schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

 

Katzenloch

Ein Reisebericht

 

von

Thomas H. Jäkel

 

 

Teil 1 2 3 4

 

11

 

Ich war froh als ich endlich wieder im Flugzeug saß und das dröhnende Geräusch der Turbinen hörte. Wieder blickte ich aus dem kleinen Fenster hinaus auf die Palmen, die den Flughafen einsäumten, doch jetzt war der Blick vertraut, war ein Teil von mir geworden und ich hatte plötzlich das Gefühl, meine Heimat zu verlassen. Wir mussten lange in der Flughafenhalle warten und Monkey, der sich wieder auf die Reise zurück nach Deutschland machte, war nicht mehr bei uns. Aber ich spürte, wie diese weltlichen Dinge in den letzten Wochen ihre Bedeutung verloren hatten, durchlässig geworden waren und mich wieder in meiner geliebten Glaskugel zurückließen, die mir seit den ersten Tagen in Leutkirch immer gute Dienste geleistet hatte. Ich fühlte mich einsam und verlassen, doch war ich glücklich jetzt in diesem Moment hier zu sein, diese Reise zu unternehmen und endlich meine Seele wiedergefunden zu haben. Es war besser alleine zu sein und der Seele den Raum zu geben, den sie benötigte, als sich im endlosen Strom falscher Sympathien und einer alles durchdringenden Oberflächlichkeit zu verlieren. Ich hatte mit Menschen schon immer meine ernsthaften Probleme und die wenigen guten Freunde, die sich die Mühe machten in meine Welt vorzudringen, habe ich bis heute in meinem Herzen bewahrt. Doch was sollte ich mit all den Menschen anfangen, die weder zu sehen, noch zu hören vermochten, was mir so gegenwärtig war, und die mich Tag für Tag mit ihren gut gemeinten Belanglosigkeiten überschütteten und zu meiner vollen Überraschung nie erkannten, dass Überdruss der Ursprung der Melancholie ist. Und nun flog ich wieder über diesen Ozean, der mir so viel gegeben hatte und dessen magische Kraft meinem Reisegefährten neben mir ganz offensichtlich verborgen geblieben war. Schon bald würden wir Thailand erreichen und ich war ungeduldig mehr von diesem Teil der Welt zu erfahren.

 

Bangkok war ein Schock. Der Flug hatte mich von Colombo über den indischen Ozean getragen und die ersten Reisfelder, die ich zu Gesicht bekam, strahlten etwas Friedliches aus. Das Land war flach und das Wasser in den Reisfeldern spiegelte den blauen Himmel wieder. Es war ein idyllischer und zugleich romantischer Anblick und ich konnte selbst von dort oben die tropische Hitze spüren, die sich zwischen den vereinzelten Palmen verfangen hatte. Doch im Flughafen wurde mir schnell bewusst, dass dies ein ganz anderes Land war und meine Erwartungen, wenngleich romantisch, so doch auch falsch waren. Nachdem wir die üblichen Formalitäten erledigt hatten, verließen wir mit unseren Rucksäcken den Flughafen und wurden dort von einem Heer aufdringlicher Taxifahrer empfangen. Jedoch stand uns damals noch der Sinn nach ausgiebigem Abenteuer und mit einem Taxi in die Stadt zu fahren, wäre schon der reinste Verrat an uns selbst gewesen. So ließen wir mit erheblicher Mühe die Taxifahrer hinter uns und machten uns auf den Weg zur nächsten Bushaltestelle. Anscheinend ging man hier in Bangkok aber nicht davon aus, dass ein Reisender einen lokalen Stadtbus nutzen würde, um in die Stadt zu fahren, denn es bedurfte einiger Anstrengungen, allein schon die Bushaltestelle zu finden.

 

Dort angekommen sahen wir uns beide ratlos an, da die wenigen Informationen, die wir vorfanden, entweder verwirrend oder nur in thailändischer Sprache verfügbar waren und die Menschen, die hier auf einen Bus warteten, zwar nett und freundlich waren, doch ihr breites Lächeln konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie keine lebende Sprache ihr eigen nannten. Ich entschloss mich daher jemanden zu suchen, der eine Brille trug und zumindest eine Zeitung in der Hand hielt. Auf diese Weise wurden wir mit gemeinsamen Anstrengungen in einen Bus verfrachtet, nur um dann schnell wieder herausgerufen und unter heftigen Diskussionen in einen anderen Bus gesetzt zu werden. Genau genommen wurden wir ja in den Bus gedrückt, standen mit unseren Rucksäcken auf der hinteren Plattform und hielten uns notdürftig am Türrahmen fest, um bei der außerordentlich gewöhnungsbedürftigen Fahrweise nicht doch noch auf der Straße zu landen. Vor wenigen Wochen hätte ich ein solches Gefährt allenfalls auf einem Schrottplatz vermutet und nun hing ich da in der offenen Türe und ließ mir den heißen Wind und die Abgase ins Gesicht blasen. Vielleicht lag es daran, dass der Bus hoffnungslos überfüllt war und die Menschen um mich herum ihr Leben diesem schmächtigen Kerl dort vorne am Steuer anvertrauten, aber ich verspürte keine Angst. Alles was ich auf dieser Fahrt sehen konnte, waren endlose Autoschlangen, Beton und eine Stadt, die zu jeder Zeit und in jeder Richtung gleich aussah. Ich wusste nicht mehr, warum ich nach Bangkok gekommen war und sehnte mich zurück an meinen Strand und den Ozean, den ich zurückgelassen hatte. Doch irgendwann deuteten uns die Leute im Bus an, dass wir nun aussteigen sollten und ich folgte dieser Aufforderung nur allzu gerne, um endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

 

Wahrscheinlich sahen wir entsprechend hilflos und dämlich aus, als wir da so am Rand der Straße standen, denn die lächelnden Thailänder hatten uns zwar zum Aussteigen gebracht, dabei aber vergessen uns noch zu sagen, wo wir uns hier befanden. Wir wollten aber unbedingt im Boston Inn übernachten, da Klaus-Peter in Erfahrung gebracht hatte, dass sich dort immer viele Rucksacktouristen trafen. Die Lächelnden waren aber diesmal keine große Hilfe, da es ihnen seltsamerweise nicht möglich war, einen Stadtplan zu lesen und sich damit unsere sprachlichen Möglichkeiten nahezu erschöpft hatten. Zu unserem Glück gab es aber Straßenschilder, die auch in englischer Sprache beschriftet waren und uns die freudige Überraschung brachten, dass wir uns bereits ganz in der Nähe des Boston Inns befanden. Jedoch mussten wir dort erfahren, dass alle Zimmer belegt waren und wir erst am nächsten Tag einziehen konnten. Enttäuscht schnappten wir wieder unsere Rucksäcke und marschierten ins Malaysia Hotel, das man uns als Übergang empfohlen hatte. Es war kein schönes Hotel und viel zu teuer für unsere Verhältnisse, aber es gab uns einen ruhigen Platz zum Schlafen und das war an diesem Tag ganz einfach das Wichtigste. Als wir uns am Abend auf den Weg machten, um die Umgebung zu erkunden, sah diese Stadt doch etwas freundlicher aus, da sich das Grau der schmutzigen Betonwände im Dunkel verstecken konnte und das schwache Licht der billigen Glühbirnen selbst einen Mülleimer noch romantisch aussehen ließ. Zum Abendessen suchten wir uns eine der vielen Straßenküchen aus, an denen es allerlei Köstlichkeiten gab, die wir noch nie zuvor gesehen hatten. So saßen wir dann auf unseren Plastikstühlen, schlürften unsere Nudelsuppe und beobachteten den Verkehr, der sich durch die Stadt drängte und dessen Abgase dem Essen einen ganz besonderen Geschmack gaben. Als wir uns dann für eine Flasche Mekong-Whiskey entschieden, setzte sich auch der Besitzer der Küche zu uns und hörte für den Rest des Abends nicht mehr damit auf, uns mit einem enthusiastischen „Jerman Namba Won!“ auf die Nerven zu gehen. Ganz offensichtlich hatten sich von unserer Heimat nur Bier, Fußball und ausgerechnet Adolf Hitler bis zu ihm durchgesprochen. Diese Art der Unterhaltung wurde trotz aller Freundlichkeit dann doch sehr anstrengend und der einzige Ausweg war, ihn nach der Rechnung zu fragen. Ich war müde geworden und der gemütliche Spaziergang zurück ins Hotel brachte keine besonderen Ereignisse mehr. Es war ein anstrengender Tag gewesen und wie so oft, wenn die Schönheit und Harmonie plötzlich verloren gehen, zog ich mich zurück, um dem quälenden Gefühl der Einsamkeit zu entgehen. Schlafen war in solchen Situationen immer die beste Medizin.

 

Am nächsten Morgen brachen wir gleich nach dem Frühstück auf und verließen das Malaysia Hotel, um möglichst schnell unser Zimmer im Boston Inn zu beziehen. Auf dem Weg dorthin fiel uns wieder eine Bar auf, die wir schon am Abend zuvor gesehen hatten. Jetzt, im hellen Tageslicht, wirkte das viel verheißende Schild „Blue Fox“ wie ein Überbleibsel aus alten Tagen, doch im Gegensatz zu den Nachtstunden ging nun absolut nichts Einladendes und bestimmt nichts Faszinierendes mehr von diesem blassen Schild aus. Unser Zimmer war einfach und hatte außer dem Nötigsten nichts zu bieten, aber wir fühlten uns hier deutlich wohler als in dem Hotel, denn hier gehörte ein Rucksack zur Standardausrüstung und zog keine abwertenden Blicke auf sich. Solche Blicke hatten wir seit unserer Ankunft nur zu oft gespürt und schnell verstanden, dass sich hinter diesem allgegenwärtigen Lächeln noch etwas anderes verbarg als schlichte Freundlichkeit. Widerwillig packten wir daher unser Sri Lanka wieder in die Rucksäcke zurück und tauschten die uns liebgewonnenen leichten Baumwollhosen und die formlosen Hemden gegen unsere westlichen Jeans aus, die wir mit edlen Lacoste Imitationen schmückten, die wir billigst von einem der vielen Händler am Straßenrand erstanden hatten. Anscheinend vermittelte diese ominöse Verwandlung allgemein den Eindruck, dass wir nun zahlungskräftige Kunden waren. Mit diesem Heiligenschein, der nun über uns schwebte, verschwanden wir dann unauffällig in der Masse der Menschen, die sich wie Ameisen durch die Straßen drängten und wir begannen, diese Stadt auf unsere Weise zu erkunden.

 

Die Erinnerung ist eine seltsame, aber auch treue Freundin, die uns eng durch unser ganzes Leben begleitet, uns gar manchen Streich spielt und uns, je nach ihrer Laune, zum Lachen oder zum Verzweifeln bringen kann. Manches wäre sicherlich besser in der Zeit verschollen gegangen und anderes sollten wir ihr auch dann nicht glauben, wenn sie es in hellen Farben vor unsere Augen hält. Über viele Jahre trug ich meine ersten Eindrücke, die dieses Land in mir erzeugt hatte, als widersprüchliche Erinnerung mit mir herum, ohne letztlich in der Lage zu sein, den wahren Charakter dieser Erfahrung zu verstehen. Ich denke heute, dass mich diese Welt ganz einfach verwirrte und mich mit ihren Werten in einem Raum zurückließ, dessen Grenzen ich damals weder Erkennen, noch erahnen konnte. Besonders befremdend war, dass menschliches Handeln in diesem Land ganz offensichtlich an keine moralischen Bedenken stieß, solange damit Geld zu machen oder sonst ein persönlicher Vorteil zu erreichen war. Ich hatte sogar den Eindruck, dass jede noch so kleine Betrügerei oder Lüge, die der Betreffende in bare Münze verwandeln konnte, neben den üblichen materiellen Vorteilen, auch zu sozialer Anerkennung und damit zu mehr Gesicht führte. Was immer ich in den letzten Jahren über den Buddhismus und die asiatische Denkweise auch gelesen hatte, fand hier entweder nicht statt oder versteckte sich so raffiniert hinter diesem unermüdlichen Lächeln, das mir bisweilen eher wie ein schelmisches Grinsen vorkam, dass es sich auf diese Weise erfolgreich dem Verständnis jeder Langnase entziehen musste. Das thailändische Leben war ein einziger Widerspruch, der sich nur durch die Hinzugabe der thailändischen Logik, wenn es eine solche jemals gab, wieder zu einem Ganzen formen ließ. Bangkok war wie seine Menschen, aber auch eine Stadt der krassen Gegensätze, in der sich nicht nur Reich und Arm, sondern auch alle denkbaren Religionen und Nationalitäten in ein seltsames Bild einfügten, das für sich so normal, wie auch harmonisch war. Inmitten eines heillosen Chaos standen goldene Tempel und Pagoden, die eine majestätische Ruhe ausstrahlten und um deren Mauern das aufdringliche Geratter der unzähligen Tuk-Tuks und Motorräder die ohnehin schon stickige Luft erfüllte, um sich liebevoll mit dem intensiven Duft der vielen Garküchen zu vermischen, die man hier überall finden konnte. Es mag die überraschende Konfrontation mit dem Fremden oder eine verwunderte Distanz sein, die uns als Europäer dazu befähigt, auch in der schlimmsten Armut noch etwas Romantisches zu sehen und dieses Elend auf Bildern mit uns in die Heimat zu nehmen. Doch als ich damals durch die schmalen Gassen zog und dann plötzlich vor einem der großen Luxushotels stand, da drängte sich unweigerlich die Frage auf, wie sich die junge Mutter fühlte, die hinter sich an ihrem Nudelstand ihr Baby zum Schlafen gelegt hatte und selbst im Dampf der Garküche kaum mehr zu sehen war. Was ging in diesen Menschen vor, wenn sie diese Ausländer aus den Hotels kommen sahen, die für eine einzige Nacht mehr Geld verlangten, als sie selbst im ganzen Monat verdienten?

 

Die Stadt war sich selbst genug und strapazierte die Sinne auf das Äußerste. Die Seele allerdings blieb unberührt. Hier war die dunkle Welt, die Hermann Hesse in seinem Demian so trefflich beschrieben hatte, eine Welt in der alles Unmoralische zur Normalität gehörte und die Genüsse der Welt für den bereit standen, der sie unbekümmert und wie reife Früchte vom Baum pflückte. Prinzipien und gute Vorsätze hatten hier ein schweres Leben und gerieten nur allzu leicht ins Wanken, da einem die Versuchung unablässig angetragen wurde und der Schritt in den Abgrund nur noch an einer letzten Entscheidung hing. Unsere Streifzüge führten uns tagsüber ins Chinatown und in die prachtvollen Tempel der Stadt, wir zwängten uns durch endlose Märkte, die sich oft in den engen Gassen am Rande der großen Straßen befanden, wir fuhren in engen Booten durch die vielen Khlongs, wie man die Kanäle nannte, die vor allem das alte Bangkok durchzogen und wir suchten immer wieder Zuflucht in einem der klimatisierten Kaufhäuser, wo wir uns ausruhten und, wie die Thailänder auch, kaum etwas kauften. Hier gab es richtige Diebesmärkte, die alle erdenklichen Dinge zum Verkauf anboten und so dem alten Besitzer die letzte Möglichkeit gaben, zu kaufen, was ihm zuvor gestohlen wurde. Die Straßenhändler verramschten von kopierten Rolex Uhren bis hin zu Lacoste Hemden alles, was wir uns zuhause nie hätten leisten können. Immer wieder wurden uns in aller Öffentlichkeit Drogen angeboten, doch hatte man uns im Boston Inn schon vorgewarnt, dass diese Händler eng mit der Polizei zusammenarbeiteten und schon so mancher Tourist erhebliche Summen aufbringen musste, um seine Freiheit wieder zu gewinnen. Es war auffällig, wie viele natürlich schöne Menschen es hier gab und wie wenige davon in der Lage waren auch nur zwei Zahlen im Kopf zu addieren. Überall sah man billige Taschenrechner und entsetztes Erstaunen, wenn man den Endbetrag schon wusste, bevor der Straßenhändler auch nur die Zahlen eingetippt hatte. Wie Zuckerguss lag natürlich auch hier das monotone Lächeln auf allen Gesichtern, doch ließ sich diese Fassade ganz einfach mit kleinen Späßen in ein natürliches Lächeln verwandeln. Es war bestimmt nicht einfach, ein Thai zu sein.

 

Unsere Standhaftigkeit verwandelte sich schon bald in erwartungsvolle Neugier und verlor sich zusehends in der Versuchung. Mehr noch als die aufdringlichen Händler, die ihre Waren mit allen erdenklichen Tricks an den Mann bringen wollten, zermürbten uns die Aufreißer, die uns in die Massagesalons und Bordelle der Stadt abschleppen wollten. Was wir von ihnen angepriesen bekamen, klang bizarr und abstoßend, doch war es gerade das Unvorstellbare, das Neue, das uns schon bald bereitwillig in die Tempel der Sünde ziehen ließ. Es war eine Erfahrung, die ich nie vergessen habe. Ich war damals in solchen Dingen ohnehin noch etwas unerfahren und meine grundsätzliche Abneigung gegen jegliche Berührungen war nicht gerade hilfreich, wenn es um intime Kontakte mit dem anderen Geschlecht ging. Frauen waren mir schon damals von Grund auf suspekt und die Erfahrungen der letzten Jahre waren diesbezüglich eher von Problemen und Erniedrigungen geprägt als von der Lust und Freude, die andere Menschen ganz offensichtlich darin fanden. Der Gedanke, dass ich mich nun selbst in ein solches Etablissement begeben sollte, führte mir das wenig erfreuliche Bild vor Augen, als wir unseren behinderten Freund damals in Reutlingen ins Bordell brachten. Aber nun waren da der Reiz des Neuen, das Exotische und natürlich der Umstand, dass man unrasiert und fern der Heimat eine ganz andere Freiheit in sich trägt als zuhause. Meine Besuche im Massagesalon und in den Go-Go-Bars hatten eine geradezu befreiende Wirkung auf mich. Abgesehen von den geschäftlichen Rahmenbedingungen gab es dort nur Ausgelassenheit und natürlichen Spaß. Ich muss zugeben, dass ich die Gesellschaft dieser lachenden und ausnahmslos unkomplizierten Damen durchaus angenehm fand. Besonders dankbar war ich ihnen dafür, dass sie mich spielerisch zum Lachen brachten und ich für einige Stunden die Zeit und die Welt vergessen konnte, die noch immer auf der anderen Seite der Türe auf mich wartete. Natürlich blieb auch hier die Seele unberührt, doch schafften es diese schönen Wesen immer wieder eine Stimmung zu schaffen, in der sich der Mensch in mir von seinen Wunden erholen konnte. In diesen Nächten vermischten sich Werte, zerbrachen Vorurteile und ein neues Weltbild begann sich in mir zu formen. Das enge Korsett meiner Welt musste gelockert werden, damit auch ich endlich die notwendige Luft zum Atmen bekam. Unsere Heimwege wurden zunehmend ruhiger und selbst die Gassen, durch die wir zogen, passten sich nun harmonischer in ein Gesamtbild ein, als sie dies noch vor wenigen Stunden bei Tageslicht getan hatten. Diese Stadt kam auch nachts nicht zur Ruhe und auch wir zogen immer ein letztes Bier im „Blue Fox“ dem längst überfälligen Schlaf vor.

 

Es war an der Zeit, diesen Moloch zu verlassen und uns wieder auf den Weg zu machen. Wir entschieden uns mit dem Bus in den Süden auf die Insel Phuket zu fahren. Die Busfahrt war ein einziges Grauen und wir empfanden es als Erlösung als wir endlich am Ziel angekommen waren. Zum Glück hatte ich am Busbahnhof in Bangkok Dave Uhl kennengelernt, ein Kanadier, der gerade aus Hong Kong kam und sich nun einige Monate hier in Thailand herumtreiben wollte. Wir hatten uns viel zu erzählen und das war auch gut so, denn auf diese Weise konnten wir uns ausreichend ablenken und die sechzehn Stunden überstehen, die wir mit angezogenen Beinen in unseren Sitzen zubringen mussten. Als wir am Morgen endlich in Phuket ankamen, waren wir alle müde und vor allem total durchgefroren, da es der Busfahrer, wie üblich in diesem Land, zu gut mit der Klimaanlage gemeint hatte. Inzwischen hatte sich auch Klaus Spielvogel unserem kleinen Team angeschlossen und wir alle sehnten uns zunächst einmal nach einer warmen Tasse Tee. Die anschließende Suche nach einer geeigneten Unterkunft am Patong Beach ließ mich vermuten, dass Neckermann hier bereits Fuß gefasst hatte und wir mussten schon bis an das Ende der Bucht fahren, um im „Sea View“ eine akzeptable Unterkunft zu finden. Ich zog zusammen mit Dave in ein Zimmer und Klaus-Peter teilte sich ein Zimmer mit Klaus. Gegen Abend saß ich alleine vor unserer Unterkunft und freute mich an dem Farbenspiel, das die einbrechende Dämmerung über die Bucht legte. Ich war froh, dass ich Bangkok entkommen war und hoffte hier an diesem Strand wieder zu mir zu kommen. Ich war sehr müde geworden und wäre sicher dort in diesem Liegestuhl eingeschlafen, wenn nicht die Anderen über mich hergefallen wären, um mich zum Abendessen zu überreden. Wir fanden auch gleich den richtigen Platz bei einem netten Thailänder, der seine Straßenküche direkt am Strand aufgebaut hatte und aus seinen wenigen Töpfen und Pfannen wunderbare Gerichte zauberte. Später nannten wir ihn einfach Same-Same, weil für ihn ganz offensichtlich alles, was wir bei ihm bestellten, das Gleiche war. Ich bekämpfte meine Müdigkeit mit einem Kaffee und schloss mich der Gruppe an, die ganz wild darauf war, die Gegend zu erkunden. Schon nach wenigen Metern hörten wir Musik aus einer Nebenstraße und folgten diesem Ruf der Nacht. Auf beiden Seiten der schmalen Gasse reihten sich unzählige Bars, die zumeist aus Bambus gebaut und zur Straße hin offen waren. Dort standen hunderte junger Damen, die uns wild zuwinkten und wie die Sirenen in ihre Höhlen locken wollten. Dave war begeistert, denn er hatte zuhause von einem Freund noch die Adresse eines Dänen bekommen, der hier eine Bar hatte. Zielstrebig steuerten wir auch gleich das „Happy Heart“ an und fanden uns in einer Geburtstagsparty wieder. Wir waren eingeladen und wurden mit Glenfiddich geradezu abgefüllt. Die Dänen ließen sich aber keineswegs lumpen und versorgten uns auch ausgiebig mit thailändischem Gras, das wir hinter der Bar in einem der Bungalows rauchten. Es müssen Stunden gewesen sein, die wir zwischen Barhocker und Bungalow zubrachten und das Ende der Nacht wurde mir erst so richtig bewusst, als ich morgens wieder in meinem Zimmer aufwachte.

 

Dave hatte in aller Frühe bereits seine Sachen gepackt und war in einen der Bungalows hinter dem Happy Heart gezogen, um so ganz im Mittelpunkt des Geschehens zu sein. Da mir das Zimmer für mich alleine zu teuer war, zog ich zu Klaus-Peter und musste dort mit einem reichlich unbequemen Notbett vorlieb nehmen. Die folgenden Tage strichen nun unauffällig dahin und bald folgten wir einem verhängnisvollen Muster. Wir schlugen die Tage weitgehend tot und verbrachten die Nächte im Happy Heart. Doch auch kühles Bier und blanke Busen sind auf die Dauer kein Ersatz für Substanz. Ich fühlte, wie ich seit meiner Ankunft in Thailand in eine befremdliche Anteilslosigkeit versank und mich in Reizen ertränkte, die mir zwar aufregende Erlebnisse bescherten, nach denen ich mich immer gesehnt hatte, die mich aber auch in einen Abgrund blicken ließen, der mich im Innersten erschreckte. Meine nächtlichen Exzesse schufen eine Leere, die verzweifelt nach einer Antwort suchte und mich mit jeder Nacht williger machte, den letzten Schritt in den Abgrund zu tun, nur um endlich wieder zuhause zu sein. Dabei war nichts von dem, was ich in diesen Nächten erlebte, von irgendeiner Bedeutung, auch wenn es mich jeden Tag erneut wie einen Süchtigen in diese Schattenwelt zog. Mit Dave konnte ich mich zumindest stundenlang unterhalten, doch seit er umgezogen war und nur noch hin und wieder bei uns vorbeischaute, wurde es spürbar ruhig. Meine Versuche mit Klaus-Peter ins Gespräch zu kommen scheiterten kläglich. Er war ein Mensch, der sehr ungern über Dinge nachdachte und einen Strand nur deshalb faszinierend fand, weil andere Menschen ihn in diesem Moment nicht sehen konnten. Ich zog mich notgedrungen wieder in mich zurück, saß alleine am Strand und beschäftigte mich mit Dingen, die für mich von Bedeutung waren. An einem Tag blickte ich von meinem Buch plötzlich nach oben und sah einen alten Mann, der sich auf mysteriöse Weise unbemerkt vor mich gesetzt hatte. Als er schließlich meine Aufmerksamkeit bekam, zeigte er mir ein Buch mit vielen Bildern, die er offensichtlich selbst gemalt hatte. Er war ganz begierig darauf, mir jedes dieser Bilder genau zu erklären und da wir keine gemeinsame Sprache fanden, bediente er sich mannigfacher Zeichen und Andeutungen. Ich folgte ganz verzaubert den Bewegungen seiner Hände und bemerkte, wie mich der alte Mann langsam in eine innere Ruhe versetzte. Er strahlte etwas intensiv Harmonisches aus und auch wenn ich nie genau verstanden hatte, was er mir eigentlich sagen wollte, so gab er mir doch wieder Hoffnung. Der alte Mann verschwand genau so geheimnisvoll, wie er gekommen war. Ich blickte ihm noch eine Weile traumverloren nach und beneidete ihn. Als er meinem Blick schließlich entschwunden war, stand ich auf und ging zurück ins Sea View, wo die Anderen in einer gemütlichen Runde zusammensaßen. Ich suchte mir einen Liegestuhl, stattete mich mit einem kühlen Bier aus und machte es mir bequem. Ich musste noch immer an den alten Mann denken, als sich plötzlich eine junge Thailänderin auf Klaus-Peter stürzte, der sich energisch wehrte und sie erfolgreich abschütteln konnte. Das jedoch schien sie in keiner Weise zu beeindrucken, denn sie hatte in Klaus bereits ihr nächstes Opfer gefunden. Klaus hatte einige Probleme diese Furie davon abzuhalten, in unser Zimmer zu rasen. Ich fand diese ganze Szene ausgesprochen unterhaltsam, was ihr wohl den falschen Eindruck vermittelte, dass ich ein willigeres Opfer war und schon stürzte sie sich mit lauten Rufen auf mich, griff mir kräftig zwischen die Beine und begann damit, mich wie ein Hund abzuschlecken. Um zu vermeiden, dass sie sich auch noch auf mir auszog, hatten wir den Manager gerufen, der dieses Wesen dann energisch auf die Straße setzte.

 

Es war uns bewusst, dass wir diese Insel verlassen mussten, um nicht endgültig in diesem Sog einer Lebensart unterzugehen, die uns zunehmend bedrückte. Schon der Gedanke an eine neue Umgebung beflügelte unsere Fantasie und brachte uns schnell wieder zurück in unser eigenes Leben. Wir mieteten uns zwei Motorräder und umrundeten die ganze Insel. Es war ein schwieriges Unterfangen, da die Straßen allgemein in einem sehr schlechten Zustand waren, doch als wir die blaugrünen Lagunen und die verlassenen Strände sahen, die sich perfekt in die steilen Abhänge der Insel einfügten, bereuten wir doch ein bisschen, dass wir unsere Zeit am Patong Beach vergeudet hatten. Auf der anderen Seite hatten wir dort einige liebe Menschen kennengelernt und selbst die Abgründe hatten zumindest auf mich eine nachhaltige Wirkung gehabt. Und nun feierten wir Weihnachten unter Palmen. Es war schon ein surrealer Abend, aber die Hotels bemühten sich mit Christbäumen, vielen Kerzen und allerlei Weihnachtsliedern, zumindest den Rahmen dieses Festtages zu wahren. Wir verbrachten das Abendessen bei Same-Same, der uns mit einem riesigen Fisch, Reis und allerlei Meeresfrüchten bekochte. Natürlich sind wir später noch einmal ins Happy Heart gegangen, doch an diesem Abend hatten die Mädchen keine Bedeutung mehr und wir plauderten einfach ganz ausgelassen und sahen uns das Feuerwerk an, das man für uns Touristen vorbereitet hatte. Dave fuhr mich dann mit einem Motorrad zurück ins Sea View und wir rauchten zum Abschied noch einen ordentlichen Joint vor meinem Zimmer. Dave hatte viel zu erzählen, da er dort in seinem Bungalow ganz offensichtlich mit niemandem reden konnte, was ihm genau so viel zu schaffen machte, wie mir. Ich wusste, dass wir uns nie wieder sehen würden und das stimmte mich sehr traurig.

 

Wir waren sehr früh aufgestanden und fuhren mit dem Bus nach Surat Thani. Wie erwartet war auch diese Fahrt eine Tortur. Überall im Bus standen Körbe und Kisten mit allerlei Tieren und Früchten herum und irgendetwas veranlasste den Fahrer, ständig die Türen offen zu lassen. Dafür wurden wir von einer traumhaften Landschaft entschädigt, die mich an die Hobbits erinnerte, als sie ihren Weg nach Mordor suchten. In Surat Thani, einer ziemlich langweiligen Stadt, mussten wir dann acht Stunden auf das Nachtboot warten, das uns endlich auf die Insel Koh Samui brachte. Dort nahmen wir uns einen dieser Kleinbusse, die am frühen Morgen schon am Pier auf die ankommenden Touristen warteten und fuhren zu verschiedenen Stränden, um uns eine geeignete Unterkunft zu suchen. Noch heute erinnere ich mich an den betörenden Duft der Kokosnüsse, der über der ganzen Insel lag. Damals gab es dort nur wenige Hotels und die meisten Unterkünfte waren einfache Anlagen, die man direkt an den Strand gebaut hatte. Am Chaweng Beach fanden wir eine romantisch gelegene Anlage mit winzigen Bungalows, die fast ganz aus Bambus gebaut und von großen Palmen umsäumt waren. Nur wenige Meter trennten uns vom Meer und von unserem Bungalow konnten wir den ganzen Tag das Lied der Brandung hören. Es schien genau der richtige Ort zu sein, um mich von der Zeit in Bangkok und Phuket zu erholen. Unsere Nachbarn hatten sich hier offenbar schon länger eingerichtet und einer schien sogar eine ganze Bibliothek mitgebracht zu haben. Ich nutzte die ersten Stunden nach unserer Ankunft und spazierte alleine am Strand entlang. Die Ruhe, die man hier finden konnte, stand in krassem Gegensatz zu meinem Innenleben, das wie ein wilder Strom durch meinen Körper floss. Jeden Tag entstanden neue Gedanken und Ideen, die wild umherschwirrten und mich fast in den Wahnsinn trieben. Selten zuvor waren mir meine Wunden so bewusst, wie in diesen Tagen. Ich träumte von Brigitte, sah meinen toten Vater am Strand liegen und fürchtete mich vor dem Urteil meiner Mutter. Besonders beunruhigend waren die Stunden, wenn ich meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle hatte, heftig zu zittern begann und nach Luft ringend in Tränen ausbrach. Die letzten Wochen hatten mir mehr gezeigt als mir lieb war und ich versank mit den Wellen des Meeres in der ewigen Sehnsucht. Wo waren die helfende Hand des Freundes, die tröstenden Worte einer Mutter oder der vertraute Blick des Vaters, den ich nie hatte? Ich war alleine und kein Sonnenuntergang der Erde konnte daran etwas ändern.

 

Am Abend gingen wir in das kleine Restaurant, das zu unserer Anlage gehörte. Neben sehr ansprechenden thailändischen Gerichten, konnte man dort unter Palmen auch aktuelle Videos ansehen und einen kurzweiligen Abend verbringen. Die besondere Attraktion aber war der Teil der Speisekarte, der sich mit den „Magic Mushrooms“ beschäftigte. Wir hatten natürlich schon von diesen Pilzen gehört und waren neugierig, ob die Berichte über die fantastische Wirkung tatsächlich stimmten. Wir bestellten uns jeder ein Omelett mit Pilzen, das genauso schmeckte, wie jedes andere Omelett auch. Ein Amerikaner am Nachbartisch gab uns jedoch den Rat, uns nach Genuss der Pilze nicht gerade den Film „The Day After“ anzusehen, der an diesem Abend auf dem Programm stand. Wenn es um Drogen geht, kann man Amerikanern immer vertrauen und so schlenderten wir langsam zurück zu unserem Bungalow, nahmen uns noch ein paar kühle Büchsen Bier mit auf den Weg und setzten uns dann an den Strand. Während wir über allerlei Belanglosigkeiten plauderten veränderte sich die Welt um uns so langsam, dass wir kaum Notiz davon nahmen. Allmählich löste sich die Zeit in der kühlen Meeresbrise auf und ich fand mich traumverloren, wie ich unablässig den Sand durch meine Hand rinnen ließ. Ich fühlte dabei jedes einzelne Sandkorn und mit der Zeit floss ich mit dem Sand zurück in den Strand. Es war fantastisch, denn ich bewegte mich nun in den Dingen, war eins mit dem Meer, den Palmen und dem Wind. Wann immer ich in die Palmen starrte und sie herbeiwünschte, kamen mir die Palmen entgegen und blickten mir tief in die Augen. Unser Nachbar saß vor seinem Bungalow und spielte Gitarre. Der Klang der Saiten fing uns dort am Strand ein, verzauberte uns und verstummte auch dann nicht, als der Nachbar schon lange zu Bett gegangen war. Alles was ich berührte, war nicht mehr Sand oder Stein, sondern offenbarte sich in seinen kleinsten Teilchen als Teil des Ganzen. Es war ein unvorstellbares Gefühl der Schwerelosigkeit, eine andere Dimension, ein Sein, das alle Fragen beantworten konnte. Ich war von diesem Bild so eingenommen, dass ich mich zuerst weigerte einzuschlafen, doch waren die nun aufkommenden Träume noch um ein Vielfaches intensiver und ich gab meinen Widerstand auf und ließ mich willig in die Welt der Träume fallen. Als wir am nächsten Morgen aufwachten, war ich mir sicher, dass meine Reise Tage, wenn nicht gar Wochen gedauert hatte und ich fühlte mich frei und glücklich. Das waren keine Tricks, kein aufwendig gestalteter Film, sondern meine eigenen Augen, Hände und Füße, die dies gefühlt hatten, all diese Dinge, die gestern auch schon hier waren und nun gab dieser kleine Pilz meinen ansonsten so dumpfen Sinnen die Möglichkeit, zu fühlen und zu sehen, was mir ansonsten verborgen geblieben war. Die Welt war einfach wunderbar für den, der sehen konnte.

 

Es war der letzte Tag des Jahres und ich hatte das bestimmte Gefühl, dass mit diesem Tag eine ganze Episode zu Ende ging. Auch wenn ich dieses Gefühl nicht näher beschreiben konnte, ging es mir an diesem Tag doch wesentlich besser. Ich hatte einen Einblick, wenn auch nur kurz, hinter den Vorhang des Seins bekommen und das war Grund genug, mich wieder am Leben zu freuen. Unsere Rückreise nach Bangkok war organisiert und wir sahen mit Schrecken einer weiteren Busfahrt entgegen. Da kam es uns sehr gelegen, dass auf Koh Samui zum Jahreswechsel Wasserbüffelkämpfe ausgetragen wurden. Das Stadion, wenn man es so nennen wollte, lag inmitten eines Palmenhains und bestand nur aus Bambusstangen, die einfach, aber gekonnt, zusammengebunden waren. In diesem Rund war ein großes weißes Tuch aufgehängt worden und die beiden Kontrahenten warteten jeweils auf ihrer Seite, wo sie noch liebevoll eingeölt und massiert wurden. Als das Tuch plötzlich weggezogen wurde, blickte einer der Büffel den anderen ganz verdutzt an und suchte sofort das Weite, indem er durch das Stadiontor ins Freie entkam. Damit war der Kampf auch schon beendet, was mich sehr beruhigte und die Thailänder sortierten nun ihre Wetten miteinander aus. Was die Büffel natürlich nicht wussten war, dass man hier Haus und Hof verspielte. Ich konnte es selbst nicht glauben, aber ich begann dieses Land zu lieben. Wieder stand ein Abschied an und wieder hatten wir gerade damit begonnen etwas mehr von diesem widersprüchlichen Land zu verstehen. Als wir am Abend vor unserer Hütte saßen, kam unser Nachbar mit ein paar Kokosnüssen und einer Flasche kalifornischem Sekt zu uns, den wir dann genüsslich aus den Nussschalen tranken. Es war ein schöner Abend und ein gelungener Ausklang des Jahres.

 

In Bangkok übernachteten wir wieder im Boston Inn und versuchten uns aktuelle Tipps für eine Trekking-Tour im Goldenen Dreieck zu besorgen. Zur Entspannung wagte ich mich zu einem Friseur und war sofort begeistert. Im Grunde war das Haareschneiden fast eine Nebensache und ich hoffte, dass die Kopfmassage nie aufhören würde. Ebenso erfreulich war, dass die Busfahrt nach Chiang Mai diesmal sogar angenehm war, was wohl daran lag, dass wir nicht mit dem öffentlichen Bus gefahren waren. Unsere Trekking-Truppe begann sich schon im Boston Inn zu formen und nun in Chiang Mai trafen wir uns alle im Daret‘s Restaurant wieder. Es war eine tolle Runde als wir alle zusammensaßen und mit Sunny und Michael, unseren Führern, die Tour besprachen. Vor mir hatte sich von Australien bis Kanada die halbe Welt versammelt und alle wollten wir in dieses Goldene Dreieck. Am nächsten Morgen trafen wir uns in aller Frühe und fuhren in Richtung Fang. Bald hatten wir den Stadtrand von Chiang Mai erreicht und je weiter wir fuhren, umso einsamer und verlassener wurde die Gegend. Lange nachdem wir das letzte Dorf gesehen hatten, hielt der Bus an und ließ uns dort ganz einfach in der Landschaft stehen. Nach einem beachtlichen Fußmarsch durch den nahegelegenen Wald erreichten wir das erste Dorf, das von den Schun bewohnt wurde. In der Hütte des Bürgermeisters bekamen wir ein recht gutes Essen und zogen dann weiter durch die Berge, besuchten Dörfer der Kareen, bis wir endlich an unserem Ziel, einem Dorf der Lahu, ankamen, das hoch auf einem Berg gelegen war. Wir wohnten in einer sehr einfachen Bambushütte, die nach allen Seiten offen war und selbst der Boden bestand nur aus geschnittenen Bambusstangen. Natürlich gab es auch keine Betten und wir mussten unsere Schlafstätten auf dem Boden einrichten, unter dem sich die Schweine des Dorfes tummelten. Es dauerte auch nicht lange bis die Kinder in unsere Hütte kamen und sich an dem Hansaplast, das wir auf unsere Fersen klebten, freuten. Hier gab es kein fließendes Wasser oder Strom und doch fehlte es im Grunde an Nichts. Sunny kochte uns ein köstliches Abendessen und später tanzten wir mit den Dorfbewohnern um das Lagerfeuer. Ich legte mich mit den Anderen zum Schlafen in die Hütte und stellte nach wenigen Minuten fest, dass das Grunzen der Schweine mein kleinstes Problem war. Hier in den Bergen wurde es nachts empfindlich kühl und die Kälte zog von allen Seiten zu uns in die Hütte. Der Bambusboden tat sein Übriges und ich wusste nicht mehr, wie ich für den Rest der Nacht den dringend ersehnten Schlaf finden sollte.

 

Nach dieser Nacht spazierte ich schon vor Sonnenaufgang im Dorf herum und versuchte mich dabei irgendwie aufzuwärmen. Über den Bambushütten lag noch der weiße Dunst der Nacht und das Dorf wirkte auf mich beinahe gespenstisch. In den nächsten Tagen würden sich meine Fragen beantworten und anstatt vieler Worte, würde ich selbst erfahren, was es für einen Menschen in dieser Gegend bedeutete, den nächsten Sonnenuntergang mit Freude erleben zu können. Nach einem spärlichen Frühstück machten wir uns auf den Weg, während die ersten Sonnenstrahlen des Tages uns schon erahnen ließen, wie heiß es bald sein würde. Nachdem wir, ohne uns dabei die Knochen zu brechen, endlich den steilen Abstieg ins Tal geschafft hatten und dort unseren Weg in einem Flussbett fortsetzten, blieb Sunny kurz stehen und erklärte, dass die Dorfbewohner diesen Weg jeden Tag unternehmen mussten, um Wasser aus dem Fluss ins Dorf zu bringen. Wer von uns hätte gedacht, welcher Luxus sich hinter einem einfachen Wasserhahn verbarg? Für Stunden marschierten wir durch Flüsse, suchten unseren Weg durch das Dickicht des Waldes, brachten steile Abhänge hinter uns und verschwanden bisweilen in meterhohem Gras. Oft nutzten wir die Gelegenheit uns auf einem Baumstamm auszuruhen, der sich für uns über einen Fluss gelegt hatte oder wir sprangen einfach ins Wasser, um der Hitze zumindest etwas entgegensetzen zu können. Wasser, lehmige Böden und Felsen ließen in uns die Idee reifen, auf das lausige Schuhwerk und die inzwischen unerträglichen Schmerzen zu verzichten und ganz einfach barfuß durch den Dschungel zu laufen. Vermeintlich berechtigte Einwände schoben wir zur Seite und hofften inständig, dass sich jegliches Getier und vor allem die lieben Schlangen in akzeptabler Entfernung von unseren Füßen aufhalten würden. Wir tranken frisches Wasser aus den Flüssen oder heißen Tee, der sich aber außer der Temperatur davon kaum unterschied. Unsere Vorräte waren schnell aufgebraucht und unser Speiseplan glich sich zunehmend dem der Bergstämme an. Trockener Reis mit Chili war oft das einzige, was wir in unseren Schüsseln hatten, da Sunny mit den Hühnereiern ziemlich geizte. Wenn wir am Ende eines Tages die Mohnfelder hinter uns gelassen hatten und abgekämpft in einem neuen Dorf ankamen, dann vermisste niemand mehr Strom und fließendes Wasser, solange wir eine Hütte zum Schlafen hatten. Ich besuchte an diesen Abenden immer wieder andere Hütten des Dorfes und erfuhr dort, wie man den Mohn zu Opium verarbeitete, kaufte mir als Erinnerung in rauchgefüllten Nebenzimmern uralte Opiumwaagen und saß jeden Tag in aller Frühe bei den anderen Bewohnern an einem kleinen Feuer, um mich dort wieder aufzuwärmen und zusammen mit ihnen den unbeschreiblich schönen Sonnenaufgang in den Bergen zu bewundern. Als wir schließlich den Rückweg zu unserem Treffpunkt antraten, war ich kaum mehr Herr über die Kräfte meines Körpers, die, obwohl noch spärlich vorhanden, inzwischen ein Eigenleben führten. Meine Füße trugen mich zwar immer weiter, doch mein Bewusstsein hatte sich schon lange davon getrennt. Es war mir auch klar, dass ich keinesfalls stehenbleiben oder mich gar hinsetzen durfte, da ich wohl nie wieder aufgestanden wäre. Ich habe mich seit diesen Tagen nur selten wieder so frei und ungebunden gefühlt, wie in den Momenten, als ich mich in totaler Erschöpfung von meinem Körper trennte und nur noch erlebte, was mir in aller Einfachheit gegeben wurde. Es waren nur wenige Tage, die ich mit der Tour in den Bergen des Goldenen Dreiecks zugebracht hatte, doch als uns dann der Bus wieder abholte und ich den grünen Bergen wehmütig nachblickte, überkam mich eine Traurigkeit, das schmerzliche Gefühl etwas verloren zu haben, denn bald würde ich wieder in meinen eigenen Dschungel zurückkehren und mich sicherlich noch oft an die einfache Klarheit erinnern, die ich hier gefunden hatte.

 

Die nächsten zwei Tage verbrachte ich ausschließlich im Bett und versank in einen so tiefen Schlaf, dass ich völlig den Sinn für die Zeit verloren hatte. Erst als ich endlich wieder aufwachte, bemerkte ich, dass ich sehr starke Magenschmerzen hatte, die sich dann erst nach Tagen langsam besserten. Die Zeit des Abschieds hatte wieder einmal begonnen. Langsam machten sich die Teilnehmer der Trekking-Tour wieder auf ihren Weg und es fiel uns allen sehr schwer, uns alles Gute zu wünschen und uns endlich gehen zu lassen. Auch Bangkok erschien nun in einem anderen Licht und alles erinnerte mich täglich daran, dass ich in wenigen Tagen Abschied nehmen musste. Aber jetzt stand ich zum ersten Mal in meinem Leben als ein ganz anderer Mensch in dieser Welt und zumindest für diesen Moment konnten mich die Dämonen nicht mehr verletzen. Die dunkle Welt hatte ihre Sonnenseiten und fügte sich ganz harmonisch in die helle Welt ein. Erst jetzt konnte ich die furiosen Nächte in den Bars genießen, ohne mich dabei schuldig zu fühlen. Es war nun doch noch ein schwerer Abschied von Thailand geworden, der durch die Tatsache, dass mich noch zwei Wochen in Sri Lanka erwarteten, erträglich gemacht wurde. Ich begann mich hier in Asien heimisch zu fühlen und als ich Anura in Colombo vor dem Flughafen sah, war ich schnell wieder zuhause. Die verbleibende Zeit verbrachten wir in Hikkaduwa, wo wir wieder im gleichen Zimmer wohnten, was mir die nötige Ruhe und Gelassenheit vermittelte, um mich an die anstehenden inneren Aufräumarbeiten zu machen. Ich hatte Briefe aus Deutschland bekommen und alle schienen sich zuhause über meine nahe Heimkehr zu freuen. Doch noch war diese Welt zu weit entfernt, um für mich wieder eine Realität zu sein. Zu sehr standen die Erfahrungen und Erlebnisse, die ich in den letzten Monaten gemacht hatte, im Mittelpunkt meines Denkens und doch schlichen sich viele Menschen in den folgenden Nächten wieder in meine Träume und formten für mich eine neue Realität. Es war Zeit wieder in meine Welt zurückzukehren. Es sind die Abschiede, die uns immer wieder vor Augen führen, wie sehr uns andere Menschen ans Herz gewachsen sind und so gab es an diesen Tagen viele Umarmungen, letzte Abschiedsfotos und viele gut gemeinte Pläne für ein baldiges Wiedersehen. Und als wir endlich am Flughafen in Colombo standen und noch einmal wehmütig zurückblickten, teilte man uns in aller Freundlichkeit mit, dass wir an diesem Abend nicht fliegen konnten. Anscheinend hatte sich eine Reisegruppe Platz verschafft und nicht nur uns aus dem Computer verdrängt. Wir bekamen noch zwei Tage im Luxushotel von der Fluggesellschaft bezahlt, was mir nicht ungelegen kam. Doch es war ein Flug in die Ungewissheit und ich hatte während diesen Stunden viel in mir zu ordnen. In Frankfurt wartete schon Brigitte, um mich zu umarmen und zurück nach Tübingen zu fahren. Schöner hätte meine Ankunft nicht sein können. Zuhause in Derendingen ging ich langsam und fast zögerlich die Stiegen zu meiner Wohnung hinauf und fand dort einen Zettel, den jemand an meine Türe geklebt hatte. „Du Arsch! Häng dir deine Girlanden doch selber auf!“ Anscheinend war Michael schon vor zwei Tagen in Frankfurt gewesen und die anderen Freunde hatten zuhause auf mich gewartet. In meiner Wohnung hingen Girlanden, Papierschlangen und viele Blumen. Als ich so dastand öffnete sich plötzlich die Badezimmertüre und alle Freunde sprangen grölend und lachend auf mich zu. Sie hatten Bier gekauft und Spätzle gemacht. Ich war ganz verlegen und konnte mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben so herzlich empfangen worden zu sein. Ich war wieder zuhause und ich war glücklich, hier zu sein.

 

 

12

 

Die Freunde hatten mit der Zeit das Haus verlassen und mich in bester Absicht den kahlen Händen meiner kleinen Wohnung übergeben, die bereits damit begonnen hatte, von mir Besitz zu ergreifen. Es war ruhig, viel zu ruhig und selbst auf der Straße gab es keine Menschen, die mir hätten zeigen können, dass mein Leben mit diesem Tage noch nicht zu Ende war. Es folgte eine Nacht, in der es keine Heimat mehr gab und als die Straßenlaternen ihr mattes Weiß auf meine Wand warfen, vermisste ich den Schlaf, der mich zurück an den Ozean hätte tragen können. Ich war noch lange nicht in Derendingen angekommen und je länger ich in diesem Zustand an meine Decke starrte, umso mehr verstand ich, dass ich mich bereits seit vielen Jahren auf einer Reise befand, deren letztes Ziel mir zwar noch unbekannt war, die mir aber doch klar zu verstehen gab, dass meine Zeit hier nun endgültig abgelaufen war. Die folgenden Tage waren kalt und leer, es gab wenig für mich zu tun und auch der Winter trug nicht unbedingt zu meinem Wohlbefinden bei. Ich nutzte die Zeit, um die Ereignisse der letzten Monate in Einklang mit einer Welt zu bringen, in der es keine intensiven Gerüche oder Farben gab, in der die Straßen nur allzu leer waren und die das Rauschen des gewaltigen Ozeans so schmerzlich vermissen ließ. Wieder einmal musste ich mich auf den Weg machen und meinem Leben eine Richtung geben, ohne das mir zugewiesene Ziel zu kennen und vor allem, um der immer stärker werdenden Angst endlich Herr zu werden. Mir blieben nun noch zwanzig Jahre bis ich dem Schicksal meines Vaters folgen sollte und in gewisser Weise gab mir genau dieser Gedanke neue Kraft und die Gewissheit, dass ich alles überstehen konnte, was immer mir das Leben auch abverlangte, denn die verbleibende Zeit war überschaubar geworden. Als erstes nahm ich mir vor, alles Weibliche so weit aus meinem Leben zu verbannen, dass es mich nicht mehr berühren konnte, denn damals, wie auch heute, war ich zutiefst davon überzeugt, dass alles Unheilvolle seinen Ursprung in der Weiblichkeit fand, zumindest dann, wenn es sich in der Form einer Frau zu erkennen gab. Zum Glück musste ich mir damals nicht auch noch Gedanken über mein finanzielles Fortkommen machen, da ich für einige Zeit noch in Mössingen im Fahrdienstbüro arbeiten konnte und dann für Jahre in der Referendarausbildung gut versorgt und aufgehoben sein würde. Überdies konnte ich das leise Kommen des nahenden Frühlings bereits erahnen und hatte so ausreichend Hoffnung, um meine Reise in ihrem Sinne erst einmal fortzusetzen.

 

Im Fahrdienstbüro wurden wir begeistert empfangen, denn dort hatte man unsere Reise mithilfe der zahlreichen Postkarten genau verfolgt. Schon nach wenigen Tagen war ich wieder in einen normalen Tagesablauf eingebunden, was mir, zu meinem Erstaunen, sehr gut tat und mich vor allem von quälenden Gedanken fernhielt. Doch das Gewohnte konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich in den wenigen Monaten seit meiner Abreise viel verändert hatte und ich auch nicht mehr derselbe Mensch war wie damals. Überdies standen für mich ganz neue Herausforderungen an und selbst wenn ich damals nicht mehr so genau wusste, warum ich mich mit der Juristerei überhaupt noch weiter beschäftigen sollte, so folgte ich doch willig dem Weg, der sich da wie von selbst vor mir auftat. Ich denke heute, dass uns das Leben mit zarten Händen immer auf unserem Weg hält und uns dafür die Illusion schenkt, dass wir uns freiwillig dafür entschieden hätten, auch wenn wir, so wie ich, im Grunde nur im Fluss dieses Lebens umhertreiben und uns von der Hoffnung nähren, dass wir eines Tages, ohne allzu großes Leid zu erfahren, an dem uns zugewiesenen Ort ankommen. Mein Wunsch, als Referendar in Tübingen zu bleiben, wurde nicht erfüllt und ich erhielt stattdessen die Zuweisung an das Landgericht in Hechingen. Auch wenn es nur einige Kilometer in die falsche Richtung waren, so zog mich diese Entwicklung schließlich weiter in eine Nebenstraße hinein, die mein bisheriges Leben und die Freunde meiner Jugend ab nun nur noch auf Sichtweite hielt und mich dazu zwang, endlich meinen eigenen Weg zu gehen. Zunächst entschied ich mich dazu, meine schäbige Wohnung in Derendingen aufzugeben. Nach einiger Zeit des Suchens fand ich eine kleine Wohnung in Gomaringen, die mir nicht nur passend erschien, sondern mir auch ein Gefühl von Freiheit gab. Es war eine kleine Wohnung in der Madachstraße, die aber einen eigenen Balkon hatte, von dem aus man über die grünen Wiesen und Hügel der näheren Umgebung blicken konnte. Zudem empfand ich es als sozialen Aufstieg, dass es in dem Wohnblock auch ein kleines Hallenbad mit Sauna gab und ich mein altes Auto auch noch in der Tiefgarage abstellen konnte. Es war ein sehr wichtiger Schritt für mich, da ich von Natur aus ein Höhlenmensch war und meinen Rückzug dringend benötigte, um das Leben in der Außenwelt einigermaßen heil zu überstehen. In dieser Zeit schaffte es mein Zivildienst-Kollege und Freund Joachim Bröckel sogar, mich zum regelmäßigen Squash-Spielen zu überreden, wohl deshalb, damit ich nach Fußball und Handball endlich die sichere Möglichkeit hatte, mir meine ohnehin schon schwer angeschlagenen Kniegelenke noch ganz zu ruinieren. Joachim war es dann auch zu verdanken, dass ich pünktlich zum Beginn der Referendarzeit eine Nebenbeschäftigung in der angesehenen Kanzlei Völker in Reutlingen bekam. Mein Leben hatte sich in wenigen Wochen völlig verändert und selbst für die notorischen Versicherungsvertreter war ich plötzlich ein akzeptabler Ansprechpartner geworden. Es war doch sehr seltsam, wie schnell mich meine Umwelt in einem völlig anderen Lichte sah.

 

Die Ausbildung am Landgericht in Hechingen begann mit einer eher langweiligen Einführung in das Zivilprozessrecht und in gewisser Weise war das auch ganz gut so, denn es zeigte uns deutlich, dass wir nach all den Jahren an der Universität kaum eine Ahnung vom realen Leben hatten, wie es sich jeden Tag bei Gericht abspielte. Andererseits waren wir ja genau deshalb hier und ich freute mich schon auf meine erste Gerichtsverhandlung, an der ich teilnehmen konnte. Der gute Richter Stöhr versuchte zwar sein Möglichstes uns die wichtigsten Verfahrensvorschriften beizubringen, doch war ich damals nicht empfänglich für derartig theoretische Dinge und meine hartnäckige Weigerung, Recht und Gerechtigkeit voneinander zu trennen, veranlasste ihn immer wieder zu dem Ausruf „Leute, seid doch gängig!“. So sehr mich die Materie auch interessierte, so wenig vermochte die Juristerei mich als Lebensinhalt zu begeistern. Die meisten meiner Kollegen hingegen hatten bereits eine klare Vorstellung von ihrem beruflichen Dasein und bewegten sich geradlinig und, wie es von ihnen erwartet wurde, genau in diese Richtung. Meine Seitenstraße mochte zwar noch dunkel und in ihrem Ziel unbestimmt gewesen sein, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, einmal als Richter oder Staatsanwalt mein Leben zu fristen. Daher kam es mir ganz gelegen, dass mich meine Kollegen zu ihrem Kurssprecher wählten und mir damit nicht nur eine Aufgabe, sondern auch eine besondere Stellung bei Gericht gaben, die mir dann wiederum erfreuliche Freiheiten einräumte. Erstaunlich war in diesen ersten Monaten aber auch, wie schnell die meisten Kollegen sich an die neue Rolle anpassten und geradezu begierig nach der herrschenden Meinung lechzten, die all denen Schutz und Sicherheit gab, denen selbst keine eigene Meinung zu eigen war. Aber es war insgesamt eine angenehme Gruppe, in der ich mich nun befand, auch wenn es nicht zu übersehen war, dass uns im Grunde nur der gemeinsame Zweck zusammenhielt. Zum ersten Mal in meinem Leben füllten sich meine Tage mit so vielen Terminen an, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, mir einen Terminkalender zu kaufen. Neben den Verpflichtungen bei Gericht, verbrachte ich nun jede Woche einige Tage in der Anwaltskanzlei. Meine Arbeit als Kurssprecher verschaffte mir schon bald eine gehörige Menge an Arbeit, da ich zu allem Glück auch noch zum Vorsitzenden der Sprecherkonferenz am Oberlandesgericht in Stuttgart gewählt wurde. Meine Nebenstraße wurde zunehmend breiter und heller, da waren plötzlich Hoffnungen und Möglichkeiten, doch blieb mir schleierhaft, wohin mich dieser Weg letztlich führen sollte. Die Antwort darauf hatte aber keine Eile, denn ich konnte mich jederzeit in meiner Höhle in Gomaringen verstecken und dort so leben, wie es mir angenehm war. Schon nach kurzer Zeit fanden die Dorfbewohner offensichtlich auch heraus, dass ich kein schnöder Durchreisender war und boten mir beim Bäcker oder Metzger nun gerne an, auch einmal anschreiben zu lassen. Selbst bei den Dorffesten mischte ich mich unter das Volk, was ansonsten gar nicht meine Art war. Doch ich lernte auch die Vorzüge des Alleinseins wieder schätzen, denn in meinem Außenleben gab es inzwischen entschieden zu viele Menschen und Gomaringen war genau der richtige Platz, um diesem Zirkus für Stunden und Tage zu entfliehen.

 

Es war eine Zeit der Erfahrungen und des Lernens, eine Zeit der Vervollständigung meiner Anschauungen, der eine Ernüchterung und ein natürliches Misstrauen folgte und mich endgültig zurück in meine Welt drängte. Hier bei Gericht sah man die Randbezirke des menschlichen Seins, die Gier, die Wut und die Verachtung des Lebens selbst. Hier zerfielen Menschen und strandeten am Ufer der Gesellschaft, anderen wurde genommen, was sie zum Leben so dringend benötigten, hier kämpften die Menschen gegen Menschen, klammerten sich an die Idee einer ihnen unbekannten Gerechtigkeit und wieder andere fanden hier ihr Zuhause, da es für sie hinter Gittern sicherer war als unter ihresgleichen. Noch Wochen zuvor hätte ich die Richter und Staatsanwälte für all das Elend und die Ungerechtigkeit verantwortlich gemacht, hätte meine Faust zum Kampf erhoben und wäre mir so sicher gewesen, die wahren Unholde verurteilt zu haben. Wie Unrecht ich doch hatte. Man musste eben einen Staatsanwalt Jung oder einen Jugendstrafrichter Uebele selbst erlebt haben, um zu verstehen, mit welchem Einsatz und vor allem mit welcher Umsicht von Beiden versucht wurde, gerade dem Menschlichen den Vorrang zu geben, ohne dabei den Willen des Volkes, wie er sich in den Gesetzen manifestiert, zu übergehen. Ich sog in mich auf, was immer mir angeboten wurde, da es eine einmalige Gelegenheit war, in so viele Aspekte unserer Gesellschaft direkten Einblick zu nehmen. Daher war es ganz natürlich, dass ich nicht nur mit Staatsanwalt Jung auf dem Schießplatz war, sondern auch einige Wochen der Kriminalpolizei zugeteilt wurde. Es war schon fast zu viel Realität, als ich den ersten Selbstmord besichtigen musste. Eine junge Türkin hatte sich in der Toilette eines Cafés am Fenster aufgehängt. Noch heute sehe ich ihre leeren Augen vor mir und in vielen Stunden, in denen ich seither selbst am Abgrund stand, sprach dieses skurrile Bild zu mir. Es fiel mir nicht leicht, meine Gefühle und Zweifel unter Kontrolle zu halten, um Sinn in diese bizarre Welt zu bringen und fand die nötige Unterstützung in der Anwaltskanzlei Völker, wo ich als Rechtsreferendar Herrn Dr. Beckmann zugeteilt worden war. Er verstand es vorzüglich mir auf einfache und verständliche Weise die Randbereiche menschlicher Moral zu erklären und mir Wege aufzuzeigen, die ich verstehen und annehmen konnte. Er war ein Mensch, der überzeugen konnte und vor allem immer das vorlebte, was er so klar und selbstverständlich in Worte fasste. Ich denke, dass ihm sein gewaltiger Einfluss auf mich nicht bewusst war, doch fand ich immer wieder Sätze in seinen Ausführungen, die mir entscheidende Antworten auf Fragen gaben und mir Wege aufzeigten, wie man ehrlich und zugleich erfolgreich sein konnte. Dr. Beckmann war ein sehr wichtiger Mensch in meinem Leben und ich habe ihm viel zu verdanken, denn durch ihn hatte ich entscheidende Prinzipien aufgebaut, die mich bei wichtigen Entscheidungen fortan immer begleitet hatten. Allerdings konnte auch er mich nicht für die Juristerei begeistern und vor allem der Anwaltsberuf war nicht nach meinem Geschmack. Ich wollte nicht ein ganzes Leben nur Rechtsanwalt sein, immer im gleichen Zimmer sitzen und die Probleme anderer Menschen lösen. Dabei hätte mir einfach die Weite des Ozeans gefehlt.

 

Mit all den Dingen, die sich mit der Zeit wie von selbst in mein Leben gedrängt hatten, entfernte ich mich zusehends von allem, was mein Leben zuvor ausgemacht hatte. In der Tat war ich nun nur noch auf Sichtkontakt mit meinen Freunden, nahm nicht mehr an ihrem Leben teil und wurde von einer grausamen Einsamkeit umgeben, die mir an normalen Tagen kaum bewusst wurde, bis ich eines Tages den Feind aller einsamen Menschen vor mir hatte – Weihnachten. Es hatte mich schon immer zutiefst verblüfft, dass man ein ganzes Jahr mit denselben Menschen zusammen verbringen konnte, bis plötzlich im Dezember alle verschwanden und einen wie selbstverständlich ganz alleine ließen. Abgesehen von der Tatsache, dass mir die Weihnachtstage seit der Scheidung meiner Eltern ein einziges Grauen waren, hatte ich außer meiner Schwester niemanden mehr, mit dem ich diese besinnlichen Tage hätte verbringen können. Ich nutzte die Zeit deshalb, um mich wieder einmal im Kochen zu üben, unternahm lange Spaziergänge über die stillen schneeüberzogenen Hügel und genoss es, ausgiebig schlafen zu können. Man kann sich natürlich immer viel einreden, sich selbst vom Vorteil des Leidens überzeugen, doch in manchen Nächten lüftet Gott für uns den Schleier und offenbart uns, was wir wirklich sind. In einer dieser vorweihnachtlichen Nächte verließ ich noch zu sehr später Stunde das Haus, da ich die Enge der Wohnung nicht mehr länger ertragen konnte. Mein Weg führte mich durch die Gassen des Dorfes, über denen die eisige Kälte einer schwäbischen Winternacht lag. Es war so entsetzlich ruhig, dass ich jeden meiner Schritte im Schnee hören konnte und selbst mein Atem musste klar zu hören gewesen sein. Ich vermisste einen Freund oder zumindest eine Seele, die mir in diesem Moment die Hand gehalten hätte, doch an diesem Abend war weit und breit niemand zu sehen. Die kleinen Häuser mit ihren liebevollen Gärten waren, wie das ganze Dorf, in ein bläuliches Grau getaucht, aus dem immer wieder goldgelbe Lichtkegel fielen, die aus den Fenstern der Häuser auf die Straße drangen. Als ich da draußen in der Kälte stand und die Menschen in diesen Fenstern beobachtete, wie sie gemeinsam beim Essen saßen und sich lachend vergnügten, erstarrte ich und verlor jeden Gedanken in mir. Was mir blieb, war ein stechender Schmerz in der Brust und Tränen, die mir langsam über die Wangen rollten. Ich zahlte, was ich bekam und je mehr ich bekam, umso einsamer wurde ich. Doch noch wollte ich den eingeschlagenen Weg nicht in Zweifel ziehen.

 

Es gelang mir, meine Kollegen von der Idee zu überzeugen, unseren traditionellen Kursausflug einmal anders zu gestalten und gemeinsam Moskau und Leningrad zu besuchen, wie man St. Petersburg damals noch nannte. Ausgestattet mit der Gnade der späten Geburt, wuchsen wir alle zwar mit der Mauer auf, doch die meisten von uns hatten bislang kaum einmal hinter den eisernen Vorhang geblickt. Unsere Vorahnungen und Befürchtungen wurden schon bald bestätigt, nachdem wir das Flugzeug in Moskau verließen. Das Erste, was wir dort zu sehen bekamen, waren russische Soldaten, die mit eisigem Blick vor sich hinstarrten und uns mit ihren Kalaschnikows in ihrem Land herzlich begrüßten. Moskau machte auf mich einen sehr tristen Eindruck, doch am störendsten empfand ich, dass jeder unserer Schritte überwacht wurde. Es war so, wie wenn man Hunde ausführt. Alles, woran wir schnuppern wollten, war für uns offensichtlich nicht geeignet und unsere wachsamen Aufpasser zogen uns immer schnell an der Leine zurück. Einmal bestanden unsere Begleiter sogar darauf, den Film aus meiner Kamera zu nehmen, da ich mich zu weit in eine Seitenstraße gewagt hatte. Die Menschen, die hier lebten, mussten sich an dieses System entsprechend angepasst haben, denn in den Hotels konnte man gegen harte Währung von jedem Bediensteten unter der Hand alles vom Wodka bis zum delikaten Beluga Kaviar bekommen. Auf diese Weise war für unser körperliches Wohl gut gesorgt und bei heißem russischem Tee mit frischem Wodka waren auch die Nächte immer lustig und vergnügt. Das war auch dringend notwendig, denn das Hotel in Moskau hatte nicht viel zu bieten, war abgewohnt, schmierig und wenig gepflegt. Aber unsere Gastgeber waren nicht nur um unsere Sicherheit bemüht, sondern sorgten sich auch darum, uns ein möglichst positives Bild des Landes zu bieten. Nach unserem ersten Eindruck am Flughafen war es doch sehr erstaunlich, dass man für uns Besprechungen mit Richtern, Staatsanwälten und einigen anderen Organisationen ermöglicht hatte, in denen wir alles fragen durften, wonach uns der Sinn stand. Ich empfand Moskau zwar nicht als schön, auch wenn der Kreml doch sehr imposant erschien, aber die Menschen, die wir hier trafen, waren nicht der Feind, sondern ganz normale Menschen, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten, wie wir auch. Was mir mein ganzes Leben nur als drohende Macht im Osten bekannt war, entpuppte sich als ein Land, das voll von Kultur und interessanten Menschen war. Wir alle freuten uns nun auf die anstehende Zugfahrt nach Leningrad. Wir hatten uns ausreichend mit Bier und Wodka eingedeckt, um die Zeit im Zug entsprechend zu genießen. Es wurde ein wahres Erlebnis und niemand fand in dieser Nacht die Zeit zum Schlafen. Zum ersten Mal kamen wir uns alle näher, waren nicht mehr Referendare, sondern einfach Menschen, die gemeinsam im Zug nach Leningrad saßen. Als wir am nächsten Morgen in Leningrad ankamen, verflog die restliche Müdigkeit der Nacht, als wir ein ganz anderes Russland vor uns sahen. Groß angelegte Straßen, helle Plätze mit schönen Parkanlagen, Häuserfronten, die von einer Zeit sprachen, als hier noch große Geschichte geschrieben wurde und natürlich die schöne Neva, ein geradezu traumhafter Fluss, ließen Leningrad wie eine fantastische Oase wirken. Doch nichts bezauberte mich mehr, als der Besuch in der Eremitage. Nachdem ich durch unzählige Säle gewandert war, in denen Kunstschätze aus allen Teilen der Welt ausgestellt waren, erreichte ich schließlich einen eher kleinen Raum und setzte mich auf eine Holzbank, um mich auszuruhen. Erst nach einiger Zeit fiel mir ein Bild auf, das genau an der Wand vor mir hing. Es war so groß, dass ich nur Teile dieses Bildes erfassen konnte und mich daher langsam durch das Gemälde arbeiten musste. Je mehr ich den Farben und Formen folgte, umso mehr spürte ich den Geist dieses Wassily Kandinsky zu mir sprechen und ich verlor mich in den Strichen und Formen seiner eigenartigen Welt. Meine Kollegen begannen schon, mich überall zu suchen und schließlich war es ein Angestellter des Museums, der mich aus meinem Traum riss und mir mit einigen freundlichen russischen Worten zu verstehen gab, dass man das Museum nun gerne schließen wollte. Nein, wer solche Bilder malte, der konnte nicht der Feind sein.

 

Nach dieser Reise stand schon bald ausgerechnet die Verwaltungsstation an, die ich beim Landratsamt in Reutlingen absolvieren sollte. Hier also war das Reich, das meine Mutter einst für mich vorgesehen hatte. Die Leute in der Abteilung waren ausgesprochen freundlich zu mir und, wie es sich für bodenständige Beamte gehört, hatte man dort keine Absicht, mich mit Arbeit zu überlasten. Das wiederum war mir natürlich sehr angenehm, da ich auf diese Weise die verbleibende Zeit nutzbringend in der Kanzlei Völker verbringen konnte. Ich war damals wie heute zwar kein Einstein, aber ich konnte mir gut vorstellen, wie man in dieser Atmosphäre als Beamter die Muse aufbringen konnte, sich ausgiebig Gedanken über die Zusammenhänge des Universums zu machen. Ich selbst dachte jedoch eher daran, wie ich endlich wieder mehr Abenteuer und Abwechslung in mein Leben bringen und dabei vielleicht sogar der Langeweile und dem Überdruss entfliehen konnte. Aber das alleine war es nicht, was mich damals antrieb, mich geradezu in die Ferne zog und mich in eine innere Unruhe versetzte, die alles andere ins Abseits trieb. Ich war enttäuscht und fragte mich unablässig, warum mir das Leben alles gab, nur um es mir auch gleich wieder wegzunehmen. Michael hatte sich von Brigitte wieder getrennt und Rolf hatte sie schon bald nach der Hochzeit nur noch betrogen. Nun war sie wieder geschieden und war dennoch nicht mehr in meinem Leben. Mit ihr hatte ich eine Familie, ein Zuhause und Menschen, die mich gern hatten. Wozu nur mussten sich andere Menschen in mein Leben drängen, alles zerstören, um am Ende doch liegen zu lassen, was mir so wichtig war. Diese Gedanken schmerzten mich tief in meiner Seele, doch hatte ich diesen Weg nun einmal eingeschlagen und ich wollte genau diesem Weg vertrauen, der allerdings sicher nicht hier in Gomaringen enden sollte. Es trug sich zu, dass ein Teil meiner Referendarausbildung aus einer Wahlstation bestand, die ich auch im Ausland absolvieren konnte. Ich begann damit, Bewerbungen an die Kriminalpolizei in Los Angeles und in New York zu senden. Von dort bekam ich jedoch keine Antwort. Schon bald wurde ich aber bei der Handelskammer in Bangkok fündig, obwohl mir Tokyo oder auch ein anderes Land fast angenehmer gewesen wären. Aus der Zeitung jedoch entnahm ich, dass die Volksrepublik China in besagtem Jahr zum ersten Mal Einreisevisa für Einzelreisende ausstellte und ich beschloss, meinen gesamten Urlaub zu verwenden, um meine Referendarzeit mit einer ausgedehnten Reise durch China und meiner Wahlstation in Bangkok zu beenden. Natürlich riet mir jeder von diesem Vorhaben ab, da ich nach diesem Aufenthalt noch mein zweites Staatsexamen ablegen musste und niemand auch nur die geringste Erfahrung mit Einzelreisen nach China hatte. Aber, Reisende soll man bekanntlich nicht aufhalten und für mich war es wieder einmal eine Chance für über vier Monate einer Welt zu entfliehen, die mir inzwischen zwar lieb, aber dennoch viel zu klein geworden war.

 

Meine Idee, mich alleine auf den Weg nach China zu machen, hielt nicht lange an, denn meine Mutter bat mich ganz unerwartet, ihren Lebensgefährten Günther Seiler mit auf die Reise zu nehmen, was ich natürlich nicht abschlagen konnte. Gemeinsam flog ich dann mit Günther nach Hong Kong, um dort noch einmal Station zu machen, bevor wir uns in das Reich der Mitte wagen wollten. Auf dem Flug lernten wir noch Ulrich Günthner kennen, der in Düsseldorf seine eigene Werbeagentur betrieb und so etwas wie ein Globetrotter war. Noch bevor wir also in Hong Kong landeten, waren wir ein kleines Team geworden. Wenn ich mich jemals auf Anhieb in eine Stadt verliebt habe, dann war es sicherlich Hong Kong. Wir hatten uns im YMCA einquartiert, das ganz in der Nähe des berühmten Peninsula Hotels lag und nicht nur geräumige Zimmer, sondern auch einen kleinen Balkon mit einem wunderbaren Blick auf das Meer und den Hafen hatte. Noch am selben Abend zogen wir durch die Gassen von Kowloon, bevor wir mit der Star Ferry nach Hong Kong fuhren, um dort in der Welt der Suzy Wong zu Abend zu essen. Diese Fähre war ein magischer Ort und der wachsame Reisende konnte hier zwischen den Wellen des Meeres ganz leicht den Geist des Tai-Pan spüren. Überall war diese Mischung aus alten chinesischen Traditionen und moderner Geschäftswelt zu fühlen und es war nicht einfach, die alten Dschunken im Hafen von Aberdeen mit den Wolkenkratzern in Einklang zu bringen. Hier auf diesem unscheinbaren Felsen vor der Küste Chinas pulsierte das Leben und als ich so nachdenklich auf der Star Ferry stand und mir das Lichtermeer der Stadt betrachtete, fühlte ich, wie ich auf einmal wieder tief durchatmen konnte. Ich war frei und endlich der Einzelhaft entkommen. Doch Hong Kong war nur der Auftakt einer Zeitreise, die nach nur wenigen Tagen mit einer Zugfahrt nach Guangzhou begann. Schon nach einigen Kilometern hatten wir das Ende der Neonlichter, der Hochhäuser und des Lärms erreicht, als die Landschaft plötzlich unverkennbar das Bild beherrschte und ahnen ließ, was uns erwartete. Als ich mit meinen Reisegefährten vor dem Bahnhof in Guangzhou stand, konnte ich es kaum fassen, dass ich nun wirklich in China war, denn auf dem Weg vom Zug bis zum Vorplatz sah ich keine Soldaten, keine Kalaschnikows und nicht einmal einen Polizisten. Das einzige Zeichen der kommunistischen Staatsgewalt bestand in einem ungepflegten Beamten, der an einem abgenutzten Holztisch saß und gelangweilt unsere Pässe abstempelte. Vor mir lag ein großer Platz, auf dem sich fast nur Fußgänger oder Fahrradfahrer bewegten und die ganze Gegend war in eine angenehme Ruhe getaucht, die jedoch immer wieder durch Geräusche gestört wurde, die menschliche und, wie ich bald lernen sollte, vor allem chinesische Wesen, unablässig erzeugten. So sehr ich mich auch bemühte, ich konnte auch hier einfach keinen Feind ausmachen. Zum Glück lag genau gegenüber vom Bahnhof ein akzeptables Hotel, das wir auch gleich aufsuchten und, da ansonsten keine Zimmer mehr zu haben waren, überredete uns Ulrich, doch einfach die noch vorhandene Suite zu nehmen. Auf diese Weise hatten wir zumindest ein Basislager für uns gefunden.

 

Es war seltsam, aber nach meinem ersten Eindruck am Bahnhofsvorplatz hätte ich eigentlich erwartet, dass mich die erste Nacht in China länger als gewohnt im Bett halten würde, doch weckte mich schon in den frühen Morgenstunden eine innere Unruhe und ich verließ mit dem Morgengrauen das Hotel. Draußen war es kalt und neblig, doch waren schon ungewöhnlich viele Chinesen unterwegs, von denen man überall kleine Gruppen fand, die sich lautlos und gespenstisch im Gleichklang bewegten. Ich folgte den Gewohnheiten der Chinesen und kaufte mir an einer der dampfenden Garküchen am Straßenrand ein paar Knödel, die wie Glaskugeln aussahen, die man mit frischem Gras gefüllt hatte. Ganz offensichtlich jedoch war ich für die Chinesen noch seltsamer als sie für mich, denn immer wieder kamen Menschen auf mich zu, berührten mich zaghaft und verfolgten jeden meiner Schritte mit aufmerksamen Blicken. Besonders spannend fand ich die Gespräche, die wir damals immer wieder führten und bei denen ich bestes Schwäbisch und meine Gesprächspartner bestes Chinesisch sprachen. Mit der Zeit entwickelte ich eine Begabung, diesem vermeintlichen Durcheinander einen verständlichen Sinn zu entnehmen und auch ohne Worte zu verstehen, was mir mein Gegenüber gerade sagen wollte. Dabei war es sehr hilfreich, dass die Menschen nur sehr selten mit Worten reden, die ohnehin nicht in der Lage sind, der Realität Ausdruck zu verleihen, sondern sie teilen sich immer auch durch ihre Seele mit, die jedoch keinen Bedarf an schmückendem Beiwerk hat. Es ist erstaunlich, wie viel man über einen Menschen erfährt, wenn man nicht durch Worte gestört wird und sich dafür ganz auf den Menschen selbst beschränken kann. Es ist das Privileg des Reisenden, dass ihm Freundlichkeit entgegengebracht wird und die Einheimischen ihm die Garstigkeiten des täglichen Lebens, soweit ihnen das möglich ist, vorenthalten. Um so tief wie möglich im chinesischen Leben einzutauchen, fuhren wir mit dem Schiff auf dem Perlenfluss nach Wuzhou. Zu dieser Zeit war das Reisen in China noch urwüchsig, sozialistisch eben und vor allem billig, wenn man den Einheimischen folgte. Auf dem Schiff, ein ziemlich verrotteter Kahn, wurde jedem eine Art Schubfach in einer der drei Ebenen zugeteilt, die im Passagierraum links und rechts auf engstem Raum angeordnet waren. Man musste schon ein recht kleiner Chinese sein, um sich hier wenigstens bequem hinsetzen zu können, was mir als Europäer natürlich keineswegs gelang. Das Schiff war bis auf den letzten Meter ausgebucht und unsere Mitreisenden nahmen uns liebevoll in ihrer Mitte auf. Überall wurden Sonnenblumenkerne gegessen und die Hülsen sorgsam auf den Gang gespuckt, dazwischen traf auch schon einmal eine große Portion Schleim den Boden und den Rest des Ganges füllten Zigarettenstummel und sonstiger Müll. Außen zogen kleine Dörfer, weite Felder und ein Land an meinen Augen vorbei, das kein Ende zu haben schien. Überhaupt war diesem Land etwas Ewiges zuteil, etwas unbeschreiblich Schönes und doch war es vor allem die kühle Kargheit, die diesem Land seine persönlichen Züge gab.

 

Auf dem ganzen Weg und selbst auf der Strecke von Wuzhou nach Guilin sah ich keine Soldaten und auch keine Polizisten, wenn man einmal von dem gelegentlichen Dorfbüttel absieht, der auf seinem Fahrrad die üblichen Runden drehte. Ebenso auffällig war die Abwesenheit des monotonen Grinsens, das die Menschen hier durch eine Mimik ersetzten, die zumindest weitgehend ihren tatsächlichen Gefühlen entsprachen. Inzwischen stand ich in einer Welt, die nur in der Fantasie selbst geboren worden sein konnte und wer das Glück hatte, in einer dieser Schluchten um Guilin die Ruhe zu genießen und dabei den weinenden Klang einer chinesischen Geige zu hören, dem war es auch gegeben, in die Ewigkeit zu blicken. Und dann war da Alois, ein junger Chinese, der als Fremdenführer bei der staatlichen Reiseagentur arbeitete. Er sprach ein vorzügliches Deutsch und war einer der wenigen Chinesen, die sich vorstellen konnten, dass wir keine seltsam aussehenden Chinesen waren, sondern aus einem anderen Land stammten. Alois verbrachte viel Zeit mit uns und was er uns zeigte, ließ durchaus vermuten, welche Hochkultur dieses Land vor langer Zeit beherbergte, bevor die rohen Kräfte des Zorns und der Unterdrückung zerstörten, was diese Menschen in tausenden von Jahren geschaffen hatten. Aber es waren nicht nur die Ruinen und die zerfallenen Tempelanlagen, die ihren Anteil zu einem Bild beitrugen, das in seiner Struktur grau und trist erschien, denn auch die vielen Dörfer, Ansiedlungen und vor allem die Städte, durch die wir in diesen Wochen reisten, waren grau, notdürftig und irgendwie kaputt. Es schien mir, dass es ziemlich trostlos sein musste, hier zu leben und doch waren die Menschen sehr lustig, aufgeweckt und vor allem freundlich, wenn sie nicht gerade alle zur gleichen Zeit in einen Bus einsteigen wollten. Etwas war diesem Land zu eigen, etwas sehr Grenzenloses und Beruhigendes, doch für einen Schwaben aus Gomaringen war bereits der Gedanke hier krank zu werden ziemlich erschreckend und mit jedem Tag wurde das Gefühl der gelebten Isolation immer stärker, da vom Rest der Welt nichts in diese Häuser und Straßen zu dringen schien. Waren dies die viel gepriesenen Früchte des Sozialismus oder war ich als Kind des Kapitalismus nicht in der Lage, die Vorzüge eines einfachen und armen Lebens zu schätzen? Wie dem auch gewesen sein mag, jedenfalls begann ich mich an das chinesische Leben zu gewöhnen und schließlich hatte auch das Fahrradfahren seine eigenen Reize. Unsere Reise führte uns schon bald nach Zhanjiang, wo wir die Fähre nach Haikou auf der Insel Hainan nahmen. Hier, so war zu lesen, machten die hohen Funktionäre Urlaub und, wie nicht anders zu erwarten war, gab es hier natürlich auch bereits große Hotels, die so manche Annehmlichkeiten zu bieten hatten. Aber Haikou war keine schöne Stadt und es erschien uns besser gleich den Bus in den Süden nach Sanya zu nehmen. Es war Winter und draußen war es empfindlich kalt, was die Chinesen aber nicht davon abhielt, alle Fenster des Busses offen zu lassen. Am Anfang fand ich diese natürliche Klimatisierung noch sehr angenehm, doch nach einiger Zeit fühlte ich die Kälte in mich dringen und schon bei unserer Ankunft in Sanya lag ich mit hohem Fieber im Bett. Unsere Reiseapotheke versagte kläglich und es blieb mir nichts anderes übrig, als Ulrich und Günther in die Stadt zu schicken, um mir geeignete Medizin zu besorgen. Was sie mir mitbrachten, waren ein paar Papiertüten, in denen sich ein weißes Pulver befand, das ich mit heißem Wasser einnehmen sollte. So jedenfalls hatte es ihnen der alte Chinese erklärt, in dessen lokaler Apotheke sie das Zaubermittel gekauft hatten, nachdem sie ihm mit Händen und Füßen zu erklären versuchten, was mir fehlte. Normalerweise würde man derartiges Zeugs sicher nicht in sich hineinschütten, aber in meinem Zustand gab es kaum eine Alternative und zudem erwartete ich nicht, dass es mir nach Genuss des Pulvers noch schlechter gehen könnte. Es war der Beginn einer langen Freundschaft mit der chinesischen Medizin, denn am nächsten Morgen hatte ich kein Fieber mehr und bereits am nächsten Tag saß ich mit den Anderen wieder am Strand.

 

Ein ganz besonderes Erlebnis wartete aber noch auf mich. Unsere Weiterreise nach Fuzhou, das genau gegenüber von Taiwan liegt, wollten wir mit dem Flugzeug unternehmen. Was wir in Sanya als Flughafen vorfanden, war jedoch keiner Beschreibung zuzuordnen und das Flugzeug selbst, eine uralte Propellermaschine, machte keineswegs den Anschein, als ob sie noch einen weiteren Flug überleben würde. Ich saß in einer Art Campingstuhl am Fenster und beobachtete, wie die Maschine noch bei laufenden Motoren vollgetankt wurde. Alles wackelte und einige der Abdeckungen waren bereits so locker, dass sie im Rhythmus der Motoren frei umherschwangen. Der Pilot startete, als der kleine Chinese dort unten noch immer am Tanken war, was ihn aber offensichtlich in keiner Weise störte. Ich muss gestehen, dass mich diese Vorgänge doch außerordentlich beunruhigten, doch wie so oft im Leben, lässt sich Angst am besten mit noch mehr Angst vertreiben. Schon bald nachdem das Flugzeug endlich abgehoben hatte, näherten wir uns einigen Bergen und je näher wir diesen kamen, umso mehr konnte man fühlen, wie der Pilot angestrengt versuchte an Höhe zu gewinnen. Wir alle starrten angespannt aus dem Fenster und als wir die Berge letztlich überflogen, war ich mir ganz sicher, jeden einzelnen Grashalm dort unten genau gesehen zu haben. Ich war nach der Landung doch sehr froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, auch wenn dies nicht der schlimmste Flug war, den ich in meinem Leben noch unternehmen sollte. Fuzhou und Xiamen waren die letzten Stationen unserer Reise und es war leicht zu sehen, dass hier bereits ein anderer Geist Einzug gehalten hatte. Fast bedauerte ich diesen Umstand, auch wenn ein westlich geführtes Hotel nach dieser Reise ganz besondere Reize zu bieten hatte und wenn es auch nur fließend heißes Wasser in der Dusche war. Außerhalb von Fuzhou gab es eine alte Tempelanlage, die ganz offensichtlich dem Wahn der Kulturrevolution entgangen war, denn sie war, wenngleich in einem schäbigen Zustand, noch vollständig erhalten und beherbergte, was nicht weniger verwunderlich war, eine ganze Menge buddhistischer Mönche. Man ließ uns frei auf dem Gelände umhergehen und, wie es der Zufall wollte, blickte ich ganz frech in eine der Kammern, die man überall auf den Gängen fand. Ein reichlich betagter Mönch hieß mich und meine Freunde willkommen und lud uns zu einer Tasse Tee ein, der so stark war, dass ich bis tief in die Nacht nicht schlafen konnte. Es gab viele solcher kleinen Erlebnisse auf dieser Reise und nun, da sich die Zeit in China ihrem Ende näherte, blickte ich fast wehmütig auf die Bilder, die sie mir so freizügig geschenkt hatte. Da waren die romantischen Seen, auf denen die Fischer ihre Bambusboote auf das stille Wasser führten und die Arbeit von Kormoranen machen ließen, denen man einen Ring um den Hals gelegt hatte, damit sie den Fisch zwar fangen, aber nicht schlucken konnten. An anderen Orten war das Weltliche so trefflich angeordnet, dass man die Harmonie der Schöpfung bis tief ins Herz spüren konnte. Und immer wieder zog mich der Klang einer Erhu, wie man die chinesischen Geigen nannte, in ihren Bann, denn dieses Instrument vermag uns Geschichten aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. In Xiamen, das man früher Amoy nannte, setzte Chiang Kai-shek mit seinen Kuomintang nach Taiwan über und der große Hafen motivierte uns, mit einem weißen Schiff zurück nach Hong Kong zu reisen. Auch wenn die genauen Zusammenhänge noch im Dunkeln lagen, ahnte ich damals bereits, das sich zu formen begann, was auf meinem Weg nun vor mir lag und in gewisser Weise gab es nun auch keinen Ausweg mehr von diesem Schicksal, denn ich hatte Entscheidungen getroffen, die sich jetzt von selbst in Bewegung gesetzt hatten.

 

Der Abschied von China schmerzte. Mit dem Morgengrauen stand ich auf dem Deck, da ich die Ankunft im Hafen von Hong Kong auf keinen Fall verpassen wollte. Schon lange bevor man die ersten Häuser der Stadt sehen konnte, tauchten dunkle Felsen aus dem Nebel auf, der an diesem Morgen das Südchinesische Meer bedeckte. Je näher wir an Hong Kong kamen, umso mehr Dschunken, Boote und Frachtschiffe waren zu sehen, deren Ziel das einzige Tor zum Reich der Mitte war und ich stand mitten in diesem mächtigen Geschehen voller Erwartung an der Reling. Langsam liefen wir im Hafen von Hong Kong ein und gingen genau in der Meerenge zwischen Kowloon und Hong Kong vor Anker. An den Uferstraßen war bereits die gewohnte Hektik zugange und über unseren Köpfen setzten die Jumbo Jets zur Landung auf dem Kai Tak Flughafen an, der genau zwischen den eng gedrängten Häuserreihen in Kowloon lag. Die Türen des Reiches hatten sich geöffnet und die Macht des roten Drachens erfüllte diesen Ort. Ich musste unweigerlich an unsere naiven Politiker in Deutschland denken und was sie uns über die Jahre alles zum Besten gegeben hatten. An diesem Morgen aber wurde mir klar, dass sie entweder nie hier gewesen waren oder aber selbst nach der Lektüre von hundert Büchern einfach nichts verstanden hatten. Ich bedauerte meine Reisegefährten, die nun wieder nach Deutschland fliegen mussten und vor allem Günther, dessen Weg zurück ins Katzenloch in die Arme meiner Mutter führte. Aber vielleicht war das auch gut für ihn, denn ohne eine starke Hand, die sein Leben für ihn führte, wirkte er sehr oft naiv und beängstigend hilflos. Ich hingegen fühlte, dass mein eigener Weg mich endgültig in eine andere Richtung trug und die Tatsache, dass ich diesmal nicht nach Frankfurt, sondern nach Bangkok flog, amüsierte mich so sehr, dass ich selbst über die Notwendigkeit lachen musste, die das anstehende Staatsexamen schon bald an mich herantragen würde. Doch in diesen Tagen gelang es mir, mich von solchen Widernissen des Lebens zu befreien und nun, da ich endlich ohne meine Vergangenheit in Bangkok sein würde, empfand ich eine innere Befreiung.

 

Vom Flughafen in Bangkok fuhr ich direkt zur Handelskammer, um mich vorzustellen und mich nach meiner Unterkunft zu erkundigen. Nach einem kurzen Gespräch mit Herrn Rudolf Rindermann, dem Geschäftsführer der Kammer, brachte mich Roland Huth, ein Referendarkollege aus Würzburg, zum Panpit Court, wo alle Referendare, die hier ihre Wahlstation ablegten, untergebracht waren. Es war eine sehr einfache Unterkunft, mit weiß getünchten Betonwänden und mein Zimmer bestand immerhin aus einem einfachen Bett, einem Schrank und einem kleinen Schreibtisch. Natürlich gab es auch eine Toilette und eine Art Dusche, die zu jeder Tages- und Nachtzeit kaltes Wasser bereithielt. Roland zeigte mir gleich die Umgebung und erzählte mir von dem Leben an der Kammer. Unsere Unterkunft war günstig gelegen und erlaubte nicht nur morgens zu Fuß in die Kammer zu gehen, wenn man dies wollte, sondern, was natürlich noch viel wichtiger war, in wenigen Minuten die Patpong Straße und damit das Nachtleben zu erreichen. Die Lage erschien günstig und zudem erwartete ich ohnehin nicht, mein Zimmer zum Studium zu nutzen. Die Arbeit an der Kammer war einfach und wir Referendare und Praktikanten belegten unseren eigenen Bereich, in den man nach Gutdünken Anfragen, Schriftwechsel, Gutachten oder sonstiges geistiges Gut mit kurzen Arbeitsanweisungen gab. Ich war kein guter Jurist und würde es auch nie sein, aber es war mir ganz offensichtlich gegeben, Probleme aller Art in kurzer Zeit zu lösen. Da ich mir auch mit dem Reden und Schreiben einfach tat, konnte mir die tägliche Arbeit an der Kammer nicht viel abgewinnen. Was also lag näher, als meine Aufmerksamkeit anderen Dingen zuzuwenden, denn unter uns Referendaren gab es sehr kreative Ideen, wie man die verbleibende Zeit in unserem Sinne gewinnbringend nutzen konnte. Unsere Tage in der Kammer sollten keinesfalls langweilig werden und ich denke, dass der geregelte Tagesablauf, der zumindest grundsätzlich über allem stand, unseren befreiten Seelen Halt und Stütze gab. Wir trafen uns jeden Morgen im hauseigenen Coffee Shop zum gemeinsamen Frühstück, bevor wir zusammen in die Kammer fuhren, denn das Laufen gaben wir schon bald wegen der unerträglichen Hitze auf. Wir formten ein recht verschworenes Team und bekamen so den Freiraum, um uns ansonsten die Zeit kurzweilig zu vertreiben. Die Mittagspausen verbrachten wir meistens im Silom Village oder über die Straße im Narai Hotel, wo wir uns gerne von Rungdao und Rungnapa, zwei thailändischen Schönheiten, mit italienischem Essen verwöhnen ließen. Mit der Zeit gesellte sich auch Michael Scheile immer öfter zu uns, der in Bangkok bei Klöckner arbeitete und ganz in der Nähe des Panpit Courts wohnte. Für mich war das eine ganz neue Welt, in der ich mich da wiederfand und anfangs war ich sehr beeindruckt von den Botschaftsempfängen und all den anderen Events, die unablässig in irgendwelchen Hotels abgehalten wurden. Roland brachte mich zum Schneider, denn ich benötigte dringend die passende Bekleidung, um in dieser noblen Welt nicht unangenehm aufzufallen. Bei den ersten Empfängen stand ich zurückhaltend in einer Ecke des Saals und beobachtete die Rituale und Gepflogenheiten, nach denen man sich hier zu verhalten hatte, wenn man etwas auf sich hielt. Mit der Zeit jedoch verloren diese Abende ihren Reiz, da man jedes Mal dieselben Gesichter sah und mehr als dies klar wurde, dass es sich um eine geschlossene Gesellschaft handelte, die sich auf Kosten ihrer Firmen oder sogar auf Kosten der Steuerzahler immer wieder gerne selbst bewirteten. Besonders auffällig war, dass sich kaum einmal Thailänder unter den illustren Gästen befanden, ein Umstand, der in dieser Welt wohl System hatte, denn auch in der Kammer wurden ausschließlich deutsche Geschäftsleute beraten, wohingegen man die ratsuchenden Thailänder damit abwimmelte, indem man sie in die ärmliche Bibliothek setzte, damit sie sich dort selbst am Wissen laben konnten. Ja, es war schon seltsam in der Welt der großen Geschäfte.

 

In der Kammer wurde das Nixdorf System 8870 eingeführt und da ich wohl der Einzige war, der schon einmal einen Computer aus der Nähe gesehen hatte, wurde ich der jungen Oraphan zugeteilt, die sich als Systemadministratorin um die Anlage kümmern sollte. Dabei lernte ich auch Christian Jacob von Nixdorf in Bonn kennen, der zur Einführung des Systems nach Bangkok gekommen war. Nixdorf war für mich schon lange eine Wunschfirma und ich konnte mir nichts sehnlicher vorstellen, als mit Menschen wie Christian Jacob zu arbeiten. Wir verstanden uns gleich sehr gut und ich nahm alles, was er zu erzählen hatte, begierig auf. Da Christian am Wochenende nicht alleine am Strand liegen wollte, lud er mich kurzerhand mit nach Hua Hin ein, denn er wollte unbedingt einmal in dem legendären Railway Hotel wohnen. Meine Tage in der Kammer wurden jetzt interessanter, denn es gab viel zu lernen und da Christian auch dem Nachtleben nicht abgeneigt war, hatten wir auch außerhalb der Kammer ausreichend Zeit uns zu unterhalten. Aber auch sonst gab es an den Abenden nie Langeweile. Meistens brachen wir nach dem Büro zum Abendessen auf und begannen uns dann im Lucky Strike oder Limelight in den Sumpf der Sünde zu stürzen. Die Nächte waren immer lang und dieser Lebensstil begann schon bald an meiner Konstitution zu zehren. Da war es eine willkommene Ablenkung und Erholung, wenn wir mit Michael Scheile am Wochenende zu den schwimmenden Märkten oder anderen Sehenswürdigkeiten fuhren oder ganz gemütlich in seinem geräumigen Apartment zusammen James Bond Filme ansahen. Ich fühlte mich wohl und war zufrieden mit meinem Leben. Ich hatte sehr freundliche und angenehme Freunde gefunden, meine Tage waren abwechslungsreich und ich hatte eine Arbeit, die mich durchaus ausfüllte. Doch meine drei Monate gingen schon bald zu Ende und ich sah widerwillig meinem Rückflug entgegen. Aber meine Arbeit musste an der Kammer aufgefallen sein, denn eines Mittags rief mich Herr Rindermann in sein Büro und bot mir an, wieder nach Bangkok zu kommen, um bei der Vorbereitung und Durchführung des German Technology Symposiums mitzuarbeiten. Zu meiner Freude bot er mir auch ein ganz akzeptables Gehalt und die Übernahme aller Flugkosten an. Der Vorschlag war sehr verlockend, doch verursachte er bei mir auch ein heftiges Magendrücken, denn genau in dieser Zeit musste ich mein Staatsexamen ablegen. Zum ersten Mal in meinem Leben fand ich den Mut eine eigene Entscheidung zu treffen und mich über die lauten Rufe meiner Mutter hinwegzusetzen, die ich auch in diesem Moment deutlich in meinem Kopf hörte. Ich sagte natürlich zu und Herr Rindermann versprach mir, alles zu tun, damit ich rechtzeitig zu meinen Examensterminen in Deutschland sein würde. Ich wusste, dass es eine verrückte, aber doch die richtige Entscheidung war und als ich schließlich im Flugzeug saß und wieder zurück nach Deutschland flog, war ich richtig stolz auf mich. Die losen Fäden in meinem Leben hatten damit begonnen, sich zu einem Netz zu verbinden und ich ahnte, in welche Richtung mich meine Seitenstraße jetzt führen würde. Es war ein aufregender Moment.

 

Nach fast fünf Monaten kehrte ich wieder zurück nach Gomaringen und reihte mich mit einer distanzierten Gelassenheit unter meine Kollegen, die alle ganz aufgeregt nach meinen Erlebnissen fragten. Wie sollten sie verstehen, was in dieser Zeit in mir vorgegangen war? Ich hatte das Interesse an der Juristerei endgültig verloren und konnte natürlich auch die ganze Aufregung um die anstehende Prüfung zwar verstehen, doch keineswegs mit ihnen teilen. Auf der anderen Seite war ich zuversichtlich, das Staatsexamen auch ohne Nervenzusammenbruch zu überstehen, denn alle meine Noten, die ich in meinen Referendarstationen erhalten hatte, waren wider Erwarten überdurchschnittlich gut und es blieb mir ja auch noch ein bisschen Zeit, mich mit dem Thema zu beschäftigen. In meinen Gedanken allerdings war ich schon wieder in Bangkok und ich begann mir zu überlegen, wie ich diesen Aufenthalt weiter nutzen konnte, um vielleicht ganz in Asien zu bleiben. Für mich war diese Reise nach Bangkok nicht nur ein Job, sondern ich sah darin eine Station auf meinem Weg, von dem es kein Zurück mehr gab. Daher lag es nahe, dass ich keine weiteren Anstrengung unternahm, um in der Justiz oder auch bei der Kanzlei Völker unterzukommen, da ich Ungebundenheit und Freiheit benötigte, wenn ich auch weiterhin meinen eigenen Weg gehen wollte. Die Vorbereitung auf das Examen war mir ausgesprochen lästig und fiel mir schwer, doch hatte ich noch einiges zu erledigen, bevor ich endlich abreisen konnte. Ich plante meinen Abflug noch für dieselbe Woche nach der letzten Prüfung und kündigte meine Wohnung in Gomaringen für den gleichen Zeitraum. Auch verkaufte ich mein Auto und alles, was ich nicht unbedingt benötigte und entledigte mich auf diese Weise aller unnötigen Brücken, die mir künftige Entscheidungen erschwert hätten. Und dann war es soweit. Ich legte alle schriftlichen Prüfungen ab, zog aus meiner Wohnung und flog direkt nach Bangkok. Erst zum mündlichen Examen würde ich wieder nach Deutschland kommen. Ich hatte allen Grund auf mich stolz zu sein, denn ich war mir diesmal treu geblieben.

 

 

13

 

Hatte ich nun meine Ängste und die Sehnsucht nach dem Tod besiegt? Nein, natürlich nicht. Meine Seele war von den Ereignissen seit meiner Ankunft zwar unbeschadet geblieben und ich konnte mehr denn je die Kraft spüren, die ich in mir trug, doch mein reales Ich, mein Körper, mit seinen allzu jämmerlichen Fähigkeiten, war schwer verletzt und verkrüppelt worden und hatte noch immer ernsthafte Probleme, mit dem Drang meiner Seele standzuhalten und zu kooperieren, wenn dies von der Außenwelt gefordert wurde. Ich hatte auch noch immer Angst vor Menschen, doch hatte ich nun einen Schritt unternommen, der meiner eigenen Seele entsprang und dem mein Körper folgen musste, ob er nun wollte oder auch nicht. Vielleicht hatte ich damit endgültig die Nabelschnur zu meiner Mutter durchtrennt und mir so zumindest die Möglichkeit geschaffen, ihre mahnenden Schreie und die dunklen Kammern ihrer eigenen Angst so weit von mir zu drängen, dass meine Seele fortan die Oberhand gewinnen und mich trotz aller Widernisse durch die Seitenstraße führen konnte, die mich letztlich wieder zurück an meinen geliebten See bringen würde. Es war diese neu gewonnene Freiheit, diese Loslösung, die ein intensives Zwiegespräch in mir zum Leben erweckte und mich untrennbar und für immer mit meiner Seele verband, die von nun an zur einzigen und absoluten moralischen Autorität meines Lebens heranwuchs. Was nun zählte, waren nicht mehr Worte oder Weisheiten, nicht Mahnungen und Traditionen, es gab für mich keine Zwänge oder Erwartungen mehr, wenn diese nicht gleichzeitig selbst aus meiner eigenen Seele kamen, nicht unserer gemeinsamen Überzeugung entsprachen oder nicht Teil meiner Selbst geworden waren. Die alles erfassende Schuld nahm nun die Stelle der Mutter ein, denn alles, was ich unternahm oder unterließ, war allein meine Entscheidung, für die auch nur ich selbst die Verantwortung tragen konnte. Von nun an gab es keine Entschuldigungen oder Schuldzuweisungen mehr, kein Wunden lecken und keine Opfergefühle, denn ich hatte zusammen mit meiner Seele die Kontrolle über mein Sein übernommen. Natürlich blieben all die Schmerzen in meinem Leben, die jeder Tag für mich bereit hielt und die so typisch für ein menschliches Leben sind, doch konnte ich diese Schmerzen nun besprechen und für mich erklären. Zu oft jedoch musste ich noch immer an dem „warum“ scheitern, an der Frage nach dem Sinn meiner Einsamkeit, meines Andersseins und den Wunden, die mir ohne Unterlass zugefügt wurden. Es würde vieler kleiner Schritte bedürfen und mich letztlich an die Grenzen meiner Existenz drängen, doch am Ende dieses Weges stand das Menschsein, das Glück und die Harmonie, die erst im Verlust sich selbst gebärt. So jedenfalls war die Theorie, doch auch wenn ich herbe Rückschläge erwartete, wusste ich doch, dass ich in diesem Moment auf dem richtigen Weg war.

 

Während des Flugs nach Bangkok hatte ich ausreichend Zeit, mir über meine Zukunft Gedanken zu machen und fand die absurde Idee, den Rest meines Lebens im Kloster zu verbringen, auf einmal sehr ansprechend. Aber meine Gedanken waren nicht mehr an Pole gebunden, sondern kreisten wirr durch alle Extreme, wohl auf der Suche nach der einen Wahrheit, die das Tor zur Vergebung öffnen konnte. In dieser Nacht flog ich jedenfalls geradewegs in die Außenwelt und das war auch gut so, denn ich hatte mich in Gomaringen ausreichend mit geistigen Dingen beschäftigt und sehnte mich nun nach den ganz banalen Dingen des Lebens. Diese sollte ich in den folgenden Monaten im Überfluss finden und mich, wie es aus heutiger Sicht erscheint, zum letzten Mal unbeschwert und leidenschaftlich ausleben. Ich bezog mein Quartier wieder im Panpit Court und legte mich erst einmal hin, um nach dem langen Flug etwas Erholung zu finden. Als ich wieder aufwachte, war die Nacht bereits über Bangkok hereingebrochen. Ich wollte ins Lucky Strike, um Da zu suchen, die dort arbeitete und mit der ich während meinem letzten Aufenthalt in Bangkok einige Zeit zusammen verbracht hatte. Sie war keine ausgesprochene Schönheit und bereits ein älteres Semester, aber sie war eine gute Seele und während der Zeit, die ich wegen des Staatsexamens in Deutschland verbrachte, hatte ich oft an sie denken müssen. Im Lucky Strike hatte sich nichts verändert, doch war meine Da an diesem Abend nicht in der Bar und ihre Freundinnen waren sichtlich erstaunt, mich plötzlich wieder am Tresen stehen zu sehen. Wie sich später herausstellte, hatte Da inzwischen einen Kanadier kennengelernt, den sie auch heiraten wollte. Da passte weder die Bar, noch ein alter Bekannter in den Plan. Natürlich war ich enttäuscht, sie nicht angetroffen zu haben, doch war es auch eine sehr gute Nachricht, dass sie endlich einen eigenen Hafen gefunden hatte, der ihr hoffentlich auch freundlich gesinnt war. Die Enttäuschung war offensichtlich auch bei ihr vorhanden, denn sie sorgte dafür, dass mich in dieser und in den folgenden Nächten immer eine ihrer Freundinnen zu später Nacht besuchte, sich ungefragt und still im Dunklen neben mich legte und mich so lange verwöhnte, bis ich endlich zufrieden einschlief. Manche Momente vergisst man nie und die Moral saß damals nur grinsend am Fenstersims.

 

Es war Wochenende und von den anderen Kollegen war nicht viel zu sehen. Die wenigen Langnasen, die ich in den Gängen des Panpit Courts antraf, kannte ich nicht und dabei beließ ich es zunächst auch, denn noch hatte ich genug mit meiner neuen Situation zu tun, in der ich mich geradezu wohlig aalte und das pralle Gefühl genoss, diesen Lebensabschnitt endlich abgeschüttelt zu haben. Doch schon am Montag sah ich meine neuen Kollegen beim Frühstück im Coffee Shop und nach einer kurzen Vorstellung mit Kaffee, Spiegeleiern und den üblichen seltsam anmutenden Beilagen, fuhren wir gemeinsam mit dem Tuk-Tuk in die Kammer. Unser Team war schon bald vollständig und ich durfte mit Erstaunen feststellen, dass ich plötzlich der einzige Jurist in dieser illustren Runde war, denn die anderen hatten alle Betriebswirtschaft studiert. Natürlich gab es auch noch die üblichen Referendare, aber die mussten sich weiterhin mit Gutachten und anderem theoretischen Papierkram herumschlagen, während wir ab nun etwas näher an der Realität arbeiten durften. Nachdem uns Herr Rindermann und sein Stellvertreter, Herr Franzen, das Projekt erklärt hatten, war uns schnell klar, dass da ein wahres Monster auf uns zukam und harte Wochen und Monate vor uns lagen. Es war aber ein sehr gutes Zeichen, dass die Projektbeschreibung unter uns nur gute Laune auslöste und sich das Team dazu entschloss, das ganze selbstbewusst überheblich anzugehen und von Anfang an eine Sicherheit entwickelte, die uns noch gute Dienste leisten sollte. Denn, so ehrlich musste man letztlich schon sein, keiner von uns Grünschnäbeln hatte auch nur die geringste Erfahrung in solchen Dingen zu bieten. Doch nun hatte man uns mit der Durchführung betraut und das allein war uns Grund genug, uns unentwegt über die gelegentlich aufkommenden Zweifel lustig zu machen. Da saßen wir in unserer eigens für uns eingerichteten Ecke und hatten uns viel zu erzählen. Gerhard Unger war aus Albstadt angereist, hatte in Reutlingen studiert und war schon fast ein Teil meiner alten Heimat, denn schon bald stellte sich heraus, dass wir auch noch gemeinsame Freunde hatten, obwohl wir selbst uns hier in Bangkok zum ersten Mal trafen. Jürgen Hammer, den wir nur Mogli nannten, war mit Gerhard befreundet, Wolfgang Heitmann kam aus Berlin und der gute Uwe Hoffmann aus Mannheim. Uwe war in jungen Jahren einige Zeit mit seinen Eltern in Thailand gewesen und verfügte noch über etwas eingerostete Sprachkenntnisse, was uns allen hin und wieder zum Vorteil gereichte. Mehr als die Sprache und das Land liebte er aber die Frauen und so gab es kein Entrinnen, denn jeder Tag musste unbedingt bei Wein, Weib und Gesang sein Ende finden. In diesen ersten Tagen seit meiner Abreise hatte sich alles um mich herum so schnell verändert. Ich befand mich plötzlich unter Freunden in einem fremden Land wieder, das mir schon bald vertrauter erschien als Gomaringen. Ja, der Weg war richtig und es war einfach spannend, was mir der nächste Tag bringen würde.

 

Es war eine Zeit der Schaffenskraft und der Selbstzerstörung, die ultimative Verbindung von redlicher Arbeit und grenzenloser Lebensenergie. Unsere Gruppe war nicht nur in der Kammer berüchtigt, man kannte uns schon bald auch in jeder anrüchigen Bar und allen einschlägigen Etablissements des Bangkoker Nachtlebens. In der Kammer landete förmlich alles auf unserem Tisch, vom Design der Uniformen für die Hostessen, über Brezeln für die deutsche Gastlichkeit, bis hin zur Organisation des Gala-Abends am Ende des Symposiums. Wir sammelten die Vorträge, prüften sie und ließen sie drucken, produzierten Dokumentenmappen für die Teilnehmer und sorgten sogar für die tägliche Verpflegung der zigtausend Teilnehmer, denen man kostenlose Mahlzeiten versprochen hatte. Wie nicht anders zu erwarten war, übernahm ich die Leitung der Aufgaben, die von dem Nixdorf System erledigt werden sollten, denn schließlich musste man die thailändischen Ingenieure nicht nur einladen, sondern auch die Teilnahme bestätigen, die ausgewählten Vorträge verbuchen und alles andere erfassen, was in den folgenden Jahren für die Kammer von unschätzbarem Wert sein konnte: persönliche Informationen. Da aber auch ein Nixdorf Computer solche Dinge nicht von alleine bewerkstelligte, musste ich eine große Gruppe junger Thailänder in das System und den Ablauf einweisen und dabei auch gleich Nachhilfe in Geografie und anderen Selbstverständlichkeiten erteilen, die das thailändische Schulsystem ganz offensichtlich vollständig ausgeklammert hatte. Doch unser Team war zuverlässig und was der Eine nicht konnte, das übernahm spontan ein Anderer, was vor allem dem Uwe zugutekam, dessen Stärke nun einmal nicht im Schreiben von Briefen und Berichten lag. Nach dem Büro legten wir uns oft kurz hin und trafen uns dann später zum Abendessen, bevor wir ausgeruht und satt ins Nachtleben stürzten, durch Bars und Diskotheken zogen, bis wir schließlich in den frühen Morgenstunden den Weg zurück ins Bett fanden und selbst das nur selten alleine. Wir lernten von den Thailändern, wie man mit solchen Strapazen leben musste und nahmen neben starkem Kaffee schon bald Lipovitan oder ähnliche Energiegetränke in unseren Speiseplan auf. So ein Fläschchen Lipovitan brachte selbst müde Schwaben wieder auf die Beine und ich erinnere mich noch gut daran, dass nach harten Arbeitstagen die Perversion ihre Vollendung in einem nächtlichen Getränk fand, das aus Lipovitan, Mekong Whiskey und Eiswürfeln bestand. Wir schreckten vor nichts zurück, mussten alles erlebt haben und wer auch zu später Stunde noch nicht nach Hause wollte, der versumpfte entweder im Superstar oder folgte Dante auf den Stufen hinab zur Hölle und ging in die Thermae, ein Ort, an dem die letzte Hoffnung der Menschheit ihr Zuhause hatte und nur diese. Wir hatten alle Kraft der Erde in uns und wir wollten alles haben, Erfolg und grenzenlosen Spaß. Wenn ich mich heute wieder an diese Zeit erinnere, dann erscheint es mir fast wie ein Wunder, dass wir diese Phase lebend überstanden hatten.

 

Es wurde schon bald klar, dass die Anforderungen des Symposiums mit der vorhandenen Software nicht vollständig bewältigt werden konnten, da wir inzwischen recht exklusive Ideen entwickelt hatten. Wie das bei den meisten großen Firmen leider üblich ist, wurden auch meine Anfragen entweder nicht oder nur vage beantwortet. Da ich inzwischen das Vertrauen von Herrn Rindermann gewonnen hatte, ließ er mir auch weitgehend freie Hand, wie ich die Ziele erreichte, die er mir gesteckt hatte. Obwohl ich Nixdorf sehr schätzte, verhandelte ich zur Sicherheit mit IBM, um ein Ersatzsystem zu erhalten und teilte Nixdorf daraufhin mit, wann und wo sie ihre 8870 auf der Silom vor unserem Haus abholen konnten. Meine plötzliche Kühnheit schlug schon Minuten, nachdem ich das Fax abgeschickt hatte, in tiefe Sorge um, dass man meine offenen Worte als Respektlosigkeit verstehen würde und ich erachtete es deshalb als opportun, mich so bald wie möglich, ins Wochenende zu verabschieden. Schließlich wollte ich nicht auch noch im Büro sein, wenn der Ärger über uns hereinbrach, denn etwas sagte mir, dass dieses Schreiben für mich weitreichende Auswirkungen haben würde. Das Wochenende verlief wie immer und als ich am Montag wieder in die Kammer kam, hatte ich das Schreiben an Nixdorf bereits völlig aus meinem Gedächtnis verdrängt. Erst als ich den Gang nach vorne zu Khun Oraphan entlangschritt, bemerkte ich, dass sie neben einem mir unbekannten Mann saß, der sich am Computer zu schaffen machte. Als ich näher kam, drehte er sich um, stand auf und begrüßte mich mit meinem Namen. Es war Matthias Freischmidt-Lehner aus der Nixdorf Geschäftsstelle in Bonn, den man noch am Freitag nach Eingang meines Schreibens dazu verdonnert hatte, den nächsten Flug nach Bangkok zu nehmen und alle Probleme bei uns vor Ort zu lösen. Matthias war ein wahrer Experte und ungewöhnlich hilfsbereit, vor allem aber ein Mensch, der zugänglich und freundlich war. Wir besprachen sofort unsere offenen Wünsche und machten uns umgehend an die Arbeit. Am Abend entließ ich ihn zunächst in sein Hotel, doch trafen wir uns später mit dem ganzen Team zu einer ausgiebigen Runde durch die Gemeinde. Matthias war kein Kostverächter und fühlte sich recht wohl in unserer Gesellschaft. Wir konnten das System so einrichten, dass von dieser Seite dem Symposium nichts mehr im Wege stand. Die lokale Nixdorf Vertretung wurde zur Sicherheit erst dann aktiv, als wir beinahe mit der Arbeit fertig waren und trugen dann zum Gelingen nur noch das bei, was sie am besten konnten. Matthias und ich waren zum erweiterten Abendessen eingeladen worden, das, wie erwartet, in einem noblen Nachtklub endete. Unsere thailändischen Kollegen hatten an alles gedacht und natürlich wurden alle Rechnungen unauffällig von ihnen bezahlt, auch die Rechnungen für die zwei edlen Mädchen, die uns dann bereitwillig nach Hause begleiteten. Nun gut, jedenfalls mussten wir die Nixdorf Anlage nicht mehr auf die Straße werfen, was ich ohnehin nie vorhatte.

 

Als uns Matthias wieder verlassen musste, hatte ich einen Freund gewonnen und es sollte nicht das letzte Mal sein, dass wir gemeinsam über einem Bier zusammensaßen. Die Zeit mit Matthias hatte meinen Wunsch bei Nixdorf zu arbeiten, wieder neu aufleben lassen, doch schien es dorthin keinen Weg zu geben. Die Arbeit in der Kammer hingegen wurde zunehmend hektischer und das, obwohl wir noch nicht einmal die heiße Phase erreicht hatten. Zur Entspannung fuhr ich gerne mit Gerhard Unger, den wir nur noch Famous nannten, nach Pattaya, wo wir uns eine billige Unterkunft nahmen und Motorräder mieteten. In unserer Begleitung war auch Ning, die ich in der Lipstick Bar getroffen hatte und die seither eine treue Begleiterin war. Auch Famous hatte eine solche Freundin, der ich den Namen „die Zahnlose“ gab, da ihr der eine oder andere Schneidezahn fehlte, ein Umstand, der ihr aber seltsamerweise nicht zum Nachteil gereichte. Es waren ausgelassene Tage und das Leben tat mir, wie selten zuvor, wieder einmal gut, in der Tat so gut, dass ich darüber ganz vergaß, dass da noch ein Damoklesschwert über mir schwebte. Zur Sicherheit hatte ich damals bereits mit Herrn Franzen vereinbart, dass ich nach der Zeit in Bangkok mit ihm das Symposium in Taipei vorbereiten konnte und war damit erst einmal für weitere Monate abgesichert. Während ich meine Tage ausgelassen und zufrieden in der unerträglichen Hitze der Tropen verbrachte und mich mit Uwe und Famous im Caligula mit B-52 Cocktails betäubte, hatte mein Leben bereits selbständig damit begonnen, die entscheidenden Fäden endlich zu einem feinen Netz zu verknüpfen und mich alsbald davon auch zu informieren. Ich saß zu später Stunde in meinem Zimmer im Panpit Court als mich Brigitte aus Deutschland anrief und mir die freudige Mitteilung machte, dass ich den schriftlichen Teil des Examens, wenngleich nicht überragend, aber dennoch bestanden hatte. Der erste Schritt war also getan und während ich meinen Rückflug nach Deutschland für die mündliche Prüfung organisierte, erreichte mich ein weiterer Anruf, diesmal von Matthias, der sich in Deutschland bei Nixdorf für mich verwendet hatte und mir anriet, mich bei Heinz Becker in der Nixdorf Geschäftsstelle in Frankfurt zu melden. Dort erfuhr ich, dass man im Vertrieb dringend einen Juristen suchte, der schon einmal einen Computer gesehen hatte und man von mir aus Bonn gehört hätte. Wir vereinbarten sofort einen Termin für ein Vorstellungsgespräch. Das Schicksal begann sich zu regen und wieder einmal hatte sich der Zug in Bewegung gesetzt.

 

Mein Aufenthalt in Deutschland war sehr knapp bemessen und ich verbrachte die wenigen Tage, die ich zur Verfügung hatte, natürlich bei Brigitte. Da mir für eine sinnvolle Vorbereitung der Prüfung ohnehin keine Zeit mehr blieb, beschränkte ich mich auf einige Telefonate, um in Erfahrung zu bringen, welche Fragen bislang in den Prüfungen gestellt worden waren. So bekam ich zumindest ein Gefühl für das, was mich selbst erwarten sollte. Ansonsten ließ ich mich von Brigitte verwöhnen, denn ich habe bis heute nie wieder jemanden gefunden, der einen so köstlichen Salade Niçoise zubereiten kann. Zudem gab es frisches Brot und viele andere Leckereien, auf die ich in Bangkok so schmählich verzichten musste. Es war schön, die guten Freunde wieder zu erleben und besonders freute ich mich, dass auch Petra Smuda den Weg zu uns gefunden hatte. Die Prüfung selbst war ein eher angenehmes Geplauder und die Prüfer meinten es offensichtlich gut mit uns. Auf diese Weise konnte ich meine Prüfungsnote sogar noch verbessern und damit ein Kapitel meines Lebens erfolgreich abschließen, das nie das meine gewesen war. Am nächsten Vormittag fuhr ich wieder zurück nach Frankfurt, um mich vor meinem Rückflug noch mit Heinz Becker und Reinhard Bulka zum Vorstellungsgespräch bei Nixdorf zu treffen. Beide waren sehr freundlich und interessiert, doch mussten wir noch geraume Zeit warten, da ein gewisser Berthold Mitrenga noch nicht angekommen war. Vielleicht war seine Verspätung letztlich ein wahrer Segen für mich, denn eigentlich hatten wir bei seiner Ankunft bereits alles besprochen. Warum mich dieser Mensch von der ersten Minute an hasste, war mir unerklärlich, doch da er in München das Vertriebszentrum Justiz leitete, war ihm wohl so eine Laus im Pelz höchst unangenehm, da die Position in Frankfurt nicht in seinen Einflussbereich fiel. Er wollte einfach nicht damit aufhören mich zu demontieren, sich sogar über mich lustig zu machen und ich wurde von dieser Inquisition erst erlöst, als ich auf meinen bevorstehenden Abflug noch am gleichen Abend hinwies und so auf ein Ende der Folterhandlungen drängen konnte. Mit einem herzlichen „wir werden uns bei ihnen melden“ verabschiedete mich Heinz Becker und wie ein begossener Pudel verließ ich das Haus, fuhr zum Flughafen und kehrte zurück nach Bangkok. Es wäre ein Traum gewesen, mein Traum, dass ich bei Nixdorf arbeiten würde, als Kollege von Christian und Matthias, doch nun stellte ich mich darauf ein, doch eher nach Taipei zu Herrn Franzen zu gehen.

 

Nach meiner Rückkehr blieb es still und ich hörte nichts mehr von Nixdorf. Mehrfach hatte ich zwar bereits den Telefonhörer in der Hand, entschied mich aber, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten, nicht anzurufen. Im Grunde gab es auch keinen Grund dort anzurufen, denn das Stillschweigen war ein ausreichend klarer Hinweis, dass sich dieser ominöse Herr Mitrenga durchgesetzt hatte. Nach weiterem Zuwarten überredete mich Famous schließlich doch dazu, bei Nixdorf anzurufen, um so zumindest eine klare Antwort auf diese beunruhigende Frage zu erhalten. Als ich endlich Herrn Bulka am Apparat hatte, war dieser spürbar erleichtert und begeistert, denn er hatte schon längere Zeit auf meinen Anruf gewartet, nachdem er mir seine Zusage per Fax geschickt hatte, das jedoch irgendwo im Äther untergegangen sein musste. Es war kein Traum mehr, denn schon in absehbarer Zeit, würde ich ein Nixdorfer sein und endlich auf eigenen Beinen stehen. Mehr als dies war es mir eine innere Genugtuung, dass ich den Job gegen den Willen dieses Mitrenga bekommen hatte. Ich war in Hochstimmung und stürzte mich sofort wieder in meine Arbeit an der Kammer, die von nun an eine neue Bedeutung erhalten hatte. Leider blieb meine Begeisterung nicht unbemerkt und Herr Rindermann betraute mich mit immer neuen Aufgaben, die in der Idee ihren Höhepunkt fanden, den Ballsaal für das Gala-Dinner in ein Raumschiff zu verwandeln. In den wenigen ruhigen Stunden, die mir in diesen Tagen blieben, blickte ich zufrieden zurück, sah mich in dieser unheilvollen Nacht im Martinihaus und empfand eine tiefe Dankbarkeit für all die Menschen, die mich mit helfender Hand beschützt und auf meinem Weg geführt hatten. Der kleine Junge aus dem Katzenloch hatte es endlich geschafft, war nicht mehr das schwarze Schaf und der Freak, sondern jemand, dem man vertraute und den man in den eigenen Reihen haben wollte. All dies war erstaunlich, denn ich hatte mich keineswegs spürbar verändert, außer, dass ich gelernt hatte, meine Fähigkeiten gewinnbringend einzusetzen. Ob mein Vater wohl stolz auf mich gewesen wäre? Ich weiß es nicht, denn vielleicht hätte er genau so wenig Notiz von den für mich so sensationellen Entwicklungen genommen, wie meine Mutter auch. Es war ein langer Weg mit vielen Abgründen, doch allen Unkenrufen zum Trotz hatte es nun den Anschein, dass ich doch nicht in der Gosse enden würde und das war gut so, denn ich hatte all diese Pharisäer, die Zauderer und Zögerer endlich Lügen gestraft, auch wenn sie das nie verstehen würden.

 

Ich hatte nun sehr viel außerhalb der Kammer zu tun und musste direkt mit thailändischen Herstellern, Handwerkern und Lieferanten verhandeln, was bei meinen erbärmlichen Sprachkenntnissen doch einige Schwierigkeiten mit sich brachte, denn Englisch oder Deutsch waren hier nicht unbedingt gefragt. Die Kammer hatte für das Symposium einige lokale Hilfskräfte eingestellt, meistens junge Studentinnen, die im Hintergrund mit emsigen Händen alle möglichen Arbeiten erledigten. Von diesen jungen Damen wurde mir Paporn Sirijindawong zur Unterstützung zur Seite gestellt. Sie war sehr aufgeschlossen, flexibel und konnte vor allem eine erstaunliche Hartnäckigkeit entwickeln, wenn es darum ging, ihre Landsleute dazu zu überreden, das zu tun, was wir bestellt und bezahlt hatten. Das war in der Tat nicht ganz einfach, denn so flexibel die Thailänder auch im Improvisieren von gescheiterten Ideen waren, so bewegungslos und starr verharrten sie gegenüber allem Neuen und vor allem gegenüber Ideen und Ratschlägen, die sie nicht vom Taxifahrer oder dem Nudelhändler um die Ecke erhielten. Überhaupt fragte ich mich, wie dieses Land jemals etwas Sinnvolles zustande gebracht hatte, denn wo immer man auch hinkam, gab es dieses stereotype „haben wir nicht, wollen wir nicht oder das geht nicht“. Und alles, was nicht funktionierte, wurde mit einem tief empfundenen „ist egal“ geheiligt, so dass ein Thai am Abend schließlich immer ruhig und zufrieden einschlafen konnte. Ich war froh, jemanden bei mir zu haben, der sich um diesen Wahnsinn kümmerte und mir auf diese Weise ermöglichte, mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Wir waren ein sehr gutes Team und mit der Zeit verstanden wir auch, was sein musste und was letztlich möglich und machbar war. Paporn war jeden Tag gut gelaunt und vertrieb mir meine Sorgen mit allerlei lustigen Geschichten, die selbst die anstrengendste Fahrt im notorischen Verkehr in Bangkok kurzweilig und unterhaltsam machte. Doch kein Mensch ist immer nur guter Laune und ich wurde neugierig, welcher Mensch sich tatsächlich hinter dieser Fassade verbarg. Was immer ich versuchte, um dieser Frage auf den Grund zu gehen, wurde von ihr akribisch abgewehrt und so blieb mir nur das Bild, das sie mir zeigen wollte. Wenn wir abends die Kammer verließen, gingen wir getrennte Wege und sie würde mir nicht einmal erlauben, sie mit dem Taxi nach Hause zu fahren. Ich verbrachte daher die Abende und Nächte weiterhin mit den Kollegen, zu denen sich inzwischen auch Ralf Schryvers gesellt hatte, der aus München in die Kammer gekommen war, um seine Wahlstation zu absolvieren. Inzwischen belagerten wir einen ansehnlichen Teil des Panpit Courts und wenn wir uns alle in einem unserer Zimmer trafen, wurde es nicht nur eng, sondern auch sehr unterhaltsam. Für mich waren diese Stunden immer sehr interessant und aufschlussreich, da man die Menschen in ausgelassener Stimmung erleben konnte und sich zumindest hier die Fassade umgehen ließ, um einen kurzen Blick auf die Person zu werfen, wie sie wirklich war.

 

Mit dem nahenden Beginn des Symposiums, war auch das Ende meiner Zeit in Bangkok gekommen. Mein Rückflug nach Deutschland war genau für die Nacht des Gala-Dinners gebucht und bereits nach dem Wochenende, das ich natürlich in Frankfurt verbringen würde, sollte ich am folgenden Montag meinen ersten Tag bei Nixdorf verbringen. Mein ganzes Leben war plötzlich hektisch geworden. Die Ruhe und Gelassenheit der früheren Jahre fehlten mir manchmal doch sehr. Unsere Vorbereitungen für das Symposium waren alle im Plan und vielleicht fühlte sich Herr Rindermann deshalb veranlasst, für alle Helfer ein Wochenende am Strand von Pattaya zu ermöglichen. Es war an diesem Wochenende als ich immer wieder spürte, wie Paporn meine Nähe suchte und sich ansonsten sehr bemühte, die Schar der attraktiven Hostessen und sonstigen Schönheiten zumindest auf Armeslänge von mir fernzuhalten ohne selbst jedoch auch nur den geringsten Versuch einer Annäherung zu unternehmen. Doch meine Seele spürte, dass uns etwas verband, das keiner subtilen Annäherung bedurfte, um seine Existenz spürbar zu machen. So sehr wir alle das Ende des Symposiums auch verdrängten und damit den Umstand, dass unsere gemeinsame Zeit schon bald Geschichte sein würde und wir uns mit den Erinnerungen zufrieden geben mussten, so sehr wurden wir daran wieder erinnert, als wir alle unsere Zimmer im Indra Regent Hotel bezogen und ab diesem Tag direkt vor Ort arbeiten mussten. Ich räumte mein Zimmer im Panpit Court zusammen mit Ning, die über die ganze Zeit bei mir geblieben war. Es war ein trauriger Moment. Als wir zusammen das Haus verließen, nahm sich jeder ein Tuk-Tuk und wir fuhren noch für einige Zeit hintereinander durch die Straßen, bis wir uns plötzlich an einer Gabelung trennten und Ning mir ein strahlendes Lächeln schenkte, bis wir uns endgültig aus den Augen verloren. Das Symposium brachte mich aber schon bald wieder zurück in die Realität, denn die Computeranlage war bereits angekommen und alles musste getestet werden, sobald das letzte Kabel angeschlossen und verlegt war. Auch die Metamorphose des Ballsaals war in vollem Gange und es galt nicht nur die Handwerker, sondern auch die Künstler und Tänzer, die am Abschlussabend auftreten würden, zu dirigieren und zu betreuen. Paporn und ich waren den ganzen Tag zusammen und rannten von einem Stockwerk zum nächsten, besprachen die Arbeiten, organisierten was benötigt wurde und fanden oft erst spät in der Nacht unsere Ruhe. Wir waren müde, abgearbeitet und erschöpft, doch was wir schufen, taten wir gemeinsam und ohne es zu wissen, hatten wir diese reale Gemeinsamkeit, die Erfahrung, dass wir gemeinsam viel erreichen konnten.

 

Vor allem die Stunden, die ich vor dem Computer zubrachte, forderten schon bald ihren Preis und fast hätte ich nicht nur den Abschlussabend, sondern auch meinen Rückflug verpasst. Ich saß im Computerraum, der wie immer auf arktische Temperaturen klimatisiert war, als ich plötzlich einen stechenden Schmerz in der Lendenwirbelsäule spürte, der mir in seiner Art wohl bekannt war. Sofort versuchte ich aufzustehen, was mir jedoch nicht mehr gelang. Ich wurde mit gemeinsamer Anstrengung in mein Zimmer gebracht, wo ich dann absolut reglos in meinem Bett lag. Rückenschmerzen waren seit Jahren meine Begleiter, doch was mich nun plagte, war in seiner Intensität und Heftigkeit so niederträchtig, dass mir die Tränen in den Augen standen. Es verblüffte mich daher kaum, dass die üblichen Maßnahmen zu keiner Linderung führten und mich auch weiterhin wie einen Käfer in Kafkas Verwandlung in meinem Bett zurückließen. Während sich Herr Rindermann um ärztliche Hilfe bemühte, bewachte Paporn mein Zimmer wie Zerberus persönlich und verwehrte jeder weiblichen Person den Zutritt, da diese wohl nicht zuträglich für meine Genesung waren. Erst als sie selbst zum Essen ging, kamen plötzlich alle in mein Zimmer gerannt, um nach mir zu sehen. Hilfe kam schließlich in Form eines Japaners, den Herr Rindermann kannte und der entsprechend überredet werden musste, da er ansonsten nur in ausgewählten Kreisen tätig war. Er sprach nur Japanisch, doch das war kein Problem, da er ohnehin kaum etwas sagte. Unter heftigen Schmerzen drehte er mich auf den Bauch und ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen, fuhr er mit seinen Fingern langsam meine Wirbelsäule entlang, bis er mir zu erkennen gab, an welcher Stelle der Bösewicht sich eingenistet hatte. Danach begann er meinen Rücken vom Hals abwärts mit seinen Händen zu bearbeiten. Es musste nach über einer Stunde gewesen sein, als er sich zurücklehnte und mir zu verstehen gab, dass ich nun aufstehen sollte. Ich hatte zwar die Bibel gelesen, doch fehlte mir damals schlicht der Glaube, dass ich auch nur zurück in die Rückenlage kommen würde, ohne dabei vor Schmerz zu schreien. Er reichte mir seine Hand und ehe ich mich versah, stand ich krumm, aber nur mit erträglichen Schmerzen vor ihm. Er gab mir auf, mich so viel zu bewegen, wie ich ertragen konnte und verschwand dann ganz einfach wieder mit einem Lächeln aus meinem Zimmer. Paporn hielt mir die Hand und führte mich durch die Gänge des Hotels, lächelte mich verständnisvoll an und war unermüdlich in ihren Bemühungen, mich aufzuheitern. Es war nicht einfach, doch ich konnte mich bewegen und mit langsamen Schritten meine Arbeit zu Ende bringen.

 

Eine geheimnisvolle Kraft war ganz offensichtlich hier am Arbeiten, die in letzter Minute noch versuchte, meine Abreise zu verhindern, denn zu allem Glück wurde mir im Hotel auch noch der Geldbeutel mit allen Bank- und Kreditkarten gestohlen. Doch Paporn tat ihr Möglichstes, all diese Unwegsamkeiten wieder auszubügeln und dann kam der letzte Tag, der Tag der Abreise. Ich hatte bereits am Abend zuvor meine Koffer gepackt, bei deren Anblick ich am frühen Morgen fast verzweifeln wollte, denn was immer ich mir auch einzureden versuchte, meine Seele hatte sich hier wohlgefühlt. Ich nahm mir vor, jede Sekunde dieses Tages zu genießen, denn schließlich lag etwas Neues vor mir und dieser Neubeginn sollte nicht mit Traurigkeit beginnen. Das Symposium verlief gut und alles, was unser Team in Angriff nahm, war ein Erfolg. Nun erwartete uns das Gala-Dinner und im Ballsaal wurden noch die letzten Arbeiten vorgenommen, um die Mutation zum Raumschiff perfekt zu machen. Alle Wände waren mit bemalten Leinwänden überzogen worden, auf denen ein lokaler Künstler den Innenraum eines Raumschiffs in Öl gemalt hatte. Alles war jetzt installiert und überall wurden Scheinwerfen, Sound und spezielle Effekte getestet, während man in den Ecken und Gängen die Tänzer und Hostessen sehen konnte, die in Raumanzügen gekleidet waren und nun damit begannen, sich zu schminken und sich für den Abend vorzubereiten. Es war ein faszinierender Anblick und wir waren wohl alle von einem Gefühl der Zufriedenheit erfüllt, dieses wohlige Gefühl, das sich ab und an mit einer gesunden Portion Stolz vermischte. Für mich war es mehr als nur ein Job gewesen. Ich hatte gute Freunde gefunden, hatte mich in ein Team eingefügt und mir vor allem selbst bewiesen, dass ich etwas erreichen konnte, wenn ich nur an mich glaubte. Was zunächst noch nach einer bloßen Flucht aus Gomaringen aussah und von vielen zuhause als Dummheit bewertet wurde, hatte sich als wichtiger Schritt in meinem Leben erwiesen. Ich hatte mein Staatsexamen erfolgreich abgelegt und würde schon in wenigen Tagen bei Nixdorf arbeiten. Was immer auch die nächsten Jahre für mich bringen würden, es hatte seinen Ursprung hier in Bangkok gefunden.

 

Schon bald nach Beginn der Show verabschiedete ich mich und holte meine Koffer. Herr Rindermann bedankte sich sehr herzlich und ließ mich von seinem Fahrer mit dem Mercedes der Kammer an den Flughafen fahren. Doch war ich nicht alleine, denn einige der Freunde und natürlich auch Paporn begleiteten mich auf dieser Fahrt. Nun war es soweit und als wir schließlich vor dem Flughafen standen und die letzte Zigarette anzündeten, überspielten wir dieses drückende Gefühl auf unseren Herzen mit Erinnerungen und Geschichten, die uns nochmals herzlich zum Lachen brachten. Paporn hatte sich zu Ralf Schryvers gestellt und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ich fragte sie, warum sie sich so geheimnisvoll mit Ralf unterhielt, doch sie antwortete mir nicht und zuckte nur mit den Schultern. Ralf erklärte mir dann an ihrer Stelle, dass sie mich gerne in Frankfurt besuchen würde, doch kein Geld für den Flug hatte und sie sich dafür schämte. Ich gebe zu, dass es dieser Moment war, den ich auf der ganzen Fahrt so schmerzlich vermisste und der diesen Tag erst vollständig machte. Meine Seele wusste, warum ich nicht zögerte und Paporn anbot, mich in Frankfurt zu besuchen. Sie nahm die Einladung verlegen an und strahlte vor Glück. Nun war alles getan, was getan werden musste, um diesen Abschnitt zu beenden und ich konnte mich beruhigt in das Flugzeug setzen, das mich wieder in eine Welt bringen sollte, die bereits mit neuen Aufgaben und Überraschungen auf mich wartete.

 

 

14

 

Ich hätte mir meine Ankunft in Frankfurt gerne anders gewünscht, aber an diesem Novembertag lag dichter Nebel über der Stadt, es regnete und war empfindlich kalt. Als ich den Flughafen verließ, um mir ein Taxi zu suchen, kämpften sich die ersten Sonnenstrahlen mühsam durch dieses Grau, doch brachten sie an diesem Morgen leider nur sehr wenig Farbe in die Welt. Die Straßen waren verlassen, alle schliefen noch, denn es war Wochenende und das Taxi brachte mich unbehelligt in mein Hotel, das Nixdorf für mich in Niederrad gebucht hatte. Eine Bürostadt entfaltet ihre eigene Wirkung auf den Betrachter und dies vor allem dann, wenn man nach einer langen Reise allein im Hotelzimmer steht und durch das Fenster auf menschenleere Straßen und geschlossene Gebäude blickt. Alle Zähler standen plötzlich auf null, die Einsamkeit machte sich bemerkbar und wie immer in solchen Augenblicken, waren es nur die Zweifel, die mit leiser Stimme aus dem Hintergrund zu mir sprachen. Ich ließ alles stehen und liegen und entschloss mich für einen Spaziergang, denn ich wusste, dass mich diese sanften Stimmen schon bald zwischen Skylla und Charybdis treiben würden und in diesem Hotelzimmer gab es kein Entkommen. Der Gedanke gefiel mir, erinnerte er mich doch an meine Italienreise mit Bernd Klingel und Ralf Schönleber, die uns auch nach Sizilien und an die Straße von Messina brachte. Doch an diesem Samstag war eine andere Zeit, denn ich spazierte nicht durch die Olivenhaine Italiens, sondern ging langsam die leeren Straßen von Niederrad entlang, bestaunte die großen Bürogebäude, die man schon von der Autobahn aus sehen konnte und stellte mir vor, wie am Montagmorgen all diese Menschen aus der Umgebung mit ihren bunten Autos hier in die Parkhäuser fahren würden, um zum Leben zu erwecken, was jetzt noch tot und gespenstisch vor mir lag. An diesem Montag würde auch ich dabei sein, nicht als Student, sondern als einer von ihnen. Ich hatte einen langen Weg hinter mir und meine innere Stimme sagte mir, dass ich endlich meinen Weg gefunden hatte, auch wenn die folgenden Jahre nicht einfach werden würden. Aber das Richtige ist nicht immer einfach und vielleicht muss es manchmal auch wehtun, damit es den Sinn erfüllt, den unser Leben in sich trägt. Am Sonntag würde auch Lothar Eberhardt aus Mössingen kommen, denn ich hatte von Bangkok aus bei ihm einen gebrauchten VW Passat bestellt, den er mir nach Frankfurt bringen wollte. Ich konnte es kaum erwarten, wieder mein eigenes Auto zu haben und ich wollte unbedingt die Stadt und die Umgebung erkunden. Ich war zuvor erst einmal in Frankfurt gewesen, als wir damals mit unserem Deutschlehrer von Rottweil kamen und die Frankfurter Allgemeine Zeitung besuchten. Ansonsten kannte ich nur den Flughafen und jetzt auch Niederrad. Nach diesem nasskalten Spaziergang schätzte ich den Umstand im Hotel essen zu können, denn als Wohnsitzloser hatte ich jetzt zumindest schon einmal eine formidable Unterkunft. An diesem Abend schrieb ich den ersten Brief an Paporn.

 

Mein Empfang bei Nixdorf war warm und herzlich. Natürlich hatte ich wie immer befürchtet, dass mich die anderen Kollegen zunächst skeptisch beäugen und ausgiebig mustern würden, doch nichts davon war nach meiner Ankunft zu spüren. Reinhard Bulka nahm mich an der Hand und stellte mich der ganzen Mannschaft vor. Manche kannten bereits meinen Namen, andere kamen auf mich zu, boten einfach ihre Hilfe an und überall war zu spüren, dass ich willkommen war. Etwas war anders hier und die folgenden Wochen und Monate gaben mir in diesem ersten Gefühl auch Recht. Es gibt in jedem Leben Erinnerungen, manche sind nur stumme Zeugen, die uns vor Augen halten wollen, welch unaussprechliches Leid den Weg zur Hölle pflastert, andere verschwinden im Nichts der Bedeutungslosigkeit und schmücken nur noch als blasse Silhouetten unsere Tapeten, doch dann gibt es auch die wenigen hellen und leuchtenden Augenblicke, die uns die Kraft geben, auch am folgenden Morgen wieder aufzustehen, weiterzumachen, wenn wir gefallen sind und die uns helfen, den Weg zu Ende zu gehen, den wir einst begonnen hatten. Meine instinktive Angst vor Menschen kam zumindest in dieser Abteilung zu einem Ende, ich fühlte mich hier sicher und geborgen und vor allem wollte ich genau hier sein. In diesem Unternehmen herrschte ein besonderer Geist, den ich nur dem Gründer Heinz Nixdorf zuschreiben konnte, der damals leider schon im vergangenen Jahr in Hannover auf der CeBIT verstorben war. Überall konnte man Erzählungen über diesen Mann hören, die Menschen blickten bei neuen Aufträgen oft zum Himmel und prosteten ihrem Heinz zu und es war klar, dass der Respekt für ihn genauso wenig mit ihm gestorben war, wie die Prinzipien, die er den Menschen um ihn herum mitgegeben hatte. Ich hätte ihn gerne selbst einmal kennengelernt, denn was dieser Mann geschaffen hatte, beeinflusste mich nachhaltig und war mir Beweis genug, dass man die Welt und die Menschen doch verändern kann, wenn man nur ein Ziel verfolgt und die Dinge nicht nur deshalb tut, weil man dies schon immer so getan hatte. Ich hatte meine Oase gefunden und war wild entschlossen, meinen Anteil zum Gelingen dieser Idee beizutragen.

 

Es hatte den Anschein, dass man mich so schnell wie möglich einsatzbereit machen wollte, denn ich bekam unzählige Produktinformationen und Broschüren auf meinen Tisch, die mir in ihrem Gehalt damals absolut wie böhmische Dörfer vorkamen. Es war ausgesprochen ermüdend und neben all den technischen Details, die ich mir aneignen musste, plagte mich der Gedanke, wie in Gottes Namen ich diese Geräte einem Menschen und dann auch noch einem Gericht oder einem Ministerium verkaufen sollte. Aber die Kollegen erkannten meine Pein und vor allem Matthias Loyal tat sein Möglichstes, um mich in die Welt der Prozessoren, Kabel und sonstigen Komponenten einzuführen. Um auch das Handwerk des Vertriebsmannes zu erlernen, begleitete ich Matthias bei seinen Terminen und wurde ansonsten von Klaus Berkenkamp, einem erfahrenen und abgehangenen Vertriebsbeauftragten, in die Weisheit und die Niederungen des Verkaufs eingeführt. Da ich außerhalb der üblichen Zeiten eingestellt wurde, buchte Reinhard Bulka alles was noch verfügbar war und stellte mir damit ein Kursprogramm zusammen, das mir möglichst schnell alles Notwendige an die Hand geben sollte. An den Abenden und vor allem an den Wochenenden bemühte ich mich, eine passende und bezahlbare Wohnung zu finden, ein Unterfangen, das in einer Stadt wie Frankfurt naturgemäß nicht besonders erfreulich war, doch wurde ich schließlich in der Kaufungerstrasse in Bockenheim fündig. In diesem Trubel blieb mir nicht einmal die Zeit meine Freunde zu besuchen, denn mit dem Beginn des neuen Jahres durfte ich bereits an dem berüchtigten Nixdorf Auftaktprogramm im Sauerland-Stern-Hotel in Willingen teilnehmen. Wir wurden zuerst in Frankfurt mit dem Bus abgeholt und dann gemeinsam zum NAP, wie man diese Veranstaltung kurz nannte, gefahren, wo sich die Teilnehmer aus der gesamten Republik trafen. Auch im Hotel wurden wir zumeist nur in Doppelzimmern untergebracht, um uns auf diese Art mit anderen Teilnehmern vertraut zu machen. Als ich in mein Zimmer kam, fand ich bereits das Gepäck meines Kollegen, mit dem ich dieses Zimmer und das Doppelbett für eine Woche teilen würde. Ich wartete einige Minuten, doch war von ihm nichts zu sehen, weshalb ich mich dazu entschloss, mich unter die anderen Teilnehmer zu mischen. Ich kam sehr spät und reichlich angetrunken wieder zurück in mein Zimmer, doch war von dem mysteriösen Kollegen noch immer nichts zu sehen. Selbst sein Gepäck war unberührt geblieben und es schien die beste Lösung zu sein, nicht auf ihn zu warten und mich hinzulegen und den Alkohol auszuschlafen.

 

In den frühen Morgenstunden klingelte das Telefon auf der anderen Seite des Doppelbettes und da ich noch viel zu müde war, ließ ich es klingeln und hoffte, dass der Anrufer seinen Irrtum bald erkennen und dann auflegen würde. Doch der Anrufer war besonders hartnäckig und mein Kollege, der irgendwann in der Nacht schließlich den Weg in unser Bett gefunden haben musste, bewegte sich nicht. Ich rollte mich daher leicht über ihn, griff nach dem Telefonhörer und legte mich mit dem Hörer am Ohr wieder zurück auf meine Seite. Für einige Minuten hörte ich mir das hysterische Geschrei am anderen Ende der Leitung an, das da aus dem Hörer strömte, bis ich endlich begriff, dass dieser Lärm meinem Kollegen galt, der noch immer selig neben mir schlief. Ich weckte ihn verständnisvoll, legte den Hörer auf die Decke und bat ihn, sich dieser Sache doch selbst anzunehmen. Wie sich herausstellte, war es seine Frau, die ihn zu kontrollieren versuchte und es amüsierte mich, wie der Kollege verzweifelt versuchte diese Furie zu beruhigen, nur um letztlich doch den Hörer auf die Gabel zu werfen. Wer da neben mir lag war Roland Martinez aus Frankfurt. Wie alte Freunde lagen wir noch eine ganze Weile im Bett, starrten schläfrig an die Decke und erzählten uns, woher wir kamen und was uns zu Nixdorf getrieben hatte. Den Rest des NAP verbrachten wir zusammen und ich hatte meinen ersten Freund bei Nixdorf gefunden. Diese Tage im Sauerland verbanden mich noch mehr mit Nixdorf und gaben mir die erste Einsicht in das, was ich noch vor Wochen als „anders“ empfunden hatte. Alles war hier greifbarer, ja geradezu familiär und an einem Tag mischten sich sogar die Vorstände des Unternehmens unter uns und gaben uns zumindest für diesen Tag die Möglichkeit einen Klaus Luft oder Dr. Horst Nasko aus der Nähe zu erleben. Als Krönung der Veranstaltung bekamen wir am letzten Tag unseren eigenen Firmenausweis. Vielleicht war es das, was man allgemein unter Firmenkultur verstand oder es mag auch nur eine clever angelegte Motivationsveranstaltung gewesen sein, doch gab es für mich keinen Zweifel, dass dieses Miteinander überall zu spüren war und dieses Unternehmen prägte und letztlich ausmachte. Auf der Heimreise verspürte ich eine kompromisslose Zufriedenheit und ich nahm mir fest vor Matthias in Bonn anzurufen und ihm nochmals für seine Hilfe zu danken, ohne die ich vielleicht nie hierhergekommen wäre. Es war seltsam, aber ich fühlte mich glücklich und kehrte voller Energie und Tatendrang wieder nach Frankfurt zurück.

 

Diesen Mut und Tatendrang konnte ich schon bald sehr gut gebrauchen. Der Verwaltungsgerichtshof in Kassel hatte sich bei Reinhard Bulka gemeldet und um einen Besuch gebeten. Natürlich versprach Reinhard als guter Vertriebsleiter den Richtern, sofort den besten Mann zu schicken, doch da zu dieser Zeit außer mir niemand verfügbar war, drückte er mir die Adresse, einige einschlägige Broschüren und die besten Wünsche in die Hand und vergaß dabei nicht mir zu versichern, dass er ganz fest an mich glaubte. Das allein konnte mich aber kaum trösten und ich suchte sofort Klaus Berkenkamp auf, um ihn nach seinem Rat in dieser verzweifelten Situation zu fragen. Am nächsten Tag schon stand ich vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel und rauchte zuerst noch einmal die eine oder andere Zigarette, da ich mich schlicht nicht in das Gebäude wagte. Erst als mir meine innere Stimme die Lage nochmals erklärte, fasste ich mir ein Herz und trat in dieses hohe Haus ein. Da ich von der Hardware nur sehr wenig Ahnung hatte und daher eigentlich auch nicht wusste, warum ausgerechnet unsere Kisten besser waren als die von Siemens, lenkte ich die Aufmerksamkeit der hohen Herren, so wie ich es bei Dr. Beckmann in Reutlingen gelernt hatte, auf die spezielle Anwendungssoftware, die es selbstverständlich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Nun waren wir aber alle endlich in unserem juristischen Element und Fantasien, Wünsche und Hoffnungen erfüllten den Raum. Ich folgte also dem Rat, den mir Klaus Berkenkamp mit auf den Weg gegeben hatte, mich und meine Persönlichkeit zu nutzen und nicht sein zu wollen, was ich schlicht nicht war. Es gab Folgegespräche und schließlich meinen ersten Auftrag zur Ausstattung des Verwaltungsgerichtshofes und aller Verwaltungsgerichte in Hessen. Es war ein wichtiger Auftrag, vor allem für mich, aber auch für die ganze Geschäftsstelle in Frankfurt und leider war es auch der Beginn einer endlosen Feindschaft mit diesem Berthold Mitrenga in München. Nun zeigte sich die Kraft dieses Unternehmens. Nach der ersten Euphorie mobilisierten Reinhard Bulka und Heinz Becker alles, was für das Projekt erforderlich war, Helmut Dahlmann wurde mir sofort als Programmierer exklusiv zur Seite gestellt und ich bekam den so nötigen Schutzschild, um künftige Attacken aus München von mir fernzuhalten. Es war ein geradezu erhebendes Gefühl, denn schließlich war es mir in Hessen gelungen, eine empfindliche Presche in diesen von Siemens dominierten Markt zu schlagen. Vielleicht war es auch das Gefühl mit diesem Auftrag wirklich zum Team zu gehören, etwas Wichtiges zum gemeinsamen Erfolg beigetragen zu haben und ein Teil zu sein, ein Teil von Etwas, das ich schon nach diesen wenigen Monaten so sehr zu schätzen gelernt hatte, dass ich es nie aus freien Stücken wieder aufgegeben hätte.

 

Wenn ich abends in meine halbleere Wohnung kam, versuchte ich mir die Zeit so angenehm wie möglich zu machen und da ich meistens ganz allein war, hatte ich dabei alle Freiheiten. Meine Wohnung war nicht sehr groß, aber ich fühlte mich dort wohl und vor allem konnte ich zu Fuß in die Leipziger Straße gehen, wo ich dann Parmaschinken beim Italiener, Gemüse beim Türken oder frisches Brot beim deutschen Bäcker einkaufen konnte. Geradezu ein Segen war, dass sich nur wenige Schritte von meiner Haustüre eine Imbissbude befand, wo man nicht nur absolut göttliche Currywurst mit Pommes, sondern auch allerlei geräucherten Schinken bekam. An manchen Tagen fühlte ich mich zwar einsam, doch an den meisten Abenden war ich ganz froh, meine Ruhe zu haben, um die Dinge zu verarbeiten, die sich über die Zeit in mir angestaut hatten. Mein Großvater war vor Monaten verstorben, als ich noch in Bangkok war und ich hatte damals nicht die Zeit gefunden, diese Tatsache für mich verständlich einzuordnen. Bis heute habe ich sein Grab nie besucht, denn für mich war er nie gegangen, war immer neben mir und hat nie aufgehört mir seine Liebe und menschliche Wärme zu geben, die ich schon als Kind so dringend benötigt hatte. Ich war mir sicher, dass er in guten Händen war, denn wenn Menschen wie er in einem kühlen Grab verweilen mussten, dann würde es für die Menschheit keine Hoffnung mehr geben. Es war ein guter Tod, der ihm gegönnt wurde, denn er legte sich abends zu seiner Frau und stand morgens nicht mehr auf. Was ich jedoch zutiefst bedauerte war, dass ich diesen Abschnitt meines Lebens nicht mit ihm teilen konnte und nie mehr erfahren würde, ob er auf mich stolz gewesen wäre. Und dann holten mich die Banalitäten des Lebens wieder ein, denn ich benötigte dringend einige Möbel, damit ich Paporn nach ihrer Ankunft wenigstens eine ordentlich eingerichtete Wohnung zu bieten hatte. Ich wusste, dass meine finanzielle Situation mehr als angespannt war und schob daher jegliche Anschaffung vor mir her. Eines Abends dann klingelte es noch sehr spät an der Türe und als ich öffnete, stand Roland Martinez mit seinen Koffern auf der Straße. Die Furie hatte wieder einmal zugeschlagen und mit Messern nach ihm geworfen, so dass er sich zum Auszug entschloss und nun einen ruhigen Platz zum Schlafen suchte. Es war das Ende meiner ruhigen Abende. Wir kamen gut miteinander aus, ernährten uns von Currywurst und McDonald’s und zogen immer wieder durch die Kneipen in Frankfurt, die er sehr gut kannte. Diese Idylle wurde allerdings empfindlich gestört, als ich von der Landesgirokasse in Tübingen die freundliche Mitteilung erhielt, dass meine Schecks für Miete und Strom, sowie von nun an auch alle anderen Schecks nicht mehr akzeptiert werden konnten und man mir hiermit auch jeglichen weiteren Kredit verweigern würde. Ohne auch nur eine Minute zu zögern, gab mir Roland einige tausend Mark und schleppte mich gleich am nächsten Tag zur Deutschen Bank in Niederrad. Dort kannte man Nixdorf und mein Arbeitsvertrag war den Bankern zumindest so viel wert, dass sie kurzerhand meine Schulden bei der leidigen Landesgirokasse ablösten, mir ein neues Konto und einen zusätzlichen Kredit gaben, der mich für einige Zeit über Wasser halten sollte. Ich war sehr überrascht, wie einfach solche existenziellen Probleme doch gelöst werden konnten, aber da ich mir aus Geld ohnehin nie viel machte, empfand ich es auch als sehr beruhigend.

 

Doch das Leben hatte auch ganz feinfühlige Methoden für mich bereit, um mir den einen oder anderen Hinweis zu geben und meine Füße fest auf dem Boden zu halten. In einem der oberen Stockwerke wohnte Herr Ruge, ein etwas sonderbarer alter Mann, dem man eigentlich nicht unbedingt im Dunklen begegnen wollte. Wenn ich ihn ab und zu im Hausgang sah, war er meistens unrasiert, hatte fettiges Haar und trug alte abgenutzte Kleidung. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass er in diesen ersten Wochen seit meinem Einzug jemals auch nur ein einziges Wort gesprochen hatte, vielmehr starrte er mich gewöhnlich nur an, wenn er gerade aus dem Keller kam oder wie angewurzelt im Stiegenhaus stand. Er war ein Sonderling und man konnte direkt fühlen, wie ihm die Einsamkeit auf Schritt und Tritt folgte. Jedoch spürte ich auch, dass mich etwas mit diesem Mann verband und ich wartete auf den richtigen Augenblick, um ihn unauffällig im Gang vor meiner Wohnungstüre in ein Gespräch zu verwickeln. Zunächst reagierte er gleichgültig und fast abweisend, doch nach nur wenigen Minuten drehte er sich zu mir um und wir begannen eine angeregte Unterhaltung. Es war nicht leicht jedem seiner Gedanken zu folgen, da manches auf mich eher wirr und konfus wirkte. Doch war mir dieses Phänomen durchaus bekannt, denn auch ich neigte nach Zeiten längerer Einsamkeit dazu, hunderte von Gedanken gleichzeitig über meinen Gesprächspartner zu verschütten und diesen dann ganz ohne Absicht gleich wieder zu vertreiben. Ein ungutes Gefühl überkam mich jedoch, als er mich aufforderte, doch mit ihm in den Keller zu gehen, wo er mir etwas ganz Besonderes zeigen wollte. Ich folgte ihm vorsichtig und er überraschte mich schließlich mit einem riesigen Schiff, das er ganz alleine nur mit Streichhölzern gebaut hatte. Es musste Monate oder gar Jahre gedauert und eine unendliche Geduld erfordert haben. Schließlich lud er mich noch auf eine Tasse Tee zu sich in seine Wohnung ein, wo er mir mehr von sich und seinem Leben erzählte. Wir waren beide ganz in unsere Unterhaltung vertieft, als wir durch ein leises Rufen aus einem der geschlossenen Zimmer unterbrochen wurden. In dem Zimmer lag seine kranke und bettlägerige Frau, die er jeden Tag ebenfalls ganz alleine versorgte und pflegte. Ich schämte mich für meine Gedanken, die ich vor diesem Tag hatte und dafür, dass ich ihn auf meine Weise als Sonderling verurteilt hatte. Nun, da ich mehr von ihm wusste und er mir einen kurzen Blick hinter seinen ansonsten verschlossenen Vorhang ermöglicht hatte, fühlte ich Respekt für ihn und auf seine Art beeindruckte er mich. Nach diesem Tag sah ich ihn immer wieder, nur hatte er jetzt seinen mürrischen Blick verloren und lächelte, wie nur ein Mensch lächeln konnte, der wieder auf den Weg zurückgefunden hatte.

 

Roland war für mich eine Inspiration. Wir beide waren bestimmt am jeweilig anderen Ende der Skala angesiedelt und doch verstanden wir uns prächtig. Neben unserer gemeinsamen Vorliebe für Musik von Marius Müller-Westernhagen, Eros Ramazzotti oder Umberto Tozzi, gab es viele Dinge, die uns beide verbanden und unsere Mütter waren dabei signifikante Eckpunkte, wobei meine Mutter mir zumindest noch nie die Autoreifen abgestochen hatte. Doch für Roland schien das Leben eine andere Bewandtnis zu haben als für mich, denn was immer ihm dieses Leben auch in den Weg warf, konnte ihn nicht davon abhalten, über das Hindernis zu springen und dabei auch noch herzlich zu lachen. Er war sicherlich kein Philosoph, doch war er ein Mensch, der die Gabe besaß mit meinen Depressionen zu leben und der mich so nahm, wie ich eben war, ohne dabei selbst in die Melancholie zu verfallen. Ich hingegen war wohl eher der Typ, der versuchte seine Probleme mit der Hand aus der Welt zu schaffen und sich dann jahrelang Gedanken machte, ob er dem Problem vielleicht Unrecht angetan hatte. Manchmal kam Roland mitten in der Nacht total betrunken nach Hause, stand schwankend mit einer Flasche Rotwein in der einen Hand und einem unterschriebenen Vertrag in der anderen vor mir und strahlte über das ganze Gesicht. Er hatte wieder einmal mit einem italienischen Weingroßhändler verhandelt, so wie er schon am frühen Morgen die Gemüsegroßhändler bei einem gepflegten Grappa zum Kauf eines Computersystems zu überreden versuchte. Ich half ihm zu akzeptablen Bedingungen aus seiner Ehe herauszukommen, da sein Rechtsanwalt keine besondere Leuchte war und eine offene Auseinandersetzung mit der Furie eine Gefahr für Leib und Leben darstellte. Um ihn vor der Einsamkeit zu bewahren, brachte ich ihn später mit Claudia Erndt zusammen, die in meiner Abteilung bei Nixdorf arbeitete und mit ihrer Erscheinung und Lebensauffassung geradezu ideal für Roland war. Auf diese Weise beruhigten sich die Wellen unseres Lebens auch bald wieder und ich konnte mich der Vorbereitung für Paporns Besuch widmen. Auch wenn ich mir dies ständig einzureden versuchte, war es im Grunde kein einfacher Besuch, sondern der bis dahin unausgesprochene Beginn unseres gemeinsamen Lebens. Daher bemühte ich mich instinktiv auch schon im Vorfeld um eine Aufenthaltserlaubnis für Paporn, obwohl dies für einen Besuch eigentlich nicht notwendig gewesen wäre. Das war keineswegs einfach, aber ich fand schließlich in Herrn Sorgenfrei einen verständigen Beamten, der auch das Herz am rechten Fleck hatte. Nomen est omen. Es gab auch sonst viel zu erledigen und da zunächst keine der üblichen Krankenkassen eine Thailänderin auf Besuch versichern wollte, musste ich eine akzeptable Lösung bei anderen Versicherungen möglich machen. Auch ein Bett und andere Möbel waren gekauft und Roland fand eine eigene Wohnung, so dass der Ankunft von Paporn in Frankfurt nichts mehr im Wege stand.

 

Ganz so einfach war es natürlich nicht. Auch wenn die Formalitäten mit Geduld und etwas Hartnäckigkeit erledigt werden konnten, blieb da immer noch ein schleichender Zweifel in der Magengrube, der sich auch nicht lindern oder gar entfernen ließ, sondern unablässig für ein Gefühl der Unsicherheit sorgte. An manchen Tagen war ich mir absolut sicher, dass ich das Richtige tat und an anderen Tagen überkam mich die nackte Panik. Dabei war es natürlich nicht sehr hilfreich, dass manche Menschen in meiner Umgebung Ängste in mir schürten, ohne diese wenigstens mit einem dummen Argument zu untermauern. Natürlich kannte ich Paporn erst seit wenigen Wochen von unserer gemeinsamen Arbeit an der Kammer und dann von den unzähligen Briefen und Telefonaten, die uns über die letzten Monate miteinander verbanden, aber diese Zeit hatte uns in der Distanz näher gebracht und ein Fundament geschaffen, das zumindest in meinem Empfinden weit über eine der üblichen Romanzen oder Liebeleien hinausging. Nun war es aber mein Leben und möglicherweise war es der größte Fehler dieses Lebens, den ich gerade dabei war zu machen, doch einen solchen Fehler musste ich ja zwangsläufig irgendwann einmal begehen und so entschied ich mich, ihn eben jetzt gleich zu machen. Paporn hatte in der Zwischenzeit ihr Studium der Journalistik an der Thammasat Universität in Bangkok erfolgreich abgeschlossen und an ihrem ersten Deutschkurs am Goethe-Institut teilgenommen. Und nun war sie auf dem Weg nach Frankfurt. Um sie am Flughafen gebührend zu empfangen und ihren ersten Tag in diesem Land etwas unterhaltsamer zu gestalten, kamen unsere gemeinsamen Freunde, die mit uns an der Kammer gearbeitet hatten, zu diesem Anlass nach Frankfurt. Wie sich das bei solchen Ereignissen natürlich gehört, hatte der Flug aus Bangkok Verspätung, da die Maschine wegen technischen Problemen auf Zypern zwischenlanden musste. Doch dann schob sich endlich die Schiebetüre zur Seite und Paporn kam mit einem strahlenden Lächeln auf uns zu, klopfte anerkennend auf Schultern, gab hier und da ein Küsschen und machte ihre Späße mit uns. Fast kam ich mir wie eine Randfigur vor, wie der Fahrer, der im Hintergrund geduldig auf seinen Herrn gewartet hatte und wäre da nicht eine kurze Umarmung und ein wissender Blick gewesen, ich hätte mich wohl unbemerkt und ohne größeres Aufheben in Luft aufgelöst und wäre in meiner Glaskugel in den Himmel aufgestiegen. Aber das war eben Paporn und es schien ihr sehr viel zu bedeuten, an diesem Tag ganz im Mittelpunkt zu stehen und sich von allen bewundern zu lassen. Mein Schmerz allerdings blieb unbemerkt und alle hatten ihren Spaß.

 

Ohne jemals wirklich darüber geredet zu haben, begannen wir unser gemeinsames Leben zu organisieren, als ob es das Natürlichste auf der Welt gewesen wäre. Paporn war sehr aktiv und begann schon nach wenigen Tagen mit dem Deutschunterricht in einer Sprachschule, die sich nur wenige Meter von uns entfernt befand. Wenn ich morgens aus dem Haus ging, stürzte sie sich in das Getümmel der Stadt, machte sich mit den Verkehrsmitteln vertraut und fand schon bald in Eung Young Lee, einer Koreanerin, ihre erste Freundin. Unser Leben wurde von Anfang an von einer wortlosen Selbstverständlichkeit getragen, wie Menschen sie erleben, die sich bis ins Innere kennen und verstehen. Nur wussten wir eigentlich nicht viel voneinander. Was uns in der Jugend widerfuhr oder was sonst unser Leben geprägt hatte, blieb hinter dem Vorhang des Schweigens, der sich nur in kurzen Momenten immer wieder einmal einen Spalt weit öffnete und durch eine Bemerkung, ein Lächeln oder einen Blick zu erkennen gab, dass da eine endlose Landschaft hinter uns lag, die sich im Schatten des Scheins ausbreitete und nicht erkannt werden wollte. Vielleicht war es ja besser im Jetzt und Hier zu leben und sich nicht im Labyrinth der Vergangenheit zu verlieren, doch das Gift der Schlange führt auch dann noch zum Tode, wenn man den Biss schon lange vergessen zu haben glaubt. Obwohl ich mich redlich bemühte, Paporn mit den notwendigen Insignien der deutschen Gesellschaft auszustatten, zeigte sich mein Land nicht nur von seiner besten Seite. Leider kam es mehr als einmal vor, dass man Paporn in einem Laden nicht bedienen wollte oder ihr sogar trotz Kreditkarte den Kauf verweigerte. Das war vor allem für mich sehr enttäuschend und ich konnte mir nur vage vorstellen, wie Paporn sich damals gefühlt haben musste. Andere Dinge waren hingegen sehr erfreulich und Herr Sorgenfrei hielt sein Wort und genehmigte Paporn gleich nach ihrer Ankunft eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Die ersten Wogen unseres gemeinsamen Lebens konnten mit der Zeit geglättet werden und wir begannen uns einen eigenen Freundeskreis zu schaffen. Auch Uwe Waldau hatte es nach Frankfurt verschlagen und er arbeitete bei der BHF Bank. Sein Auftreten war noch eine Spur exzentrischer geworden, was bei angehenden Bankern wohl eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Karriere war. Erfolgreiche Menschen geben immer Partys und so konnte es natürlich nicht ausbleiben, dass auch wir uns in diesem Kreis der Erlauchten wiederfanden und neue Freundschaften knüpften. Überhaupt waren wir in dieser Zeit viel unterwegs, besuchten Wolfgang Heitmann in Berlin und Ralf Schryvers in München, spazierten durch Tübingen am Hölderlinturm vorbei und trafen uns mit Freunden aus meinem Leben. Obwohl Paporn von Natur aus ein gewinnendes Wesen hatte, war es mir wichtig, dass sie Menschen kennenlernte und Bezugspunkte knüpfte, die ihr dieses Land und die Menschen etwas näher bringen konnten. Paporn lernte sehr schnell Deutsch und doch haben sich wirkliche Freundschaften nur mit anderen Ausländern ergeben, wie Shabai Rodenwaldt, die wir auf einer Party bei Uwe getroffen hatten und die selbst aus Taiwan stammte. Manchmal hatte ich den Eindruck, als ob das Menschliche die kulturellen Gräben einfach nicht zu überbrücken vermochte.

 

Beruflich bahnte sich eine Herausforderung der ganz besonderen Art an. Ich arbeitete schon einige Zeit an einem größeren Auftrag mit den hessischen Arbeitsgerichten und nun stand eine Präsentation an, die unser Mitbewerber Siemens im schönen München abgehalten hatte. Meine spontane Idee, unsere Präsentation nicht in München, sondern bei uns in der Geschäftsstelle Frankfurt abzuhalten, löste bei diesem Herrn Mitrenga in München einen Sturm der Empörung aus und man drohte mir mehrfach sogar mit persönlichen Konsequenzen. Natürlich war ich damals kein alter Hase, doch war es mir schon immer zueigen, dass ich mir keine einfachen Entscheidungen gönnte und absolut davon überzeugt war, dass ich Recht hatte. Der kleine Vertriebsassistent lehnte sich also gegen den großen Berthold Mitrenga auf und fand entschlossene Unterstützung in Reinhard Bulka und Heinz Becker, die sich ebenfalls für Frankfurt als Ort der Präsentation entschieden hatten. Noch nie in meinem Leben stand ich so im Mittelpunkt des Interesses und noch nie zuvor lastete solch ein Druck auf meinen Schultern. Als schließlich auch noch der Vertriebsleiter Deutschland bei mir persönlich anrief, um sich nach der Angelegenheit zu erkundigen, waren meine Nerven schon fast im roten Bereich. Aber auch das war ein Teil der Kultur des Hauses, denn auch die Vertriebsleitung stand zu ihrem Vertriebsmann und Berthold Mitrenga hatte diese Schlacht vorerst einmal verloren. Jetzt musste ich nur noch den Auftrag gewinnen oder der Tatsache ins Auge sehen, dass ich geteert und gefedert aus der Stadt getrieben würde. Um jede Präsentation rankt sich ein ganz besonderer Geist, der uns peinigt und mit uns sein Unwesen treibt, denn schließlich geht wirklich alles schief, was theoretisch schiefgehen kann. Zunächst hatten wir natürlich nicht die passende Hardware zur Verfügung und als wir sie dann endlich vor uns hatten, funktionierte sie nicht. Herr Gerber vom Kundendienst wurde gerufen, der uns die Maschine dann nach ein oder zwei Stunden funktionsfähig und mit den Worten: „Kaum macht man es richtig, schon funktioniert es!“ übergeben hatte. Gunther Rattay und Wolfgang Eschenfelder sollten die Software installieren und sie stellten schnell fest, dass die uns vorliegende Version für ein anderes Modell vorgesehen war und sich einfach nicht installieren lassen wollte. Sie bekamen es aber schließlich mit einer haarsträubenden Aktion doch hin und nun bemühten sich noch Michael Thuleweit und andere Kollegen, die Datenbank für die Präsentation fertig zu machen. Wir alle arbeiteten bis spät in die Nacht. Heinz Becker und Reinhard Bulka blieben natürlich bei uns, verteilten Zigarren und guten Cognac, beschafften alles, was benötigt wurde und hielten uns alle bei Laune. Die Präsentation musste einfach erfolgreich sein, denn es stand viel zu viel auf dem Spiel. Es sah gut aus, bis die Mitteilung kam, dass das System total abgestürzt war. Heinz Becker rief gleich Gunther Rattay wieder an, der schon nach Hause gefahren war und bat ihn noch einmal zu kommen, was Gunther auch sofort tat und seine Freundin alleine im Bett zurückließ. Als die Gäste am nächsten Morgen allmählich bei uns ankamen, waren wir alle bereits vor Ort und testeten das gesamte System, das unsere Spezialisten über die verbleibenden Stunden der Nacht wieder installiert hatten. Auch Herr Mitrenga kam mit seiner ganzen Mannschaft, wohl um ausreichend Zeugen für unseren Untergang zu haben. Das System war ständig unter Bewachung und die Präsentation lief in den Augen aller Gäste vorbildlich ab. Wir bekamen den Auftrag, vor allem aber deshalb, weil wir zeigen konnten, dass wir die richtigen Leute vor Ort hatten und nicht nur in München, wie dies bei Siemens der Fall war. Die Nachricht verbreitete sich schnell und wieder waren wir in Frankfurt im Zentrum des Interesses, denn die Software musste nun zusammen mit dem Arbeitsgericht Wiesbaden angepasst und erweitert werden. Es ist fast unnötig zu erwähnen, dass Hardware und auch Software nach der Präsentation völlig problemlos und absolut stabil liefen und uns nie wieder Sorgen machten.

 

Vieles, was wir im Leben tun oder auch vorziehen nicht zu tun, erfolgt keineswegs im Einklang mit unseren Erfahrungen und Vorsätzen, wenngleich uns die jeweilige Lebenssituation eines Besseren zu belehren sucht, um uns die Kraft zu geben, das für uns augenscheinlich Unmögliche dennoch zu tun und, ohne es zu wissen, den Weg zu gehen, der uns gegeben wurde. Vor mir lag eine Frage, die geduldig darauf wartete beantwortet zu werden. Eine Frage, die in ihrer Bedeutung weit über das hinausging, was ansonsten an mich herangetragen wurde und deren Antwort den Rest meines Lebens bestimmen sollte. Ich war nun gerade einmal dreißig Jahre alt und die Zeit seit meiner Ankunft hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass mich schon das Wort „Familie“ in Angst und Schrecken versetzen konnte. Die Ehe meiner Eltern lag noch immer wie ein schwerer Stein auf meinem Herzen und die Vorstellung, dass auch meine eigenen Kinder einmal in eine solche Falle geraten könnten, gab mir die Gewissheit, dass es an Verantwortungslosigkeit grenzen musste, selbst noch eigene Kinder in diese Welt zu setzen. Doch dann gab es da auch wieder einen Funken Hoffnung, denn schließlich war alles nur bis zu dem Tage zu versprechen, an dem der Tod, der alte Freund, dem ganzen Spuk ein Ende bereiten würde, um die Karten erneut zu mischen und endlich Freiheit durch die dunklen Gänge zu senden. In meiner kleinen Welt waren Versprechen etwas absolutes, ohne Wenn und Aber, ohne Verfalldatum und ohne eine reale Möglichkeit, sich selbst davon zu lösen, ohne zuvor von eben diesem Versprechen entbunden worden zu sein. Eine Ehe konnte daher für mich nur unter diesen Prinzipien möglich sein, musste sich damit den ehernen Gesetzen eines Versprechens unterwerfen und den Tod als ultimative Instanz allen Leidens anerkennen. In schlaflosen Nächten versuchte ich der Zukunft habhaft zu werden, während ich neben mir den leisen Ton des warmen Atems der Frau wahrnahm, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen sollte. Mein ansonsten nur allzu logischer Verstand versagte kläglich und ich suchte schließlich Zuflucht in meinem Inneren, dort wo die Dinge klar und die Antworten einfach waren. Dem Heiratsantrag folgte ein entschlossenes „Ja“ und wir bestellten beim Standesamt in Frankfurt unser Aufgebot. Ich war erleichtert und wann immer wir uns in diesen Tagen in die Augen sahen, wusste ich, dass ich Paporn nie hätte gehen lassen können. Vielleicht war es keine Liebelei, keine der üblichen Romanzen, aber es war genau das, was mir nun einmal beschert war und die Herausforderungen, die vor uns lagen, konnten von uns Beiden nur gemeinsam bewältigt werden, jeder auf seinem Weg mit der helfenden Hand des Anderen. Wir waren entschlossen, aber nicht naiv und sahen den Problemen einer interkulturellen Ehe bewusst in die Augen, denn unsere Entscheidung war nie ein Teil unserer Kulturen und Gesellschaften gewesen und würde es auch nie sein. Alles, was wir von unserem gemeinsamen Leben erwarteten, lag allein in unseren Händen und musste von uns selbst erarbeitet und erreicht werden.

 

Ungeahnte Probleme kamen auf uns zu und es machte beinahe den Eindruck, dass das Schicksal mit unserer Entscheidung nicht einverstanden war. Schon die Beschaffung der notwendigen Dokumente und Urkunden in Thailand gestaltete sich mehr als schwierig und blieb in nicht akzeptablen Gebühren zur Aufbesserung des Unterhalts notleidender kleiner Beamter stecken. Wir entschlossen uns daher, das eingesparte Geld in Flugtickets zu investieren und die Dokumente selbst in Bangkok zu besorgen. Bei dieser Gelegenheit stellte mich Paporn auch ihrer Familie vor, die mich bislang noch nie gesehen hatte. Da wir keine gemeinsame Sprache fanden, musste Paporn diese Barriere für uns alle überbrücken und ansonsten erlebten wir uns in unseren Persönlichkeiten, Handlungen und all den menschlichen Ausdrucksformen, die keiner Worte bedurften. Ich konnte mir durchaus vorstellen, dass ihrem Vater ein reicher Chinese angenehmer gewesen wäre, aber wir fanden dennoch mit der Zeit zueinander und ich wurde schließlich doch als Schwiegersohn akzeptiert. Der Besuch hatte eine nachhaltige Wirkung auf mich, doch hatte ich damals noch nicht verstanden, wie sich unsere Vorstellungen und Erwartungen in Sachen Familie unterschieden und wie behindert ich in dieser Beziehung war. Doch für den Moment spielte dies keine Rolle und wir bemühten uns in der kurzen Zeit noch alles zu besorgen, was wir in Deutschland benötigten. Natürlich gab es neben einem Hochzeitskleid, den goldenen Ringen und den Einladungskarten noch unzählige Dinge zu kaufen, die wir im Chinatown und anderen Plätzen besorgten, da es in Deutschland natürlich auch keine Reiskocher gab, die man gebrauchen konnte. Zurück in Frankfurt mussten die Einzelheiten der Hochzeit geplant werden, die im Hinblick auf meine noch immer angespannte finanzielle Lage eher bescheiden ausfallen musste. Leider hatte dies auch zur Folge, dass wir Paporns Familie nicht aus Bangkok einfliegen lassen konnten, was für alle ein schmerzlicher Umstand war und mir in gewisser Weise nie vergeben wurde. Doch das Schicksal hatte noch mehr für uns bereitgehalten. Etwa zwei Wochen vor der geplanten Hochzeit fühlte sich Paporn zuerst nicht wohl und als ich morgens aus dem Haus ging, hatte sie bereits ein leichtes Fieber. Ich vermutete eine Erkältung, doch als ich sie später anrief, entnahm ich ihrer schwachen Stimme, dass sich hier ein Notfall anbahnte. Ich fuhr sofort zurück und rief den Notarzt. Paporn wurde ins nahegelegene Elisabethenkrankenhaus eingeliefert, wo man zielsicher eine akute Nierenbeckenentzündung diagnostizierte. Zu diesem Zeitpunkt war sie kaum mehr ansprechbar und ich musste sie in den guten Händen der Ärzte zurücklassen. Eine schwere Zeit begann. Ausgerechnet in diesen Wochen hatte ich täglich wichtige Projektbesprechungen beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel und musste nun einen Weg finden, um alles miteinander zu vereinbaren. Die nächsten zehn Tage stand ich schon vor fünf Uhr morgens auf, fuhr zunächst ins Krankenhaus, besprach mich mit den Ärzten, besuchte Paporn und fuhr dann auf die Autobahn nach Kassel. Jeden Abend fuhr ich wieder zurück, um bei Paporn im Krankenhaus zu sein. Als Paporn dann wenige Tage vor der Hochzeit aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war ich am Ende meiner Kräfte, was mein Körper dazu nutzte, ein gewaltiges Fieber zu entwickeln. Nun war ich krank und auch wenn es nur die Erschöpfung gewesen war, so hatte ich doch ernsthafte Probleme, die Tage hinter mich zu bringen. Da saßen wir dann zusammen in der Kaufungerstraße, krank und erschöpft und sahen unserer Hochzeit entgegen.

 

Der Tag begann, wie solche Tage eben beginnen. Paporn bereitete sich innerlich und äußerlich auf die Hochzeit vor, die mitten in Frankfurt im Römer stattfand. Die meisten unserer gemeinsamen Freunde kamen aus ganz Deutschland zusammen, um diesen Tag mit uns zu feiern. Uwe Hoffmann besorgte sogar einen stattlichen Mercedes und machte für uns den Chauffeur, damit wir ordentlich vor dem Römer vorfahren konnten. Alle waren sie gekommen und standen mit uns zwei Kranken in der eisigen Kälte vor dem Römer. Es freute mich sehr, dass auch meine Großmutter und die Tante Christine sich überwunden und den Weg nach Frankfurt unternommen hatten, denn zusammen mit der ganzen Familie meiner Schwester Susanne konnten wir fast schon eine Wiedervereinigung erleben. Aber eben nur fast, denn meine Mutter war zur Hochzeit ihres Sohnes nicht gekommen, ein Umstand, der zwar traurig, aber nicht unerwartet war, denn Vergebung war nie eine Stärke meiner Mutter gewesen. Auch Brigitte und Sibylle waren gekommen und ließen mich an diesem Tag endgültig in die Arme meiner Paporn rücken. Es war eine schöne Trauung und Uwe Hoffmann hatte mit seinen brüchigen Kenntnissen der thailändischen Sprache kaum etwas zu übersetzen, da Paporn ihm zu verstehen gab, dass sie ohnehin mit „ja“ antworten würde. Auch meine Kollegen von Nixdorf begleiteten uns an diesem Tag und ich konnte mich nicht daran erinnern, dass schon einmal so viele Menschen für mich an einem Ort zusammengekommen waren. Wir waren endlich verheiratet und feierten dies mit unseren Gästen im Restaurant Schneegarten, wo es zwar kein thailändisches, aber dafür ein sehr gutes chinesisches Essen gab. Ich war froh und vor allem glücklich, dass ich meiner inneren Stimme gefolgt war. Doch es gab auch Tränen, denn meine Großmutter vermisste ihren Anton gerade an diesem Tag so sehr, dass wir beide weinen mussten. Ja, es war zutiefst schmerzlich, dass mein Großvater, der so viel für mich getan hatte, an diesem Tage nicht an unserem Tisch saß. Vielleicht war dies die stille Bedeutung eines chinesischen süß-sauer Gerichtes. Dies war der letzte Tag eines Abschnitts und wir ließen ihn lautstark und ausgelassen in einem Kellergewölbe bei reichlich Bier und Schnaps ausklingen. Ich fühlte mich dankbar mit meinen Freunden verbunden, die diesen Tag mit uns verbracht hatten und ich freute mich plötzlich auf die Zukunft. Hatte ich endlich ein Zuhause gefunden?

 

 

15

 

Während einem Rhetorikseminar bei Nixdorf nahm mich der Trainer unauffällig zur Seite und gab mir den folgenden Rat: „Sie sind ein exzellenter Redner, doch vergessen sie jetzt besser die Umstände ihrer Kindheit und bedenken sie, dass sie nicht mehr kämpfen müssen, denn sie haben es bereits geschafft.“ Manche Menschen haben die erstaunliche Gabe, hinter die Kulissen des menschlichen Theaters zu blicken und die geheimen Anweisungen des Regisseurs zu hören, doch war es nicht so sehr das anscheinend Offensichtliche, das mich überraschte, denn ich wusste sehr wohl um meine kämpferische Leidenschaft, sondern das Ergebnis, das sich diesem Trainer im Angesicht einer streitbaren Gestalt aufdrängte. War es falsch zu kämpfen, für sich und seine Anliegen einzustehen oder hatte ich ganz einfach nicht erkannt, dass sich jeder noch so unwesentliche Kampf ausnahmslos vor dem Hintergrund der Sinnlosigkeit abspielte? Vor vielen Jahren, als ich noch ein kleiner Junge war, hatte meine Mutter bei einem Wahrsager ein Horoskop für mich erstellen lassen, worin sich ein Satz befand, der mir nun wieder bewusst wurde. Neben allerlei Vorhersagen meinte dieser Mann zu wissen, dass mir ein langes und zufriedenes Leben beschert sein würde, wenn ich davon Abstand nehmen konnte, mich zu meinem Vergnügen zu streiten. Genau das Gegenteil dieser für die Heilsbringung so wichtigen Bedingung war jedoch ein wesentlicher Teil meiner Persönlichkeit geworden, denn auch wenn ich es nicht unbedingt Kampf nennen wollte, so waren mir doch Dispute aller Art geradezu ein willkommener Zeitvertreib geworden. Warum war das so? Ich war nie ein Mensch, der Kritik ungeprüft über sich ergehen ließ und auch diese Offenbarung regte eine heftige innere Diskussion in mir an, die mich zusehends zurück in das leidige Katzenloch führte, das mich wohl für immer verfolgen sollte. Als Kind war ich ein rechter Hänfling gewesen, der jedem normal gewachsenen Widersacher keinerlei Widerstand leisten konnte und ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als mich unsere Hausärztin Frau Dr. Hildegard Wehe zur Kur nach Hirsau schickte, da sie mich trotz meines lebhaften Appetits für unterernährt hielt und man in dieser Kur ein paar Kilo auf meine Knochen bringen sollte. Nicht nur Volker Fischer aus dem Nebenhaus sah dies als Einladung, mir ab und an eine Tracht Prügel zu verabreichen. Zuhause war wiederum die Übermacht der Mutter und der allwissende Familienrat und in Leutkirch bekam ich ja schon Prügel, weil ich mir einfach einen Schlag Spätzle auf meinen Teller nahm. Was also lag näher, als meine Selbstverteidigung auf die einzige Waffe zu stützen, die auch einem Hänfling zur Verfügung stand – die Sprache. Ich begann schon bald damit, mir andere Menschen genau anzusehen, sie zu beobachten und mir alles einzuprägen, was man wissen musste, um sich mit wenigen Worten die Feinde auf Armeslänge zu halten. Wie beim Schach spielte ich selbst in Friedenszeiten in Gedanken alle möglichen Argumente durch und legte mir eine wiederum schlagkräftige Antwort bereit. Auf diese geradezu virtuelle Art hatte ich natürlich immer einen zeitlichen Vorsprung, da mir ein möglicher Diskurs in all seinen Facetten bereits bekannt war, bevor es zum Schlagabtausch kam. Im Laufe der Jahre rüstete ich mein verbales Arsenal mit besonders guten Worten und Argumenten auf, was ich in meiner Referendarzeit bei Herrn Dr. Beckmann zu einer gewissen Perfektion ausbauen konnte. Sprache und Logik wurden meine Waffen zur Selbstverteidigung und dabei verblüffte es mich immer wieder, wie wenig andere Menschen mit ihrer eigenen Sprache umzugehen vermochten. In beruflicher Hinsicht kam mir diese Begabung sehr gelegen und öffnete mir über die Jahre Türen, die ich mir selbst zu öffnen nicht getraut hätte, doch privat fand ich damit wenig Anklang und sah mich bald als einsamen Wolf wieder, der des Nachts den Mond anheulte.

 

Im Hintergrund hatte bereits der Zerfall des Hauses Nixdorf begonnen, der auch durch Sven Kados trickreiche Verschönung des finanziellen Zahlenwerks nicht mehr aufzuhalten war. Bei uns in der Geschäftsstelle herrschte aber noch immer Hochstimmung und leichte Verwunderung, als die ersten Umstrukturierungsmaßnahmen begannen, die sich ab nun alle drei bis sechs Monate wiederholen sollten. Nichts, so durfte ich auf schmerzliche Art lernen, bringt ein Unternehmen schneller zu Fall, als ein ratloses und erfolgsverwöhntes Management. Vielleicht hätten wir die Zeichen der Zeit selbst erkennen können, als plötzlich alle Ziele auf das Eintreiben von Forderungen und die Sanierung notleidender Projekte gestellt wurden, doch beseelt mit einem unerschütterlichen Unbesiegbarkeitssyndrom, wollten wir wohl das herannahende Gewitter einfach nicht sehen. Mir selbst bescherte diese Zeit nicht nur ausreichend Arbeit, sondern auch die einmalige Chance meine Fähigkeiten in die Tat umzusetzen und trotz meiner geringen Berufserfahrung zu zeigen, was wirklich in mir steckte. Da ich die Projekte beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel und am Arbeitsgericht in Wiesbaden erfolgreich geleitet und umgesetzt hatte, wurde ich nun von Reinhard Bulka in die Position des Notarztes befördert und eines Morgens ganz einfach ins kalte Wasser geworfen, denn das Justizministerium in Wiesbaden hatte glaubhaft angedroht, einige hundert Maschinen vom Typ 8860 auf die Straße zu werfen und durch IBM Geräte zu ersetzen. Natürlich konnte ich mir da ein leichtes Grinsen nicht verkneifen und ich hatte doch die Hoffnung, dass auch das Justizministerium diese Drohung nicht wahrmachen würde, sondern eben nur nach Hilfe rief, wie ich das damals in Bangkok getan hatte. Reinhard Bulka versäumte es natürlich auch nicht, mir lächelnd zu erklären, dass dies ein Gang nach Canossa war und schon bald wurde klar, dass König Heinrichs Treffen mit Papst Gregor dagegen fast schon ein Spaziergang im Park war. Je mehr ich mich bei den Kollegen über das Projekt informierte, umso hoffnungsloser erschien mir diese Mission, denn nach allem, was ich über das Projekt der Justizvollzugsanstalten gehört hatte, konnte selbst ich nicht mehr verstehen, warum sich dieser Kunde überhaupt noch mit uns abgab. Leugnen, Kämpfen oder gar der allzu beliebte arrogante Aktionismus waren keine Optionen mehr und die einzig sinnvolle Vorgehensweise war in Demut zu Kreuze zu kriechen, das schuldlose, aber reuige Opfer zu spielen und auf die christliche Gabe der Vergebung zu hoffen. Als ich den Besprechungsraum im Justizministerium betrat, war niemand anwesend, um mich zu begrüßen. Man ließ mich stattdessen eine ganze Ewigkeit in dieser Isolationshaft warten und ich verstand, dass ich hier nicht willkommen war. Als die hohen Herren dann plötzlich doch geschlossen eintraten, war die Spannung bei ihnen wohl zu groß und sie verloren einer nach dem anderen ihre Fassung, herrschten mich an und beschimpften mich mit Worten, die sie ihren Söhnen nie erlaubt hätten. Ich blickte ihnen stumm in die Augen und als sich der Lärm um mich herum allmählich legte, begrüßte ich diese illustre Runde ganz freundlich, stellte mich selbst kurz vor und regte an, dass jeder der Herren seinen Zorn noch einmal einzeln und in wenigen Worten zum Besten geben sollte, da ich zuvor schlicht kein Wort verstanden hatte. Die nun sehr sachlich vorgetragenen Argumente waren vernichtend, aber machbar, doch musste ich das Tribunal zuerst noch dazu bewegen, uns als Firma zum erneuten Male eine weitere Chance zu geben. Da dies nicht sehr wahrscheinlich war, verbürgte ich mich selbst für die Aufgabe und bat um diese Chance, die man mir zu meinem Erstaunen auch einräumte. Ich hatte genau drei Monate, um meinen eigenen Kollegen, die das Projekt bislang betreut hatten, zunächst noch einmal zu erklären, wer unser Gehalt bezahlt und sie dann auch noch dazu zu bewegen, die offenen Punkte freundlich und mit Elan termingerecht zu erledigen. Als ich am letzten Tag der gesetzten Frist dem Tribunal dann die komplett abgehakte Liste überreichte, erhielt ich nicht nur Anerkennung und Respekt, sondern auch einen Auftrag zur Aufrüstung aller Maschinen. In der Geschäftsstelle gab es dann eine herzliche Umarmung von Reinhard Bulka und Heinz Becker besorgte besten Champagner für alle.

 

Paporn und ich hatten damit begonnen, unser gemeinsames Leben zu gestalten und legten mit Bedacht sorgsam einen Stein auf den anderen. Unterhielten wir uns anfangs vorwiegend noch auf Englisch, so mutierte unsere Konversation schon bald in ein Kauderwelsch aus englischen und deutschen Worten. Doch Paporn lernte sehr schnell und wurde auch von Manfred Speitel, der unsere Dokumente für die Hochzeit übersetzt hatte, entsprechend motiviert, da er ihr anriet, sich beim Landgericht in Frankfurt als Dolmetscherin und Übersetzerin vereidigen zu lassen. Meine Arbeit bei Nixdorf trug wesentlich dazu bei, dass sich auch unsere finanziellen Verhältnisse nachhaltig verbesserten und da ich beruflich so viel unterwegs war, konnten wir uns mit Hilfe des anfallenden Kilometergeldes schon bald einen neuen Honda Accord leasen. Unsere anfangs noch eher provisorische Lebenssituation, hatte sich verfestigt und auf unsere Weise hatten wir uns unerwartet schnell in Frankfurt etabliert. Im Frühjahr fuhren wir dann gemeinsam mit Roland und Claudia, die sich inzwischen gefunden und lieben gelernt hatten, nach Paris, um uns endlich einmal zu erholen und in dieser ausgelassenen Atmosphäre ungestört die Seelen am Faden des Lebens baumeln zu lassen. Paris gab mir zwei Erkenntnisse. Das Band zwischen mir und Paporn war stark und als wir durch die Tore von Sacré-Cœur traten und uns aus dem Inneren der Basilika eine in Weihrauch gehüllte Prozession entgegenkam, sah ich in Paporns Augen die tiefe Verbundenheit unserer Seelen. Nein, wir hatten nicht auf Sand gebaut, doch unsere beiden Felsen stammten von verschiedenen Inseln. Auch wenn wir, wie C. G. Jung es wohl beschreiben würde, durch dieses kollektive Bewusstsein verbunden waren, das unsere Inseln in der Tiefe des Ozeans verband, so blieb uns damals doch beiden verborgen, wie weit entfernt und unterschiedlich unsere beiden Inseln doch waren. Das Leben hatte uns beide nicht mit goldenen Löffeln empfangen, doch während ich dabei war eine Karriere aufzubauen, stand sie mit ihren Träumen und Wünschen in genau dem Schatten, den jeder neue Erfolg auf sie warf. Dieser Schmerz, den sie unweigerlich verspüren musste, sollte nach ihrem Willen ein Geheimnis bleiben, doch drängt die Wahrheit letztlich eben doch immer an die Lippen und entfachte auf ihre eigene Weise plötzlich zwischen Paporn und Claudia einen vermeintlich grundlosen Streit, der in seinem Wesen so heftig anmutete, dass wir uns alle für diesen Tag dazu entschlossen, uns zu trennen und die Straßen von Paris in unseren jeweiligen Zweisamkeiten zu erleben. Wir haben nie wieder über diesen Zwischenfall gesprochen. Es war immer ihre Art, eben nicht über Dinge zu sprechen und stattdessen davon auszugehen, dass man die Gründe ihres Handelns auch von selbst erkennen würde. Was ich selbst damals noch nicht erkannte war, dass in ihrer thailändischen Kultur der Schein weitaus wichtiger war, als das tatsächliche Sein. Der zentrale Punkt ihres Lebens war und ist die Wahrung des Gesichts, das es um jeden Preis zu erhalten gilt. Es war schwer für mich, diesen Umstand in seiner vollen Tragweite zu verstehen und vor allem zu erkennen, dass dieses Gesicht in seinem Wesen nichts anderes war als meine Glaskugel, in der ich mich für so viele Jahre geborgen und beschützt fühlte. Bis heute ist es mir aber dennoch nicht gelungen, dieses Phänomen zu begreifen und noch immer stehe ich an manchen Tagen völlig ratlos und bisweilen mit Tränen der Verzweiflung vor diesem Geist, der unserer Ehe so viele Schmerzen bescheren sollte und alle menschliche Kraft einforderte, um zu Ende zu bringen, was wir uns im Römer in Frankfurt versprochen hatten.

 

Frankfurt war, trotz seiner bescheidenen Romantik, auch eine interessante Stadt und immer wieder begegnete man Menschen aus der eigenen Vergangenheit. Eines Abends waren wir nach dem Abendessen mit der U-Bahn auf dem Heimweg, als an einer Haltestelle plötzlich Sven Schienke mit einem Freund einstieg. Sven arbeitete bei der Lufthansa im Finanzbereich. Er reiste in dieser Funktion wie ein Springer um die ganze Welt und sah in den verschiedenen Lufthansa Büros immer wieder für einige Monate nach dem Rechten. Wir hatten uns damals in Bangkok kennengelernt und zusammen ein wundervolles und unvergessliches Wochenende in Pattaya verbracht. Während unserem gemeinsamen Weg in der U-Bahn erzählte er mir, in welchen Ländern er sich inzwischen herumgetrieben hatte und, dass er schon am nächsten Tag nach Südamerika fliegen würde. Sven liebte das Leben. Wir tauschten noch schnell unsere Telefonnummern aus und nahmen uns vor, uns nach seiner Rückkehr sofort wieder hier in Frankfurt zu treffen. Es war jedoch das letzte Mal, dass ich Sven lebend sah. Er starb kurze Zeit danach bei einem Autounfall in Südamerika und mir blieb nur noch seine Beerdigung, um ihm eine gute letzte Reise zu wünschen. Es war eine reichlich schnelllebige Zeit und vieles, was mir in diesen wenigen Jahren so sehr ans Herz gewachsen war, verschwand ganz einfach wie im Nebel eines kalten Herbsttages. Es war mir einfach nicht gegeben vom Leben mehr als nur kurze Momente festzuhalten, bevor diese wie Sand in meinen Händen zerliefen und ihre endgültige Heimat in meiner Erinnerung fanden. Bei Nixdorf wurden einige von uns aus unerklärlichen Gründen umorganisiert und Werner Ihmor wurde mein neuer Chef. Ich bedauerte das zunächst sehr, da vor allem Reinhard Bulka für mich ein wichtiger Halt gewesen war. Auch wenn Werner Ihmor ein recht umgänglicher Zeitgenosse war, der sich sichtlich bemühte mir ein guter Chef zu sein, so ging mit diesem Wechsel doch etwas Entscheidendes verloren, denn in mir wuchs eine kühle Distanz heran, die mir meine ursprüngliche Liebe zu dieser Firma ganz langsam zerfraß und mich zunehmend zu einem Einzelkämpfer machte. Allmählich erschienen dann auch die ersten Zeitungsartikel und rückten Nixdorf immer weiter ins Rampenlicht des öffentlichen Interesses. Im Hause selbst nahm die Hektik und das Chaos spürbar zu und es war kaum zu übersehen, dass die Titanic den Eisberg bereits gesichtet hatte und man verzweifelt versuchte, das Schiff doch noch mit allen Kräften auf einen anderen Kurs zu bringen. Man brauchte Geld und plötzlich sollte nicht mehr Hardware, sondern vor allem Software verkauft werden, was mir persönlich natürlich sehr gelegen kam, da man dafür jetzt auch stattliche Provisionen einstreichen konnte und ich mich bei der Hardware ohnehin nie heimisch gefühlt hatte. Nun war ich in meinem Element, denn ich verkaufte so viele Softwarewartungsverträge, Datenbanken und Anwendungen, dass mir meine monatlichen Gehaltsabrechnungen schon fast unheimlich vorkamen. Werner Ihmor schien dies natürlich zu gefallen und er machte mich zum ersten Vertriebsbeauftragen für Software, was mich zu meiner Freude weitgehend von den lästigen Boxen befreite. Doch die Wolken über uns wurden immer dichter und spätestens als die ersten Vorstände damit begannen, die Geschäftsstellen persönlich zu besuchen, um wohl formulierte Durchhalteparolen auszugeben, war auch dem letzten Mann an Bord klar, dass uns nur noch ein Wunder vor dem unausweichlichen Ende retten konnte. Auch Nixdorf war nun dabei zu sterben.

 

Es war eine Zeit der Angst und inmitten dieser Angst konnte ich ganz deutlich die Einsamkeit, aber auch eine Hilflosigkeit erkennen, die mir zusehends zu schaffen machte. Ich hatte seit meiner allzu haltlosen Zeit in Bangkok sehr viel erreicht und vieles in meinem Leben hatte sich verändert, nicht zu meinem Nachteil, aber es hatte sich verändert und mich nun in einer Situation zurückgelassen, die mir unzählige Verantwortlichkeiten, aber auch eine Unsicherheit bescherte, die mir bis dahin unbekannt war. Es war das neuzeitliche Spiel der verherrlichten Sklaverei, ein System, das den Menschen mit milden Gaben in eine feudalistische Abhängigkeit zwang und den Untertanen zu meiner vollen Überraschung auch noch das Gefühl vermittelte, in ihren Entscheidungen frei zu sein und sich letztlich willig in diese Abhängigkeit begeben zu haben. Plötzlich gab es da jeden Monat einen Stapel Rechnungen für Dinge zu begleichen, deren Sinn oder Unsinn bisweilen kaum zu erfassen war und dann gab es Zwänge, die Unmengen an Geld verschlangen, aber im Grunde nur Notwendigkeit waren, um den Job letztlich überhaupt ausüben zu können. Nein, diesem System war nicht zu huldigen, es musste ausgenutzt werden, um nicht selbst als Ausgenutzter zu enden. Nur für eine Karriere zu arbeiten und dem vernachlässigten Ego zu frönen, erschien mir nicht nur sinnlos, sondern auch gleichermaßen als Zeitverschwendung, denn letztlich konnte es in diesem System doch nur um die rasche Ansammlung von materiellen Gütern gehen, um sich auf diese Weise ebenso schnell die Möglichkeit zu verschaffen, ein unabhängiger und ungebundener Mensch zu sein, der sein Leben nicht als Kohai in geduckter Haltung verbringen musste. Um mein Vorhaben mit dem notwendigen Druck zu versehen, nahm ich mir vor, das Arbeitsleben mit meinem 45. Geburtstag zu beenden, einem Tag also, der mir noch genau ein Jahr zu leben erlaubte, bevor ich dem Schicksal meines Vaters folgen würde. Die Strukturen bei Nixdorf begannen nun zu bröckeln und schon bald waren die ersten Risse nicht mehr zu übersehen. Man sprach von BMW und anderen Firmen, die uns schon bald mit Haut und Haaren schlucken würden, doch mit dem Tag der Bekanntgabe, dass wir Siemens zum Opfer fallen sollten, starb auch der letzte Überlebenswille in der sonst so lebensfreudigen Belegschaft. Die meisten von uns begannen bereits nach anderen Firmen Ausschau zu halten und statt den alten Kunden, die wir jahrelang betreut hatten, riefen nun die eifrigen Headhunter an, die wie Geier über Nixdorf kreisten und die sich noch schnell die saftigsten Stücke sichern wollten. Besonders schnell griffen jedoch die Kollegen von Siemens zum Telefonhörer, denn wir hatten ja bislang die gleichen Kunden betreut und so lag es nahe, dass mir diese selbstlosen und sichtlich besorgten Kollegen auf der anderen Seite bereitwillig Stellenangebote in Berlin, Dresden oder irgendwo im Teutoburger Wald anboten, wohin sie mich auch am liebsten gewünscht hätten. Doch ich hatte nun andere Pläne und diese erforderten weder operative Hektik, noch Intrigenspiele, wie sie ab nun zu jeder Stunde neu gesponnen wurden. Ich hatte Dinge zu erledigen und meine noch offenen Projekte nahmen mich mehr als ausreichend in Anspruch. Im Chaos liegen die besten Chancen der Veränderung, die sich jedoch nur dem geneigten und vor allem ruhigen Betrachter in ihrer vollen Klarheit zu erkennen gaben, denn aus der Hektik kam wohl noch nie etwas Gutes für die Menschheit.

 

Schon vor Monaten hatte ich von Matthias Loyal das Sozialministerium in Wiesbaden als Kunde übernommen, wo Rainer Paternoga den Ausbau des Kommunikationssystems plante und es wäre eine Schande gewesen, dieses Großprojekt einem Siemensianer zu überlassen, zumal ich erheblich viel Zeit in die vertriebliche Vorbereitung der anstehenden Ausschreibung investiert hatte. Doch nun musste ich all meinen Charme, soweit man mir einen solchen überhaupt zuschreiben konnte, in die Waagschale werfen, denn von einem Ministerium den Zuschlag für Produkte eines untergehenden Unternehmens zu erhalten, bedurfte mehr als nur einer extremen Form verrückter Ignoranz, sondern auch einen speziellen Fatalismus, der auf Rainer Paternoga in gewisser Weise sympathisch gewirkt haben musste. In der Geschäftsstelle halfen alle mit, gaben mir Ratschläge und Maria Tsiklani tippte sich fast die Finger wund, um das mehrbändige Werk rechtzeitig fertigzustellen. Es war eine schwierige Entscheidung und ich sah es daher als notwendig und opportun an, neben unserem Management auch gleich die neuen Herren von Siemens mit den Kunden in eine gemeinsame Besprechung zu bringen, um den Zuschlag selbst und noch unter dem Namen Nixdorf zu erhalten. Es wurde mein letzter großer Erfolg bei Nixdorf und ab diesem Zeitpunkt musste ich mich nun endgültig um meine eigene Zukunft kümmern, denn um mich herum begannen sich die gewohnten Strukturen endgültig aufzulösen, alte Freunde verabschiedeten sich und wieder andere versuchten nach Positionen zu greifen, die zu später Stunde noch zu besetzen waren. Der alte Geist jedoch, den ein Heinz Nixdorf so formidabel begründet hatte, war längst verschwunden und hatte der Traurigkeit und Enttäuschung Platz gemacht. Ab nun waren wir alle auf uns selbst angewiesen. Ich war gerne in Frankfurt und fühlte mich in dieser Stadt mit ihren Hochhäusern, der kulturellen Vielfalt und der ländlichen Umgebung sehr wohl. Insgeheim hatte ich ja bereits daran gedacht, dass uns mein Job bei Nixdorf schon bald die Möglichkeit eröffnen würde, uns hier zu etablieren und uns in einer schönen Ecke von Frankfurt niederzulassen, doch nun gab es mehr Umstände zu bedenken, denn der Untergang von Nixdorf eröffnete gleichzeitig auch andere Perspektiven, deren Reichweite die gesamte Lebensgestaltung umfasste, die noch vor uns lag. Ich vermisste jetzt den erfahrenen Vater oder die sorgende Mutter, doch selbst die Menschen um mich herum konnten mir bei dieser Entscheidung nicht wirklich helfen. Schließlich hatte ich mit Lebensplanung kaum Erfahrungen gesammelt, da ich bislang davon ausgehen konnte, dass ich den besagten Tag in meinem 46. Lebensjahr auch ohne Planung irgendwie erreichen konnte, doch nun war ich nicht mehr alleine und Paporn war ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, ein Teil, für den ich Verantwortung übernommen hatte. Im Büro waren alle sehr mit sich selbst beschäftigt und von Berthold Mitrenga war natürlich ohnehin keine Hilfe zu erwarten, weshalb ich, bedingt durch meine tiefe Abneigung gegenüber dem Hause Siemens, sehr schnell begriff, was es bedeutete, wenn man mit seiner Zukunftsplanung ganz alleine dastand.

 

Die Zeit verstrich, ohne mir auch nur den geringsten Ausblick auf eine berufliche Karriere zu eröffnen. Stattdessen überkam mich allmählich eine unheilsame Hektik, die sich gleichförmig um die Angst gelegt hatte, der ich unbewusst schon länger verfallen war. In diesem Chaos kam ich auf die absurdesten Ideen und bewarb mich sogar als Geschäftsführer bei der Handelskammer in Bangkok. Auch die Kontakte mit den Headhuntern blieben ohne Ergebnis, da mich keines der Angebote bei Oracle oder bei der Lufthansa auch nur im Geringsten interessierte, wollte ich in meinem Herzen doch ganz einfach bei Nixdorf sein. In diesen Tagen verstärkte sich auch ein erschreckender Traum, den ich, wie viele Menschen, schon früher in mancher unruhigen Nacht hatte. Jede Nacht rannte ich um mein Leben, nur um am Ende in eine endlose Schlucht zu fallen. Der Sturz versetzte mich in solche Panik, dass ich total verschwitzt aufwachte und nach Luft ringen musste. Es schien, als gab es gegen diese Pein kein Gegenmittel, bis ich mich schließlich dazu brachte, den ganzen Traum vor dem Einschlafen bereits bewusst zu durchleben und mich dazu entschloss, ab nun den freien Fall einfach geschehen zu lassen, ihn zu genießen und gespannt darauf zu warten, was am Ende des Sturzes geschehen würde. Es war wundervoll und der Traum schenkte mir Bilder und Eindrücke, die ich mir zuvor nicht hätte vorstellen können. Es war dann, am Ende des Traumes, als ich lautlos wieder über den indischen Ozean flog und abermals gedankenlos an meinem Strand in Sri Lanka saß. Ich wusste nun, dass ich meine Probleme nur dann lösen konnte, wenn ich auf die einzig wesentliche Frage eine klare Antwort fand: wo stand ich jetzt und wo wollte ich eigentlich hin. In der Zwischenzeit hatte ich ein interessantes Angebot von Siemens in Mainz erhalten, wo man offensichtlich noch immer von meinem Auftrag beim Sozialministerium begeistert war, doch führte mich mein Weg jetzt nicht mehr nach Mainz, sondern direkt nach München, denn nur dort gab es die Türen, die ins Ausland und vor allem nach Asien führten. Ein wohliges Gefühl erfüllte mich, als ich davon erfuhr, dass der gute Berthold Mitrenga nicht von Siemens übernommen wurde und sich für mich damit die Möglichkeit ergab, selbst bei den neuen Herren in meinem bisherigen Bereich unterzukommen. Von den ehemaligen Kollegen sollte nur Thomas Borst in den neuen Bereich kommen, der ansonsten voll mit alteingesessenen Siemensianern besetzt war und da Thomas Borst auch noch zum Leiter des Bereiches Justiz gemacht werden sollte, hatte ich meine Eingangstüre endlich gefunden. Gleichzeitig vermittelte ich in Mainz den Eindruck, dass ich mich für die dortige Position im Vertrieb interessierte und erreichte damit, dass sich ab nun München und Mainz miteinander um mich stritten. Das erhöhte nicht nur meinen Marktwert, sondern stellte auch hinreichend sicher, dass ich letztlich nach München kam.

 

Als ich mich auf meine erste Fahrt nach München machte, um mich dort bei Siemens für meinen neuen Job vorzustellen und die Einzelheiten meines Wechsels zu besprechen, ging meine Zeit bei Nixdorf endgültig zu Ende und mit ihr starb auch ein Traum und eine Begeisterung, wie man sie nur bei solchen Dingen und Angelegenheiten erfährt, die einem persönlich ans Herz gewachsen sind. Es war mehr als nur eine gewöhnliche Autofahrt. Es war ein Begräbnis und wieder einmal sollte eine Periode in dem Rauch der Erinnerungen verschwinden. Kollegen, Freunde und eine Stadt würden schon bald aus meinem Leben verschwinden und den Schmerz nähren, den ich immer empfand, wenn ich mich erneut auf den Weg machte, um auf meiner Seitenstraße zu meinem ganz eigenen Ziel zu gelangen. Auch wenn es gelegentlich den Anschein hatte, so war mir in meinem Leben doch nicht viel geblieben, außer ein paar billigen Möbeln, die ich seit Jahren mit mir an jeden neuen Ort mitnahm. Wie ein einsamer Nomade zog ich mit meinen Habseligkeiten durch die Welt und daran hatte sich im Grunde nicht allzu viel verändert, außer dem alles verändernden Umstand eben, dass ich nun nicht mehr alleine war. Paporn war mir Liebe und Sinn geworden, war mir Stütze und Halt, doch vor allem war sie mir alle Gründe, um mich auch weiter in einer Welt zu bewegen, die nicht die meine war und wohl auch nie sein würde. Je mehr ich mich München näherte, umso intensiver wurde jedoch ein ganz anderes Gefühl der Begeisterung in mir, das allerdings in keinem Zusammenhang mit Siemens stand, sondern sich aus dem Umstand nährte, dass wir schon bald in München leben würden, einer Stadt, die ich schon immer faszinierend und wesentlich fand. Ganz ohne Eile suchte ich meinen Weg durch die breiten Straßen und Alleen, entlang an alten und ehrwürdigen Häuserfronten und Fassaden, bewunderte Parkanlagen, bis ich endlich in Harlaching am Karneidplatz bei Ralf Schryvers ankam. Unsere Freundschaft hatte irgendwie die Zeit überlebt und wir hatten uns viel von damals und heute zu erzählen. Ralf war ein wahrer Fundus für alles was München anbelangte, wo man was bekam, wer in und wer out war und wie man sein Leben in dieser Metropole am besten genießen konnte. Er selbst hatte sich beruflich zuhause niedergelassen und arbeitete als freier Rechtsanwalt mit ebenso freier Zeiteinteilung. Natürlich beneidete ich ihn für diese Lebensqualität, obwohl es mir auch wieder unbegreiflich war, warum gerade er mit seinem guten Examen kein besseres Auskommen gefunden hatte. Die Nacht wurde natürlich sehr lange und ich begann den nächsten Morgen mit der nötigen Distanz und Gleichgültigkeit, die man im Grunde immer haben sollte, wenn man sich um etwas bewirbt, das man unbedingt haben will. Siemens Büros konnte man überall in München finden und manche, wie am Wittelsbacher Platz, waren sogar ganz ansprechend, doch hier in Neu-Perlach stand eine wahre Trutzburg, eine architektonische Fehlleistung der ganz besonderen Art und weit entfernt von den eleganten und menschenfreundlichen Gebäuden, die wir bei Nixdorf hatten. Hier konnte man bestimmt nicht gerne arbeiten oder sich womöglich auch noch wohlfühlen, denn bei all den nackten Betonwänden und den geradezu hilflos angebrachten Metallverkleidungen musste sich jegliche menschliche Wärme in ebensolchen grauen Beton verwandeln. Meine Distanz wurde immer noch größer und erlaubte mir auf der positiven Seite, ein sehr entspanntes und freundliches Gespräch mit Herrn Dr. Nestel zu führen, der mein zukünftiger Chef werden sollte. Nach dem Gespräch hatte ich mein damaliges Einstellungsgehalt schlicht verdoppelt und konnte mir nun auch eine Stadt wie München leisten. An Tagen wie diesem erschien mir das Leben verdächtig einfach, fast schon zu einfach.

 

Der Wechsel nach München tat uns, trotz aller Trauer um das, was wir zurücklassen mussten, gut und schon bald begannen wir unseren Umzug zu planen. Paporn hatte sich in Frankfurt ein eigenes Leben aufgebaut und sich als Übersetzerin und Dolmetscherin beim Landgericht vereidigen lassen. Erste Aufträge bekam sie vor allem vom Bundesgrenzschutz, wenn wieder einmal eine Thailänderin ohne erforderliches Visum durch die Kontrollen schlüpfen wollte. Neben der inzwischen gelebten Selbstverständlichkeit, war nicht zu übersehen, dass sich bei uns völlig unbehelligt auch das Zahnpasta-Tuben-Syndrom eingeschlichen hatte und ganz erheblich zumindest an meinen Nerven nagte. Plötzlich mussten Tassen an anderen Plätzen stehen, Altgewohntes neu organisiert und normale Dinge schwierig gemacht werden. Von der offenen Zahnpasta Tube bis zur Kaffeetasse war plötzlich alles ein willkommener Anlass, um eine dieser zutiefst sinnlosen und vor allem nutzlosen Streitigkeiten vom Zaun zu brechen, deren alleiniger Sinn darin zu liegen schien, die Luft gleichmäßig mit Worten anzureichern, die allesamt in sich die Fähigkeit trugen, Seelen und auch Mägen ernsthaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Es schien mir schon fast unmöglich, noch etwas richtig zu machen oder diese Tiraden auf andere Weise zu vermeiden und so gab es in dieser Zeit auch die ersten Tage, an denen ich absichtlich länger im Büro blieb, da ich mich vor meinem eigenen Zuhause wahrlich fürchtete. Überraschenderweise hatte diese unselige Entwicklung keine Auswirkungen auf unsere sonstigen Belange, denn als Menschen wuchsen wir mit jedem Tag näher zusammen. Unser Umzug nach München brachte zunächst eine Trennung für uns mit sich, da sich absolut keine geeignete Wohnung finden ließ und ich zwischen München und Frankfurt pendeln musste. Daher war ich nur noch an den Wochenenden zuhause und verbrachte die Abende dazwischen in der Pension Winhart in München, ein Umstand, der mir zu ausreichend Schlaf und Langeweile verhalf. Wohnungen waren in München traditionell Mangelware und eine bezahlbare Unterkunft war zudem kaum zu bekommen. Hier lauerten die Menschen den Tageszeitungen sogar schon in den frühen Morgenstunden auf, wenn die Zeitungen die Verlage verließen, so dass meine Anrufe bei den angebotenen Wohnungen stets mit einem stereotypen „schon vergeben“ erwidert wurden. Da ich mich diesem Wahnsinn nicht hingeben wollte, erinnerte ich mich daran, wie ich damals mein Zimmer in der Jakobsgasse in Tübingen gefunden hatte und vertraute darauf, dass wir auf diese eher elegante Art auch eine Wohnung in München finden würden. Paporn war an diesem Wochenende in München und wir fuhren mit dem Auto durch alle erdenklichen Stadtteile bis wir uns müde und ausgehungert in Sendling am Partnachplatz an einem Kiosk eine Rast gönnten und uns etwas Leckeres zum Essen kauften. Mit unseren Wurstbrötchen in der Hand spazierten wir in der Gegend herum und wurden durch den Anblick und vor allem den Duft einer Bäckerei in eine Wohnanlage gezogen, die in der Bruneckerstraße lag. Neben der Bäckerei gab es dort auch eine typisch bayerische Metzgerei, einen Kinderspielplatz, viel Grün und vor allem keinen Verkehr. Es war eine Oase, die wie geschaffen für uns war. Wir fragten einen der Bewohner, der gerade eines der Häuser verließ, wie wir hier einen der Vermieter finden konnten und man verwies uns an einen nahegelegenen Hauseingang, der zur Firma Greil führte. Dort hielten wir kurz inne und klingelten dann an der Türe, die uns ausgerechnet auch noch von Herrn Greil persönlich geöffnet wurde. Als wir ihm unsere rührselige Geschichte erzählten, mussten wir einen ergreifenden Eindruck gemacht haben, wobei ich davon überzeugt war, dass Paporns Lächeln uns die Türe endgültig geöffnet hatte. Es trug sich zu, dass die Familie Trembley wieder zurück in die Vereinigten Staaten zog und darum bat, dass der Nachmieter die Möbel übernehmen sollte. Uns kam das ganz gelegen und so wurden wir mit den Trembleys schnell einig. Auch Herr Greil zeigte Herz und Entschlossenheit und sagte uns die Wohnung zu, was seine Maklerin, die sich damit natürlich übergangen fühlte, zutiefst erboste. Doch nach einem heftigen Scheingefecht stimmte auch sie zu und wir hatten endlich unsere Wohnung in München gefunden oder vielleicht sollte ich besser sagen, dass sie uns gefunden hatte. Es war Zeit für ein fürstliches bayerisches Abendessen, bevor wir uns in dem kahlen Zimmer der Pension Winhart zum Schlafen legten. Das Leben hatte uns wieder einmal gut und wohlwollend behandelt und wir waren uns dessen zutiefst bewusst.

 

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