körper zaghaft mitteilte, bemerkte ich, als ich selbst nach ausgiebigem Schlaf nicht mehr erholt aufwachte und mich fast noch schlechter und schwächer fühlte als zuvor. Immer öfter überkam mich bei den nächtlichen Fahrten eine unheimliche Müdigkeit, die auch nach einem kräftigen Espresso nicht nachließ. Doch noch siegte der Wille über das Fleisch. Eines Morgens dann saß ich mit den anderen Kollegen bei Lothar Eberhardt im Büro, als ich bemerkte, dass ich kaum noch eine Kontrolle über meinen rechten Arm hatte, der nun heftig zitterte und die halb volle Kaffeetasse einfach auf den Boden fallen ließ.

 

Plötzlich standen alle Nerven auf Alarm und ich begann heftig und unkontrolliert zu atmen. In meiner immer stärker werdenden Angst stand ich Hilfe suchend von meinem Stuhl auf, musste aber schon bald dem Schwindel nachgeben und stürzte in eine Ecke des Zimmers. Als ich durch das Schwarz ganz langsam wieder Licht und dann Gesichter sah, erklärten mir ruhige Stimmen, dass mich ein Auto jetzt sofort zum Arzt fahren würde. Dort bekam ich ausreichend Valium gespritzt, was mich zumindest für den Moment wieder ansprechbar machte. Mein Körper hatte aufgegeben und ich hatte ernsthafte Probleme, mich auf meinen Beinen zu halten, ohne gleich wieder umzufallen. Herr und Frau Döbereiner waren sichtlich besorgt und boten mir sofort einen Erholungsurlaub in Italien und auf Kosten des Hauses an. Doch ich konnte dies nicht annehmen und zog eine Pause in Derendingen vor. Nun war ich das Behindertentaxi und wurde zurück in mein Zuhause nach Derendingen gefahren. Dort war es ruhig und diese Ruhe vertrieb ganz langsam und vorsichtig die wirren Gedanken, die noch immer durch meinen Kopf schwirrten. Nun konnte ich endlich schlafen.

 

Es ging mir schlecht, sehr schlecht. Meine Kräfte wollten auch nach Tagen nicht wieder zurückkehren und ich empfand meinen Körper nur noch als Belastung. Je mehr ich mich auch bemühte, aus dieser körperlichen Unbeweglichkeit herauszukommen, umso mehr verstrickte ich mich in dunklen Gedanken, die als Vorboten der Melancholie, täglich zu mir kamen. Schon bald fand ich mich in einer Umklammerung wieder, die mir auch den Rest, der mir noch verbliebenen Kraft, zu rauben drohte. Es war nicht schwer, den Ernst der Lage zu erkennen und ich entschied mich dazu, einen alten Freund aufzusuchen, mit dem ich vor Jahren zusammen Musik machte. Inzwischen war er Dr. Michael Schupmann und hatte sich eine eigene Arztpraxis in Tübingen aufgebaut. Michael war einer der Menschen, die von Ruhe und Vertrauen umgeben waren. Zu meiner Erleichterung nahm er sich ausgiebig Zeit für mich und gab mir so die Möglichkeit meine Seele von allerlei Schutt zu befreien.

 

Dieser Freiraum war für mich sehr wichtig, da ich mich darin langsam nach vorne bewegen konnte und dem Licht mit jedem Tag einen Schritt näherkam. Ich unternahm einsame Spaziergänge am Neckarufer und verharrte oft lange Zeit bei meinem geliebten Höderlinturm. Wann immer sich die Möglichkeit bot, lief ich barfuß und ganz besonders dann, wenn es ein steiniger und kalter Weg war. Auf eine ganz besondere Weise verband mich der Schmerz, den die kleinen Steine meinen Füßen zufügten, mit der Welt, in der ich mich bewegte und dieser Schmerz stellte sicher, dass ich den Bezug zu dieser Realität nicht verlieren würde. Ich suchte die Einsamkeit, da mich Menschen beunruhigten und ich nach einem Gedankengerüst suchen musste, das mir als Krücke dienen und erlauben würde, meinen Weg weiter zu beschreiten, ohne ständig zu stürzen. Doch fühlte ich mich wie in einem von Dalis Bildern, nur hatte ich die Krücke noch nicht gefunden, die das weiche und zutiefst willenlose Etwas meines Körpers hätte stützen können. Auch Wolfgang Ambros trug mehr zum Verfall meiner inneren Kräfte bei, als mir das lieb war, doch konnte ich nicht davon ablassen, mich an der Hoffnungslosigkeit seiner Worte und der wachsenden Attraktivität des Zentralfriedhofs zu laben. Sobald ich wieder genügend körperliche Kräfte in mir spürte, meldete ich mich wider besseres Wissen zum Dienst zurück und es war mir dabei durchaus bewusst, dass meine seelischen Wunden noch Monate davon entfernt waren, auch nur notdürftig Heilung zu erfahren. Aber es gab entweder die Rückkehr nach Mössingen oder das allmähliche versinken im Treibsand meiner Gefühle.

 

Auch wenn mich die Sorge doch reichlich beschäftigte, ob ich überhaupt schon in der Lage war, einen ganzen Arbeitstag zu überstehen, ohne mit der ständigen Angst zu leben, dass mir mein Körper wieder den Dienst verweigern würde, empfand ich schon die ersten Stunden im Fahrdienstbüro als sehr angenehm. Ich spürte eine Wärme, die ich nicht gewohnt war und alle Kollegen freuten sich, mich wieder in ihren Reihen zu haben. Langsam begann ich mit meiner Arbeit und versuchte, die in meiner Abwesenheit liegen gebliebenen Akten, so systematisch, wie eben möglich, abzuarbeiten, ohne mich selbst dabei unnötig unter Druck zu setzen. Ich konnte noch immer nicht verstehen, warum ich in meinem Alter nicht die Kraft hatte, solch eine Aufgabe zu meistern, ohne dabei die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren. Mehr noch als die Angst vor einem erneuten Zusammenbruch war meine Befürchtung, dass ich von nun an emotional behindert sein würde und mein Leben an der Seitenlinie zu fristen hatte.

 

Wieder einmal entschied ich mich dazu, einfach weiter zu machen und das Gewesene so schnell wie möglich zu vergessen. Natürlich ahnte ich jetzt auch, dass ich für diese Bürowelt einfach nicht geschaffen war und gut daran tat, in der Welt zu leben, die mir gegeben war. Ab sofort nahm ich mir nun die Freiheit, immer wieder in meine Welt der Gedanken zu entfliehen, um den Anforderungen, die jeden Tag an mich herangetragen wurden, aus meiner eigenen Welt heraus zu begegnen. Manchmal saß ich an meinem Schreibtisch und verlor mich in Gedanken, die mich nach Kalifornien trugen. Ich hatte mir dort eine Harley-Davidson gemietet und fuhr über endlose Straßen, die mich durch eine Welt führten, in der es keine Anforderungen, keine Erwartungen und vor allem keine Angst gab. Es war die Welt eines Frank Zappa, mit alten Imbissbuden und einer Dose Bier am Rande des Grand Canyon. Mit jedem Male wurde meine Sehnsucht größer und ich wollte endlich alles hinter mir lassen, tief Luft holen und ziellos in Tage hineinleben, in denen es keine Mutter und keinen Vater gab, keine Vergangenheit und keine Zukunft. Vielleicht konnte ich in einem fremden Land noch einmal ganz von vorne anfangen, Antworten finden oder mich endlich an meinem Leben freuen. Es war Zeit, meine Flucht vorzubereiten.

 

Das Erstaunliche an dieser Situation war, dass Klaus-Peter, der mir im Büro genau gegenübersaß, keinerlei Anzeichen von Erschöpfung zeigte, obwohl seine Tage nicht weniger anstrengend waren, als die meinen. Schon morgens, wenn er von seiner Tour aus Rottenburg ins Fahrdienstbüro kam, war er das blühende Leben, immer gut gelaunt und voller Energie. Bei mir hingegen zehrte jeder Tag, jedes Problem und vor allem jeder persönliche Angriff an meinen Reserven, was mich natürlich in meiner Annahme bestärkte, dass ich nicht nur aufwendiger, sondern auch schneller lebte als andere Menschen. Überdies waren mir alle Menschen schon von Natur aus suspekt und es gelang mir nur in ganz seltenen Fällen einmal, jemandem zu vertrauen. Diese distanzierte Zurückhaltung wurde zu allem Unglück mehr als ausreichend oft bestätigt und ließ über die Jahre eine Angst und ein Misstrauen in mir heranwachsen, das mich zutiefst in meinem Denken und Handeln prägte.

 

Je mehr ich über diesen Umstand nachdachte, desto unbegreiflicher wurde mir der Ursprung meiner Angst, denn hier in der KBF hatte ich keine Feinde, sondern konnte mich einer ungewöhnlich tiefen Anerkennung erfreuen, die mir sogar den einen oder anderen Freund bescherte. Meine Arbeit hatte mich bislang nicht überfordert, da ich schon immer die Kurzstrecke bevorzugte und dabei bewusst auf die Kraft der Logik baute, um langwierige Anstrengungen möglichst zu vermeiden. Auf meine Art ging es mir aber immer wie dem jungen Mozart, denn zu allen erdenklich ungünstigen Zeiten klopfte es an meiner Türe und eine in tiefschwarzes Tuch gehüllte Gestalt blickte mir starr in die Augen. Sie zeigte mir nie ihr wahres Gesicht, doch hatte sie die Augen meiner Mutter. Aber mein Leben musste weitergehen, auch mit dem Klopfen an der Türe, und da sich über die vergangenen Monate durch meine nächtlichen Aktivitäten eine ganze Menge Überstunden angesammelt hatten, stand auch das Ende meiner Zivildienstzeit in greifbarer Nähe. So begann ich an meinem Fluchtplan zu arbeiten, besorgte mir Bücher und Landkarten, denn ich musste einfach ausbrechen, bevor ich in eine weitere Verpflichtung eintrat.

 

Natürlich blieb es Klaus-Peter nicht verborgen, dass ich eine Reise plante, doch dauerte es einige Zeit, bis er mich darauf ansprach. Ich erzählte ihm von meinen Plänen und dem ausgelassenen Leben auf der Harley-Davidson, doch schien ihn dies keineswegs zu beeindrucken. Statt dessen begann er hartnäckig damit, mich von einem anderen Reiseziel zu begeistern und er ließ nicht locker, bis er mich schließlich dazu überredete, mit ihm nach Sri Lanka zu fliegen. Die Entscheidung fiel mir letztlich nicht allzu schwer, da Sri Lanka ausreichend weit von Deutschland entfernt war und ich auf dieser Reise zudem einen Begleiter hatte. Schon bald nahmen wir die Reisevorbereitungen in Angriff und da uns das Reisebüro in Tübingen für einen geringen Aufschlag die Möglichkeit anbot, ein weiteres Land zu besuchen, entschieden wir uns neben Sri Lanka auch noch Thailand in unsere Reise einzubeziehen. Ich hatte weder von dem einen, noch von dem anderen Land, auch nur die geringste Ahnung und versuchte deshalb, mir mit der schnellen Lektüre verschiedener Reiseführer zumindest ein oberflächliches Bild von dem zu machen, was mich dort, am anderen Ende der Welt, erwarten würde.

 

Ich hatte noch Geld vom Verkauf meines geliebten Golf GTI, das ich in die Anschaffung eines Lowe Rucksacks investierte und ansonsten musste ich alle Ersparnisse aufspüren, um diese Reise zu finanzieren. Doch war der Ausblick in finanzieller Hinsicht recht vielversprechend, da mir Herr Döbereiner für die verbleibenden Monate nach meiner Reise, eine befristete Anstellung anbot, bis ich dann endlich meine Referendarzeit beginnen sollte. Ich konnte also mit einer Erholung meiner Haushaltskasse rechnen und saß nach meiner Rückkehr nicht mittellos und einsam in Derendingen herum. Immerhin planten wir für die Reise fast drei Monate ein und ich war noch nie so lange unterwegs gewesen. Bei all meinen Erwartungen war ich daher auch ausreichend aufgeregt, doch diese Hochstimmung tat mir nun spürbar gut. Die Nachricht, dass ich für drei Monate nach Asien fliegen würde, machte auch in meinem Freundeskreis schnell die Runde und zeigte mir ein neues Bild meiner Freunde, das ich über viele Jahre sehr vermisst hatte. Vielleicht hatte man mir eine solche Reise nicht zugetraut, aber ich stand nun für einige Wochen im Zentrum des Interesses. Viele freuten sich für mich, machten mir Geschenke und fast fiel es mir schon schwer, die Freunde zurückzulassen. In Momenten wie diesen neigt man dazu, die Erfahrungen der Jahre in Zweifel zu ziehen und sich in Gefühlen zu baden, die man nicht für möglich gehalten hatte. Doch es war Zeit für mich zu gehen, zu flüchten und für diese drei Monate alles hinter mir zu lassen, was mein Leben ausmachte. Diese Reise war nicht nur eine Flucht, denn sie sollte mein Leben in eine ganz neue Richtung lenken.

 

 

10

 

Diese Reise blieb in ihrer besonderen Bedeutung und Schönheit, mehr als alle anderen Reisen, die ich in späteren Jahren unternehmen sollte, in meinem Gedächtnis. Schon Tage zuvor begann ich in Gedanken damit, mich an weißen Stränden zu sehen und mit jeder Minute, die ich so traumverloren in der Ferne verbrachte, wich die Welt, in der ich mich noch immer bewegte, ein kleines Stück weiter in den Hintergrund. Ein Freund von Klaus-Peter, den wir nur Monkey nannten, würde sich uns einige Tage später anschließen, sodass wir bereits eine kleine Truppe waren. Wir machten uns nun auf den Weg nach Amsterdam, wo das Flugzeug der Air Lanka schon sehnsüchtig auf uns wartete. Es war meine erste Erfahrung aus der großen Welt, dass menschliche Logik nicht in allen Bereichen des täglichen Lebens ihren angestammten Platz hatte, da es offensichtlich billiger war, von Amsterdam über Frankfurt nach Sri Lanka zu fliegen, als einfach in Frankfurt in das gleiche Flugzeug zu steigen. Für mich war dies keine Unannehmlichkeit, da diese Reise in dem Moment begann, als wir das Ortsschild von Tübingen hinter uns ließen und alles, was von nun an passieren würde, war mir willkommen.

 

Es war ein typischer Novembertag und nach unserer Ankunft in Amsterdam waren wir zunächst mit der Zimmersuche beschäftigt, was sich schwieriger als erwartet entwickelte. Da wir von der Autofahrt etwas müde waren, entschlossen wir uns zunächst, die Zimmersuche zu unterbrechen, und uns ein Bier zu gönnen, um dem damals gerade entführten Heineken noch etwas Gutes zu tun. Es waren ruhige Stunden in einer Stadt, die so viel mehr an Gelassenheit ausstrahlte und uns erlaubte, Schwulenlokale, Rotlichtviertel und andere Auswüchse menschlicher Vielfalt zu besuchen. Ich bemerkte, wie leicht mich meine Füße durch die Gassen der Stadt trugen, die sich wie im Nebel vor mir ausbreitete und doch nicht so recht real werden wollte. Meine Gedanken waren nicht hier, sondern in einer Welt, die ich noch nicht kannte und die sich bereits mit allen Details in mir Platz verschaffte. Schon nach diesem Tag erschien mir Tübingen und selbst mein geliebter Hölderlinturm nur noch wie eine Erinnerung, die mir nichts mehr anhaben konnte und mich hier im Regen, der inzwischen die Stadt überzog, schuldlos werden ließ. Ich fühlte mich frei, soweit dies in meiner Haut eben möglich war, und ich wusste, dass ich wieder zurückkommen konnte, aber nicht musste. Plötzlich umgab mich ein grenzenloser Fatalismus, eine tiefe Bereitschaft, mich vom Schicksal durch den Fluss treiben zu lassen und jedes Ufer, an das ich geschwemmt werden sollte, dankbar als meine Heimat anzunehmen. Ich war jetzt bereit. Ich hatte mich entschieden.

 

Flughäfen hatten für mich immer eine eigentümliche Atmosphäre, die zu beschreiben, mir auch nach vielen Jahren noch schwer fällt. Damals zog ich diese Stimmung noch tief in mich hinein, denn ich war jetzt einer der Menschen, die in aller Ruhe durch die Hallen spazierten, um schließlich in einem dieser Ausgänge zu verschwinden und dann irgendwo auf der Welt wieder aufzutauchen. Es war ein ruhiger Flug und nach Frankfurt landete die Maschine noch einmal in Bahrain, wo wir uns für kurze Zeit unter die Scheichs mischten, die in der Flughafenhalle mit ihren weißen Kutten herumliefen. Ich spürte die warme und vor allem feuchte Luft durch meine Kleider dringen und begann den Sinn dieser arabischen Bekleidung zu verstehen. Die folgenden Stunden waren in die Dunkelheit der Nacht gehüllt, die ihren undurchdringlichen Schleier erst kurz vor unserer Ankunft in Colombo lüftete und mir durch das kleine Fenster einen sensationellen Blick auf den Indischen Ozean anbot. Gewaltige Wolken zogen in aller Stille über das schier endlos anmutende blaue Wasser, in dem sich die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne widerspiegelten. Endlich kam die ersehnte Aufforderung, uns wieder anzuschnallen und für die anstehende Landung vorzubereiten.

 

Wir waren angekommen und marschierten zwar müde, aber voller Tatendrang in die kleine Flughafenhalle, die da irgendwo im tiefen Dschungel zu liegen schien. Das ganze Gelände war von Palmen und sattem Grün umgeben und über allem lag ein eigentümlicher Geruch aus Kerosin und Kokosnüssen. Schon nach wenigen Minuten begann ich zu schwitzen und die erste Bekanntschaft mit der tropischen Hitze war reichlich unangenehm. Vor dem Flughafen erwartete uns Anura Mendis, den die Anderen auf früheren Reisen kennengelernt hatten und der uns auf unserem Weg durch dieses Land begleiten und hilfreich zur Seite stehen sollte. Anura war ein Singhalese und wohnte in Colombo. Unsere Reise war für ihn eine gute Möglichkeit etwas Geld zu verdienen und sein ansonsten nicht gerade üppiges Einkommen um ein paar Rupien zu verbessern. Mir selbst war Anura höchst willkommen, da mir die Anwesenheit eines Einheimischen bei meiner ersten Reise viel innere Ruhe brachte und überdies war er ein Quell für alles, was eine neugierige schwäbische Seele über Land und Leute wissen wollte. Anura brachte uns zuerst zum Haus seiner Familie, wo wir uns kurz vorstellten und eine Tasse ceylonesischen Tee bekamen. Danach fuhren wir weiter nach Mt. Lavinia, einem Vorort von Colombo und nahmen uns ein Zimmer, das Anura uns besorgt hatte. Der Flug und die Zeitumstellung hatten uns müde zurückgelassen und es mussten mindesten sechs Stunden vergangen sein, bis ich zum ersten Mal wieder die Augen öffnete. Ich war noch immer hier, immer noch in Sri Lanka.

 

Die verbleibenden Stunden des Tages verbrachten wir am Strand und in der näheren Umgebung unseres Quartiers. Doch schon bald überkam uns wieder die Müdigkeit und wir versorgten uns mit Moskitonetzen und ausreichend Autan, um eine ungestörte Nacht zu haben. Mit dem Sonnenaufgang erwachten auch die Hähne, Hunde und Raben, die uns schon bald aus unserem Schlaf weckten. Ich hatte eine gute Nacht hinter mir und meine Kräfte waren durch den Schlaf wieder in mich zurückgekehrt. Nach einem reichhaltigen Frühstück mit frischen Papaya, Eiern, Speck, Toast, Fruchtsäften und natürlich Tee, machten wir uns auf an den indischen Ozean. Mt. Lavinia war sicherlich nicht der schönste Ort auf dieser Insel, was auch daran lag, dass das Land nicht aus dieser Gegend sprach, nicht Sri Lanka war und stattdessen den Gewohnheiten und Bedürfnissen von Menschen entsprach, deren Heimat viele Flugstunden entfernt, in einem anderen Teil der Welt lag. Aber wenn man am Strand saß und die Hotelanlagen hinter sich ließ, dann war man mit sich und dem Ozean alleine.

 

Ich setzte mich in den Sand, grub meine Zehen tief ein und ließ mich von der Brandung umspülen. Jede Welle, die aus dieser Ewigkeit zu mir kam, zog einen Gedanken mit sich hinaus in die Ferne, bis ich völlig leer und erfüllt bei mir saß und mich zum ersten Mal in meinem Leben selbst spürte. Doch die Faszination dieses Moments war nur von kurzer Dauer, denn die Anwesenheit fremder Kulturen hatte hier einen Virus geschaffen, der bereits das ganze Land befallen hatte. Weiße Haut und eine lange Nase zogen ein Heer von Händlern, Bettlern, Blinden, Krüppeln und vor allem Kindern an, die ihre Opfer liebevoll umringten, mit den Händen drückten und mit allzu verzweifelten Augen anstarrten, bis diese Hände schließlich Geld fühlen konnten oder sich das Opfer in seine Unterkunft rettete. Diese Menschen fielen mit einer solchen Aufdringlichkeit über mich her, dass ich mich schon nach wenigen Minuten in mich selbst retten musste, um auf keinen Fall unfreundlich oder gar aggressiv zu werden. Ich war verunsichert und wusste nicht, wie ich auf diese Situation reagieren sollte. Besonders belastend war der Umstand, dass ich mich in die freundlichen Blicke und die lachenden Gesichter verliebte, helfen wollte und doch wusste, dass jede Rupie am Ende doch nur das Gegenteil von dem bewirkte, was ich mir in meinen romantischen Vorstellungen ausgedacht hatte. An diesem Abend waren wir erst einmal bei unseren Hausherren eingeladen, denn es war Vollmond und damit Anlass für eine Feierlichkeit. Ich musste darüber nachdenken, dass wir alle den gleichen Mond sahen und doch so unterschiedliche Konsequenzen aus dieser Tatsache für unser Leben zogen. Es war nicht die Hautfarbe oder die Palmen am Strand, die uns zu unterschiedlichen Menschen machten. Es waren die vielen Kleinigkeiten, die am Ende ein Leben ergaben.

 

Am nächsten Tag verließen wir Mt. Lavinia und machten uns auf den Weg nach Hikkaduwa, einem kleinen Ort an der Südküste. Es war eine richtige Erlösung, als wir den Einzugsbereich von Colombo endlich hinter uns hatten und plötzlich das Sri Lanka vor uns lag, wie ich es mir in meinen Träumen vorgestellt hatte. Die Klarheit des Seins war beeindruckend und ließ mich über lange Strecken einfach aus dem Fenster starren, ohne dabei auch nur einem einzigen Gedanken zu folgen. Ich erlaubte der Landschaft ohne Widerstand in mich zu dringen und mich mit einem Zauber zu erfüllen, den nur die Natur selbst zu erzeugen vermag. Sicherlich gab es für jeden Menschen Augenblicke, in denen er sich eins mit der Welt fühlte und damals auf dieser Fahrt war mein Moment. Es war eine reichlich schmale Straße, auf der sich der Verkehr zwischen Colombo und Galle im Süden zwängte. Schon in den ersten Minuten war es mir unbegreiflich geworden, wie so mancher Bus, der uns entgegenkam, auch an uns vorbeifahren konnte, ohne für alle Beteiligten den sicheren Tod mit sich zu bringen. Ich entschloss mich daher, mein Leben in Anuras Hände zu legen, und wandte mich stattdessen all den Dingen zu, die links und rechts der Straße zu sehen waren.

 

Zum Meer hin war es ruhig, fast schon eine romantisch verträumte Atmosphäre, in der sich das gleißende Licht des Ozeans in den weiten Fächern der Palmen brach, die den goldgelben Strand säumten. Es wirkte aufgeräumt und leer, ganz so, als hätten hier die Träume dieser Welt ein Zuhause gefunden. Auf der anderen Seite der Straße waren die Menschen mit ihren vielen meist notdürftigen Hütten aus Bambus, Wellblech und anderen Materialien, die wir zu Hause wohl einfach in den Müll geworfen hätten. Wir fuhren vorbei an kleinen Läden und Restaurants und waren immer wieder erstaunt und verzaubert beim Anblick einer dieser Riesenechsen, die oft einfach aus den Büschen kamen oder um die Hütten spazierten. Manche Leute führten am Straßenrand sogar eine meterlange Schlange, mit einer Schnur um den Hals, spazieren und alles fügte sich nahtlos in den grünen Hintergrund des Dschungels, der oft bis an die Häuser und Hütten reichte. Was ich sah, wirkte einfach, geordnet und friedlich. Die Menschen trugen einfache Kleidung und den traditionellen Sarong, doch der eigentlich leuchtende Stein in diesem bunten Mosaik, waren das allgegenwärtige Lachen, die strahlenden Augen und eine Weichheit, die mir bis dahin unbekannt war. Ich habe diesen Anblick und das Gefühl von Harmonie und Geborgenheit bis heute in mir getragen und über viele Jahre davon gezehrt. Doch nun, da ich diese Zeilen niederschreibe, drängt sich ein ganz anderes Bild wie ein Dämon in diese Erinnerungen und ich kann nur erahnen, was an diesem Tage, der etwa zwanzig Jahre nach meiner Reise über dieses Land hereinbrach, geschah, als mit der Welle des Tsunami der Tod und unvorstellbares Leid über die Menschen und Tiere kamen, die hier lebten.

 

Nach einer heißen Nacht, in der ich nur wenig Schlaf fand, machte ich mich schon sehr früh auf den Weg und ging an den nur wenige Meter entfernten Strand. Trotz der frühen Stunde des Tages brannte mir die aufgehende Sonne mit solcher Kraft in mein Gesicht, dass ich nur wenig sehen konnte. Ich setzte mich neben eines der Fischerboote, die man überall an diesem weißen Strand finden konnte, und ließ meinen Blick entlang den Wellen wandern, die hier unablässig ihre Arbeit verrichteten. Der Strand war mit weißem Dunst überzogen, aus dem riesige Palmen ragten, die sich leicht nach vorne beugten, um dem Meer und der Sonne ihren Respekt zu bezeugen. Außer mir waren nur wenige Menschen zu dieser frühen Stunde unterwegs und ich hatte ausgiebig Zeit, die einheimischen Fischer dabei zu beobachten, wie sie ihre Boote ans Land schoben, die Netze versorgten und sich dabei angeregt unterhielten. Ich war froh allein zu sein, da in diesem Moment so viel in mich hineinströmte, dass jedes Wort die Einmaligkeit dieses Schauspiels zerstört hätte. Wenn man versucht über ein Wunder zu reden, so muss man es zunächst einmal selbst erlebt haben, bevor man es überhaupt in Worte fassen kann und so manche Erfahrung, die man in seinem Leben macht, lässt sich wohl nie in Worte fassen, muss stattdessen gelebt und gefühlt werden.

 

Im Gegensatz zum täglichen Leben der Menschen, hatte es die Sonne in diesem Teil der Welt ausgesprochen eilig, den neuen Tag zu beginnen, denn schon nach einer halben Stunde war das ganze Schauspiel zu Ende und der Tag hatte unwiderruflich begonnen. Doch in diesen wenigen Minuten lag die ganze Schöpfung ausgebreitet vor mir und floss durch alle Herzen, die mutig genug waren, sich bedingungslos zu öffnen, denn es war eine Zeit, in der man absolut nichts geben konnte, aber alles empfing. Heimlich hob die Sonne den Himmel am Horizont nach oben und blickte verstohlen in die Nacht, die uns anfangs noch fest in ihrem Griff hatte. Je länger sie auf die Erde sah, gesellten sich alle Farben des Universums zu ihr und verwandelten den Ozean und dann das Land in eine Fantasie, die sich ständig veränderte, bis sie schließlich im hellen Tageslicht der Sonne erstarrte. Es waren Momente des Übergangs, der Verwandlung und der Offenbarung einer Wahrheit, die so klar und unmissverständlich vor mir lag und doch im vermeintlich realen Wesen der Dinge verschwand. Ich hatte einige Mühe, mich aus meinem Traum zu lösen, denn mein Blick war fest mit dem Horizont verbunden und ließ meinen Körper als leere Hülle in den Wellen zurück, die noch immer über den Strand rollten. Meine Füße trugen mich über den inzwischen heißen Sand zurück in mein Zimmer. Die Anderen waren bereits aufgestanden und erwarteten mich auf der Terrasse mit dem Frühstück. Doch es war nicht die Zeit, um zu sprechen und wahrscheinlich hätte weder Monkey, noch Klaus-Peter überhaupt verstanden, was ich da gerade erlebt hatte. Ich fürchtete mich so sehr, dass mein Gefühl im Banalen, im Nebensächlichen verenden könnte. Ich war einfach glücklich und bemerkte mit großer Traurigkeit, dass ich von Minute zu Minute weiter in diese Welt zurückkehrte.

 

In den folgenden Tagen verbrachte ich jeden Morgen am Strand, denn ich war geradezu gierig auf diesen Moment geworden. Wenn ich in der Dunkelheit das Zimmer verließ, spürte ich keine Müdigkeit, sondern folgte einem Ruf, der mich direkt an den Strand zog. Mit jedem neuen Morgen löste ich mich ein bisschen mehr von dieser Welt, wurde ruhiger und bewusster, bis ich eines Tages den Punkt erreichte, dass ich keinen eigenen Gedanken mehr in mir trug und dem Tode näher war als dem Leben. Meine innige Liebe zum Sterben fand hier ihre reale Übersetzung und zeigte sich in ihrer bizarrsten Form, denn in diesen Stunden am Strand wollte ich um alles in der Welt sterben, nur um endlich zu leben. Es war nicht der Tod, das banale Ende meiner Existenz, sondern der lebensbestimmende Wunsch, nicht hier sein zu müssen, der mich immer wieder in die dunklen Gänge der Gedanken trieb. Ich wollte leben, hier am Strand bleiben und nie wieder in die reale Welt zurückkehren.

 

So sehr ich die aufgehende Sonne auch anflehte, ich fand mich immer wieder im Licht des Tages wieder und durfte nur mitnehmen, was ich in meiner Seele tragen konnte. Meine morgendlichen Stunden am Strand hatten aber eine befreiende und vor allem entlastende Wirkung auf meine Seele, denn zum ersten Mal in vielen Jahren konnte ich wieder tief schlafen, mich in Träumen von mir selbst lösen und meinem Körper die Ruhe geben, die ihm zu lange verwehrt worden war. Meine zwei Reisegefährten ahnten nur wenig von meinen morgendlichen Ausflügen in die Ewigkeit und sorgten dafür, dass ich den Bezug zu dieser Welt nicht ganz verlor. Nun, da ich endlich in Sri Lanka angekommen war und sich meine Seele von so mancher Last befreien konnte, die ich selbst mitgebracht hatte, unternahm ich meine ersten wirklichen Schritte in die Welt, in der ich mich nun befand.

 

Es war eine Welt der Gerüche und überall war die heiße Luft von Düften durchtränkt, die hier aus den unzähligen Kochtöpfen und Pfannen aufstiegen, die irgendwo in den notdürftigen Bambushütten standen und die Menschen mit Fladenbrot, Curry-Gerichten, Tandoori und Safranreis erfreuten. Zusammen mit den mir noch fremden Gerüchen, die der nahe Dschungel mit seinen Palmen und einem beinahe undurchdringlichen Dickicht über die Gegend legte, entstand ein Fest der Sinne, das in dem Rauschen des Meeres und der erbarmungslosen Sonne eine Perfektion erreichte, die mich mit sich zog und mir ein Gefühl grenzenloser Freiheit gab. Unsere Tage waren ruhig, denn im Grunde gab es hier nicht viel zu tun und die einzig wirklich markanten Punkte unseres Tagesablaufs waren die Zeiten, an denen wir uns zum Essen zusammensetzten. Es war daher schon ein Erlebnis, als wir das erste Mal in Hikkaduwa im Francis zum Abendessen gingen. Als sich die Hitze des Tages langsam auf den Rückzug machte, duschten wir, legten noch etwas Parfüm oder Patchouli auf und zogen uns neue Hemden und Hosen an, die wir zuvor bei einem Stand auf der Straße erstanden hatten. Als wir so loszogen in unseren leichten und formlosen Hosen, den einfachen und ebenso unmodischen Hemden, erinnerte ich mich an Woodstock und die Bilder, die ich von den Hippies gesehen hatte.

 

Im Vergleich zu unserer Ankunft hatte sich unser Schritt schon deutlich verlangsamt und wir schlenderten die Straße hinunter, blieben hier und da an einem Stand stehen, verhandelten Preise, als ob wir schon immer hier gelebt hätten. Das Restaurant war einfach, aber hinlänglich bekannt und es dauerte fast eine Stunde, bis wir endlich unser Essen bekamen. Ich folgte dem guten Rat meines Hausarztes in Tübingen und hielt mich zunächst an Gemüse und Früchte, um meinen Magen langsam an die einheimische Küche zu gewöhnen. Doch eine schwäbische Zunge hat auch ohne Fleisch so ihre Probleme, wenn sie zum ersten Mal mit echtem Curry Bekanntschaft macht. Die Gewürze brannten sich langsam ihren Weg durch meinen Körper und noch am nächsten Tag wurde ich unmissverständlich daran erinnert, dass es zum Abendessen Curry gab. Was immer ich von diesem und anderen Gewürzen wusste, war mit diesem Tag vergessen, denn hier war die Heimat des Geschmacks, intensiv und nachhaltig. Nach dem reichhaltigen Essen besorgten wir uns noch ausreichend Arrak, der hier überall erhältlich und so eine Art Cognac war, der aus Früchten und Kokosnüssen gewonnen wird. Wir saßen in der kühlen Nacht am Strand, ließen uns von einem der nahe gelegenen Lokale frischen Ananassaft bringen, den wir mit dem Arrak mischten und erzählten uns Geschichten. Was wir vor uns sahen, gaben uns der Mond und die Sterne, was wir hörten, gaben uns die Wellen des Meeres und was wir fühlten, kam aus unseren Seelen. Es war schön zu leben, auch auf dieser Seite.

 

Nach einigen Tagen machte sich die Unruhe in uns bemerkbar und wir brachen unsere Zelte in Hikkaduwa ab und suchten den Weg in den Süden. An unserem letzten Abend waren wir noch bei unseren Vermietern zum Essen eingeladen, die uns mit der ganzen Familie und einem opulenten Mahl verabschieden wollten. Schon am nächsten Morgen packten wir unsere Sachen in Anuras Auto und verließen diesen Ort, der uns so viel Freude gebracht hatte. Unser Weg führte uns zum Teil an der Küste entlang, zum Teil aber auch auf beinahe unbefahrbaren Straßen durch den Dschungel. Wir fuhren durch kleine Dörfer, die mitten in diesem Grün lagen und in ihrer Einfachheit einen geradezu beschützten Eindruck auf mich machten. Viele der Unterkünfte waren zumindest für unsere Verhältnisse sehr primitiv, doch war es überall sauber und an vielen Orten sogar liebevoll gepflegt. Eine besondere Attraktion waren die vielen Kinder, die immer zur Mittagszeit in ihren weißen Schuluniformen nach Hause gingen. Jede Biegung und jeder Hügel, den wir überquerten, brachte etwas Neues und die sich ständig verändernde Landschaft bereicherte ihre innere Faszination noch mit einer Elefantenherde, die wir in einer Lichtung friedlich grasen sahen, unzähligen Affen und farbenprächtigen Vögeln, die ich noch nicht einmal in der Wilhelma je zu sehen bekommen hatte.

 

Dann hielten wir an einem der vielen Strände an, um uns die Füße zu vertreten und eine der Inseln zu fotografieren, als mich plötzlich ein ziemlich junges, einheimisches Mädchen in reinstem Deutsch ansprach. Ihre offene und unbeschwerte Art brachte mich zum Lachen. Es machte mir viel Freude ihr zuzuhören und den Geschichten zu lauschen, die sie über diese Gegend zu erzählen hatte. Ihr Name war Anita Swarna de Silva und sie wohnte in Weligama, einem kleinen Ort in der Nähe dieses Strandes. Ich denke, dass ich mich auch am Ende meines Lebens noch an ihr unbeschwertes Lächeln erinnern werde, denn es sind Momente wie diese, selten, aber wertvoll, die unser Leben in seiner Einzigartigkeit ausmachen. Gerne wäre ich noch länger bei ihr geblieben, doch mussten wir weiter, um unser Ziel noch an diesem Abend zu erreichen. Auf dieser Fahrt war viel zu wenig Zeit, um die Eindrücke tiefer in mich aufzunehmen und es waren derer auch zu viele.

 

Schon bald stand die größte Buddha Statue des Landes vor uns und wir folgten einem Tempelwächter durch einen unterirdischen Gang, an dessen Wänden die ganze Lebensgeschichte von Buddha in vielen Bildern festgehalten war. Nach dieser Fahrt war ich richtig froh, als wir endlich in Tangalla Quartier machten. Es war die größte und wohl auch schönste Bucht in Sri Lanka, die sich vor uns in all ihrer Schönheit ausbreitete, als wäre das Einmalige auf dieser Insel nur ein Teil eines gewöhnlichen Tages. Doch schon bald wurden wir an andere Realitäten erinnert, denn Klaus-Peter wurde ganz plötzlich krank, entwickelte sehr hohes Fieber, starke Kopfschmerzen und einen elenden Durchfall. Da wir in dieser Gegend kaum mit einer sinnvollen ärztlichen Versorgung rechnen konnten, zogen wir uns auf Medikamente zurück, die wir aus Deutschland mitgebracht hatten und hofften, dass wir Klaus-Peter auf diese Weise wieder auf die Beine bringen würden. Es ging ihm nicht gut und er hatte bestimmt keine Freude an unserer Fahrt nach Arugam Bay, denn die Straßen dorthin wurden zunehmend schlechter und führten uns durch dichten Dschungel. Bezeichnenderweise bezogen wir dort Quartier im „Hide Away“ und Klaus-Peter verschwand sehr schnell in seinem Bett, um sich auszuruhen. Es war ein schönes Haus, das in eine wundervolle Umgebung eingebettet war und der Umstand, dass es hier kein elektrisches Licht gab, konnte die Schönheit dieser Unterkunft nicht schmälern. Monkey und ich zogen uns nach dem Abendessen auf die Veranda zurück, labten uns an einer Flasche Arrak und ließen uns durch die kühlen Stunden der Nacht treiben. Wir hatten sehr viel Spaß und dies selbst in dem Moment, als eine beachtlich große Schlange genau vor unseren Füßen Rast machte, uns genau beobachtete und dann in aller Ruhe wieder ihres Weges zog. Irgendwie passte sich diese Schlange harmonisch in den unbeschreiblichen Sternenhimmel ein, der hier im Süden zu sehen war. Es war ein seltsames Lebensgefühl, das sich da so langsam in mir breitmachte.

 

Unsere nächste Etappe führte uns an die Ostküste nach Kalkudah und damit in dieser Jahreszeit auf die dunkle Seite des Mondes, denn entgegen unseren Erwartungen war hier keine Saison, wie an der Südküste, sondern nur ein von allen Seelen verlassener Landstrich. Nach unserer ersten Begeisterung, die ihren Grund darin fand, dass uns dieser Strand ganz alleine gehörte, folgte der Einblick in Dantes Hölle. Alle Unterkünfte waren geschlossen und es war Anura zu verdanken, dass wir überhaupt jemanden fanden, der uns eines seiner verlassenen Zimmer öffnete. Es musste die wohl schlimmste Nacht meines bisherigen Lebens gewesen sein. Es war eine nach allen Gesichtspunkten schäbige Unterkunft und die Luft musste in diesem Zimmer bestimmt schon Wochen gestanden und sich in aller Ruhe mit dem Staub und den Kakerlaken zu einem einzigen Ganzen verbunden haben. Es war einfach unmöglich hier zu schlafen und so hielten wir uns an die letzten Reste Arrak, die wir in unserem Gepäck finden konnten, brachen mit den ersten Sonnenstrahlen auf und fuhren in Richtung der Stadt Kandy, die im Landesinneren lag.

 

Auf unserem Weg besichtigten wir die Tempelanlagen von Polonaruwa und ich nutzte die Gelegenheit mir von einem dieser heiligen Männer aus der Hand lesen zu lassen. So sehr ich mich auch bemühte, diese Sache als Scherz zu betrachten, so schnell zog mich der alte Mann in seinen Bann, denn die Berührung seiner Hände ließ in mir ein Gefühl zwischen Traum und Schwindel aufkommen und ich hoffte inständig, dass er meine Hand nie wieder loslassen würde. Er blickte mir lange still in die Augen und berichtete dann, dass ich einmal für mein Land arbeiten würde und dabei die Möglichkeit hätte, sehr reich zu werden. In meinem Leben würde ich nur einmal heiraten und zwei Kinder haben. Auch würde ich zumindest drei Häuser und mehrere Autos mein eigen nennen, jedoch sei mir angeraten, mich von Wasser fernzuhalten, da hierin ernsthafte Gefahr für mein Leben verborgen sei. Der alte Mann wohnte noch Tage in meiner Seele und mehr als seine Weissagung, der ich nicht allzu viel Bedeutung beimessen wollte, überraschte mich, dass die Berührung eines Fremden in mir nicht die gewohnte Ablehnung, sondern Geborgenheit und ein Gefühl tiefen Glücks hervorgerufen hatte.

 

Jedenfalls gingen mir auf der folgenden Fahrt nach Sigiriya mehr Gefühle als Gedanken durch den Kopf, die erst wieder verstummten, als ich vor dem riesigen Felsen stand, der in Sigiriya inmitten von alten Gärten lag. Schon bald ließ uns Anura wissen, dass wir auf diesen Felsen steigen mussten, um die alten Fresken und vor allem den sensationellen Blick auf das Land genießen zu können. Doch alles, was ich damals sehen konnte, waren ein paar notdürftig an den Felsen gebaute Stiegen und Wege, zumeist aus einfachem Holz und Geländern, die kaum in der Lage waren, meine aufkommende Unruhe zu bekämpfen. Ich fasste allen Mut, der mir beim Anblick dieser Architektur geblieben war, und sah den anderen Touristen zu, wie sie langsam den Weg zum Gipfel hinter sich brachten. Anfangs konnte ich den Anderen noch folgen und sogar einige der Fresken bewundern, doch als ich dann plötzlich mitten in einem senkrechten Aufgang auf einer Art Leiter stand, die nur von ein paar billigen und vertrauensunwürdigen Gittern umgeben war, fiel mein Blick zu allem Unglück nach unten und ließ mich in eine Leichenstarre verfallen, die es mir nicht mehr möglich machte, nach oben oder nach unten zu gehen. Ich klammerte mich an diese Leiter und starrte den Felsen an, der genau vor meinen Augen war. Wer damals auch immer unter mir war, half mir langsam mit guten Worten und festen Händen nach unten und ich setzte mich an den nächsten freien Platz, der mir sicher genug erschien und keinen Blick nach unten erforderte. Selten war ich so froh wieder mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen, wie nach meinem Abstieg und ich beneidete meine Reisegefährten keineswegs, dass sie es bis zum Gipfel geschafft hatten.

 

Ich war voller Erwartungen, als wir uns der Stadt Kandy näherten, und wunderte mich zunächst noch, dass es um diese Tageszeit schon so dunkel geworden war, als es ganz plötzlich zu regnen begann. Doch damit war es nicht getan, denn der Regen wurde innerhalb von wenigen Minuten so stark, dass Anura das Auto mitten auf der Straße anhalten musste, weil er vor sich nichts mehr sehen konnte. Durch das Wasser, das sich nun in Strömen über uns ergoss und die Autoscheiben mit einem dicken Film überzog, konnte ich in Umrissen erkennen, wie wahre Sturzbäche von den Dächern der Häuser kamen und sich auf die Straße stürzten, die schon nach kurzer Zeit völlig unter Wasser stand. Das also nannte man Monsun. Mit dem Nachlassen des Regens setzten wir unsere Fahrt fort, bis wir endlich am Haus von Anuras Onkel ankamen, wo wir als Gäste angemeldet waren.

 

Es waren schöne Zimmer, die wir hier zu später Stunde bezogen und wir alle sanken müde in den Schlaf. Am nächsten Morgen hatte man uns im Garten zwei Tische mit dem Frühstück hergerichtet. Vor uns lag ein gepflegter englischer Rasen, der von Palmen, Büschen und vielen Blumen umgeben war und überall tollten Affen in den Ästen herum und manche besuchten uns sogar an unseren Tischen. Das Haus war an einen Hang gebaut und obwohl es mitten in Kandy lag, gab es hier keinen Verkehrslärm. Es war eine Oase der Ruhe. In meiner Erinnerung erscheint Kandy noch immer als eine schöne Stadt, was zum Teil daran liegen mag, dass man sich sehr schnell an die einfache Bauweise, die abgenutzten Wände der Häuser und eine liebevoll angeordnete Unordnung gewöhnt und dann die Schönheit erkennt, die sich hinter dieser Oberflächlichkeit verbirgt. Am Ende fühlte ich mich in dieser Umgebung deutlich wohler als in dem gepflegten botanischen Garten der Stadt, den wir später besuchten und der zu Hause sicher einmalig gewesen wäre. Doch auch hier in Kandy gab es einen Ort, der in der Lage war, eine Seele zu verzaubern und mit sich zu ziehen.

 

Wir besuchten den Zahntempel, von dem die Einheimischen sagen, dass hier ein Zahn von Buddha aufbewahrt wird. Wir reihten uns in die Schlange der Gläubigen ein, die durch ein großes Tor in den Innenraum strömten, wo der eigentliche Schrein stand. Vor uns sorgten einige Menschen mit Trommeln und Flöten für die notwendige Klangkulisse, die sich harmonisch mit den intensiven Gerüchen des Räucherwerks und den Blumen verband, die man als Gaben mitbrachte. Natürlich konnten wir den Zahn selbst nicht sehen, da dieser in einer eigenen Schatulle verborgen war und man lediglich daran vorbeigeschoben wurde. Es war eine Glaubensfrage und genau diese Frage begann mich intensiv zu beschäftigen, da mich der Anblick dieser betenden Menschen betroffen machte. Es lag etwas Reines, etwas Unbeflecktes in der Art, wie diese Menschen in Andacht und Demut versanken. Fast hatte ich das Gefühl, dass sich hier Menschen selbst weggaben, im Strom des Lebens für Minuten flussabwärts treiben ließen und ihre in Rauch gehüllten Körper vor dem Altar auf ihre Rückkehr warteten. Meine Augen blieben an diesem Bild heften, beobachteten jede Bewegung und versuchten zu verstehen, zu fühlen, was da zwischen diesen Menschen und ihrem Gott geschah. Ich war ganz in diesem Bild eingetaucht und, wie zuvor im Tempel von Polonaruwa, versagte mir die Sprache und meine Füße hatten ihre Probleme, mich weiter zu tragen, wurden träger und drohten mir den Dienst zu verweigern. Ich war hier Zuhause und wusste nicht warum. Ich fand schließlich den Weg aus dem Tempel, nur um sofort in einen anderen kleinen Tempel zu gehen, wo ich kleine weiße Blumen opferte und zu beten begann, zu einem Gott, den ich nicht kannte, der mir aber vertraut und nahe war. Für den Rest des Abends schwieg ich mich wieder einmal aus, gab vor müde zu sein und ließ mich von einem Gefühl des Glücks umspülen, bis ich schließlich in tiefer Dankbarkeit einschlief und meine nächtliche Reise begann.

 

Schon bald brachen wir unsere Rückreise nach Hikkaduwa an, wo wir noch einige Tage verbringen wollten, bevor wir dann nach Thailand weiterreisen würden. Von Kandy aus gelangten wir ins Bergland, dort wo der Tee angepflanzt wird, den wir so sehr zu schätzen gelernt hatten. Gott selbst musste diese Gegend gestaltet haben, mit den Teeplantagen, die wie breite Tücher über den Hängen lagen und in denen die Pflückerinnen mit ihren farbenfrohen Saris wie bunte Perlen ihr Lächeln preisgaben, mit den Wasserfällen, die inmitten der dichten Vegetation ihren Weg ins Tal suchten und mit den satten und voller Leben strahlenden Farben, die uns mit ihrer Leichtigkeit fast betäubten. Natürlich wurde auch hier unser Auto schon aus der Ferne gesichtet und der Versuch anzuhalten, um diese Pracht zu fotografieren, endete immer wieder in dem erfolglosen Unterfangen, die aus allen Richtungen herbeiströmenden Kinder auf Armeslänge zu halten.

 

Doch auch sonst wurde die Fahrt zunehmend anstrengend und als es dann auch noch zu regnen anfing, verlor auch das Bergland einen Teil seiner Faszination. Der Regen wurde auch diesmal immer heftiger und es mag der plötzliche Temperaturunterschied gewesen sein, der dazu führte, dass inmitten dieses Wolkenbruchs die Windschutzscheibe des Autos in tausend Teile zerbrach. Anura fuhr dennoch für einige Zeit in diesem Wetter bis zur nächsten Polizeistation, um den Vorfall dort zu melden, doch mussten wir die Beamten schließlich mit einigen Kleinigkeiten dazu motivieren, dass sie ein Protokoll aufnahmen. Unsere Reise mussten wir an diesem Punkt erst einmal unterbrechen und nahmen uns ein Zimmer in einem nicht gerade schönen Gasthaus. Unsere Stimmung hellte sich bald wieder auf, als wir uns mit heißem Tee aufwärmen konnten und unsere nassen Kleider endlich los waren. Da der Wirt ohnehin gerade vom Wildern nach Hause kam, gab es zum Abendessen eben ein köstliches Hirschgericht, das wir später beim Kartenspiel mit einer Flasche Arrak abgerundet hatten. Am nächsten Morgen fuhren wir weiter nach Hikkaduwa, was mir ausreichend Zeit gab, die vergangenen Tage nochmals zu durchleben.

 

In Hikkaduwa wohnten wir wieder im selben Gasthaus, was mir ein gewisses Gefühl der Geborgenheit gab. Schon am nächsten Morgen zog es mich wieder in aller Frühe an den Strand, um den Sonnenaufgang zu sehen. Doch meine Tage waren inzwischen anders geworden, denn eine unheimliche Müdigkeit hatte mich erfasst und zwang mich oft in eine tiefe Lethargie. Nicht selten legte ich mich kurz nach dem Frühstück wieder ins Bett und verschlief den ganzen Tag, lag in Zeiten bewegungslos wie im Koma in mir selbst und begann mich in einem Grenzbereich zu bewegen, in dem ich es schon schwierig empfand, meine Träume von dem zu trennen, was ich tatsächlich erlebt hatte. Es war so, als ob meine Sinne sich zurückgezogen und mich in meiner reinsten Form zurückgelassen hatten. Ich hatte nur noch wenig Gedanken, die mir sonst so wirr durch den Kopf gingen, und empfing meine Antworten auf drängende Fragen jetzt als Gefühl. Da waren viele Einbildungen und Fantasien, Niedergeschlagenheit und Wohlbefinden und die Welt verlor ihre bisherige Bedeutung. Manchmal erlebte ich, wie Piraten auf dieser Insel landeten, manchmal war ich einfach nur da, ein Nichts, ein Gedanke, der jede von ihm gewollte Form annehmen konnte, dann wieder war ich ein paar Augen oder ein Stein, der einsam am Strand lag. Es war in diesen Tagen, als ich in mir eine Stimme hörte, die von Tag zu Tag deutlicher wurde und in eine direkte Konversation mit mir eintrat. Bald wurde mir klar, dass dies keines der üblichen Selbstgespräche war, denn diese Stimme war unabhängig und konnte nicht kontrolliert werden. Welche Einheit auch immer hinter dieser Stimme stand, kannte mich zu gut und wusste jedes Detail meines Lebens. Zuletzt konnte ich diese Stimme, wenngleich nur sehr leise, während meiner Exerzitien wahrnehmen, doch nun begannen wir einen regen Dialog, besprachen meine Probleme und vor allem die drängenden Fragen, die mich seit Jahren quälten. Hier musste ich nichts erklären und wurde endlich nicht mehr falsch verstanden, sondern auf Wege und Lösungen hingewiesen, die mein Leben von nun an bestimmten. War es schlecht in dieser Grenzwelt zu leben, Träume zur Realität und Realität zur Illusion werden zu lassen? Für mich war alles real, was in mir vorging, denn jeder Gedanke, jeder Traum und jeder wahrhaft gefühlte Schmerz war tatsächlich vorhanden, hatte in mir Gestalt angenommen und spiegelte eine Existenz wieder, die um ein Vielfaches komplexer und vor allem intensiver war, als alles, was wir mit unseren beschränkten Sinnen wahrnehmen können. Es war das Tor zu wahrer Schönheit und tiefem Leid. Es war aber auch die Brücke in die Vergangenheit und die Zukunft.

 

Ich hatte es in diesen wenigen Wochen geschafft, Tage als erfüllt zu erleben, ohne tatsächlich etwas getan zu haben, denn ich erlebte in meiner Welt mehr als je zuvor. Es waren schöne Tage, die wir in Hikkaduwa hatten. Damals war der Ort noch überschaubar und wir kannten bald die meisten Ausländer, die es auch hierher verschlagen hatte. Es machte mir Spaß, die Geschichten über andere Länder zu hören, über Erlebnisse und die Vielfalt, die sich außerhalb von Tübingen finden ließ. Oft saßen wir die ganze Nacht am Strand oder vor unserem Zimmer, tranken Arrak oder rauchten einen Joint, den jemand mitgebracht hatte. Es waren mehr als nur Reiseerzählungen, denn hinter jeder Person stand eine Lebensart, eine einzigartige Gedankenwelt und die Versicherung, dass meine mitgebrachten Werte und Normen, nicht in Marmor gemeißelt waren und geändert werden konnten oder sogar mussten. In diesen langen Gesprächen erkannte ich, wie sehr ich mich selbst in ein Netz getrieben hatte, dem ich nur schwer entkommen konnte. Anura sagte mir, dass es für uns Ausländer sehr schwierig ist, uns in eine echte Meditation zu begeben oder uns andächtig im Tempel auf Gott zu begrenzen, da uns schon ein nackter Oberschenkel aus der Ruhe brachte. Vielleicht war ich in diesen Wochen auch dieser Fähigkeit etwas näher gekommen, doch gab es nun auch so viele neue Dinge, die mir offen standen, die anders waren und deren Sinnhaftigkeit ich für mich selbst entscheiden musste. Bald schon würde ich wieder in Deutschland sein, wo niemand morgens Entspannung am Strand sucht und sich in einem Sonnenaufgang verliert, in einer Welt, die anderen Regeln und Erwartungen folgte, als dies am Strand von Hikkaduwa der Fall war. Doch dafür blieb, wie immer, noch ausreichend Zeit, denn noch hatte ich den Indischen Ozean und das gewinnende Lächeln der Menschen vor mir und ich begann mich mit unserem nächsten Reiseziel zu beschäftigen. Unsere Flüge nach Bangkok waren gebucht.

 

 

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