schneeraben.de - Philosophische Reisevorbereitungen von Thomas H. Jäkel

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Das Skriptorium

 

 

 

Katzenloch

Ein Reisebericht

 

von

Thomas H. Jäkel

 

 

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Ich hatte die verkommene Fassade meines Lebens inzwischen weitgehend umgebaut und hinterließ für den flüchtigen Betrachter mit einer passablen Wohnung, einem schönen Auto und einem immerhin akzeptablen Job sicherlich den Eindruck, dass ich nun meine Jugend hinter mich gebracht und mich in die Reihen der ordentlichen Bürger der Mittelschicht eingereiht hatte. Vielleicht war das ja auch so, doch in mir hatte sich in dieser Zeit nichts spürbar verändert und die Insignien, die ich nun mein Eigen nannte, waren und blieben Mittel zum Zweck und als solches ganz einfach bedeutungslos. Ich liebte noch immer meine innere Ruhe und auch wenn ich nicht mehr vor meiner Wand im Katzenloch saß, so war mir doch nichts lieber als allein in meinen Gedanken zu verweilen, um zu erleben, was es in der Welt, die leider noch immer unablässig auf mich einwirkte, ganz einfach nicht gab. Wie hätte ich auch eine Jugend verlieren sollen, die ich nie hatte? Ich war noch immer ein Suchender, aber auch München, mit all seinen Reizen, konnte nichts an der Tatsache ändern, dass kaum einer der alten Freunde je den Weg zu uns fand und meine liebe Familie zog es wie immer vor, überhaupt nicht an einen Besuch zu denken. Manche Wege, so richtig sie auch sein mögen, führen zwangsläufig durch eine faszinierende Landschaft aus Schmerz und Einsamkeit. Für mich selbst war München eine wahre Wohltat und noch heute verbinde ich diese Stadt mit Licht, Schönheit und vor allem Harmonie. Ich liebte die Gegend rund um den Marienplatz mit dem angrenzenden Viktualienmarkt, der Frauenkirche und vor allem dem Englischen Garten, der für mich nicht nur eine Oase der Ruhe, sondern ein Ort der Zuflucht war. In gleichem Maße war es Balsam für meine Seele, wenn wir an den freien Tagen in die Alpen fuhren, uns an einem der vielen blauen Seen tummelten oder ganz einfach in einem der unzähligen gemütlichen Landgasthöfe einkehrten und daran erinnert wurden, wie eine richtige Portion Essen aussieht. Schon lange war ich nicht mehr so aktiv gewesen und selbst die Wintermonate nutzten wir zum Skifahren, eine Erfahrung, die zumindest für Paporn einmalig war. München gab mir schließlich zurück, was mir Siemens von Montag bis Freitag genommen hatte – die Freude am Leben, denn meine Arbeit fand nicht nur in einem absolut unmotivierten Umfeld statt, sondern unterforderte mich in einer Weise, die mir dann auch erlaubte, mich ausgiebig mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zum Glück gab es ja noch die romantischen Biergärten und da ich ohnehin schon auf dem Weg nach Asien war, bot mir diese Situation auch die Möglichkeit, die notwendigen Weichen ganz zu meinem Vorteil zu stellen.

 

Der Leiter unserer Abteilung war Herr Dr. Nestel, ein älterer, netter und ausgesprochen sympathischer Herr, den man wohl gegen seinen Willen auf diesen Stuhl gesetzt hatte, auf dem er nun bis zum Anbruch seiner Rente in Angst und Schrecken verweilen musste. Es muss auf einer der wenigen Dienstreisen, die wir je zusammen unternahmen, gewesen sein, als er mir von sich und seinen Träumen erzählte, die, ganz zu seinem Bedauern, nie wahr geworden waren. Wie die meisten Leute bei Siemens, war auch er ein Ingenieur und stand als solcher unter dem langen Schatten seines Vaters, der bei Siemens offensichtlich Beachtliches im Bereich der Fernsehtechnik geleistet hatte. So sehr ihn dieser väterliche Schatten auch über die Jahre beschützt hatte, so sehr drückte ihn der Familienname in berufliche Gegenden, für die er schlicht nicht geschaffen war und daher notgedrungen nur mit liebevoller Unfähigkeit glänzen konnte. Sein Platz war eher in einem Labor, wo er sich von morgens bis abends hinter Messgeräten hätte verstecken können, aber stattdessen musste er sich nun zu allem Verdruss auch noch um internationales Marketing kümmern, was schon an seinen sehr bescheidenen Sprachkenntnissen scheitern musste. Am schlimmsten waren die Tage für ihn, an denen er allein oder mit seinen Kollegen bei Herrn Pilling, dem Leiter des Bereichs, antrat, um Bericht zu erstatten und sich von diesem hochnäsigen Autokraten regelmäßig erniedrigen lassen musste. Wir selbst wussten nur allzu gut um seine Pein, die er dabei empfand und konnten daher auch nicht erwarten, dass er unseren Standpunkt tatsächlich vertreten würde. Nach diesen Besprechungen war er für gewöhnlich weder ansprechbar, noch aufzufinden, da er für Stunden auf dem Gelände herumspazierte, um seinen aufrechten Gang wiederzufinden. Er war ein gutbezahlter Arbeitsverteiler und ich hatte ihn gern, auch wenn er für unsere Arbeit kaum hilfreich war. In gewisser Weise hatte ich sogar Mitleid mit ihm, war er mir doch in seinen Empfindungen so ähnlich, dass ich oft den Wunsch verspürte, ihn nach Kräften zu unterstützen, um ihn zumindest an manchen Tagen in die Lage zu versetzen, diesem Herrn Pilling standzuhalten und Mensch zu bleiben. Ich denke, dass er dies auch spürte und schon bald gewöhnte er sich an diese Symbiose und überschüttete mich mit Sonderzahlungen und Beförderungen. Aber es war keine Freundschaft, denn ich war nur Mittel zum Zweck und durfte dann seinen heiligen Zorn verspüren, wenn ich einen kleinen Schritt neben den von ihm gesteckten Weg unternahm. Es war ein Freitag und die meisten Kollegen hatten schon kurz nach dem Mittagessen den Weg in die Biergärten angetreten, als mich unerwartet Herr Pilling anrief, da ich der letzte in der Abteilung war, den er noch erreichen konnte. Es mussten Zahlen und Fakten aufbereitet werden, die Herr Pilling am frühen Montagmorgen für eine Besprechung benötigte. Zu später Nacht schritt ich dann müde die dunklen Gänge der Trutzburg entlang und legte das Ergebnis meiner Arbeit der letzten Stunden im Sekretariat von Herrn Pilling ab, bevor ich endlich auch in mein Wochenende fahren durfte. Als mich Herr Dr. Nestel am Montag gleich nach meiner Ankunft rufen ließ, erwartete ich ein Lob, denn ich hatte bereits von Thomas Borst vernommen, dass Herr Pilling ein solches Lob hat übermitteln lassen. Stattdessen überzog mich Herr Dr. Nestel mit einer Flut von Vorwürfen, die alle darin gipfelten, dass ich den Bericht in meinem Namen abgegeben und damit unverzeihlich meine Kompetenzen überschritten hatte. Ganz offensichtlich hatte ich ihm damit die Schau gestohlen, während er bereits in seinem Lehnstuhl saß und sich von den Strapazen der Woche erholte. Ja, so war das bei Siemens und mehr sollte kommen, nur ums Geschäft ging es in den seltensten Fällen.

 

Vanitas vanitatum et omnia vanitas! Hier gab es Fürsten und Könige, Prinzen und Landherren, die allesamt über das gemeine Volk herrschten, das noch um seine Lebensberechtigung ringen musste und von den Herren des oberen Führungskreises auch täglich daran erinnert wurde. Demütigung, Geringschätzung und Überheblichkeit waren die Ordnung des Tages und in diesen Tagen waren Menschen wie ich, die einst ihr Geld bei Nixdorf verdienten, nur schmutziger Schleim auf den Stiegen des Herrenhauses. In einer Welt, in der man mit Insignien der Macht ausgestattet wurde, weil sie einem rangmäßig zustanden und nicht mit Werkzeugen versehen wurde, weil man diese für die Arbeit brauchte, da hatte auch der Kunde kaum eine bedeutende Stellung und es war im täglichen Kampf von weitaus höherer Bedeutung, wer Vorhänge oder gar einen Stuhl mit Armlehnen hatte, wer in der Kantine des oberen Führungskreises speisen und wer seine Mahlzeiten ohne Tischtücher und Bedienung zu sich nehmen durfte. Nixdorf wurde nach der Übernahme systematisch ausgerottet und die ehemaligen Mitarbeiter hoffte man durch beispiellose Anprangerung und unbeschreibliche Taktlosigkeiten zum Gehen zu bewegen. Auf besagter Dienstreise stellte mich Herr Dr. Nestel in Berlin als seinen neuen Mitarbeiter vor, verschwieg dabei aber, dass ich zuvor bei Nixdorf war. Auf diese Weise wurde ich selbst Zeuge, wie abfällig man in der Runde über die Nixdorfer redete und wie einig sich alle waren, als Herr Gleitz, der Leiter der Abteilung, in den Niederungen des deutschen Sprachgebrauchs versank und dafür auch noch lauten Beifall von seinen Vasallen erntete. Die Ausfälligkeiten fanden erst dann ein Ende, als Dr. Nestel diese illustre Runde freundlich darauf hinwies, dass sein Mitarbeiter ein ebensolcher Nixdorfer war. Wo immer man Menschen traf, hörte man die Frage „Sind sie von Nixdorf?“ noch bevor man nach dem Namen gefragt wurde. Das Hexentreiben hatte auch Erfolg, denn viele unserer Besten verließen schon bald die Firma, doch ich wollte ja nach Asien, weit weg von diesen Umtrieben und den Intrigen am Hofe des Königs. Wie mir dies angesichts der gegebenen Umstände gelingen sollte, war mir jedoch ausgesprochen unklar, doch hier in dieser Trutzburg wurden diese Positionen vergeben und eine davon musste unbedingt an mich fallen. Zunächst jedoch hatte ich mich mit meinen Siemens Kollegen in der Abteilung zu arrangieren, um in dieser feindlichen Umgebung überhaupt so lange überleben zu können, bis sich mir die Chance bot, auf die ich schließlich wartete. Gleich zu meiner Rechten saß Johannes Macher, das Urgestein des Justizvertriebes bei Siemens und bislang mein heftigster Gegenspieler. Wir hatten uns bereits früher einmal bei einer Ausstellung in Saarbrücken kennengelernt und zur Verblüffung vieler Kunden den ganzen Nachmittag gemeinsam in der Stadt verbracht. Auch nun war er ein Kollege, der in der Lage war umzudenken und mit sportlichem Geist auch das Gute in seinem Gegner zu erkennen. So fiel es auch nicht schwer, dass wir über die Zeit sogar ein fast freundschaftliches Verhältnis entwickelten und uns bei Bedarf auch gegenseitig beistanden. Ganz anders war meine Beziehung zu Wolfgang Sachsenmeier, ebenfalls ein Kollege der alten Garde, dem ich bei allen Vertraulichkeiten in keiner Weise über den Weg trauen mochte. Er war sicher kein Freund von Nixdorf und hätte uns ganz bestimmt lieber vor dem Konkursgericht gesehen, doch waren seine Intentionen stets nur persönlich und auf seine eigenen Besitzstände gerichtet. Diese waren aber durch uns junge Wilde, die von den Regeln bei Hofe keine Ahnung hatten, in Gefahr geraten und so mag es auch nicht verwundern, dass er mich nach ein paar Wochen vertrauensvoll zur Seite nahm und mir freundlich ins Gewissen zu reden versuchte. Sein wichtigstes Anliegen schien zu sein, dass ich zu schnell arbeitete und er sich nun darum sorgte, dass Herr Dr. Nestel auch von ihm in Zukunft Berichte in Tagen und nicht Wochen haben wollte. So empfahl er mir doch allen Ernstes, dass ich meine Berichte in der Schublade halten und sie erst dann abliefern sollte, wenn die Zeit dem allgemeinen Durchschnitt entsprach, den man mühsam und über die Jahre hier etabliert hatte. Unser guter Heinz Nixdorf hätte sich nicht nur bei diesen Worten sicherlich im Grabe herumgedreht, aber hier war eben Siemens und ich saß mitten in der Trutzburg.

 

Ich denke, dass es in diesen Tagen war, als ich nach langer Zeit wieder einmal für einen Moment innehielt und mir die Zeit nahm, auf mein bisheriges Leben zu blicken, denn der Zeitpunkt erschien überaus günstig, da mir das Leben hier in München gut gesonnen war und meine Mutter zumindest real keinen direkten Einfluss mehr über mein Leben hatte. Zumindest dachte ich dies, wie alle Menschen, die so gerne an Erlösung glauben, nur weil der böse Schmerz für einige Stunden aus dem geschundenen Körper gewichen war. Doch so leicht ließ sich das Schicksal nicht in die Enge treiben, denn meine Mutter wurde ich selbst an den segensreichsten Tagen nicht los, wenn ich ausgelassen und frohen Mutes unter den Bäumen eines Biergartens weilte und Gott für diese Welt dankte. Andererseits hatten sich die notorischen Nörgeleien zuhause massiv verstärkt und drohten mehr als einmal meine Widerstandskraft zu brechen und meine ohnehin anfälligen Nerven an den Rand des Zusammenbruchs zu treiben. Es war eine gar sonderbare Beziehung, die Paporn und mich verband, denn es schien, dass unsere körperlichen Existenzen in einer grenzenlosen Aversion verharrten, die für sich durchaus das Potential der Selbstzerstörung in sich trug. Dabei waren es nicht so sehr die kulturellen Unterschiede, die uns das gemeinsame Leben so schwer machten, aber kaum ein Tag verging, an dem unsere Charaktere nicht aneinander gerieten und nach Herzenslust Gift und Galle spuckten. Fast kam es mir so vor, als hätte ich meine eigene Mutter geheiratet. Auf der anderen Seite verband ein so starkes Band unsere beiden Seelen, dass auch der schlimmste Streit an dieser inneren Harmonie nichts zu ändern vermochte. Zum Glück begann sich Paporn schon bald in München zuhause zu fühlen und ihre ausgedehnten Streifzüge, die sie des Öfteren unternahm, während ich in der Trutzburg schmachtete, führten sie schließlich an den Viktualienmarkt, wo sie natürlich auch das asiatische Feinkostgeschäft Mai Ling entdeckte und dort eine Thailänderin namens Arunee Grubelnik kennenlernte. Wie alle Thailänder wurde auch sie nur bei ihrem Spitznamen gerufen und war damit ganz einfach die Orn. Die Beiden hatten sich offensichtlich gesucht und gefunden, denn schon bald verband sie eine tiefe Freundschaft, die vielleicht die Heimat ein Stückchen näher ins kalte München brachte. Orn war aus ihrer Ehe mit einem Österreicher geflüchtet und lebte nun mit Terry Schroeder, einem in die Jahre gekommenen Amerikaner, hier in München zusammen. Orn war eine angenehme und sehr schöne Frau, vor allem aber ging von ihr eine so starke Lebenskraft aus, die ihre ganze Persönlichkeit bestimmte. Paporn und Orn fanden schnell ihren eigenen Weg durch München, verbrachten viele Nächte im Nachtcafé und manchmal hatte ich schon fast das Gefühl alleine zu leben, da Paporn in diesen Tagen oft erst nach Hause kam, wenn ich schon bald wieder aufstehen musste. Sie hatten sicherlich viel auszuleben, mussten herauslassen, was da in der Tiefe verborgen lag und so laut nach dem Leben rief, bevor das Reale sich weiter ausbreitete und das Surreale in sich aufnahm. Wer vermag schon in die Weiten eines Menschen zu blicken und zu verstehen, welche Wunden und Verletzungen geschaffen haben, wonach es den Geist dürstet, obwohl die Seele dafür nie geschaffen wurde? Oh, wenn doch jemand meine Rufe und Schreie gehört hätte, die da lautstark unter der Hülle des liebenden Ehemannes verhallten und an manchen Tagen so sehr schmerzten, dass mir das Leben nur allzu leid wurde. Doch wenig wusste ich in dieser Zeit, wie tief die Gründe gingen, die eine thailändische Seele bestimmten und welch immense Kraft sich da gegen alle Realitäten stemmte, die nur zu heilen versuchten, was vor vielen Jahren verstümmelt wurde. Unsere Seelenverwandtschaft jedoch wusste auch hier zu verhindern, dass die Entfremdung dieser Tage sich des Ganzen ermächtigte und es blieb mir nichts anderes übrig, als verängstigt in eine Welt zu blicken, die wieder einmal nicht mehr die meine war. Ich sollte in grenzenlosem Gottvertrauen auf die heilende Wirkung hoffen, die das Leben im Allgemeinen auf unsere Sorgen hat, aber nur dem zuteil wird, der ihr vertraut und die Kraft der Geduld besitzt. Es ist der Preis, den der Geduldige zu bezahlen hat, dass er zurückgelassen wird auf seinem Weg, bis ihn die Einsamkeit erblickt und ihm die liebende Hand zur Hilfe reicht. Die Vereinsamung hatte nun ganz neue und weitaus schmerzlichere Formen angenommen. Ich war froh, dass ich mich auf meine alte Glaskugel verlassen konnte, in der ich noch immer zu leben vermochte, was mir am Herzen lag, wenn alles andere mich verlassen hatte.

 

Die Arbeit bei Siemens Nixdorf war langweilig und ich bekam kaum noch einen Kunden zu sehen. Die Arbeit an der Front fand hier jedenfalls nicht statt und manchem der Kollegen war es sogar spürbar unangenehm einem dieser Spezies Kunde überhaupt auf Blickweite nahe zu kommen, da dies jedes Mal mit Arbeit verbunden war. Es stimmte schon, dass Siemens eine Bank mit angeschlossener Elektroabteilung war, bei dem Kunden eigentlich nur störten. Doch war es mir vergönnt, in dieser Zeit eine ganz andere Überlebenstechnik zu erlernen, ohne welche man in diesem Hause nichts, aber auch gar nichts zustandebringen konnte. Es war eine riesige Spielwiese auf der man Zahlen und Fakten sammelte, diese kosmetisch aufbereitete und dann an die nächste Ebene weiterreichte, die wiederum sammelte, aufbereitete und ihrerseits weiterreichte. Wir bewegten im Grunde nichts, sondern verwalteten uns selbst und vor allem die Arbeit anderer Menschen und wenn wir dann doch einmal etwas bewegen wollten, was selbst dem hartnäckigsten Siemensianer gelegentlich durch den Sinn ging, dann war es, unabhängig von der Idee, die man verfolgte, unabdingbar, die richtigen Leute zu kennen, die man aufgrund früherer Hilfen zum Arbeiten bewegen konnte. Beziehungen, Intrigen und Schuldverschreibungen waren jetzt das Handwerkszeug und ich lernte schnell damit umzugehen, denn schließlich wollte ich ja nach Asien und so viel hatte ich schon in den ersten Wochen gelernt, dass dies nicht auf dem normalen Wege machbar war. Mein Kollege Sachsenmeier, der immer für einen guten Rat zur Stelle war, erklärte mir auch beflissen, dass ich nicht das Zeug für eine Karriere bei Siemens hatte, da ich zu viel arbeitete und zu wenig Zeit in den Korridoren und Kaffeeküchen zubrachte. Nach allem, was ich bislang erlebt hatte, klang sein Rat durchaus plausibel und selbst wenn mir der Aspekt der Karriere ziemlich egal war, begann ich dennoch damit, mich ab sofort in allen möglichen Abteilungen herumzutreiben, was nicht nur abwechslungsreich war, sondern auch meine Tage viel kurzweiliger gestaltete. Ganz besonders interessant war natürlich die Abteilung von Peter Wagner, die zumindest laut Plan für Asien zuständig war. Dort lernte ich auch Janis Antoniadis kennen, ein griechischer Landsmann, dem ich es später zu verdanken hatte, dass ich für eine Präsentation nach Athen fliegen durfte. Aber all dies brachte mich noch nicht näher an Asien, doch fand ich auf meinen Streifzügen gar bald heraus, dass ich nicht der Einzige war, den es in diese Region zog. Andererseits genoss ich ein weitgehend unbeschwertes, wenngleich eintöniges Leben als Ghostwriter für Dr. Nestel, der es auch genau aus diesem Grunde als Hochverrat angesehen hätte, wenn er von meinen Bemühungen auch nur die geringste Ahnung verspürt hätte. So entwickelte ich mich zum Marktstrategen und PowerPoint Meister, dessen Arbeitsergebnisse immer von anderen Menschen zum Besten gegeben wurden, während er selbst in der U-Bahn saß und von anderen Welten träumte.

 

Nun hätte ich dieses Leben so weiter treiben lassen können, doch irgendwie versetzte mich bereits der Gedanke, schon bald einer von denen zu werden, geradezu in Angst und Schrecken. Aber da es an den Wochenenden ja strikt verboten war im Büro zu arbeiten, gab es ausreichend Zeit für mich und Paporn München und seine Umgebung zu genießen. Am meisten freute ich mich auf die Wochenenden, wenn wir auf unserem Balkon zusammen frühstückten, nachdem ich zuvor frische Brötchen bei unserem Bäcker eingekauft hatte. Es waren Stunden der Harmonie und Ruhe, die mir ausgesprochen gut taten. Unsere anfänglich noch unsichere Situation hatte sich in jeder Hinsicht zu unseren Gunsten verändert und ohne allzu viel Anstrengung rieselte nun auch unablässig Geld in die Haushaltskasse, was vor allem die Deutsche Bank freute. Zum einen sorgte Dr. Nestel immer wieder für einen willkommenen Beitrag und zudem hatten die beiden Personalabteilungen von Siemens und Nixdorf die Lage keineswegs im Griff, was vielleicht daran gelegen haben mag, dass man die alten Nixdorf Verträge zur Sicherheit erst gar nicht gelesen hatte. Anders konnte ich mir den Umstand nicht erklären, dass man mir ohne Verpflichtung zigtausend Mark für die Abtretung meines Vertriebsgebietes zahlte, obwohl ich schon lange in München arbeitete. So gesehen war Siemens Nixdorf eine ausgesprochen familienfreundliche Firma. Es waren diese Stunden auf unserem Balkon als wir immer wieder zu uns fanden und uns die langsame Entstehung unserer Ehe bewusst wurde. Vieles hatte sich in den letzten Jahren verfestigt, anderes war im Begriff sich zu verflüchtigen, doch über allen Veränderungen stand die Erkenntnis, dass wir beide zusammengehörten. München war ein geeigneter Ort, um sich die Zeit zu vertreiben und zu erkennen, dass es ein gar wunderbares Leben außerhalb von Siemens gab. Auch für Paporn war gesorgt, denn neben den Spezialitäten im Mai Ling gab es noch den Ostasien Markt, in dem man vom thailändischen Reis bis zum Singha Bier alles bekommen konnte und wenn uns der Sinn nach beiden Kulturen stand, gab es noch den Biergarten Mangosteen. Ich denke, dass sich Paporn hier wohlgefühlt hatte und ich freute mich, dass ich ihr hier die schönen Seiten meines Landes zeigen konnte, denn jede unserer Reisen hatte immer wieder den Effekt, dass wir die Kraft fanden, über vorhandene Unterschiede und Streitereien hinwegzukommen und statt dessen in die gemeinsame Zukunft zu blicken. Da wir inzwischen auch ausreichend Geld zur Verfügung hatten, zogen unsere Ausflüge immer weitere Kreise und führten uns schließlich nach Venedig, Florenz, Zürich, Graz oder auch Wien. Wir trafen uns oft mit Ralf Schryvers und natürlich mit Terry Schroeder und Orn, mit Janis Antoniadis und einigen thailändischen Studenten, die an der Bundeswehruniversität in Neubiberg studierten. Ich hatte ausreichend Abwechslung und Unterhaltung, doch war ich noch immer auf der Suche und mehr denn je entfernte ich mich von den Geschehnissen des Tages, wurde wieder distanzierter Beobachter und fand es ausreichend und angemessen zu tun, was von mir verlangt wurde. Es war wie ein grauer Schleier, der sich über mich gelegt hatte und der nur ab und zu ein bisschen Licht ins Innere fallen ließ. Solche Momente gab es immer wieder, wenn mich ein stilles Lächeln erreichte oder wenn ich traumverloren durch die Uffizien in Florenz wandelte und mich tief in meiner Seele an den Werken erfreute, die Menschen über die Jahrhunderte geschaffen hatten. Ich war nicht unzufrieden mit meinem Leben und hatte zur Abwechslung auch nicht mit existentiellen Problemen zu kämpfen, aber meine Seele war allein und diese Vereinsamung schritt unaufhaltsam voran, da mir einfach die Gründe fehlten und der alles bestimmende Sinn. Welch magische Kraft sollte schon ein flüchtiger Moment, eine Ablenkung oder gar Unterhaltung im Spiel des Universums einnehmen, welcher Sinn sollte in den vielen täglichen Routinen liegen, die man mehr schlecht als recht hinter sich brachte, nur um einen weiteren Tag vollendet und damit einen Schritt näher ans Ende dieser fatalen Reise unternommen zu haben. Da musste einfach mehr sein, etwas Bleibendes und Erleuchtendes, um einem Leben zumindest den Hauch eines Sinns zu geben. So dachte ich damals und langsam wurde ich dieser Abwesende, unzugänglich und distanziert, was mir von meiner Umgebung immer wieder als grenzenlose Arroganz und Überheblichkeit ausgelegt wurde, wo es doch nur die leidvoll erlebte Bedeutungslosigkeit des Lebens war. Wenn ich dann so in meiner Glaskugel saß, dann empfand ich jeden Erfolg, jede Veränderung als weitere und unheilvolle Verstrickung meiner Existenz mit Dingen, die mir zutiefst zuwider waren und mir Kraft abverlangten, die ich schlicht nicht mehr hatte. Zu meinem ernsthaften Bedauern gab es auch niemanden, der mich hätte verstehen können und es hätte mir an manchen Tagen doch schon sehr geholfen, wenn man mir die lieblosen und leeren Phrasen der Hilfe erspart hätte, die, wenngleich gut gemeint, mit jedem Wort die schleichende Einsamkeit in schmerzende Melancholie und Depression verwandelten.

 

Der Einzige, der mich überhaupt zu verstehen schien, war mein eigener Körper, der sich nun gemächlich anschickte, mir den Dienst zu verweigern und mich mit unmenschlichen Schmerzen und Unannehmlichkeiten zu bestrafen, die ich selbst meinem ärgsten Feinde nicht gegönnt hätte. In den Herbst- und Wintermonaten lag ich regelmäßig mit solchen Rückenschmerzen darnieder, dass es notwendig wurde, täglich Spritzen zu bekommen. Zur gleichen Zeit meldete sich auch mein Magen und löste die reinste Panik in mir aus, wenn ich an akuter Atemnot und Herzschmerzen litt. Beide waren rechte Plagegeister geworden und ich musste Wege finden, um mit meinem Körper wieder zu kooperieren. Ich tat dies, indem ich in einen ernsthaften Dialog mit meinem Körper trat und den Schmerz zur Person erhob. Er hatte ein Recht da zu sein und meine rücksichtslose Lebensweise gegen mich selbst zu beklagen. Und ich hatte zu arbeiten, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und beides musste möglich sein. So gelangte ich mühsam an den Kern des Übels und lernte in einer erträglichen Partnerschaft mit meinem Körper zu leben. Es war aber nicht einfach, den Schmerz jeden Tag zu ertragen, den die Physis nun meiner ohnehin angeschlagenen Psyche noch zur Seite stellte. Da waren immer wieder Tage und Wochen, in denen das Aufgeben näher lag als der nächste Morgen, doch hatte ich inzwischen auch gelernt zu weinen und daraus die Kraft zu schöpfen, um den nächsten Morgen lebend zu erreichen. Diese Schmerzen sind mir für den Rest meines Lebens geblieben und solch vertraute Genossen geworden, dass ich sie heute mit Fug und Recht einen festen Teil meines Lebens nennen kann. Wäre ich ein anderer Mensch gewesen, dann hätte ich an der allgemeinen Entwicklung meines Lebens wohl Gefallen gefunden und hätte mich an den Dingen erfreut, die mir plötzlich so freizügig in die Hände fielen, doch statt dessen wurden mir die Tage immer schwerer und die Sehnsucht nach der Ferne gab der Melancholie die Kraft in mir zu wachsen. Dabei entwickelte sich meine berufliche Existenz wider Erwarten gut und als mich Herr Dr. Nestel dann mit einer heftigen Beförderung beglückte, stand ich mit meinen dreiunddreißig Jahren nur noch einen Schritt vom oberen Führungskreis entfernt. Als meine Siemenskollegen davon erfuhren, waren sie voller Neid und ich durfte mir jeden Tag anhören, wie ungerecht diese Beförderung war, die nach dem Gesetz der Gewohnheit bislang erst denen zuteilwurde, die über vierzig Jahre alt waren. So jedenfalls hetzten sie und so tief ging es dem Kollegen Sachsenmeier, dass er selbst vor offenen Gehässigkeiten nicht Halt machte und derart penetrant wurde, dass ich schließlich dagegen vorgehen musste. Beim Mittagessen saßen alle Kollegen wie immer in der Kantine zusammen und wieder kamen die Schmährufe von allen Seiten zu mir, solange bis ich die Kollegen freundlich auf die positive Seite der Beförderung aufmerksam machte, denn sie war auch ein klares Zeichen dafür, dass sich ab nun Leistung wieder lohnte. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich meine Ruhe, auch wenn die Lästereien natürlich hinter meinem Rücken noch lange Zeit anhielten. Das war nicht mehr meine Welt, nicht die Firma, für die ich einst angetreten war und die ich liebte.

 

Alle meine Versuche blieben ohne Erfolg und ich musste der Personalabteilung bestimmt gehörig auf die Nerven gegangen sein, doch sich regen bringt bekanntlich Segen und ich wollte keine Möglichkeit außer Acht lassen, um an mein Ziel zu gelangen. Aber nichts geschah und insgeheim begann ich innerlich mit den Vorbereitungen mich mit der gegebenen Situation abzufinden. Was lag da näher als mir ein gutes Beispiel an meinen Kollegen zu nehmen, die schon seit einer Ewigkeit hier waren und ihrerseits mit subtilem Zynismus alles meisterten, was man ihnen in den Weg warf. Eine gewisse Hartleibigkeit konnte bestimmt nicht schaden und wenn ich den Kopf nicht allzu sehr aus der Masse streckte, konnte ich hier leicht meine Rente erreichen ohne mich dafür auch noch anstrengen zu müssen. Getragen von solchen sinnigen Gedanken, saß ich morgens bei einem frisch gebrühten Kaffee und unterhielt mich angeregt mit den Kollegen Macher und Sachsenmeier, als das störende Geräusch meines Telefons unsere Konversation jäh unterbrach. Das auffällige Rauschen in der Leitung verriet mir sofort, dass dieser Anruf aus der Ferne kam und in der Tat meldete sich am anderen Ende der Leitung ein Jochen Simon von Siemens Nixdorf in China. Zunächst erschien mir das Gespräch etwas seltsam, da er mir allerlei Fragen zu meiner Person stellte, ohne mir jedoch genau zu sagen, was sein eigentliches Anliegen war. Unverständlicherweise schien ihm auch viel daran gelegen zu sein, dass ich zuvor bei Nixdorf war und nicht bei Siemens. Überhaupt war das ganze Gespräch höchst geheimnisvoll und meine Verblüffung entging auch den Kollegen Sachsenmeier und Macher nicht, deren Ohren mit jeder Minute größer wurden. Es war der Anruf, auf den ich so lange gewartet hatte. Herr Simon war auf der Suche nach dem Geschäftsstellenleiter für das Büro in Beijing und wurde auf seiner Suche an mich verwiesen. Meine Anstrengungen hatten im Verborgenen also doch Früchte getragen und nun stand ich plötzlich als möglicher Kandidat zur Diskussion. Ich war begeistert. Für Herrn Simon war die Sache offenbar nach unserem Gespräch bereits geklärt und er wollte mich am folgenden Tag, nachdem ich mit Paporn geredet hatte, wieder anrufen, um meine endgültige Antwort zu erhalten. Zuhause war das Thema schnell besprochen. Zwar wussten wir damals, außer meinen ersten Reiseeindrücken, nicht sehr viel über das Leben in China und auch mein Gehalt war noch ein unbesprochener Punkt, doch war es Asien und China klang exotisch genug, um uns darüber einig zu sein, dass wir das Angebot am nächsten Morgen sofort annehmen würden. Ich hatte einen neuen Job und weiter weg als ich es mir je vorgestellt hatte. Was ich an diesem Tage noch nicht wusste war, dass es auch der Anfang eines ganz neuen Abschnitts in meinem Leben sein sollte. Doch noch war es nicht so weit, noch hatte ich meine Zelte in München stehen und der Weg nach Beijing sollte mit allerlei Problemen gepflastert sein. Aber es war alle Anstrengung wert.

 

Ganz anderer Meinung war natürlich Dr. Nestel, der seiner Enttäuschung nur allzu freien Lauf ließ, nachdem er die offizielle Personalanforderung erhalten hatte. Da er nun aber kein Mann des lauten Wortes war, sprach er einfach gar nichts mehr mit mir und zog mich von allen Besprechungen und Veranstaltungen ab, um mich auf seine Art für meine Untreue und meinen Verrat zu bestrafen. Es musste ihn hart getroffen haben, denn fast zur gleichen Zeit erfuhr er, dass ihn auch Thomas Borst verlassen würde, der nach Frankfurt zu einer anderen Firma wechselte. Bald saß er also wieder mit den Kollegen Sachenmeier und Macher da und musste auf seine Berichte wieder wochenlang warten. Doch in seiner tiefen Verachtung war er bemerkenswert konsequent, denn er sprach tatsächlich fürderhin kein einziges Wort mehr mit mir, bis ich ihn Jahre später, als er bereits in seine verdiente Rente gegangen war, wieder in München in der U-Bahn traf und er sich wenigstens zu ein paar Worten hinreißen ließ. Aber ich hatte ohnehin andere Probleme, denn aus für mich unerklärlichen Gründen war nun die ehemalige Nixdorf Personalabteilung in Paderborn für mich zuständig und nicht die gewohnte Abteilung im Gebäude nebenan. Was ich zunächst für ein gutes Omen hielt, entpuppte sich als wahre Katastrophe und hätte beinahe zum Ende des Chinaabenteuers geführt, noch bevor dieses überhaupt begonnen hatte. Man muss im Leben nicht alles verstehen, aber in Paderborn machten mir meine eigenen Leute ein vernichtendes Angebot, dessen Konditionen weit unter meinem gegenwärtigen Gehalt lagen, da man nach ihrer Ansicht in China ja viel billiger leben und einen Teller Reis auf der Straße schon für wenige Pfennige haben konnte. Der Neid musste grenzenlos gewesen sein. Ich flog daher unverrichteter Dinge wieder nach München zurück, besprach die Sache mit Paporn und rief dann Jochen Simon in Beijing an, um ihm mitzuteilen, dass ich nun doch nicht nach China kommen könnte, um dort billigen Reis auf der Straße zu essen. So einfach gab sich Jochen Simon aber nicht geschlagen und versprach, sich um die Sache zu kümmern. Nur Tage später erhielt ich einen Anruf, dass ich bei der Siemens Personalabteilung in Erlangen vorstellig werden sollte, da ich jetzt direkt von Siemens versetzt werden würde. Es war alles irgendwie bizarr in diesen Tagen, aber Siemens war professionell und so stand meinem Aufenthalt in China zumindest in dieser Hinsicht nichts mehr im Wege. Es wäre auch eher absurd gewesen, wenn ich Herrn Dr. Nestel hätte mitteilen müssen, dass ich nun doch bei ihm in München bleiben würde. Aber mit Siemens kam erst richtig Schwung in die Sache und unser Leben in München löste sich mit jedem Punkt, den wir auf der Checkliste abhaken konnten, ein bisschen weiter auf. Wir bekamen einen Schnellkurs in chinesischer Konversation, verkauften alles, was wir nicht unbedingt benötigten, planten den Umzug und begannen damit, uns von den Menschen zu verabschieden, die uns lieb geworden waren. Dazwischen flogen wir bereits zusammen nach Beijing, um uns im Büro vorzustellen und uns eine Wohnung zu suchen. Ich fühlte mich gut und frei, denn meine Besuche in der Trutzburg waren nur noch sporadisch und die Vorbereitungen auf meine neue Aufgabe füllten mich zunehmend aus. Auf dem Programm stand auch ein Sprachkurs in Hastings, der mir zunächst einen angenehmen Flug nach London und dann ausgelassene Tage an der Südküste Englands bescherte. Dort traf ich auch Ulrich Graumüller und Peter Dunz, die ebenfalls beide in München arbeiteten und mich auf andere Gedanken brachten. Zu lange war ich schon in meiner Welt vergraben gewesen und die langen Abende bei englischem Bier und Smalltalk verschafften mir nicht nur willkommene Erleichterung, sondern auch das schöne Gefühl, wieder einmal neue Freunde gefunden zu haben. Es gibt ja Orte, die einem manches deutlicher und bewusster machen und die Küste Englands war in ihrer Rauheit so ein Ort, an dem mir die Weite des Lebens und der Horizont der Möglichkeiten vor Augen geführt wurden. Dort im harschen Wind, der ungehindert über das Meer an die Küste drang, fand ich den Abstand, den ich dringend benötigte und ich fühlte eine neue Kraft in mir wachsen. China lag nun am anderen Ende dieses Meeres wie ein roter Teppich einladend vor mir.

 

Ich war dabei meine Heimat und das Land zu verlassen, in dem ich aufwuchs und wurde, was ich war. Es war die Sicherheit, die man verspürt, wenn Ahnungen keinen Widerspruch erfahren, dass es ein Abschied für immer sein würde. Auch von meiner Großmutter musste ich für immer Abschied nehmen. Sie hatte den Tod meines Großvaters nie so richtig überwunden und da ihr Anton nicht mehr in ihrem Leben war, hatte sie schon lange den Willen für eben dieses Leben verloren. Noch bevor ich sie besuchte, hatte sie einen Schlaganfall erlitten und ihre kleinen Augen sagten mir, dass es unser letztes Treffen sein würde. Sie starb einige Zeit nach meiner Abreise nach China und ich hoffte inständig, dass sie ihren Anton dort wiedergefunden hatte. Die Dinge fanden ihr natürliches Ende und ich schloss mit allem ab, um einen Neuanfang möglich zu machen. Alles würde nun anders sein und die Macht der Entfernung würde selbst alte Freundschaften in ein neues Licht rücken, Veränderungen mit sich bringen und ordnen, was am Schluss noch übrig blieb. Ich machte mir keine Illusionen, dass mir allzu viele Weggefährten auf dieser Strecke meines Lebens noch folgen würden und ich wusste, dass ich mit dem Auszug aus ihrem Gesichtsfeld ein Fremder werden würde, sicherlich auch ein Freund, aber eben ein fremder. Als wir für die letzten Tage in München ins Hotel umzogen, war ich wohnsitzlos und mein neuer Wohnsitz lautete Beijing in der Volksrepublik China. Es war ein aufregender Gedanke und auf meine Art verspürte ich einen gewissen Stolz. Es war auch ein langer Weg vom Katzenloch bis nach Beijing und da war mehr als ein Tag, an dem ich dies sicherlich nicht für möglich gehalten hätte. Und nun saß ich mit meiner Paporn in der Lufthansa Business Class und flog nach China. Als der Flug sich dann dem Ende zuneigte, verlor ich auch die Gedanken an die Heimat, denn die Wüste Gobi war mir Sinnbild für alles, was in diesen Wochen und Monaten geschehen war. Es war ein Ereignis, dieses Nichts aus der Höhe zu bewundern, das alle Seiten des Lebens miteinander verband und in sich trug. Endlos erstreckte sich Dürre und Sand unter mir und zwang meine Gedanken zurück auf das Wesentliche der Dinge. Es war gut so, wie es war und ich war bereit meinen Weg weiter zu gehen.

 

 

17

 

Es war ein verregneter Tag, ganz im Stile eines Neuanfangs und das endlose Grau des Himmels hatte sich wie ein allzu dicker Teppich über das ganze Land gelegt. Hier schien es keine Farben zu geben. Man hatte uns im Holiday Inn Lido, ganz in der Nähe von Siemens, untergebracht, denn zu dieser Zeit gab es in Beijing noch kaum andere erträgliche Hotels und so war das Lido geradezu ein internationaler Treffpunkt für gestrandete Ausländer geworden. Als ich aus unserem Hotelfenster nach draußen sah, blieb plötzlich die Zeit stehen, es wurde sehr ruhig und die Stille schenkte mir auf ihre Weise die Gelegenheit, hautnah den kalten Schauer des Entsetzens zu fühlen, der nun durch meinen Körper kroch. Hatte ich mir zu viel zugemutet, nach Früchten gegriffen, die nicht für mich an diesem Baum hingen? In wenigen Stunden schon war ich nicht mehr der Vertriebsbeauftragte, der für sich alleine durch die Lande zog, noch war ich der unbekannte Schreiberling eines Dr. Nestel, sondern ich war selbst Vorgesetzter meiner eigenen Mitarbeiter, der die gesamte Verantwortung selbst zu tragen hatte. Viel Zeit blieb mir nicht, um mich meinen Ängsten hinzugeben und das war auch gut so. Schon am selben Nachmittag ließ uns Jochen Simon von seinem Fahrer abholen und wir verbrachten den Rest des Tages mit allerlei Gesprächen und einem angenehmen chinesischen Abendessen. Man sorgte sich hier um uns, doch so vertraut das Leben innerhalb der Mauern von Siemens auch erscheinen mochte, so deutlich führte mir jeder einzelne Schritt nach Draußen deutlich vor Augen, wie weit ich von der mir vertrauten Umgebung entfernt war und wie fremdartig letztlich sein konnte, was nun mein neues Zuhause werden sollte. Als ich dann vor dem Hotel an der Flughafenstraße stand, sah ich mit Interesse dem Treiben zu, das sich da vor meinen Augen entfaltete. Es war mir von meinen früheren Reisen nicht neu, dass man hier halbe Schweine und sogar frische Leichen mit dem Fahrrad beförderte, doch nun erschien mir all dies noch fremdartiger und doch in seiner eigenwilligen Art wieder sehr normal. Ich war heimatlos und es würde wohl eine Zeitlang dauern, bis ich mich an diese Umgebung gewöhnt haben würde. Im Büro standen einige ruhige Tage an, die man für mich zur Eingewöhnung vorgesehen hatte und ich verbrachte die meiste Zeit mit meinem Vorgänger, Herrn Büchel. Schon nach wenigen Stunden wurde mir klar, dass er den Begriff Repräsentationsbüro nur allzu wörtlich genommen hatte, doch konnte ich ihm dies keineswegs verübeln, denn er war vom Grunde seines Herzens ein liebenswerter alter Mann, dem man in seinem Leben nicht nur gut mitgespielt hatte. Sein Weg bei Siemens führte ihn in den letzten Jahrzehnten durch allerlei Länder, in die man auch damals kaum jemanden überreden konnte und nun, da ihm seine Frau schon lange nicht mehr in eben diese Länder folgen wollte und man jetzt plötzlich die neue Zeit mit Pauken und Trompeten verkündete, war er natürlich überflüssig geworden und musste abgeschoben werden, bis zu dem Tag, an dem die Rente sich seiner rettend annahm und man sich die eigenen Hände in geschäftlicher Unschuld waschen konnte. Es war traurig zu sehen, wie ein Mensch am Ende seines beruflichen Lebens nur noch zur Belastung einer Kostenstelle verkam, obwohl er auch bei kritischer Sicht zumindest einen kleinen Dank verdient hatte. Natürlich hatte man ihn nach all den Jahren auch in Deutschland längst vergessen, sodass es dort für ihn ebenfalls keine Zukunft mehr gab und er bei vollem Gehalt ein Gestrauchelter wurde, der nichts mehr zu tun hatte, außer seine Selbstachtung zu retten, solange bis man ihn endlich gehen ließ. Ich erinnerte mich jetzt wieder gut an einen Rat, den man mir vor meiner Abreise in der Personalabteilung in München gab, als man mir nahelegte mich selbst um meine Zukunft zu kümmern, wenn sich meine Zeit in China irgendwann einmal ihrem Ende zuneigte. Ich war nun sehr dankbar für diesen Hinweis, den ich zuvor nicht ernst genommen hatte und dessen harsche Realität in Person dieses Herrn Büchel leibhaft vor mir stand. Doch bis dahin war es noch lange hin und schließlich war ich auch erst gerade angekommen, sodass mir der Sinn nach anderen, aufregenderen Dingen stand, die ich in meiner eigenen Zukunft zu sehen glaubte.

 

Bereits vor meiner Ankunft hatten Herr Simon und Herr Büchel die Räumung eines Zimmers veranlasst, das nun als mein Büro dienen sollte und welches sinnigerweise zuvor das einzige Besprechungszimmer gewesen war. Ich freute mich über diese freundliche und geradezu fürsorgliche Geste, doch musste ich das geplante Chefzimmer dankend ablehnen, da es zwar gänzlich in die Siemens-Welt zu passen schien, dafür aber dem wiedersprach, was ich bei Nixdorf zu schätzen gelernt hatte. Ich gebe natürlich gerne zu, dass mich der Gedanke an solch einen Ausdruck von Überlegenheit durchaus gereizt hatte, denn ein eigenes Büro zu haben hätte mir nicht nur Distanz und Ruhe verschafft, sondern auch meinen Aufstieg nachhaltig nach außen untermauert. Doch so einfach wollte ich mich von diesem System nicht kaufen lassen, hatte ich doch auf schmerzliche Art in München schon gelernt, dass mit jedem angenommenen Besitzstand auch ein Teil der persönlichen Freiheit aufgegeben wurde, bis man sich dann schließlich ohne Rückgrat wiederfand. Nein, ich wollte von Anfang an bei meinen chinesischen Mitarbeitern sitzen und Teil der Gruppe sein, die von nun an auch Geschäfte machen sollte. So viel war ich einem Reinhard Bulka schon schuldig, um nicht zu verraten, was für mich eine wundervolle Zeit in meinem Leben war. Also ließ ich meinen Schreibtisch wieder zurück in den großen Raum stellen, wo auch die wenigen Mitarbeiter saßen, die ich von Herrn Büchel geerbt hatte. Die Akten im Schrank hinter mir hatten dort bislang ein offensichtlich ruhiges Leben geführt, denn ein willkürlicher Griff nach einem der Ordner weckte unverhofft eine nette Gruppe von Kakerlaken, die es sich zwischen den vergilbten Seiten sehr bequem gemacht hatte und nun ganz aufgeregt das Weite suchte. Vergeblich waren auch meine Bemühungen einen Computer zu finden, denn außer einem Stuhl und einem Tisch gab es nur noch ein altes Telefon, weil wir hier alles, nur eben kein Geld hatten. Es war ernüchternd und meine Vorstellungen von einem erlebnisreichen Aufenthalt im Ausland mussten schon bald nach unten korrigiert werden, um der Realität zumindest in ihren Grundfesten gerecht zu werden. Zusammen mit Herrn Büchel grub ich noch einen alten Compaq Computer aus, der aussah wie ein verbleichter Schuhkarton und der mir schon bald die Tugend der Geduld abverlangte. Ich erwartete von den Gesprächen mit meinen Mitarbeitern im Grunde keine Überraschungen mehr und wurde in dieser Hinsicht auch nicht enttäuscht. Was ich in diesen Tagen an meinem neuen Arbeitsplatz erfuhr, ging nahtlos in das graue, verhangene Wetter über und glich dem Land, in dem es keine Farben gab. Von meiner Begeisterung waren nun nur noch die Koffer übrig geblieben, die mich abends still daran erinnerten, was ich aufgegeben hatte, um hier zu sein. Ich benötigte dringend Aufwind, neue Kraft unter meinen lahmenden Flügeln, um nicht von Anfang an in der Melancholie zu versinken, die mir von der gegebenen Situation nur allzu bereitwillig angeboten wurde. Das Schicksal war mir gnädig, denn schon nach kurzer Zeit wurde mein neues Auto geliefert, das ich bereits während unserer Besichtigungsreise bestellt hatte und als ich nun davon erfuhr, rannte ich voller Erwartungen auf den Hof, um das Prachtstück zu bewundern und gleich in Empfang zu nehmen. Es sollte eigentlich ein kleiner roter Daihatsu sein, aus lokaler Produktion versteht sich, doch was ich nun da vor mir stehen sah, spottete jeder Beschreibung. Es kam mir vor, als hätte man mir einen notdürftig zusammengeschraubten Haufen Blech geliefert. Die Türen konnten nur mit einiger Anstrengung und typenspezifischen Fertigkeiten geschlossen werden, alles klapperte in unterschiedlichen Klangfarben und die Sitze glichen eher ein paar Gartenstühlen, in denen man hoffnungslos versank. Ablehnen konnte ich diesen Hohn nicht mehr und so gab ich mich letztlich damit zufrieden, dass man mit diesem teuren Ding wenigstens ohne Freude fahren konnte. Das zumindest war schon ein bisschen Aufwind, der mich unabhängig machte und mir erlaubte, mich in Beijing nach Herzenslust zu bewegen.

 

Viel wichtiger war jedoch der Umstand, dass unsere Wohnung im East Lake Villas endlich frei wurde und wir mit dem Einzug auch den Grundstein für unser neues Zuhause legen konnten, dem wir, nachdem endlich auch unsere Sachen aus Deutschland geliefert wurden, ein kleines Stück Heimat schenkten. Hier fühlten wir uns wohl. Das East Lake Villas lag weiter in der Stadt und befreite uns so von der tristen Abgeschiedenheit des Holiday Inn Lido und der Allgegenwärtigkeit von Siemens. Zum Glück hatten wir es schon von Anfang an abgelehnt in einer der Siemens-eigenen Wohnungen einzuziehen, die sich gleich hinter dem Büro auf dem Firmengelände befanden. Hier an der Dongzhimenwai Dajie gab es den typischen chinesischen Alltag und Paporn fand schnell die lokalen Märkte, die alles anboten, was man als Chinese so zum Leben brauchte. Die Gegend war aber vor allem deshalb interessant, weil wir zu Fuß ganz einfach in den Sanlitun schlendern konnten, wo damals schon die ersten Kneipen, Bars und modernen Restaurants eröffnet hatten. Auch die vielen Botschaften in der Gegend trugen dazu bei, dass das East Lake Villas in der Tat ein internationaler Ort war, der uns Ausländern die oft benötigte Auszeit gab, die wir nach einem Tag im Gewimmel des chinesischen Alltags dringend benötigten. Für Paporn war China eine Art Zeitreise in die Heimat ihres Vaters, der als kleiner Junge auf abenteuerliche Weise vor der Kulturrevolution flüchtete und mit dem Schiff von Guangzhou nach Hong Kong und dann schließlich nach Bangkok kam. Ich selbst liebte den atemberaubenden Blick aus dem vierzehnten Stock und stand oft am Fenster, wenn die Sonne über dem Grau der Stadt versank und die vielen kleinen Dächer der Hutongs mit einem zarten Rot belegte. Es war schön hier und ich war sehr überrascht, wie schnell ich mich jetzt in dieser Stadt zuhause fühlte. China war ein faszinierendes Land, auch wenn das tägliche Leben allerlei Probleme für uns bereithielt. Natürlich hatte man uns in Deutschland schon darauf vorbereitet, doch verstanden wir das wahre Ausmaß des chinesischen Lebens im Vergleich zu den von uns bislang gelebten Erwartungen erst dann, als wir die letzte Tube Zahnpasta in den Mülleimer geworfen hatten. Es war nicht zu verkennen, dass man in China während der letzten Jahrzehnte ganz offensichtlich andere Prioritäten gesetzt hatte und so war es unablässig, dass wir immer wieder mit leeren Koffern über ein Wochenende nach Hong Kong flogen, um uns dort mit allem einzudecken, was es in China zu diesem Zeitpunkt einfach nicht gab und das war eine ganze Menge. Für einen Jungen aus dem kleinen Katzenloch war das eine ganz andere Welt, ein Leben, wie ich es aus Filmen und Illustrierten kannte, aber zum Einkaufen nach Hong Kong zu fliegen, war mir anfangs doch sehr fremd und brachte mich jedes Mal zum Schmunzeln, wenn wir dann in Hong Kong landeten. Es gab in China viele Dinge, die es noch nicht gab, doch war für alles eine Lösung zur Hand, wie teuer, aufwendig oder auch abstrus diese zunächst auch erscheinen wollte. Es war eine der ersten Lektionen, die ich in China lernte und viele andere sollten noch folgen.

 

In diesem Umfeld der unbegrenzten Unmöglichkeiten versuchte ich mich beruflich zurechtzufinden, denn neben der Tatsache, dass wir eigentlich nichts verkaufen durften, war es auch den Chinesen nicht erlaubt, etwas aus dem Ausland zu kaufen, ohne hierfür eine Importlizenz zu haben, die wiederum nur sehr wenigen Handelsunternehmen überhaupt erteilt wurde. In diesen Tagen bestimmten die Mittelsmänner, ganz im Stile alter chinesischer Traditionen, das geschäftliche Leben und wenn es einem dann einmal doch gelang alle Parteien und Formulare zusammenzubringen, dann waren da immer noch die umfangreichen westlichen Ausfuhrbeschränkungen, die selbst einem Geschäft mit einfachen Personal Computern im Wege stehen konnten. Woche für Woche lernte ich dazu und wunderte mich schließlich kaum mehr über etwas, auch wenn ich es bislang für selbstverständlich gehalten hatte. Natürlich waren auch meine Mitarbeiter nicht meine Mitarbeiter, sondern allesamt Leiharbeitskräfte, deren berufliches Zuhause in einer riesigen Organisation namens FESCO war. Das war an sich nicht weiter schlimm, außer dass meine Sekretärin Chen Xiaoping in regelmäßigen Abständen von dieser FESCO einberufen wurde, um ausgesprochen detailliert über mich zu berichten. Man musste sich einfach daran gewöhnen, dass man hier als Ausländer ständig unter diskreter Überwachung stand, was angesichts der Isolation der letzten Jahrzehnte kaum verwunderlich war. Überhaupt prägte dieses plötzliche Erwachen alle Bereiche des sozialen Lebens und auch meine Mitarbeiter waren da keine Ausnahme, wenn jeder Tag eine neue Chance bot, sich in diesem anbrechenden Chaos zu behaupten und sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen, was noch vor wenigen Jahren schlicht undenkbar gewesen wäre. Besonders misstrauisch war Yu Jianhua, der mich von seinem Platz aus im Büro von Anfang an skeptisch betrachtete und zudem keinen Hehl aus der Tatsache machte, dass er mir um Längen überlegen war und daher auch nie mein Mitarbeiter sein würde. Er genoss im Büro einen Sonderstatus, den er allein Herrn Simon zu verdanken hatte und der nach dem Senioritätsprinzip auch bei den anderen Mitarbeitern durchaus seine Geltung hatte. Zwar verschloss er sich keineswegs den Annehmlichkeiten und auch den Möglichkeiten, die man in einer Firma wie Siemens hatte und die mit der Öffnung Chinas immer mannigfaltiger wurden, doch blieb sein Herz ganz tief in den alten Strukturen, nach denen wir Langnasen nur die ausländischen Teufel waren, die es nach Kräften auszunutzen galt. Ich war von allen Langnasen sicherlich sein verachtenswertester Feind, da ich viel zu jung war, um sein Vorgesetzter zu sein, vor allem aber, weil ich durch mein bloßes Dasein seine Autorität bei den anderen chinesischen Mitarbeitern untergrub und letztlich ganz abschaffte. Seine Welt war der leise Widerstand, das Ignorieren und die Intrige, was ihn letztlich auch bei mir ganz oben auf die Liste der potenziellen Gefahren setzte, mit denen ich hier zu rechnen hatte. Andere Mitarbeiter, wie Wang Anli oder auch Liu Ming, sahen die neuen Möglichkeiten in einem ganz anderen Licht und waren ganz versessen darauf etwas Neues zu lernen. Außer dem jungen und sehr wohl übermütigen Hu Yuan, waren die anderen alle ältere Semester ohne einschlägige Ausbildung oder Erfahrung. Nur Liu Ming hatte sich von Lageweile geplagt in eigener Regie ein technisches Wissen angeeignet, das wir nun sehr gut brauchen konnten. Vor mir saßen Menschen, deren Geschichten bis in die Kulturrevolution zurückreichten, die in einem System aufgewachsen waren, das mir absolut fremd und unbegreiflich erschien und selbst das marode Katzenloch in ein Resort der Freiheit und Lebensfreude verwandelte. Es war nun meine Aufgabe, diese Welten zu verbinden, ein Team zu schaffen, das gemeinsam etwas zu leisten vermochte und durch stetiges Geben und Nehmen zu einer homogenen Kraft heranwachsen konnte. Ich war begierig darauf zu lernen, was es bedeutete in dieser Zeit in China gelebt zu haben, was unter Mao geschah und wie die Welt vom Reich der Mitte aus aussah. Sie alle konnten mir das sagen und mir ihre Welt erklären, wenn sie es nur wollten. Dazu war Vertrauen nötig und ich machte mich daran, dieses Vertrauen erst einmal zu schaffen.

 

Ich hatte mir reichlich viel vorgenommen und war mir im Grunde nicht bewusst, ob ich auch den Preis dafür bezahlen wollte. Vielleicht lebte ich in diesen Wochen auch nur im Übermut und vergaß bei all den neuen Entwicklungen, mir überhaupt Gedanken darüber zu machen, wie ich das, was ich nun in die Wege leitete, letztlich bewältigen konnte. Meine Tage im Büro wurden zwangsläufig immer länger und es gab so viele Gründe nicht mehr nach Hause zu fahren und stattdessen bis in den späten Abend im Büro zu sitzen. Ich entschuldigte mich selbst mit dem Gedanken, dass Paporn sehr aktiv war, Freunde gefunden hatte und nun auch an der Beijing Universität Chinesisch studierte. Überdies wähnte ich, dass sie mich kaum vermissen würde. Was ich bei allen meinen Ausreden, die ich mir so bequem zurecht gelegt hatte, dann aber doch vergaß, war der Aspekt, dass ich zu oft einfach nicht da war, nicht teilhaben konnte und somit schon bald ein Fremder wurde. Ich selbst war plötzlich in einen Sog von Erwartungen geraten, Anforderungen der Mitarbeiter, von Jochen Simon und nicht zuletzt von den zuständigen Leuten in Singapur und München, dass ich ernsthafte Schwierigkeiten hatte, diese Fremdbestimmung auch noch mit den berechtigten Wünschen des Menschen zu vereinbaren, den ich mehr als alles andere in der Welt liebte. Doch wie so oft in meinem Leben, ließ ich mich von den immer stärker werdenden Erwartungen antreiben, die nun an mich gestellt wurden und die ich selbst noch unerträglicher machte, da ich nicht nur genügen wollte, sondern durch mein Handeln das zu erhalten suchte, was mir als Kind so hartnäckig verwehrt wurde. So konnte es natürlich nicht ausbleiben, dass ich nur selten mit mir zufrieden war und immer wieder Gefahr lief, an meinen eigenen Erwartungen zu zerbrechen. Im Grunde sah ich das damals natürlich nicht so, denn ich fühlte nur, wie sich der Brustkorb langsam zusammenzog und mir das freie Atmen erschwerte. Doch nach all den Jahren, die inzwischen vergangen sind, sehe ich mich noch ganz genau, den kleinen Jungen aus dem Katzenloch und die immer wachen Augen der Mutter, die aus der Ferne jeden meiner Schritte beobachten konnten. Ich schöpfte meine Kraft nun aus dem Tatendrang, der mich damals überfiel, jedenfalls dachte ich mir das und ich spielte gelegentlich auch mit dem Gefühl, dass ich hier in der Ferne die Welt verändern konnte. Was also lag näher als meine alten Nixdorf Trainingsunterlagen wieder auszupacken und die Menschen zu schulen, die hier gerade erst mit ihrer Zukunft begonnen hatten. Zudem konnte ich auf diese Weise meine subversive Ader im Siemensreich ausleben und von der alten Zeit noch retten, was bereits begonnen hatte, in das Schattenreich des Vergessens abzugleiten. Um meine Mitarbeiter in meinem Sinne zu motivieren, die bis dahin alle fest an die Unverkäuflichkeit unserer Produkte glaubten, benötigte ich dringend einen ersten Erfolg, den ich ausgerechnet bei Siemens fand. Ich wusste schon, dass diese Firma immer für eine Überraschung gut war, aber dass Siemens seine PCs ausgerechnet bei Compaq einkaufte, verschlug mir doch etwas die Sprache. Auch Herrmann Kölle, der oberste Mann bei Siemens in China, fand diesen Umstand zumindest etwas seltsam und so bekam ich grünes Licht, um meinen jungen Hu Yuan durch die verschiedenen Abteilungen zu schicken, damit er dort die Bestellungen für neue Computer aufsammeln konnte. So klein dies für sich auch gewesen sein mag, so hatte es doch den Effekt, dass wir damit begonnen hatten, Umsatz zu machen und dieser kleine Unterschied veränderte alles. Plötzlich wollten alle anderen Mitarbeiter wissen, was zu tun war, wie sie selbst einen Beitrag leisten konnten und was man den Kunden anbieten sollte. Meine Mitarbeiter waren nach jedem Maßstab unerfahren, doch das hielt sie von nun an nicht mehr zurück, auch die größten Institutionen des Landes anzugehen, um dort ihr vertriebliches Glück zu suchen. Besonders ausgelassen gingen sie dann ans Werk, als ich ihnen versicherte, dass ihre eventuellen Fehlgriffe in meiner Verantwortung lagen und nur Erfolge von ihnen zu vertreten waren. Wir wurden schon bald ein verschworenes Team und ich freute mich am meisten, wenn ich morgens meinen ersten Kaffee trank und auf ein leeres Büro blickte.

 

Selbst Yu Jianhua rückte nun etwas näher ans Geschehen und versuchte sich mit mir zu arrangieren. Schon bald hatten wir Termine und Präsentationen beim chinesischen Patentamt, der staatlichen Eisenbahn, vielen Ministerien, aber auch bei deutschen und chinesischen Firmen und natürlich den größten Banken im Lande. Ich schaffte es sogar ins staatliche Fernsehen, was eine ganz besondere Attraktion war. Unsere kleine Truppe benötigte dringend Verstärkung. Erst jetzt erfuhr ich, dass wir noch zwei chinesische Damen im Siemens Trainingscenter sitzen hatten, die sich dort allein und ganz verlassen mit SICAD, einem geographischen Informationssystem aus dem Hause Siemens, beschäftigten und inzwischen schon fast von allen vergessen worden waren. Als ich die beiden zusammen mit Jochen Simon in ihrem Schattendasein besuchte, waren sie so begeistert, dass ich mich sofort dazu entschloss Wen Lanling und He Jialin in unserem Vertriebsteam aufzunehmen. Mit den ersten Systemen, die wir inzwischen verkauft hatten, wurde nun auch ein technischer Kundendienst erforderlich, denn bislang wurde diese Aufgabe noch nebenher von Freddy Fleischmann und Satchie Perrera wahrgenommen, die sich bei Siemens um die internen Systeme kümmerten. Es war sehr schnell klar, dass wir bis auf Weiteres nicht auf eigenen Füßen stehen konnten und den Fundus an Wissen benötigen würden, den diese beiden Kollegen bei sich aufgebaut hatten, doch war es ein wichtiger und notwendiger Schritt, dass sich ab nun Liu Ming von unserer Seite um das technische kümmerte und sich um ihn herum eine neue Abteilung formieren konnte. Es war eine kurzlebige und sehr anstrengende Zeit und doch machte es der Erfolg möglich, die Facetten der Bilder, die wir jeden Tag aufs Neue erzeugten, als Ganzes zu sehen und zu genießen, was da vor unseren Augen entstand. Jochen Simon erlebte diese Veränderung mit Freude und Anerkennung und so konnte es nicht ausbleiben, dass er mich neben dem Büro in Beijing auch zum Geschäftsstellenleiter in Guangzhou und zum Vertriebsleiter für ganz China machte. Ich war jetzt sehr viel unterwegs und lernte dieses Land von Hainan im Süden bis hinauf in die tiefe Mandschurei kennen. China war mein Land geworden und so einsam ich mich auf vielen Reisen auch fühlte, so dankbar war ich dem Leben für diese Chance, die mir da wie selbstverständlich gegeben wurde. Vor allem aber hatte ich das wohlige Gefühl immer willkommen zu sein. Ich wurde von unseren chinesischen Kunden herzlich umarmt, bewirtet und fand nicht selten Freundschaft in den Reihen meiner Mitarbeiter. Davon ausgenommen war natürlich Shanghai, das von Klaus Zimmer geleitet wurde, dessen eigenartige Arbeitsweise jeden in einem zweifelhaften Licht erscheinen ließ, der auch nur den Versuch unternahm, in die Machenschaften des Büros Shanghai einen Blick zu werfen. Doch das war zunächst von geringer Bedeutung, denn ich hatte viel wichtigere Dinge zu tun, um das Erreichte nicht gleich wieder zu verlieren, vor allem aber, um nicht selbst unter der Last der Aufgabe zu zerbrechen. Ich benötigte meine eigenen Führungskräfte, die ich unter meinen Leuten finden und ausbilden musste. Das war aus verschiedenen Gründen nicht einfach, da man zu dieser Zeit bei Siemens nur ungern in Mitarbeiter der FESCO investierte und zudem davon ausging, dass sich solche Schulungen ohnehin nicht lohnten. Auf der anderen Seite waren wir im Gefüge von Siemens nur ein vergleichbar kleiner Fisch und kaum jemand nahm ernsthaft Notiz von den Dingen, die wir in unseren Reihen unternahmen. Also erstellte ich mit Jochen Simon einen Trainingsplan für alle Mitarbeiter und versuchte dabei Wen Lanling für eine Führungsposition und letztlich als meine Nachfolgerin vorzusehen, da ein langfristiger Erfolg unserer Arbeit nur gelingen konnte, wenn wir jemanden wie sie in die Verantwortung brachten.

 

Im Gegensatz dazu steuerte unsere junge Ehe geradewegs in ihre erste ernsthafte Krise und hatte eine ganz entscheidende Bewährungsprobe zu bestehen. Hinter all den Freundlichkeiten hatte sich nun eine Distanz ihren Platz geschaffen, eine seltsame Einsamkeit, wie man sie verspüren kann, wenn man kalte Räume betritt. Während ich mich für sieben Tage in der Woche mit meiner Arbeit beschäftigte, hatte Paporn Geschmack am Expat-Leben gefunden, spielte Tennis, ging Schwimmen, trieb sich mit Freunden von der Beijing Universität herum und beschäftigte sich auf diese Art mit Menschen von Nigeria bis Japan, war sehr oft Gast in der britischen Botschaft und vor allem nachts in der Diskothek des Kunlun Hotels. Wenn Paporn sich abends für ihr Nachtprogramm fertig machte, lag ich bereits müde auf dem Sofa und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mich möglichst bald ins Bett zu legen und zu schlafen. Wenn sie dann aufgeputzt und voller Lebensfreude das Haus verließ, war ich oft den Tränen nahe, denn mit jedem Abschied rückte sie ein Stück weiter von mir weg und mein Leben wurde immer kälter. Und dann kam der Tag, an dem das Telefon klingelte und schon damit ein weiteres Unheil verkündete. Es war Terry Schroeder, der Paporn mitteilte, dass ihre beste Freundin Orn in Thailand bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Seine Worte trafen Paporn schwer und neben den Tränen und Schreien schien tief in ihr eine Welt zu zerbrechen. Es war einer dieser Momente, als der Stoff des Universums Risse bekam und nichts jemals wieder so sein sollte, wie zuvor. In meiner Abwesenheit trieben nun Gedanken und Ängste ihr Unwesen mit Paporn, denen ich selbst nicht mehr Herr wurde, da wir auch nie so richtig darüber redeten. Schon bald konnte ich, auch bei größter Bemühung, nichts mehr richtig machen, war verantwortlich für alles und nichts und verlor mein Recht da zu sein. Nichts davon kam jemals an die Oberfläche, denn keiner dieser Dämonen zeigte sein wahres Gesicht, doch waren es die offenen Zahnpasta Tuben, Blicke und Gesten, die das emotionale Gemisch regelmäßig entzündeten und dessen Explosionen uns die letzte Kraft raubten, die jede Beziehung zum Überleben dringend benötigte. Ich war jetzt die Personifizierung der Schuld, ihre lebende Nemesis, die für alle Umstände ihres Lebens den Kopf hinhalten musste und zu ertragen hatte, was andere an ihr verbrochen hatten. Unser gemeinsames Leben wurde unerträglich und raubte mir das Letzte, was noch an Kraft in mir übrig geblieben war und nicht von Siemens beansprucht wurde. Sicherlich, da waren Stunden und Momente der Harmonie, doch der Streit saß wie eine Horde hungriger Geier in den Baumwipfeln über uns und fraß uns das letzte Fleisch von den Knochen. Ich zog es daher vor, mich weiter in meine Arbeit zu stürzen und meine Zeit mit Menschen zu verbringen, denen ich zumindest willkommen war. Jede Dienstreise war mir eine Wohltat und gab mir Luft zum Atmen, selbst wenn ich alleine in einer der unzähligen und gottverlassenen Hotelbars saß. Frieden und Ruhe gab es ab diesem Punkt nur noch in meiner Glaskugel, die mir wichtiger war denn je, denn ich hatte mir ernsthaft vorgenommen, alles über mich ergehen zu lassen und das Gewitter auszusitzen bis bessere und vor allem glücklichere Tage auf mich warten sollten. Die Hoffnung stirbt eben immer zuletzt.

 

Es war aber kein Gewitter, das ich auszusitzen hatte, sondern der Beginn eines seltsamen Klimawandels, dessen Auswirkungen mir über viele Jahre hinweg schwer zu schaffen machen sollten. Zur gleichen Zeit nahm leider auch der Druck bei Siemens zu, denn wir konnten einige gute Aufträge für uns gewinnen und diese neue Entwicklung verbreitete sich innerhalb des Hauses wie ein Lauffeuer. Plötzlich entdeckten allerlei Abteilungen ihre Vorliebe für China und da man dort ganz offensichtlich auch Geschäfte machen konnte, wollten auf einmal alle daran teilhaben. Ich war daher ganz froh, dass wir für das Jahresende einen Urlaub in Thailand geplant hatten, da ich eine Auszeit dringend nötig hatte und ich Zeit brauchte, um mir über mein Privatleben zuerst einmal Klarheit zu verschaffen, denn ich spürte deutlich, dass ich in meinem Leben einen Ruhepol haben musste, einen Platz also, an dem ich der Junge aus dem Katzenloch sein durfte. Beides, Beruf und Ehe, war keineswegs solch ein Ort und sogar der Rückzug in mich selbst, in meine geliebte Glaskugel, war oft nicht mehr möglich oder verschlimmerte meine Situation nur noch mehr. Ich war noch nie ein Mensch gewesen, der ohne ausgeprägte Harmonie und Ruhe leben konnte und Feindseligkeiten waren mir schon damals zutiefst verhasst. Mehr jedoch als dies schmerzte mich der Umstand, dass der Mensch, der mir so unsäglich nahe stand, mich ganz einfach nicht liebte, vielleicht sogar nie geliebt hatte. So fand ich mich wieder in meiner Meinung bestärkt, dass ich nicht in dieses Leben und schon gar nicht in diese Welt gehörte, von niemandem erwartet wurde und nur irgendwo an einer einsamen Bushaltestelle saß und darauf wartete, dass es Nacht wurde. Ich war mir hinreichend bewusst, dass ich all dies so nicht lange überstehen konnte, da ich keineswegs über die Physis oder gar die psychische Kraft verfügte, um hier lebend aus diesem Kampf hervorzugehen. Leider entwickelte sich ausgerechnet dieser Urlaub zu einem wahren Albtraum und ich wünschte mir inständig, meine kleine Wohnung in Gomaringen nie verlassen zu haben. Nur schwer konnte ich mir erklären, welche meiner vielen Handlungen solchen Hass bei Paporn gegen mich geboren hatte, warum sie in meinen Augen eine geradezu sadistische Freude entwickelte, mich zu quälen, zu verletzen und zu Boden zu bringen. Ich fühlte, wie die Lebenskraft von mir wich und es kostete mich einige Anstrengung, nicht vom Dach des Tower Inn zu springen, wo wir damals für einige Tage in Bangkok wohnten. Auch heute frage ich mich noch, wie viele seelische Grausamkeiten ein Mensch ertragen muss, bevor er sich an den Platz zurückziehen darf, wo er im Grunde seiner Seele hingehört. Es war mir inzwischen klar geworden, dass es nicht die eine oder die andere meiner Handlungen war, die zu solchen Reaktionen führte. Nein, es war ich, ganz einfach ich. Alles in mir und um mich herum, das Gestern, Heute und Morgen waren der Stein des Anstoßes und der Grund der Feindseligkeiten, die mir jeden Tag entgegengebracht wurden. Wie sollte es auch anders sein? Niemand, nicht meine Mutter oder gar Brigitte oder andere Menschen fanden einen einzigen Grund bei mir zu bleiben und nun sprach alles dafür, dass auch Paporn schon längst den Weg angetreten hatte. Ich musste mich entscheiden, mir einen für mich gangbaren Weg suchen, der mich von dieser Via Dolorosa trennte, denn ich hatte keine Kraft mehr in mir. Am Silvesterabend entschied ich mich, Paporn nicht zu einer Party zu folgen, sondern einmal an mich selbst zu denken. Ich sagte Paporn, dass ich alleine nach Beijing zurückfliegen wollte und wir uns dann auch nicht mehr wiedersehen würden. Es fühlte sich einfach gut an und ich war mir sicher, dass Paporn diese Entscheidung mit Freude und Zustimmung aufnehmen würde. Zu meiner vollen Überraschung jedoch brach sie in Tränen aus und bat mich inständig, meine Entscheidung zu überdenken, da wir doch zusammengehörten und ich der einzige wahre Freund in ihrem Leben war, den sie je hatte. Es war das erste Mal, dass wir überhaupt über eine Sache redeten und uns mit geistiger Nahrung versorgten, um zu verstehen, was uns so schwer auf dem Herzen lag. Doch wussten wir damals nur wenig, wie tief die Risse doch gingen und wie sehr wir uns doch, in allem was wir waren, unterschieden. Aber es war die Situation, die stärker war als alle Zweifel und gemeinsam folgten wir unseren inneren Stimmen, die uns zusammenhielten. Zumindest war es ein Neuanfang und gemeinsam flogen wir wieder zurück nach Beijing, beladen mit neuen Hoffnungen und Zweifeln und doch froh noch immer zusammen zu sein.

 

Jochen Simons Tage in China waren gezählt und damit auch die Tage unseres Teams, das bislang so ruhig und harmonisch für seine Erfolge gearbeitet hatte. Neue Manager wurden auserkoren, um das Geschäft in Asien voranzutreiben, gerade so, als ob sich damit unsere Produkte oder gar die Kunden geändert hätten. Die Region wurde nun von Andrew Ferrier geleitet, einem smarten und redegewandten Briten, der schon lange keinen Kunden mehr aus der Nähe gesehen hatte und für China einen Singapurianer namens Loke Soon Choo erwählt hatte, der wiederum von außerhalb kam, unsere Produkte nicht kannte, nie in China war und zudem auch kein Deutsch sprach. Letzteres ging einher mit der Tatsache, dass er auch noch nie in München war und keinerlei Beziehungen zur internen Welt von Siemens besaß. Alles also eine ausgesprochen gelungene Aktion, um das Geschäft voranzutreiben und mich zum Hauptansprechpartner für unsere geliebten Manager in München zu machen, die entweder kein Englisch sprachen oder es einfach nicht sprechen wollten. Ich war zutiefst traurig über diese Entwicklung und nahm die neue Situation zum Anlass, mich wieder mehr um mein Privatleben zu kümmern, auf Überstunden zu verzichten und meine Wochenenden mit Paporn zu genießen. In diesen Tagen verbrachten wir viel Zeit mit Karl Giertz und seiner chinesischen Freundin Jenny. Karl arbeitete auch bei Siemens und er war ein Freund ganz nach meinem Geschmack, der mir vor allem dabei half, wieder mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen und das Normale nicht als Ausnahme zu sehen. Karl hatte sich auf dem Land einen jungen Rottweiler von einem Bauern gekauft, der unter anderem Hunde für die chinesische Armee züchtete. Der gute Ben, wie er seinen Hund nannte, brachte uns allen viel Freude und so konnte es nicht ausbleiben, dass sich Paporn auch einen Hund wünschte. Also schnappten wir unseren klapprigen Daihatsu und fuhren aufs Land, um den Bauern aufzusuchen. Es war ein sehr ärmliches Anwesen und der Bauer versuchte unser Interesse auf einen dürren Hund zu lenken, der abseits von den anderen ganz alleine gehalten wurde. Schon bald wurde klar, dass diesen Hund niemand haben wollte und der Bauer froh gewesen wäre, wenn wir ihn gegen ein kleines Entgelt mitnehmen würden. Die Entscheidung war schnell gefallen und wir nannten das dürre Geschöpf von nun an Nicky. Als sie der Bauer zu uns brachte, fror sie ganz fürchterlich und so steckte ich sie, schmutzig wie sie war, in meinen Anorak, um sie wieder aufzuwärmen. Nun waren wir also zu dritt und unsere Wohnung im East Lake Villas war mit einem Mal um einiges lebhafter geworden. Nicky war von Anfang an nicht nur eine gemeinsame Verantwortung für uns, sondern ein Bindeglied der unterschiedlichen Welten, die uns so oft voneinander trennten. Plötzlich liebten wir beide etwas Lebendes, das so unbeschwert zwischen den nur für uns wichtigen Fronten umherlief, dass wir uns bald wie eine Familie fühlten. An diesem Tag hatten wir ein großes Stück Glück in unser Leben gebracht, ohne zu wissen, wie sehr diese Nicky unser Leben noch beeinflussen würde. Es war ein ganz besonders wichtiger Tag.

 

Sah ich bislang ruhigen Abenden vor dem Fernseher entgegen, wenn Paporn sich für die Nachtschicht fertig machte, so hatte ich jetzt einen treuen Freund, der mich zum Lachen brachte, mich unterhielt und mir die Freude gab, auch abends noch einen gemeinsamen Spaziergang zu machen. Zusammen fuhren wir an den Wochenenden aus Beijing heraus und spazierten oft Stunden mit unserer Nicky auf abgelegenen Wegen bis wir alle hungrig und müde waren. Auf diesen Spaziergängen gab es auch immer viel zu erzählen und ohne es zu ahnen hatten wir damit begonnen wichtige Brücken zu bauen. Einmal spazierten wir an einem Kanal entlang und bemerkten zu spät, dass sich dort in einiger Entfernung eine Herde mit Schafen befand. Noch bevor wir etwas tun konnten rannte Nicky los und hatte ihre helle Freude daran, die Schafe systematisch durcheinander zu bringen. Ich rannte natürlich sofort hinterher, doch als ich mich in der Nähe der Herde befand und nach einigen Versuchen Nicky zu fassen bekam, sah ich direkt in den Lauf einer Schrotflinte. Der Schäfer empfand Nickys Einlage ganz und gar nicht witzig und war wild entschlossen, Nicky zum Ausgleich zu erschießen. Um das zu verhindern blieb mir nichts anderes übrig, als mich direkt vor Nicky zu setzen und zu warten, dass Paporn den Schäfer mit ihren Kenntnissen der chinesischen Sprache zur Vernunft bringen würde. Schließlich durften wir nach Zahlung eines anständigen Geldbetrages wieder weiterziehen. Ja, wir waren ein enges Team geworden und ich fühlte mich nach langer Zeit endlich wieder wohl in meiner kleinen Familie. Meine Arbeit ließ mir zunehmend mehr Zeit, was einerseits daran lag, dass ich inzwischen mit meiner Position sehr vertraut war und mit den steigenden Anforderungen auch gewachsen war, andererseits hatte ich mich langsam von meinem Perfektionswahn befreit und gelernt, dass ich mich beruhigt auf meine Fähigkeiten verlassen konnte, ohne dabei der Angst des Versagens zu erliegen. Die Zeit, die mir nun zur Verfügung stand, nutzten wir für gemeinsame Ausflüge und abends fand man uns immer häufiger in chinesischen Restaurants oder in Kneipen wie dem Hard Rock Café, dem Carwash oder auch im Mexican Wave. Wir lernten andere Menschen kennen und fanden so einen Ausweg aus den engen Grenzen, die uns unsere Beziehung gesetzt hatte. Darüber hinaus wurde Beijing unser Zuhause und wir stellten uns darauf ein, noch lange Jahre hier zu sein. Die Stadt war uns bei diesem Gedanken sehr hilfreich, denn fast täglich gab es etwas Neues, das Lufthansa Center wurde eröffnet und man fand in allen Stadtteilen neue Geschäfte, die bald alles zu bieten hatten, was wir zum Leben brauchten. Umso mehr hing jetzt natürlich unsere Planung von den Umorganisationen ab, die in einer Firma wie Siemens nie zum Stillstand kamen.

 

Loke Soon Choo war ein verwöhnter, aber sehr höflicher Mensch, doch ganz offensichtlich litt er sehr unter seinen guten Manieren. Man musste ihn falsch informiert haben, denn schon am ersten Tag seines Aufenthalts in China beklagte er sich bitterlich, dass sich der Staub der allgegenwärtigen Wüste Gobi hartnäckig auf seinen neuen Lackschuhen festgesetzt hatte. Ihm war dieses Land fremder als mir selbst und man konnte unschwer sehen, dass sich seine Begeisterung für China bereits auf dem Weg vom Flughafen bis zu Siemens verflüchtigt hatte. Bei Siemens hielt er seinen Einstand indem er schon nach wenigen Tagen einen neuen Mercedes bestellen wollte, da ihm der vorhandene VW Passat für einen Chefwagen als nicht standesgemäß erschien. Natürlich wurde das Gesuch von Herrn Kölle prompt abgelehnt und fürderhin galt er als exotischer Sonderling. Er war einfach zu nett, um ein Vorgesetzter zu sein und von München wurde er weiträumig umgangen, was mich in eine oft prekäre Situation brachte. Doch auch Andrew Ferrier blieb nicht lange auf seinem Stuhl und mit dessen Nachfolger, Axel Hass, waren auch die Tage des Loke Soon Choo gezählt. Anscheinend teilte man ihm dies ganz beiläufig am Rande einer Veranstaltung in Singapur mit. Daraufhin kam er ganz einfach nicht mehr nach Beijing zurück und man beauftragte ausgerechnet mich mit seiner Vertretung, bis der bereits bestimmte neue Mann, Oskar Tondolo, schließlich an Bord kommen sollte. Man würde jetzt vielleicht annehmen, dass eine derart turbulente Geschäftsführung den absoluten Stillstand unserer Truppe zur Folge hatte, doch genau das Gegenteil war der Fall. Inzwischen hatten wir auch eine kaufmännische Abteilung aufgebaut, der Ingrid Ankirchner vorstand und die mir in diesen wechselhaften Zeiten eine ganz große Hilfe war. Dazu bekamen wir auch aktive Unterstützung von Halbig van Roy, der bei Siemens arbeitete und ein genialer Kaufmann war. Überhaupt schien es plötzlich von ungeheurer Wichtigkeit zu sein, dass man möglichst viele Buchhalter um sich herum hatte, um die noch immer erwirtschafteten Verluste ausreichend sorgfältig zu dokumentieren. Seit dem Weggang von Jochen Simon hatte sich ein neuer Geist breit gemacht, da unsere kleine Organisation zunehmend mit deutschen Kollegen aufgefüllt wurde und meine Versuche, die chinesischen Mitarbeiter an die Front zu bringen, nur auf Folien begrüßt wurde. Aber es war nicht nur die Nationalität, die jetzt von Bedeutung war, es war auch das deutsche Wesen, an dem alles Chinesische genesen sollte, denn es wurden vorwiegend Leute nach China eingeflogen, die sich in den neuen Bundesländern hervorgetan hatten, da man in einer Form geistiger Umnachtung herbeizureden versuchte, dass Beijing oder Shanghai auch nichts anderes waren als Leipzig oder Erfurt. Dabei vergaß man völlig, dass in China kaum deutsch gesprochen wurde und so war es nicht verwunderlich, dass Überflieger wie ein Herbert Lütje sich auch nur mit der Lufthansa beschäftigen konnten. Als schließlich Oskar Tondolo das Parkett betrat, waren auch meine Personalplanungen am Ende, denn eine seiner ersten Entscheidungen war es, alle Schulungen für chinesische Mitarbeiter ersatzlos zu streichen. Dafür bekamen wir jetzt eine Chefsekretärin, die gutes Deutsch sprach, da sich Oskar Tondolo auch mit dem Englischen sehr schwer tat und ihn kaum jemand verstand. Das jedenfalls war nicht mehr die Organisation, für die ich gekommen war, denn es ging nun kaum noch um China, sondern vor allem um die eigene Selbstdarstellung. Und das war wichtig, da Axel Hass als Leiter der Region peinlichst darauf bedacht war, alle Positionen mit seinen Getreuen und Vasallen zu besetzen und andere Kriterien von eher untergeordneter Bedeutung waren. Ich konnte deutlich fühlen, dass ich nicht zu diesem Kreise zählte und auch meine Tage in China sich dem Ende näherten.

 

Das eigentliche Ende kam mit dem Tag, an dem Axel Hass zum ersten Mal unser Büro in Beijing betrat. Er liebte große Auftritte, das wusste man schon und er erwartete in der ihm eigenen Bescheidenheit, dass jeder seine Königstreue durch hektische Unterwürfigkeit entsprechend kundtat. Als er im Büro erschien, standen natürlich alle auf und umringten ihn, nur ich und meine treue Sekretärin Chen Ying trotzten der Verführung und blieben am anderen Ende des Raumes bewegungslos sitzen, was ihn wiederum dazu zwang, den langen Weg zu meinem Schreibtisch zu unternehmen, um mich zu begrüßen. Schon in diesem Moment war klar, dass wir keine Freunde mehr werden würden. In den folgenden Tagen seines Besuches gerieten wir noch mehrfach lautlos aneinander und ich denke, dass ich ihm nicht nur verhasst, sondern auch unheimlich war. Das mag vor allem daran gelegen haben, dass ich mich innerlich von diesem Szenario bereits verabschiedet hatte, denn es war mir klar, dass ich in diesem Umfeld mein Glück nie finden konnte. Natürlich hatte ich keine Ahnung was für mich nun anstehen sollte, wohin mich mein Weg führen würde, doch vertraute ich darauf, dass sich immer dann neue Möglichkeiten ergeben, wenn man mit einer Sache ernsthaft abgeschlossen hat. Eine Möglichkeit war der Wechsel zu Siemens in Vietnam, wo ich von Hans-Holger Moskopf ein Angebot erhalten hatte, welches mich durchaus auch interessierte, hätte ich aus den Gesprächen in Hanoi nur das Gefühl mitgenommen, dass sich hinter diesem Angebot auch die notwendige Ernsthaftigkeit verbarg. Ich begann ganz vorsichtig meine Fühler in dieser Angelegenheit auszustrecken und stellte bald fest, dass man bei Siemens nichts geheim halten konnte. Was immer ich im Schilde führte, an diesem Axel Hass ging zunächst kein Weg vorbei. Es lag also nahe, mir andere Firmen anzusehen, was mich aber nur wenig reizte, da es auch dort immer so einen Menschen geben würde und ich nun allmählich von dieser Spezies die Nase gestrichen voll hatte. Langsam wehrte sich aber ein Gedanke gegen die schwelende Angst und wurde mit jedem Tag stärker, an dem ich Oskar Tondolo zu ertragen hatte. Ich musste mich ganz einfach selbständig machen, um alle Probleme mit einem Schlag zu lösen. Der Gedanke war mir naturgemäß zunächst mehr als fremd, denn soweit ich es überblicken konnte, gab es in meiner Familie noch niemanden, der sich diesen Schritt zugetraut hatte und auf finanzielle Unterstützung konnte ich gleich gar nicht hoffen, denn der Einzige, der mir bei diesem Vorhaben überhaupt Gehör schenken würde, war bereits tot. Also stand ich mit meiner Idee gänzlich alleine da, ein Umstand, der mir schlaflose Nächte bescherte. Schließlich weihte ich dann Jörg Kalisch, den ich noch vor Monaten von Bangkok nach Beijing geholt hatte, in mein abenteuerliches Vorhaben ein und fand in ihm spontan einen entschlossenen Mitstreiter, solange eben, bis er dann kalte Füße bekam und klammheimlich aus dem Projekt wieder verschwand. Dennoch war mir klar, dass dies der richtige Schritt war, eine Nebenstraße, die wie geschaffen war für mich. Wenn ich nur nicht so viel Angst gehabt hätte. Ja, manchmal bekommt man sie einfach nicht mehr los, die Geister, die man in kühnen Stunden rief.

 

Ab nun waren meine Gedanken kaum noch bei Siemens und je mehr ich mich mit der Sache innerlich beschäftigte, umso sicherer wurde ich im Umgang mit dem Unbekannten. Ich suchte Rat bei Ralf Schryvers, der inzwischen Erfahrungen bei der Treuhand gesammelt hatte und nun als Berater bei der MPI in Berlin arbeitete. Er war sichtlich angetan von meinem Vorhaben und wollte sich mit seinem Chef, Ludwig M. Tränkner, darüber unterhalten, da er dort grundsätzliches Interesse vermutete. Ich stand in diesen Tagen oft an unserem Fenster im vierzehnten Stock und blickte wehmütig auf Beijing, das nun ruhiger und viel selbstverständlicher vor mir lag, so als wollten mir all die kleinen Dächer Zuversicht und eine neue Selbstverständlichkeit vermitteln. Nur zu oft schweifte ich in Gedanken zurück und durchlebte erneut, was so unscheinbar und heimlich ein Teil meines Ichs geworden war. China hatte mich grundlegend verändert und immer mehr Lücken und Risse mit chinesischen Weisheiten und einem Fundus ausgefüllt, der mich bis heute treu begleitet hat. Von allem Wissen, das mir meine chinesischen Mitarbeiter in diesen Jahren so akribisch angedeihen ließen, gab es aber kaum ein Werk oder eine Geschichte, die mich innerlich so nachhaltig erfasst hatte, wie die „Kunst des Krieges“ von Sun Tzu. Er war über tausende von Jahren ein Teil Chinas und selbst jetzt fand man ihn noch immer im Privatleben, der Politik und selbst im Geschäftsleben überall wieder. Ich war und bin mir noch heute sicher, dass dieses Werk die Probleme zwischenmenschlichen Lebens mit am besten beschreibt und vor allem Antworten bereithält, die einem jungen Schwaben ansonsten für immer verschlossen bleiben mussten. Ich hatte von meinen Mitarbeitern viel gelernt und ich war ihnen mehr als dankbar dafür. Und nun sollte ich dieses Land mit seinen freundlichen Menschen wieder verlassen und vor allem auch zurücklassen, was mir zutiefst lieb geworden war. Das Schicksal schien mir gut gesinnt, denn für meinen nächsten Aufenthalt in Deutschland hatte Ralf Schryvers ein Treffen mit Herrn Tränkner in München vereinbart. Ich machte mich schon früh auf den Weg in Richtung Prinzregentenstraße, wo wir uns in seinem Hotel verabredet hatten. Es war kaum verwunderlich, dass es sich um ein erstklassiges Hotel handelte und die gut informierte Rezeptionistin mich direkt in die Präsidentensuite verwies, wo Herr Tränkner und seine Frau bereits bei einer Tasse Kaffee auf mich warteten. Er war ein stämmiger Mann im besten Alter, der seinen Drei-Tage-Bart mit Würde trug und sich in seinem Anzug sichtlich wohl fühlte. Seine Frau sorgte zum Glück für den ausgelassenen Gegenpol, denn Herr Tränkner war meist kurz angebunden und eher ungeduldig in seiner Art zu reden, als ob er die Antworten auf seine Fragen schon lange selbst wusste und bei mir nur Stichworte abfragen wollte. Ich spürte, dass ich hier in eine wohlwollende Inquisition geraten war, an deren Ende eine mögliche finanzielle Beteiligung an meiner noch zu gründenden Firma stand. Ich benötigte jetzt dringend Unterstützung von Sun Tzu, um diese verführerische Aussicht für mich zu gewinnen. Es entwickelte sich eine angenehme Unterhaltung und ich war wohl am meisten über meine plötzlich wachsende Zuversicht als Jungunternehmer erstaunt, doch schließlich gehört ja die Zukunft den Aktiven und so hatte ich schließlich meinen Partner gefunden und überzeugt. Als ich das Hotel wieder verließ, war ich nicht mehr der Gleiche und München leuchtete wie neu geboren. Jetzt gab es kein Zurück mehr und ich fühlte mich wohl mit der Aussicht im Gepäck, Siemens schon bald zu verlassen und meine Zelte in Bangkok aufzuschlagen.

 

Schon auf dem Flug zurück nach Beijing genoss ich diesen Erfolg und sah darin ein gutes Zeichen für mein Vorhaben. Mein neu gewonnenes Selbstbewusstsein fand sich jedoch schon bald wieder auf dem Prüfstand des Zweifels wieder, denn schließlich hatte ich keine Erfahrung mit der Selbständigkeit und der Umstand, dass ich mich ausgerechnet in Bangkok niederlassen wollte, wo ich weder die Gesetze, noch die Sprache verstand, trug nun mehr zu meiner Verunsicherung, als zu meiner Zufriedenheit bei. Besonders hart wurde meine Entschlossenheit dann geprüft, nachdem ich die Personalabteilung um einen Auflösungsvertrag gebeten hatte und man mich schlicht nicht gehen lassen wollte. Da gab es plötzlich abendliche Gespräche bei Herrn Kölle und selbst Axel Hass wollte mir mein Vorhaben ausreden und Oskar Tondolo bekam sogar den Auftrag mir die Stelle des kaufmännischen Leiters anzubieten, obwohl diese natürlich von Rolf Gessner gut ausgefüllt wurde. Hinzu kamen die unverständlichen Blicke und Fragen meiner Mitarbeiter, die ich zurücklassen musste. Bei alledem, was mir damals so beflissentlich angeboten wurde, bekam ich zum ersten Mal zu spüren, wie tief Bestechung in die Seele eines Menschen eindringen konnte, denn, wäre ich der Einstellung meiner Mutter gefolgt, ich wäre bei Siemens mit einem Schlag ein gemachter Mann gewesen. Ich war mir nun plötzlich nicht mehr sicher, ob ich nun mutig oder nur starrköpfig und dumm war. Doch in meinen Gedanken entschied ich mich nicht für oder gegen Siemens, noch zog es mich mit magischen Kräften in die selbstverschuldete Armut, vielmehr dürstete es mich nach Freiheit, so wie alle Wassermänner die Ungebundenheit suchen und mehr als dies wollte ich nicht mehr nach den Regeln von Menschen arbeiten, die so wenig mit meiner Welt gemeinsam hatten und statt dessen nach Prinzipien lebten, die mir in Zeiten erhebliche Magenschmerzen und eine Traurigkeit bescherten, wie ich sie nur selten zuvor verspürt hatte. Meine Entscheidung stand nun fest und ich sah es als ein wohlwollendes Zeichen des Schicksals an, dass in Beijing ein neues Gesetz erlassen wurde, wonach in der Stadt nur noch Hunde im Handtaschenformat erlaubt waren. Da unsere liebe Nicky inzwischen herangewachsen war, hätte es nur noch die Möglichkeit gegeben, sie außerhalb der Stadt auszusetzen oder sie einem grausamen Schicksal mit den chinesischen Behörden zu überlassen. Beides war natürlich nicht akzeptabel und so klärten sich plötzlich alle Zweifel wie von selbst auf. Wir waren auf dem Weg nach Bangkok.

 

Paporn fühlte sich zunächst sichtlich unwohl mit meiner Zukunftsplanung, auch wenn dieser Schritt für sie die Rückkehr in ihre Heimat bedeutet hatte. Doch je mehr sich mit jedem Tag ein weiteres Stück des Plans realisieren ließ, umso mehr fand auch sie ihren Gefallen an unserem Vorhaben. Entgegen aller Logik verhandelte ich schließlich mit Siemens eine stattliche Abfindung, die ich letztlich auch bekam. Es waren wichtige Erfolge, denn was wir ab nun am dringendsten nötig hatten, war neben einem Häufchen Glück vor allem Geld, jede Menge Geld. Paporn flog schon einige Zeit vor mir mit Nicky zurück nach Bangkok, um verschiedene Dinge dort zu erledigen, bis ich meine verbliebene Zeit bei Siemens abgesessen hatte und folgen würde. Ich nutzte die ruhigen Wochen bis zu meinem Abflug, um mich innerlich von diesem Land zu verabschieden und abzuschließen, was bislang noch unbeendet geblieben war. China war für mich wesentlich, eine Geschichte in meinem Leben, die viel länger dauerte als die wenigen Jahre, die ich hier verbringen durfte. Vieles war geschehen seit den ersten Tagen, als ich die Kakerlaken so unsanft in meinem Schrank geweckt hatte und nun, am Ende meiner Zeit, hinterließ ich ein funktionierendes Büro mit etwa fünfzig Mitarbeitern. Tief in mir war ich gewachsen, hatte nicht nur viel gelernt, sondern verstanden, dass ich nicht mehr der kleine Junge aus dem Katzenloch war und mehr zu leisten vermochte, als ich mir das selbst je zugetraut hatte. Es war aber auch eine Zeit des Verständnisses für die Menschen und eine Geschichte, die sich fern von unseren Augen in sich selbst entwickelt und unsagbar viel zu bieten hatte. Ich lernte vom Stolz und den Ambitionen der Menschen, die in diesem Land aufgewachsen waren und während der Kulturrevolution Grausamkeiten erlebt hatten, die mir durch die Gnade der späten Geburt zuhause erspart geblieben waren. Und es war eine Zeit der Abenteuer, des Neuen und des grundlegend Anderen. Ich erinnerte mich an meine Flüge mit alten Antonov Maschinen, deren russische Besatzung immer wieder Probleme hatte, den Flughafen in Beijing zu finden. Da waren längst ausgestandene Todesängste, die ich empfand, als ich von Guangzhou durch einen ausgewachsenen Taifun flog und mir nichts auf der Welt mehr wünschte, als so schnell wie möglich wieder mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen. Vielleicht war es die enorme Intensität des Landes, die mich bis in meine Seele hinein traf und Dinge zutage brachte, die zuvor noch nie das Licht des Tages sahen. Ich war bereit ab nun meinen eigenen Weg zu gehen. Ob dieser Weg noch ein gemeinsamer Weg mit Paporn sein würde, blieb abzuwarten, denn unsere Kraftverschwendungen hatten kaum abgenommen und kosteten uns beiden noch immer viel zu viel Energie. Doch mit diesem Einschnitt in unserem Leben, den wir gerade erst in Gang gesetzt hatten, wurde uns auch ein gemeinsames Ziel gegeben, das keiner ohne den Anderen hätte meistern können. Die Weichen waren gestellt und der Zug war jetzt nicht mehr aufzuhalten. Ich war wieder einmal auf meinem Weg zuhause.

 

 

18

 

Ich war endlich angekommen, jedenfalls wollte ich gerne daran glauben, denn seit ich damals das Katzenloch verlassen hatte, wuchs in mir der innige Wunsch nach einer Heimat, einem Platz, an dem ich nicht mehr nur ein paar Jahre verweilen konnte, bevor mich die Umstände wieder gewaltsam fortzogen, sondern ein Ort, an dem ich für immer leben und schließlich sterben konnte. Ausgerechnet dieser Flug von Peking nach Bangkok sollte die Brücke zwischen dem unsteten Dasein der letzten Jahrzehnte und einer Zukunft schlagen, die mir selbst am wenigsten klar war. Das Flugzeug zog in aller Ruhe über Wolken dahin und der Blick hinunter auf dieses riesige Land brachte mir eine selige Zufriedenheit, das Gefühl eines Abschieds, der nur allzu lange schon überfällig gewesen war. In meinen Träumen gesellte sich zunächst die Melancholie in ihrer freundlichen Art zu mir, überließ jedoch schon bald ihren Platz der Freiheit und ich sehnte mich danach, dass dieser Flug nun endlich nach Kalifornien gehen würde, dort wo ich schon vor Jahren meine ganz besondere Freiheit ausleben und mich in ein Leben verstricken wollte, das mehr aus mir herausbrach als die endlosen Meetings, die ich mit Krawatte und weißem Hemd hinter mich bringen musste. Hätte sich damals Klaus-Peter in Mössingen nicht so ins Zeug gelegt, ich wäre auf einer Harley-Davidson in die endlosen Weiten dieses Landes verschwunden und wohl nie wieder zurückgekehrt. Aber so war mein Leben mit Asien verbunden worden und es blieb mir heute nichts anderes mehr übrig, als in diesem Teil der Welt nach meiner Heimat zu suchen, die ich schon vor Jahren im Katzenloch verloren hatte. Bangkok, dieser graue und verpestete Moloch, sollte dieses Heim werden und je mehr ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, umso mehr wurde selbst Gomaringen zu einem wünschenswerten Ort. Doch meine Gedanken waren nur von kurzer Dauer, denn nach der Landung in Bangkok wurde ich schon von Paporn am Flughafen empfangen und auf der Fahrt nach Hause unterhielt sie mich mit einer Flut von Informationen, die sie in der Zwischenzeit in Erfahrung gebracht hatte und die ich natürlich alle unbedingt wissen musste. Doch meine Blicke fielen aus dem kleinen Taxi, in das wir zwischen Koffern und Taschen eingeklemmt saßen und ich stellte fest, dass sich hier nichts verändert hatte, nicht einmal die unerträgliche Hitze hatte ein Erbarmen mit mir. Ich hatte es geschafft, ich hatte es tatsächlich getan und mich zu dem Schritt durchgerungen, der mich stolz machte und mir zum ersten Mal das Gefühl gab auf meinen eigenen Beinen zu stehen und mich für mich entschieden zu haben.

 

Die Stadt erwachte an diesem Morgen schon lange vor mir zum Leben und erfüllte die heiße Luft mit lautem Motorengeräuschen und intensiven Düften, die überall von den Garküchen durch die Straßen wehten. Wir zogen uns an und mischten uns in das aufgeregte Getümmel von Menschen, die alle etwas zu tun hatten. Ich selbst hatte nichts zu tun, war nur Zaungast und doch gehörte ich mit diesem Morgen dazu, war ein Teil geworden ohne es in den Tiefen meines Herzens wirklich gewollt zu haben. Warum, so fragte ich mich nun, hatte ich mir das alles angetan? Ich war jetzt zwar ein freier Mann, der die feste Straße mit einem Drahtseil tauschte, aber auch ohne Netz und doppelten Boden auskommen musste. Ich hatte plötzlich Angst vor mir selbst und begann mir zu misstrauen, meinen Zielen und vor allem meinem immer wieder trotzig aufkeimenden Fatalismus. Je länger ich mir diese schwarzhaarigen Wesen auf ihren lächerlichen Motorrädern betrachtete, wie sie allerlei Dinge durch die Straßen transportierten, die Schubkarren und die verkommenen Lastwagen und Busse, umso intensiver wurden meine Angst und meine Zweifel an dem, was ich mir vorgenommen hatte. Mit Paporn konnte ich dieses Gefühl nicht teilen, denn ich sah die selbe Angst in ihren Augen leuchten, die gleichen Zweifel, die nun an uns beiden nagten. Ganz still trugen wir daher unsere Unsicherheit in uns, klammerten uns gegenseitig an einer vagen Hoffnung fest und vermieden jegliches Wort, das dieses Wirrwarr zum Ausdruck gebracht hätte. Wir mussten einfach Erfolg haben und konnten uns solche Zweifel und Ängste nicht leisten. Aber wenn in der Realität kein Halt zu finden ist, dann neigt die gepeinigte Seele dazu, sich in das Reich des Übersinnlichen, des Surrealen zu begeben, um im realen Sein wieder die Kraft zu haben, um sich den Anforderungen des Lebens zu stellen. Was also lag näher, als sich an eine der vielen Gottheiten zu wenden und um Schutz und die Hoffnung auf eine helfende Hand zu bitten? Der Mächtigste von allen war Phra Phrom oder auch Brahma genannt, der hinduistische Gott der Schöpfung. Seine kleine Statue war im Erawan Schrein gelegen und würde dem unachtsamen Besucher im Zweifel kaum auffallen. Ich selbst könnte jetzt nicht behaupten, dass ich zu dieser Zeit in besonderer Weise dem Übersinnlichen oder Spirituellen zugeneigt gewesen wäre, doch der bloße Anblick des Schreins, wie er da unscheinbar am Rande der Ratchaprasong Kreuzung vor dem Erawan Hotel lag, faszinierte mich und zog mich mit aller Kraft an, wie mir das in Sri Lanka schon einmal passiert war. Langsam und zögerlich folgte ich Paporn und mischte mich unsicher unter die Menschen, die andächtig um die Statue zogen, Räucherwerk aller Art anzündeten und seltsame Rituale abhielten. Auch ich nahm meine Opfergaben, die man dort natürlich kaufen konnte, und umrundete langsam die Statue, wohl darauf bedacht keinen Fehler zu machen, denn Brahma konnte mit seinen vier Gesichtern alles sehen und hören. Inmitten von einem Gemisch aus Rauch, Musik und monotonem Beten erzählte auch ich der Gottheit meine Sorgen, Hoffnungen und Wünsche, denn ich war mir nun sicher, dass sie hier gut aufgehoben waren und uns in der Zeit die Hilfe zuteil werden würde, die wir so dringend benötigten.

 

Die folgenden Tage und Wochen waren kurz, vollgepackt mit allerlei Verrichtungen, Behördengängen und endlosen Fahrten durch den notorischen Straßenverkehr in Bangkok. Die Hitze war unerträglich und wir hetzten von einem Ort zum anderen, um unsere kleine Firma so langsam zum Leben zu erwecken. Am Ende eines jeden Tages hatten wir wieder einmal Unmengen an Geld verbrannt, denn es mussten Dinge gekauft und erledigt werden, deren Liste mit jedem Tag länger wurde. Da waren Möbel, Computer, Telefone, sonstige Büroartikel und vor allem brauchten wir ein repräsentatives Auto, wenn wir in dieser Stadt tatsächlich einmal profitable Geschäfte machen wollten, denn es ging ja letztlich auch um das Gesicht. Aber schließlich hatten wir alles beisammen und auch ein schönes Büro im Lake Rajada Office Complex mit Blick über Bangkok angemietet. Es war das einzige Büro, bei dem ich ein gutes Gefühl hatte. Räume und Gebäude haben manchmal ein ganz besonderes Eigenleben, verfügen über Kräfte und selbst destruktive Ausstrahlungen. Doch hier fühlte ich mich wohl. An einem Abend stand ich alleine in unserem fertig eingerichteten Büro und genoss den Duft, den all die neuen Dinge in dem Raum verbreiteten. Ich war mit mir zufrieden und legte mich zuversichtlich in die innere Ruhe, die mich in dieser Stunde in ihren Händen hielt. Ich machte ein paar Schritte zu dem Fenster, das die gesamte Breite des Büros ausfüllte und bis zum Boden reichte, um dem Betrachter das erhebende Gefühl zu vermitteln, direkt am Abgrund zu stehen. Hier im 24. Stock konnte ich mit meinen Gedanken über den Park und den See, die genau vor uns lagen, entfliehen und zur Skyline Bangkoks emporschweben, die sich wie eine dunkle Wand zwischen die untergehende Sonne und die einbrechende Nacht stemmte. Je länger ich da stand, umso größer wurde ich, hatte keine Angst mehr und freute mich ganz einfach hier zu sein. Natürlich hatte ich all die Warnungen nicht vergessen, aber jetzt in diesem Moment war ich mir sicher, dass machbar war, was immer auch möglich war, um das Ziel auf dem einen oder anderen Weg zu erreichen. Gerne hätte ich diesen Augenblick mit meinem Vater oder meiner Mutter geteilt, denn ich war stolz auf mich und meinen Mut etwas eigenes zu tun, um der Enge des Katzenlochs zu entfliehen, die mich immer noch umgab. Bangkok war mit diesem Abend mein neues Zuhause geworden und ich war froh darüber. Für die nächsten Tage standen die ersten Bewerbungsgespräche an, denn wir wollten die ganze Sache von Anfang an richtig angehen und nicht in einem leeren Büro verzweifeln. Es war eine schwierige Aufgabe, andere Menschen für unsere Idee zu gewinnen, denn Möbel und ein paar Wände machen noch lange keine Firma. All dies musste erst noch erarbeitet werden und es würde unsere Aufgabe sein, unsere neuen Mitarbeiter von der Idee und vor allem von uns selbst zu überzeugen.

 

Es war spät, vielleicht sogar zu spät, um noch von diesem fahrenden Zug abzuspringen, denn ich hatte schon viel zu lange gewartet und immer wieder an mir vorbeigelebt. Der jetzige Schritt war nur noch eine konsequente Fortsetzung von Fehlern, die ich in meinem leichtfertigen Unverstand bereits vor vielen Jahren in die Wege geleitet hatte. Und noch immer versuchte ich meine Angst vor Menschen zu verleugnen, zu überspielen und mich unentwegt und immer wieder Situationen auszusetzen, die mir schwere Schmerzen bereiteten und mir auf das Höchste unangenehm waren. Die Bewerber standen bei uns nicht gerade Schlange. Das wiederum war zu erwarten. Doch bei den Wenigen, die nach einem Abenteuer suchten oder ihrer Neugier nicht widerstehen konnten, waren die drei Menschen dabei, die wir für unseren Anfang gesucht hatten. Zunächst fand Malee Sanokhum den Weg zu uns. Malee war eine reizende Thailänderin, die nicht nur kaum ein Wort Englisch sprach, sondern ganz offensichtlich auch panische Angst vor Ausländern hatte. Die Farangs, wie man uns Langnasen allgemein nannte, so hatte man ihr wohl mitgeteilt, seien sexbesessen und man konnte ihnen diesbezüglich keineswegs trauen. Es musste daher eine besondere Pein für sie gewesen sein, während des Vorstellungsgesprächs zeitweilig allein mit mir in einem Raum gewesen zu sein. Malee sollte die Verwaltung des Büros übernehmen und dafür sorgen, dass wir in Ruhe arbeiten konnten. Mehr als das wurde sie für viele Jahre die tragende Stütze unserer Firma. Ganz anders war Sittiporn Boonma, ein recht sympathischer Thailänder, der auch streng gläubiger Muslim war. Er schien skeptisch und tat sich mit der Entscheidung für uns zu arbeiten zunächst etwas schwer. Da er für uns aber der geeignete Kandidat war, konnten wir ihn letztlich doch überzeugen, indem wir ihm versicherten, dass wir alle muslimischen Feiertage und Gebräuche selbstverständlich achten würden und er auch seine regelmäßigen Moschee Besuche nicht verschieben musste. Das genaue Gegenteil zu der doch eher ruhigen Art eines Sittiporn war dann Krittiya Luangchareonporn. Sie hatte in den USA studiert und war ganz begeistert von unserem Vorhaben eine Unternehmensberatung aufzubauen. Das damit verbundene Risiko war für sie mehr ein Ansporn und sie sagte uns auch gleich zu. Es war gut jemand so lebensbejahenden und so dynamischen in unseren Reihen zu haben und insgesamt waren wir nun auch ein interessantes Gemisch geworden. Was uns nun fehlte, waren die Kunden, die wir zunächst für uns gewinnen mussten und das sollte sich schwerer erweisen als ich zunächst angenommen hatte.

 

Es war mühsam, ausgesprochen mühsam und ich musste mich auf eine Mentalität einstellen, die mir bislang nicht bekannt war, zumindest nicht in dieser Form. Unser kleines Team war mutig und aktiv, wir scheuten keine Mühe auch die größten Firmen des Landes von uns zu überzeugen und Paporn schaffte es sogar, uns groß in die Presse zu bringen. Doch die tägliche Frustration kannte keine Grenzen, denn nicht ein einziger Auftrag konnte von uns gewonnen werden. Wenn ich nachts müde vom Büro nach Hause fuhr erinnerte ich mich oft an die Warnung, die mir Herr Tränkner noch vor Monaten in München gegeben hatte und er hatte Recht, denn ohne den Namen Siemens war auch mein Name nichts mehr wert, nichts was ich bislang geleistet hatte zählte mehr und ich war ein absoluter Niemand in diesem Dschungel. Es war deutlich zu spüren, wie die Menschen oft abwertend auf meine Visitenkarte sahen und mir nur aus allgemeiner Höflichkeit einen Kaffee anboten. Jetzt galt es nicht den Mut zu verlieren und vor allem nicht die Selbstachtung. Das war nicht leicht für mich. Aber ich war nicht allein und meine Mitstreiter taten alles, um mich sicher durch das Wirrwarr der thailändischen Mentalität zu bringen, was nicht nur frustrierend, sondern auch sehr interessant war. Schnell lernte ich Chancen einzuschätzen und vor allem die Zeichen der thailändischen Seele zu verstehen. Das war für sich genommen schon ein Studium wert, denn ein Volk das ungern „nein“ sagt und jedem Konflikt aus dem Weg zu gehen schien, war im Gegensatz zu den mir vertrauten Chinesen, ein Mysterium. Wo immer ich auch hinsah gab es ein Lächeln und selbst wenn die Firma kurz vor dem Ende stand wurde noch gelächelt und jede Hilfe abgelehnt. Erst jetzt wurde mir klar, dass Thailand einfach kein Land für eine Managementberatung war, denn allein unsere Existenz und unser Angebot Hilfe zu leisten, sah ein Thailänder unweigerlich als Indiz für das eigene Versagen an und das galt es zu verhindern, denn letztlich ging es immer nur ums Gesicht.

 

Ganz anders entwickelte sich die Stimmung im Büro, wo ich inzwischen meine kleine Familie und meinen Rückzug fand. Anscheinend waren wir alle in gewisser Weise immun gegen Rückschläge und mit der Zeit entwickelte sich sogar ein richtiger Enthusiasmus. Aktuell war Unicord und seine Tochter Bumble Bee in die Schieflage geraten und aufgrund der Größe des Unternehmens war es das Gespräch in der Stadt. Paporn und Krittiya fanden, dass dies genau die richtige Chance für uns war und nahmen sich der Sache an, wobei sie keine Möglichkeit ausließen, uns zur gleichen Zeit ins Stadtgespräch zu bringen. Plötzlich waren wir in den Zeitungen, als ein Kandidat, der sich vorgenommen hatte, Unicord aus der Misere zu retten. Wir waren so von uns eingenommen, dass wir schon bald die ersten Gespräche mit der Geschäftsleitung führten. Die Sache wurde so heiß, dass wir endlich auch Herrn Tränkner einschalteten und uns Rückendeckung aus seiner Organisation holten. Schon bald flog er mit einigen Consultants nach Bangkok und wir bereiteten eine große Besprechung mit Unicord vor. Alles lief zuerst gut und vielversprechend und wir alle waren zuversichtlich, dass wir den entscheidenden Schritt gemacht hatten. Aber eben nur bis zu dem Zeitpunkt als es ums Geld ging und Herr Tränkner durch seine enormen Preise das ganze Projekt wieder in der Grube versinken ließ. Er hatte die Thailänder nicht verstanden. Nach diesem Gespräch verloren wir den Kontakt und Unicord war kein Thema mehr für uns. Nun, natürlich waren alle stolz, dass wir so weit gekommen waren und vielleicht war die drohende Pleite dieses Thunfisch Giganten im Nachhinein gesehen auch eine Nummer zu groß für uns. Doch unser Engagement weckte andere Chancen und Khun Chirayudh fand neben seiner Tätigkeit als Senator die Zeit, uns den ersten großen Auftrag an der Universität der thailändischen Handelskammer zu besorgen. Khun Chirayudh war Politiker und Paporn lernte ihn in Beijing kennen, als er dort zu Besuch war. Er war einer der wenigen Freunde, die wir aus unserer Zeit in China behielten. Bei dem Auftrag ging es um eine Organisationsanalyse der Geschäftsprozesse mit anschließender Softwareentwicklung für die Universitätsverwaltung. Daher taten wir uns mit Roland Heller zusammen, der gerade dabei war eine Softwarefirma in Bangkok aufzubauen. Ich hatte Rolli, wie ihn jeder nannte, durch msn im Internet kennengelernt. Er war ein Schweizer, der zuvor als Informatiker bei der Swissair gearbeitet hatte und nun sein Glück in Bangkok versuchte. Wir machten uns alle keine Illusionen, denn es war klar, dass wir den Auftrag nur durch den Einfluss von Khun Chirayudh bekamen und lernten auch gleich, wie in diesem Land Geschäfte gemacht wurden.

 

Endlich kamen dann auch Aufträge, die wir direkt akquiriert hatten und Namen wie Siemens, IBM oder auch DaimlerChrysler machten sich sehr gut als Referenzen. Für Siemens durften wir eine Situationsanalyse der staatlichen Eisenbahn in Vietnam erstellen und DaimlerChrysler vertaute uns eine Marktstudie in Thailand an. Mit solchen Aufträgen wuchs nicht nur unser Selbstbewusstsein, sondern auch unser Ruf, der uns dann auch einen Auftrag von Forrest Hills, einem Golfklub in Khao Yai, einbrachte. Der Golfklub suchte einen Investor und wir übernahmen die Studie und wollten später eben diesen Investor suchen. Zu dieser Zeit zogen aber schon die ersten Wolken über Thailand auf und noch bevor uns das ganze Ausmaß so richtig bewusst war, brach die Wirtschaftskrise mit aller Wucht über Thailand herein. So gesehen war es dann kaum mehr verwunderlich, dass auch unser Auftraggeber Forrest Hills die Beratungsgebühr nicht mehr bezahlte und uns sogar mit dem Rechtsanwalt und einer Klage drohte, weil man unsere Studie nie erhalten hätte. Auf diese Weise hatte der Golfklub eine kostenlose Studie und wir hatten einen Ausfall von einer halben Million Baht zu verkraften. Der Schock saß sehr tief und wurde noch beängstigender als wir einsahen, dass bis auf weiteres keine Aufträge mehr zu erwarten waren. Die Krise war so ernst, dass es jetzt kaum noch eine Firma wagte, neues Geld zu investieren. Zum Glück waren wir zuvor aus dem teuren Büro im Lake Rajada Complex ausgezogen und residierten nun in zentraler Lage, wo wir uns gleich zwei Häuser angemietet hatten. Unser sorgsam aufgebautes finanzielles Polster schmolz dahin, wie Butter in der Sonne und schon bald begannen wir damit, den Monat auszurechnen, an dem wir endgültig die Türen schließen mussten. Zumindest hatten wir aber den Anstand und bezahlten unsere Mitarbeiter und alle sonstigen Kosten, da wir genau mit diesem Anstand untergehen wollten, wenn es denn so weit kommen würde. Keine Bank und auch unsere Partner in Berlin, waren bereit uns auch nur einen Pfennig zu geben, um diese Zeit zu überstehen. So sahen wir also unseren letzten Monaten entgegen und hofften still auf ein Wunder.

 

Es war eine schwere Zeit für Paporn und mich. An manchen Tagen war es geradezu unerträglich in diesem stillen Büro zu sitzen und darauf zu warten, dass wenigstens das Telefon einmal klingeln würde. Es war Zeit für eine Krisensitzung. Also setzten wir uns eines abends zusammen und besprachen unsere Optionen, die nicht allzu vielseitig waren. Eine Rückkehr zu Siemens musste ich gleich ausschließen, denn das wäre der Horror für mich gewesen, war ich doch so froh darüber, dieser Mangel endlich entflohen zu sein. Nein, es gab keine sinnvollen Alternativen, außer durchzuhalten und Erfolg zu haben. Gemeinsam beschlossen wir daher erst einmal alle Kosten zu reduzieren und uns, außer von Malee, von allen anderen Mitarbeitern zu trennen. Wir konnten nicht verlieren, wir durften nicht verlieren, dafür würde schon Brahma sorgen, den ich ja inständig um seine Mithilfe gebeten hatte. So beschlossen wir, dass Aufgeben keine Option für uns war. In diese von Illusionen und Tiefschlägen geprägte Zeit fiel auch der Tod unserer geliebten Nicky. Sie hatte uns seit Beijing begleitet und lebte auch im neuen Büro mit uns. Sie hatte sich so rührend um die Neuzugänge Mona, Lisa, Joey und Paula, allesamt Straßenhunde, die wir adoptiert hatten, gekümmert. Ihr Tod ging mir sehr nahe und es dauerte Wochen, bis ich über diesen Schicksalsschlag hinweg gekommen war.

 

Vielleicht war diese Zeit, so heftig sie auch auf unser Innenleben drückte, eine ganz gute und heilsame Zeit. Wir glaubten fest daran, dass wir durch die Krise kommen würden und so lag es nahe, dass wir die Zeit nutzten, um unser Büro zu automatisierten, denn nochmals wollten wir keinesfalls in eine solche Situation geraten. Auf der anderen Seite war nun Zeit genug, sich einmal den Freunden und Bekannten zu widmen und auch einmal einen Kaffee zusammen zu trinken. In den letzten Monaten hatte sich eine Gruppe junger motivierter Freunde etabliert, die alle in Bangkok ihr Glück suchten und jeder auf seine Art ein Geschäft aufbauen wollte. Besonders aktiv war Frank Delano, der eine Zeitung aufbaute und mit seiner „Thailand Aktuell“ seinen eigenen Erfolg suchte. Wir trafen uns oft und halfen uns gegenseitig in vielen Bereichen weiter. Sogar Jörg Kalisch besuchte mich aus Singapore und wir beschlossen angesichts der tragischen Zeiten uns einfach einmal einen Herrenabend zu gönnen und zu den Mädels in die Bars der Stadt zu gehen, um uns mal wieder ganz heftig zu betrinken. Alle hatten sie Probleme mit der Krise und es sah kaum so aus, als sollte sich an dieser Situation in absehbarer Zeit etwas ändern. Ich fühlte wie die nackte Panik so langsam Besitz von mir ergriff und all meine Verdrängungsversuche nutzen nichts. Ich war der Verzweiflung nahe, aber ich war damit nicht alleine. Das war sehr hilfreich.

 

Eben diese Verzweiflung galt es zu überwinden, um nicht erstarrt vor der Schlange zu stehen und darauf zu warten, dass man gefressen wird. Zu viele Firmen, die wir kannten, hatten bereits die Tore für immer geschlossen und es war nun an der Zeit, zum Angriff überzugehen. Mehr, nicht weniger, war nun mein Leitmotiv und so begann ich mich als Berater für mich selbst zu etablieren. Sollte ich unser Schiff in einen sicheren Hafen bringen können, dann konnte ich das auch mit anderen Firmen und musste mich nicht demütig vor den großen Namen der internationalen Beratungsfirmen verstecken. Als erstes begannen wir damit, Paporns Fähigkeiten als Übersetzerin und Dolmetscherin wiederzubeleben. Wir gründeten das „Deutsche Übersetzungsbüro, registrierten uns bei allen deutschsprachigen Botschaften und inserierten heftig bei Frank Delano in der „Thailand Aktuell“. Nun zeigte sich auch, dass wir noch Freunde hatten, denn unsere Hilferufe der letzten Monate wurden selbst in Deutschland gehört. Günther Sailer, der Freund meiner Mutter, meldete sich und bat uns, eine Reihe von Kollektionsartikeln für die Lastwagensparte von DaimlerChrysler zu produzieren. Um dies ordentlich zu bewerkstelligen gründeten wir eine Handelsfirma und traten nun im Markt als SiriCon Group auf, die Handel, Sprachendienste und Beratung für ihre Kunden anbieten konnte. Innerhalb weniger Monate waren alle unsere Firmen gut mit Aufträgen ausgestattet, da wir auch den ersten Beratungsauftrag nach Einbruch der Krise bei der Samaggi Versicherung gewinnen konnten. Aber je mehr wir uns aus dem Dunkel wieder in den Tag arbeiteten, um so mehr Probleme bekamen wir, denn die Krise hatte unsere gesamten Ersparnisse gefressen. Als sich das Geschäft mit DaimlerChrysler weiter entwickelte und nun der erste richtig große Auftrag anstand, da scheiterten wir fast an einem ganz banalen Problem. Wir konnten den Auftrag nicht vorfinanzieren. Das war der Moment, als wir uns an die thailändischen Banken wandten und dort nach einer Finanzierung nachfragten. Doch es war nichts zu machen und statt dessen empfahl man uns eben kleinere Brötchen zu backen. Der Auftrag war zu groß, um ihn wieder abzugeben und dabei für immer das Gesicht zu verlieren. Also überredeten wir unseren thailändischen Lieferanten, dass wir mehr für die Produkte bezahlen würden, wenn er uns dafür die Produkte erst später in Rechnung stellte. Das Gleiche erreichten wir mit Kühne & Nagel, die uns gleich alles bezahlten und erst nach Lieferung ihr Geld wollten. Mit dieser in Thailand doch eher ungewöhnlichen Methode lieferten wir nun Container über Container nach Deutschland und sanierten unsere kleine Firma. Von den Banken allerdings hatte ich zunächst einmal genug, denn mit einem angesehenen Familiennamen hätten wir hier bei jeder Bank den gewünschten Betrag als Darlehen bekommen – auch ohne Sicherheiten. Aber wir hatten keinen solchen Namen zu bieten.

 

Unser Übersetzungsbüro entwickelte sich ebenfalls prächtig und war schon bald über die Grenzen Bangkoks und Thailands bekannt. Paporn kämpfte sich durch alle Ungereimtheiten des Lebens und entwickelte sich als Meisterin des Verkaufs. An guten Tagen warteten in und vor dem Büro die Kunden, um ihre Dokumente übersetzt zu bekommen. Wir hatten eine gute Zeit gefunden und vor allem etwas gewagt. Bislang hatte sich noch kein in Deutschland vereidigter Übersetzer in Bangkok niedergelassen und hier ein Übersetzungsbüro eröffnet. Das sollte sich bald ändern, aber noch war Paporn die einzige vereidigte Übersetzerin vor Ort und unser Büro war nur ein paar hundert Meter von der deutschen Botschaft entfernt. Das Büro füllte sich nicht nur mit Kunden, sondern auch mit Paporns Mitarbeiterinnen, die ihr dabei halfen, die Flut an Aufträgen zu übersetzen. So groß war ihr Erfolg, dass sie sogar bei offiziellen Besuchen deutscher Politiker von der deutschen Botschaft als Dolmetscherin zugezogen wurde. Es war eine richtige Marktlücke und zudem eine wahre Goldgrube. Unsere Tage füllten sich zusehends und wir waren ganz froh, dass wir gleich im ersten Stock unseres neuen Büros wohnten, so dass wir uns nicht auch noch durch den Verkehr in Bangkok drängen mussten. An den meisten Tagen arbeiteten wir bis zu sechszehn Stunden und ein Wochenende gab es im Grunde nicht mehr für uns. Zu tief saß der Schock der Wirtschaftskrise in unseren Seelen, so dass wir möglichst schnell vom Abgrund verschwinden wollten und damit die Ahnung einer Pleite vergessen konnten. So weit wir uns auch vom Abgrund entfernten, es gelang uns nicht, diese Erfahrung zu vergessen und wenn ich mich heute wieder an diese dunklen Tage erinnere, dann spüre ich auch den Geist der Entfremdung, der sich damals unauffällig in unsere Ehe eingeschlichen hatte. Plötzlich ging es nur noch um das Geld und davon so viel wie möglich zu machen. Obwohl wir im gleichen Haus wohnten und im gleichen Bett schliefen, gab es nur noch wenige Stunden, die wir wirklich miteinander verbrachten ohne dabei zu arbeiten. Vielleicht begannen wir auch damit, gegenseitig im Wettbewerb zu stehen. Ich glaube heute, dass ich es nicht einmal bemerkt hatte, wie sich meine Depressionen immer mehr verstärkten und wie die Kraft zum täglichen Leben mit jedem Arbeitstag mehr verschwand. Genug konnte einfach nicht mehr genügen und damit unsere Firma auch noch einen ordentlichen Ruf bekommt, verschaffte mir Khun Chirayudh einen Job als Dozent an der Assumption Universität in Bangkok, wo ich Reengineering und andere Fächer im MBA Programm unterrichtete. War ich nun besessen oder wahnsinnig geworden?

 

Aber, es war auch jetzt noch nicht genug. Unsere Zusammenarbeit mit DaimlerChrysler verlief so zufriedenstellend, dass man uns anbot Lizenznehmer zu werden und die Mercedes-Benz Trucker Collection in der ganzen Region Asien-Pazifik zu vertreiben. Plötzlich hatten wir ein Einsatzgebiet von Korea bis nach Indien und natürlich Australien. In der Theorie hatte sich das Team um Herrn Klaus Dalferth in Stuttgart viel von diesem Schritt versprochen und seine Mitarbeiter Claus Hoffmann und Günther Sailer unterstützten die Idee mit vollem Einsatz. Hätten wir damals gewusst, welche komplizierten internen Verwicklungen mit dieser Lizenz verbunden waren, wir hätten sicherlich noch länger nachgedacht. Aber so griffen wir nach den Früchten, die man uns anbot und wurden damit zum ärgsten Feind der Mercedes-Benz Collection, die vom PKW-Bereich vertrieben wurde. Unsere Ernennung als offizieller Lizenzpartner der LKW-Sparte löste einen Flächenbrand in der Region Asien-Pazifik aus. Besonders tat sich dabei Michael Bartenbach als unser Feind hervor, der von Singapore aus für die Kollektionen zuständig war. Wo immer wir den Markt auch bearbeiten wollten, da hatte er bereits angerufen und gegen uns gesprochen. Man wollte uns dort einfach nicht haben, eine Konkurrenz im eigenen Haus, billiger und viel näher am Markt. Selbst in Thailand sperrte sich der zuständige Mann, Herr Kohlhepp, mit aller Kraft gegen uns und es schien ein Wunder zu sein, dass wir überhaupt etwas verkaufen konnten. Natürlich besuchten wir die Herren in Singapore in regelmäßigen Abständen, doch außer Lippenbekenntnissen war von den Peter Honegg oder Michael Bartenbach nicht zu bekommen. Ganz im Gegenteil. Hinter unserem Rücken wurde nun die Rechtsabteilung in Stuttgart eingeschalten, da wir unsere Webseite mit den Produkten „benzcollection.com“ nannten. Schon bei meinem nächsten Besuch musste ich daher antreten und meine kleine Firma gegen DaimlerChrysler verteidigen. Vor mir saß ein aufgeblasener Jurist, der ganz unsicher wurde, als ich ihn „Kollege“ nannte und wir feststellten, dass wir beide in Tübingen studiert hatten. Damit hatte er wohl nicht gerechnet und schon nach dem Small Talk legte er die Akte zur Seite und bot an, die Angelegenheit gütlich zu erledigen. Zum guten Schluss dieses Gespräches kaufte mir DaimlerChrysler die Webseite für eine ansehnliche Summe ab, wobei wir den Inhalt weiter bestimmten.

 

Ja, wir schlugen uns tapfer, selbst gegen die Großen, aber innerlich zerfraß mich der Stress und die Angst, letztlich doch noch unterzugehen. Dabei lief alles so gut für uns. Über Rolli bekamen wir Zugang zu einem der großen internationalen Krankenhäuser in Bangkok und nach zähen Verhandlungen bekam ich einen außergewöhnlich gut dotierten Beratervertrag zur Dokumentation aller Geschäftsprozesse im Bumrungrad, wie das Krankenhaus hieß. Zu dieser Zeit wurde für dieses Krankenhaus eine neue Verwaltungssoftware unter der Leitung von Pat Downing, einem Amerikaner, der sich gut mit der Geschäftsleitung verstand, entwickelt und Rolli war mit von der Partie und entwickelte Teile der Software mit seiner Firma. Ich war nun den ganzen Tag im Bumrungrad, beantwortete zuvor in aller Frühe noch dringende emails und widmete mich dem Übersetzungsbüro und dem Handelsgeschäft am Abend. Daneben war ich an manchen Tagen der Woche noch als Dozent an der Assumption Universität tätig. Manchmal, in ruhigen Stunden, ahnte ich, dass ich mehr Kraft verbrauchte als ich durch die wenigen Stunden Schlaf und die Ungezwungenheit eines Wochenendes wieder auftanken konnte. Ich denke aber heute, dass die Belastung aus der Arbeit nicht der entscheidende Faktor war, sondern die Tatsache, dass sich auch meine Ehe zu einer Mördergrube entwickelte. Es gab jeden Tag Streit und es schien gerade so, als ob wir auf zwei unterschiedlichen Planeten zuhause waren. Was zu dieser dramatischen Verschlechterung führte ist mir bis heute reichlich unklar, denn obwohl wir immer unsere Differenzen hatten, so blieb doch bislang zumindest ein letztes Stück Respekt dem anderen gegenüber erhalten. Doch nun war auch dies verloren gegangen und wir sparten wohl beide nicht an seelischen Grausamkeiten. An manchen Tagen wurde die Aggression und Überdrüssigkeit so schlimm, dass sie in Handgreiflichkeiten und bisweilen in zerstörten Tischen oder anderen Dingen endete. Es war in diesen Stunden auch nicht selten, dass Paporn einen Aschenbecher oder eine Schere nach mir warf und ich sie zum eigenen Schutz am Kragen packte. Es war fürchterlich und zunehmend endeten diese Streitereien darin, dass ich Heulkrämpfe und Atemnot bekam und nur noch keuchend am Boden lag. Die körperlichen Symptome dieser Kämpfe zeigten schon bald ihre Spuren und ich wurde krank und nicht mehr gesund. Ich war am Ende meiner Kraft.

 

Auf der anderen Seite blieben wir eng zusammen und trieben unser Geschäft mit aller Kraft voran. So entwickelte sich unsere Geschäftsbeziehung mit DaimlerChrysler so gut, dass ich sogar meinen Beratervertrag mit dem Bumrungrad Krankenhaus aufgeben musste. Zu meiner eigenen Verwunderung stimmte ich auch zu, dass wir zusammen ein Haus in der Ramkhamhaeng Straße kauften, wo wir später selbst wohnen wollten und dies, obwohl ich nach thailändischem Recht keinerlei Zugriff auf das Haus hatte. Ich konnte mich selbst nicht mehr verstehen, warum ich ausgerechnet in dieser verfahrenen Situation auch noch über meinen sonst so rationalen Verstand gesprungen war. Unsere Beziehung war nichts Geringeres als eine bizarre Vorstellung, die jenseits des Verständnisses eines außenstehenden Betrachters liegen musste. Trotz aller noch bestehenden Gemeinsamkeiten war es aber auch uns inzwischen nicht mehr klar, welche seltsame Kraft uns noch zusammenhielt. Ich musste an meine Eltern denken und ihre Scheidung, ihre Schwäche, an dem heiligen Versprechen festzuhalten, das sie sich einst gegeben hatten. In meinen Tübinger Tagen hatte ich mir geschworen, dass ich nie heiraten würde, aber die Einsamkeit treibt doch hin und wieder ein seltsames Spiel mit uns. So sollte wenigstens diese Ehe nicht durch eine Scheidung ihr Ende finden, das hatte ich mir vorgenommen und schneller als erwartet wurde ich jetzt an meinen Vorsatz erinnert und das Schicksal forderte mir die Kraft ab, standzuhalten und nicht aufzugeben. Das war nicht einfach. Paporn hatte damit begonnen, mir jeden Tag aufs Neue mitzuteilen, dass alles was wir uns erarbeitet hatten ihr gehörte und sie mich jederzeit mittellos auf die Straße setzen konnte. Nun, nach thailändischem Recht wäre das mit einigen Anstrengungen sogar möglich gewesen. Es schmerzte mich sehr, dass ich nun jahrelang gearbeitet hatte und Paporn diese Möglichkeit tatsächlich in Betracht zog. Sollte ich mit meiner selbst gewählten Selbstständigkeit vielleicht auf diese Weise letztendlich kläglich scheitern? Je mehr ich darüber nachdachte, umso mehr kam Panik in mir auf.

 

Und dann kam er, der Tag, als alles zusammenbrach. Ich saß, wie gewöhnlich schon früh in meinem Büro und trank die erste Tasse Kaffee des Tages. Sie tat mir spürbar nicht gut, denn ich hatte seit Tagen fast unerträglichen Durchfall und Atemnot. Meine Hände zitterten und ich hatte Probleme mich an der Kaffeetasse festzuhalten. Meine Nerven wurden mit jedem Schluck zur Belastung und ich ahnte, was der nächste Schritt war. Ich brach in Tränen aus, zitterte am ganzen Körper und rang verzweifelt nach Luft. Ich fand mich nach wenigen Minuten am Boden wieder und dachte, dass dies nun das Ende war, dem ich schon so lange entgegen sah. Am liebsten hätte ich mich von meinem Balkon gestürzt, um dem Ganzen nun so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten. Ich zwang mich stattdessen nur langsam zu atmen und hielt die Hände vor den Mund, da ich mich an den Zwischenfall in Mössingen erinnerte und so wenig Sauerstoff wie möglich einatmen wollte. Als ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte, setzte ich mich in einen Sessel und starrte aus dem Fenster. Warum nur plagte ich mich so sehr? Warum nur konnte ich nicht ganz einfach wie andere Menschen in den Tag hineinleben, ohne ständig von Angst und Schrecken heimgesucht zu werden? Ich fand keine Antwort, die mich hätte beruhigen können oder mir den Funken Hoffnung schenkte, der mich noch durch diesen Tag gebracht hätte. Ich stürzte mich nicht vom Balkon, sondern entschied mich, einfach von allem hier zu fliehen. Ich packte meinen Computer zusammen, ging ins Haupthaus und holte mir noch ein paar Kleider und packte alles ganz eilig in mein Auto. Ich konnte nicht reden, ohne in einen Heulkrampf auszubrechen und so verabschiedete ich mich nur kurz von Paporn und fuhr dann in das neue Haus in der Ramkhamhaeng Straße. Es war das vorläufige Ende einer sehr langen Reise, doch statt einer neuen Heimat musste ich Schutz und Unterschlupf in der Einsamkeit suchen. Was hatte sich Brahma dabei nur gedacht?

 

 

19

 

Eigentlich sollte ich tot sein. In meiner Vorstellung war ich das auch, war am Ende meines Lebens angelangt, denn ich war jetzt genau so alt, wie mein Vater, als er sich das Leben nahm. Mein ganzes Leben hatte ich die Idee mit mir herumgetragen, dass ich nicht älter wie mein Vater werden konnte und jetzt war die Zeit gekommen. Mein Gott ist er noch jung gewesen als er sich selbst erschossen und erhängt hatte, damals in seinem Haus in Wiesensteig. Ich wollte gar nicht an die Begleitumstände denken und den immer noch schwelenden Verdacht, dass sein Tod zuletzt doch nicht freiwillig war. Auch wollte ich nicht in der Haut meiner Schwester stecken, die ihn damals in seinem erbärmlichen Zustand am Strick gefunden hatte. Ich hatte meine Chance erst einmal vertan und saß nun in einem völlig leeren Haus in einem Mubaan, wie man hier die Wohnsiedlungen nannte, die überall in den Randbezirken Bangkoks zu finden waren. Es war ruhig, sehr ruhig und die Nachbarn hatten von meinem plötzlichen Erscheinen noch keine Notiz genommen. Warum nur wusste ich so extrem wenig über meinen Vater? War es genug zu wissen, dass er Unmengen Jack Daniels in sich hineingoss, Chesterfield rauchte und nie etwas anderes gefahren hätte als einen Mercedes? Für eine Zeit lang nahm ich an, dass er nun als Untoter zwischen den Welten herumirrte, weil er mit seinem eigenen Tod nicht zurecht kam. Sicherlich hat er in seinem Leben nie die Antwort auf seine Fragen gefunden und ist als Gehetzter auch nach seinem Tod ohne Ziel geblieben. Ich konnte fühlen, wie er sich an mich klammerte und mich immer wieder ins Reich der Toten zog. Und über allem schwebte meine Mutter, die bereits die Erinnerung an meinen Vater im Keime ersticken wollte, ganz so, als hätte er nie gelebt. Es war kein Bild, das mir irgendwelche Freude bereitete und ich ging aus dem Haus, um mich im Garten und der schützenden Dunkelheit auszuruhen. Die störenden Gedanken wurden jetzt langsam schwächer und der zu dieser Jahreszeit sternenklare Himmel brachte mich wieder aus diesem verzweifelten Loch der Erinnerungen heraus. Ich wollte nie große Dinge tun oder Karriere machen, wollte nur einfach ich sein und mich an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Ein guter Mensch und Freund wollte ich sein und doch fand ich mich jetzt in dieser Nacht so nah am Abgrund wieder, wie nie zuvor. Da machte es schon kaum mehr etwas aus, dass mich Paporn zu später Stunde doch noch anrief und mir ihren Unmut über meine überstürzte Abreise kundtat. Sie hatte ganz offensichtlich überhaupt nichts verstanden und nannte mich deshalb einen faulen Sack und Weichling, der seinen Verantwortungen nicht nachkam und sich einfach aus dem Staub machte. Es ging nur um sie und die Unannehmlichkeiten, die mein plötzlicher Zusammenbruch zwangsläufig mit sich brachte. Sie hasste mich und ließ mich mit diesem Gefühl alleine im Garten zurück.

 

Erst spät schlief ich ein und jagte hektisch durch meine Träume. Aber ich konnte zumindest schlafen und als am Morgen die tropische Sonne mit aller Kraft durch die Palmen zu mir ins Zimmer drang, da hatte ich das wohlige Gefühl, dass es jetzt endlich einmal nicht an der Zeit war aufzustehen und ich drehte mich zufrieden wieder um und schlief weiter. Auch den Rest des Tages verbrachte ich meist schlafend oder in Gedanken in meinem Bett und erst als sich die Sonne langsam wieder hinter den Häusern senkte, stand ich auf, denn ich hatte inzwischen einen richtigen Hunger. Als es dann dunkel wurde brach ich auf und fuhr zum Tops Supermarkt, um mich für die nächsten Tage mit Lebensmitteln einzudecken. Ich beeilte mich dabei, denn noch konnte ich keine Menschen um mich ertragen und zuckte schon bei der geringsten Berührung in mich zusammen. Ich bewegte mich auf sehr dünnem Eis und war geradezu erleichtert als ich wieder zurück im Haus war. Die nun folgenden Tage unterschieden sich kaum in ihrem Ablauf und ich schwankte zwischen Heulkrämpfen und wohliger Zufriedenheit. Ich war ganz froh, dass Paporn kaum bei mir anrief, denn so konnte ich die Zeit ganz mit mir verbringen. Zunächst begann ich damit mein Arbeitszimmer neu zu streichen und mit allem zu versehen, was ich für meine Unterhaltung benötigte. Von meinem Fenster aus konnte ich in drei der benachbarten Häuser sehen und es bereitete mir eine innige Zufriedenheit im Schutz des Vorhangs zu stehen und zu beobachten, was die Menschen dort so alles anstellten. Besonders in einem Haus gab es immer etwas zu sehen. Ich liebte es den Hausangestellten zuzusehen, wie sie ihren täglichen Verrichtungen nachgingen und besonders ein Mädchen im Nachbarhaus hatte es mir angetan. Sie hatte lange Haare, Sommersprossen und eine adrette Zahnlücke. Doch das mit Abstand Schönste war ihr Lächeln, das sie den ganzen Tag mit sich herumtrug. Es war nicht das monotone Gegrinse, das man in diesem Lande allzu gerne nach außen stellte, sondern der Ausdruck von wahrer Lebensfreude. Sie strahlte aus, was ich nie hatte. Alle Philosophen und Psychiater dieser Erde mussten vor diesem Bild der inneren menschlichen Kraft verstummen, vor der gelebten Demut und der Schönheit, von der dieses Mädchen bei genauem Hinsehen eine ganze Menge besaß. War sie glücklich? Diese Frage fiel mir immer schwer, wenn es um Thailänder ging, denn auch nach einem Jahrzent in diesem Lande, konnte ich nicht beurteilen, was die Menschen dachten oder gar, was sie in ihrem Leben für wichtig hielten. Nun, da ich das Mädchen durchs Fenster sah, wurde mir bewusst, dass ich in den letzten Jahren meinen Respekt für die Thailänder weitgehend verloren hatte. Zu viel Lügen und Betrug, Erpressung und Täuschung musste ich jeden Tag hinunterschlucken und es schien, dass all diese Attribute nur zu sehr mit der thailändischen Kultur verbunden waren. So sehr ich mich auch bemühte, es fielen mir nur ein paar Menschen ein, die nicht unter dieses Urteil fielen und sie waren allesamt nur ganz einfache Menschen. Nein, ich fühlte mich nicht mehr wohl in diesem Land und das lächelnde Mädchen im Nachbarhaus konnte daran auch nichts ändern. Im Grunde bezog sich das auf alles, was mich mit diesem Land verband und es gab nur einen Weg, wie ich mich aus diesem Klammergriff befreien konnte. Ich musste wieder mein eigenes Leben leben.

 

Ich kramte nach meinen alten Zeichnungen und Gedichten, die ich vor vielen Jahren zu Papier gebracht hatte und ich erinnerte mich an eine Zeit, die mir so viel gebracht hatte. Melancholisch blätterte ich durch die inzwischen vergilbten Blätter und stellte mir vor, dass ich schon damals den Mut gehabt hätte, meinen Weg zu gehen, mein Leben zu gestalten, anstatt mich dem Druck der Mutter zu unterwerfen und Jura zu studieren. Ich sah mich im Spiegel an und ich hasste mich selbst dafür, war traurig, dass ich nicht stärker gewesen war und mich durchgesetzt hatte. Aber nun war eine andere Zeit und ich saß nicht mehr in meinem kleinen Spitzwegzimmer in Tübingen, auch der Neckar und der geliebte Hölderlinturm waren weit weg und nur noch als verschwommene Bilder in meiner Erinnerung vorhanden. Ich wischte mir die Tränen ab und versicherte mir selbst, dass ich noch immer tun konnte, was ich immer schon tun wollte. Also machte ich mich auf den Weg und besorgte mir als erstes eine Kopie von Photoshop und anderen Programmen, denn ich wollte mich ab nun in Computergrafik üben und daneben alles niederschreiben, was meine Seele bedrückte. Vielleicht konnte ich mir ja auf diese Weise etwas Erleichterung verschaffen und vielleicht würde ich den Tag noch erleben, an dem ich wieder lachen konnte. Die Melancholie und selbst mein Zusammenbruch konnten mich nicht daran hindern, zu versuchen, was ich längst hätte tun sollen. Ich war wieder aktiv und freute mich auf den nächsten Morgen, denn ich hatte Dinge zu erledigen, musste Bilder machen und schreiben. Nicht alle fanden diese Veränderung so gut wie ich, denn Paporn sah sich nur noch mehr in dem Gedanken bestärkt, dass ich nun von allen guten Geistern verlassen worden war und sah in meiner neuen Lebensart nur die Bestätigung dafür, dass ich mich um meine Verantwortungen drücken wollte. Sicherlich, hätte ich mit meinen Bildern oder Texten Geld verdient oder vielleicht Gesicht gewonnen, dann wäre es eine ganz andere Sache gewesen, aber so war es in ihren Augen ein klarer Gesichtsverlust, den es mit allen Kräften zu vermeiden galt. Entsprechend angespannt war daher der gemeinsame Teil unseres Lebens und vielleicht haben wir in dieser Zeit verschiedene Seitenstraßen eingeschlagen und uns mit jedem neuen Tag weiter voneinander entfernt. Ich muss aufrichtig gestehen, dass mich diese Möglichkeit damals wenig interessierte, denn ich war froh, dass ich mich endlich für mich entschieden hatte und um unsere materielle Basis machte ich mir keinerlei Sorgen. Auch dies unterschied mich deutlich von den Ansichten meiner Frau.

 

Vielleicht dachte sich Paporn, dass sie mich wieder zum Arbeiten bringen würde, wenn sie die Arbeit zu mir brachte und so löste sie unser Büro in der Stadt auf und zog mit allem, was noch übrig war in unser Haus. Plötzlich standen Berge von Kisten im Haus und unsere Mitarbeiter liefen hektisch in allen Zimmern umher, in denen noch vor wenigen Tagen eine heilige Ruhe geherrscht hatte. Nun lag es an mir, diese Störenfriede so schnell als möglich wieder zur Ruhe zu bringen und ich schloss die Telefone und Computer an, so dass alle möglichst bald ihrer geregelten Arbeit nachgehen konnten. Ich selbst aber mischte mich nur noch selten ins Tagesgeschäft ein und begnügte mich damit, die noch offenen Aufträge mit DaimlerChrysler abzuwickeln. Ich wollte, sie wären alle nicht hierher gekommen. Ich wollte allein sein, denn der ganze Trubel, der nun das Haus umgab, war mir außerordentlich unangenehm. In den Tagen zuvor hatte ich mich noch im Garten zu schaffen gemacht und die Gartenmauer angemalt. Dabei gesellte sich ein Kater zu mir, der von einem der Nachbarhäuser den Weg zu mir gefunden hatte. Er blieb immer den ganzen Tag bei mir und verschwand erst bei Sonnenuntergang. Auch meine Nachbarn zur Linken hatten inzwischen Notiz von mir genommen und der Sohn, der bei der THAI arbeitete, brachte mir hin und wieder Brötchen aus Deutschland mit, die er bei seinen Aufenthalten in Frankfurt für mich gekauft hatte. Am meisten hatte mich jedoch gefreut, dass auch das Mädchen mit den Sommersprossen nach mir sah und mich immer besonders nett anlächelte, wenn sie mich auf der Straße vor dem Haus sah. Und nun machten mir wieder meine Nerven zu schaffen, ich war gereizt und immer wieder musste ich mich in mein Zimmer einschließen, um einigermaßen zur Ruhe zu kommen. Es wurde mir schnell klar, dass ich diesen Zustand nicht alleine bekämpfen konnte und ich machte mich auf den Weg ins Bumrungrad Krankenhaus, um mich mit Professor Kavi, einem Psychiater, zu besprechen. Nun ja, zu besprechen gab es da aus seiner Sicht nicht viel und meine naive Vorstellung von einer psychiatrischen Behandlung wurde von ihm ganz rasch darauf reduziert, dass er mir Medikamente verschrieb. Aber er war ein Mensch, der mich in seiner Art beruhigen konnte und auch wenn ihn mein Leben und meine Probleme nur am Rande interessierten, so fühlte ich mich doch in guten Händen. Allerdings blieb eine entscheidende Frage für mich unbeantwortet: wofür machte ich all die Anstrengungen, wofür nahm ich die Medikamente und warum packte ich nicht meine Sachen zusammen und entfloh dem ganzen Albtraum für immer? Es wurde mir klar, dass ich diese Ehe schon vor langer Zeit hätte verlassen sollen, doch immer wieder gab ich klein bei, nur um zu erleben, wie sich die Dinge noch weiter verschlechterten. Jeder weitere Tag würde Schmerzen bereiten, würde mich weiter verletzen und die Hoffnung, dass sich meine Ehe jemals wieder zu einer erträglichen Einrichtung veränderte, hatte ich im Grunde schon lange begraben. Nur der Tod würde Freiheit mit sich bringen und mich für immer von diesem Leben und vor allem von dieser Ehe erlösen.

 

Doch dann waren da all die Erinnerungen, die mein halbes Leben durchzogen und auf die eine oder andere Art mit Paporn verbunden waren. Ganz besonders prägten unsere vielen gemeinsamen Reisen dieses Bild, gaben dem oft trostlosen Einerlei des täglichen Lebens einen Sinn und vermittelten mir eben doch ein Bild, das dem Schmerz in stillen Stunden den Stachel nehmen konnte. Beide waren wir nicht für den Alltag geschaffen, sondern begannen erst zu leben, wenn wir etwas unternahmen, in fremde Länder zogen und nach dem Neuen suchten, um uns von der Eintönigkeit zu befreien. In diesem Sinne waren wir beide sicherlich für etwas anderes geschaffen als es eine Ehe jemals bieten konnte. Unsere letzte gemeinsame Reise führte uns nach Australien. Sie fand in einer Zeit statt, als ich mit meinen Nerven sehr am Boden lag und Paporn der Meinung war, dass mir eine Reise sicherlich gut tun würde. Ich ließ mich überreden, doch wollte ich insgeheim nicht mit ihr verreisen, nicht mehr. So waren meine Gedanken bereits während des Fluges ganz bei mir selbst und gaben der Gemeinsamkeit kaum mehr eine Chance. Ich war wieder in meiner Glaskugel und schuf mir die notwenige Distanz zu Paporn und dem Rest der Welt. Wir redeten nicht viel und begnügten uns mit unbedingter und notwendiger Kommunikation oder gelegentlichen Bemerkungen zu den Eindrücken, die Australien uns schenkte. Auf der anderen Seite hatten wir in den vergangenen zwanzig Jahren nur selten über wesentliche Dinge des Lebens gesprochen und dann auch nur kurz. Das Geistige kam in unserer Ehe viel zu kurz und mein ungestümes Verlangen nach geistiger Nahrung und intellektuellem Austausch verdorrte in der Wüste der Oberflächlichkeit. Ich hatte aber auch sonst in diesen zwanzig Jahren keinen anderen Thailänder gefunden, mit dem ich mich über Fragen der Religion, Philosophie, Kunst oder gar Politik hätte austauschen können. Es war die reinste geistige Diaspora und ich sah darin die Rache einer interkulturellen Ehe. Es mag natürlich auch sein, dass mir diese Dinge bei Weitem zu wichtig waren, jedenfalls hinterließ die Abwesenheit des intellektuellen Austauschs ein immens großes Loch in meiner ohnehin angeschlagenen Seele. Wahrscheinlich redete ich deshalb so viel, wenn ich mit Gleichgesinnten Ausländern zusammentraf, was viel zu selten der Fall war. Aber Australien bedurfte auch keiner ausschweifenden Erklärungen, denn zumindest für mich war es ein Erlebnis und eine Wohltat. In Sydney konnte man deutlich die europäischen Spuren entdecken, was in mir ein gewisses Gefühl der Heimat hervorbrachte und außerhalb von Sydney erwartete uns die Natur, wie sie schöner kaum sein konnte. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten buchte Paporn verschiedene Tagestouren, die, wie sich schnell herausstellte, alle lohnenswert waren. Ich war froh, dass uns die Touren fernab der Zivilisation brachten, denn meine Psyche suchte das Ewige, das Unvergängliche und die Natur. Unser Führer erinnerte mich sehr an Crocodile Dundee und sein Wissen über die Geschichte Australiens, die einheimische Tier- und Pflanzenwelt, aber auch die Gebräuche der Aborigines war fast unerschöpflich. An einem Morgen fuhren wir aus der Stadt und machten dann zum ersten Mal Rast in einer abgelegenen Waldlichtung. Als wir aus dem Geländewagen ausstiegen bemerkte ich, dass wir genau beobachtet wurden, denn mitten in der Waldlichtung lagen einige Kängurus und schauten sich die ersten Besucher des Tages an. Ich trennte mich von unserer Gruppe und lief mutig zu dieser anderen Gruppe, setzte mich unter einen Baum und begann mit einem Känguru zu reden, das nur unweit von mir im Gras lag. Je länger ich auf dieses Tier einredete, um so näher rückte es an mich heran, bis ich letztlich seinen Atem spüren konnte. Es tat gut, wieder einmal mit jemandem geredet zu haben.

 

Zurück in Bangkok war alles wie zuvor und die Freiheit und Ungezwungenheit der Reise war mit einem Schlag verschwunden. Mehr als sonst begann Paporn nun damit, alles akribisch zu kontrollieren und gemeinsame Regeln aufzustellen, die ihren Ursprung ausschließlich in ihrem Inneren hatten. Mag sein, dass dies durch das endgültige Ende unserer Firma verursacht wurde, welches erst jetzt, als uns nacheinander alle Mitarbeiter verließen, zur greifbaren Realität wurde. Was zum Schluss noch übrig blieb, war Paporn und das Übersetzungsbüro. Doch auch hier zogen dunkle Wolken auf, denn einer ihrer Mitbewerber hatte sie in Frankfurt beim Landgericht angeschwärzt, woraufhin ein übereifriger Beamter ihr wenige Wochen vor seiner Pensionierung noch die Zulassung entzogen hatte. Zu meiner Verwunderung wandte sich Paporn nun an Ralf Schryvers in München, der aber selbst keine brauchbare Idee zur Erhaltung ihrer Zulassung finden konnte. Ich sah mir dieses Elend zunächst an und spürte doch die Verzweiflung, die Paporn inzwischen konsumiert hatte. Es musste allem Anschein nach ein schwerer Schritt für sie gewesen sein, schließlich doch zu mir zu kommen. Schon zwei Wochen später wurde dann auch der Bescheid zurückgenommen und Paporn konnte weiterhin als vereidigte Übersetzerin und Dolmetscherin arbeiten. Wie schwer es ihr wirklich fiel konnte ich leicht daran erkennen, dass sie den positiven Bescheid des Landgerichts wie eine Werbeschrift behandelte und sich nie für meine Mühe bedankte. So zog ich mich nach getaner Arbeit wieder in mein Zimmer zurück. Ich wurde ja gerade nicht mehr gebraucht. Überhaupt zerfielen in dieser Zeit auch Bekanntschaften und von den ehemaligen Mitarbeitern meldete sich schon bald keiner mehr bei uns. Von all den Menschen, denen ich in diesen Jahren begegnet war, waren nur eine Handvoll übrig geblieben, mit denen ich zumindest einen losen Kontakt halten konnte. Fast schien es mir als wäre nie etwas geschehen, als hätte es unsere Firma nie gegeben. Es war vorbei und ab jetzt musste jeder von uns sein Leben wieder selbst gestalten. Mir gelang das eigentlich ganz gut, nur Paporn hatte außer der Arbeit weder Hobbys, noch Interessen, mit denen sie jetzt die freie Zeit sinnvoll füllen konnte. Neben den notorischen thailändischen Serien, die das lokale Fernsehen mit Schwachsinn geradezu überfluteten, wurde nun ausgerechnet ich zum Ziel ihres Unmutes und ihrer Langeweile. Ich war dafür wie geschaffen, denn an mir gab es nichts, aber auch gar nichts Gutes zu finden. Die Tage wurden zunehmend grauenhaft.

 

Neben dem Schreiben und meinen Bildern versuchte ich, die mir fehlende Ansprache, in verschiedenen Internetforen zu bekommen, denn ich hatte hier in Bangkok keine Freunde, mit denen ich mich unterhalten konnte. Es war nun sehr einsam um mich geworden und so sehr mich die Foren auch unterhielten, sie konnten den menschlichen Kontakt zu einem guten Freund nicht ersetzen. Vor Paporn musste ich endgültig mein Gesicht verloren haben, jedenfalls behandelte sie mich ohne jeglichen Respekt. Zum Glück hatte sie schon bald wieder den Antrieb für neue Dinge und belegte Consulting Kurse und schließlich entschied sie sich noch Psychologie an der Ramkhamhaeng Universität zu studieren. Das verschaffte mir mehr Freiraum, denn ich hatte nur noch meine Arbeit als Dozent an der Bangkok Universität und konnte mich daneben ungestört mit meinen eigenen Aufgaben beschäftigen. Paporn war mit ihren Ausbildungen oft außer Haus und die wenige Zeit, die ihr noch blieb, verbrachte sie damit, Straßenhunde und Katzen zu retten. Wir sahen uns kaum noch und jeder ging seinem eigenen Leben nach. Jedoch blieb es nicht dabei, denn jedes Mal, wenn Paporn wieder einmal einen Hund auf der Straße gefunden hatte, wollte sie diesen auch gleich bei uns zuhause abladen. Jeglicher Versuch meinerseits, die Überfüllung des Hauses mit Straßentieren zu verhindern, endete regelmäßig in sehr unfreundlichen Auseinandersetzungen oder in kontinuierlichem Druck, dem ich leider immer wieder nachgab. So füllte sich das Haus mit Hunden und Katzen, bis das Haus schließlich zu klein war. Für sich genommen war dies nicht allzu problematisch, denn ich liebte meine Tiere, aber Paporn ging offensichtlich davon aus, dass es mit dem Abladen der Tiere seine Bewandtnis hatte und ich mich um die Pflege und Versorgung alleine kümmern musste. Schließlich war sie ja beschäftigt und ich hatte nichts zu tun. Zum Glück hatten wir eine Haushaltshilfe, die mir einige Arbeiten abnahm, denn sonst wäre ich nur noch mit den Tieren beschäftigt gewesen. Es war ihr neuer Stil, ständig unterwegs zu sein und dann zuhause alles bei mir abzuladen. Das Leben, wie ich es mir vorgestellt hatte, fand so nicht mehr statt.

 

Die totale Vereinsamung war mein Schicksal, dem ich mich zu meinem Verderben auch ganz und gar selbst hingab. Ich war nicht mehr als ein alter räudiger Wolf, dem man stückweise auch noch die letzten Zähne aus dem Maul herausriss. Mein Widerstand war endgültig gebrochen und ich ließ es geschehen, dass Paporn unser Leben vollständig beherrschte und mir mit jedem Tag mehr die Luft zum Atmen nahm. Ich sah damals kaum eine Möglichkeit, mich dem zu widersetzen. Ich war einfach zu schwach und die Aussicht auf weitere Streitigkeiten erschien mir widerlicher als der Umstand, dass ich mich mit meiner Glaskugel begnügen musste und für Paporn nichts mehr wert war. Ob es ihr wohl Spaß bereitete, mich so zu demütigen, jetzt, da ich am Boden lag? Ich weiß es nicht. Doch blieb mir noch immer mein Innenleben, zu dem sie keinerlei Zutritt hatte und jetzt auch nie bekommen würde. Ich lebte mit meinen Tieren und den Geschichten, die ich mir ausdachte, Träume von einer anderen Welt und einer Heimat, die ich nie gehabt hatte. Ich ging gerne in den Klängen keltischer Musik auf, verbrachte Stunden vor meinem PC und schuf Bilder meiner Seele. Von allen Menschen dieser Erde hatte ich nur noch das Dienstmädchen auf der anderen Seite der Mauer ins Herz geschlossen, das ich jeden Tag durch mein Fenster bei der Arbeit beobachtete. Und als die Familie dann später wegzog, entstand ein neues Loch in meiner Welt, das es zu füllen galt. Außer den Pillen, die Professor Kavi mir gab, hatte ich keine helfende Hand, um aus meiner Depression zu kommen. Nur meine Tiere waren immer für mich da, hatten Zeit für mich, wenn ich weinend im Garten saß oder mich mit Todesgedanken trug. Ohne sie wäre ich damals nicht durch den Tag gekommen. Auch außerhalb des Hauses war eine unruhige Zeit angebrochen, denn der große Tsunami hatte Thailand und Asien heimgesucht und ganz Bangkok war mit den Folgen beschäftigt. Paporn flog im Auftrag der deutschen Botschaft nach Phuket, um dort als Dolmetscherin zu helfen und ich versorgte indes die Tiere und das Haus. Später zogen wir gemeinsam los und boten unsere Hilfe in verschiedenen Zentren an, die Bedarf an deutscher Sprache hatten. Im Bumrungrad Krankenhaus besuchten wir Elke Reik, die wir zwar nicht kannten, die aber ein Opfer des Tsunami war und in Phuket ihren Verlobten verloren hatte. Es war schön zur Abwechslung wieder einmal nützlich zu sein und ich freute mich mit Elke zu reden, die schließlich noch mehr Leid erfahren hatte als ich. Ich spürte aber auch, dass ich als Mensch geschätzt wurde und nicht ganz so schlimm war, wie ich zuhause hingestellt wurde. Das tat mir gut und stärkte mein Selbstbewusstsein. Daneben erinnerte es mich auch an meine Heimat und eine Kultur, die ich hier so sehr vermisste. Es ist nicht leicht in einem fremden Land zu leben und dabei die eigenen Werte und Prinzipien zu bewahren. Ich spürte, dass es mir wichtiger war als je zuvor, dass ich kein Thailänder wurde, nicht die Charaktereigenschaften annahm, die ich hier so verwerflich fand. Nein, ich wollte bleiben, was ich schließlich war. Ausgerechnet mir war es wichtig ein Deutscher zu bleiben. Das war schon sehr verwunderlich.

 

Hinzu kam, dass auch die politische Landschaft von einem Tag auf den anderen verändert wurde, denn wir hatten wieder einmal einen Putsch und das Militär übernahm das Land. Es war nicht der erste Putsch, den ich in Bangkok erlebt hatte und irgendwie hatte ich mich bereits daran gewöhnt, dass alle paar Jahre das Militär das Sagen hatte. Für mein tägliches Leben hatte dieser Putsch keine besonderen Auswirkungen, aber meine Ansicht über das Land und sein politisches System hatte damals doch sehr gelitten und die nächsten Jahre sollten mehr als zuvor zeigen, dass es kein freies Land war. Das schmerzte mich am meisten. Mein Leben lang hatte ich versucht mir meine Freiheit zu bewahren, sie war mir wichtiger als vieles andere, doch nun verlor ich gerade diese Freiheit in meiner Ehe und auch im Leben eines Landes, das mir mehr und mehr suspekt wurde. In gewisser Weise machte mir der aufkeimende Nationalstolz Angst, denn ich wusste nicht, wie weit dieser Nationalismus gehen würde und ob er eines Tages auch mich und mein Leben beeinträchtigen konnte. Man sollte meinen, dass es für mich nun an der Zeit war, einen Schlussstrich zu ziehen und meine Sachen zu packen. In der Tat habe ich genau darüber in vielen Stunden nachgedacht, denn ich sehnte mich nach Europa, nach meiner Heimat. Doch so einfach war das alles nicht, jedenfalls nicht für mich. Der Putsch hatte aber auch einen guten Aspekt, denn Paporn hatte nun einen externen Feind gefunden, denn sie war über das Vorgehen des Militärs sehr aufgebracht. Das lenkte ihre Aufmerksamkeit in eine andere Richtung und sie fand in mir plötzlich wieder einen Verbündeten. Die Folge waren eine Reihe von freundlichen Tagen und Wochen, in denen wir uns oberflächlich gut verstanden, zusammen Dinge unternahmen und auf unsere eigene Weise Frieden miteinander schlossen. Leider führte es auch dazu, dass ich wieder einmal eine große Dummheit machte und für einen Moment die Vergangenheit aus dem Auge verlor. Wir kauften uns ein zweites Haus, ganz in der Nähe unseres alten Hauses, denn es war viel größer und würde das Leben mit den Tieren sehr vereinfachen. Nun verhedderte ich mich ganz in den verschiedenen Strömungen meiner Seele. Einerseits wollte ich das Alte für immer beenden und ein neues Leben beginnen, andererseits zementierte ich das Hier und Jetzt mit dem Kauf eines weiteren Hauses noch mehr. Auch heute kann ich diesen Schritt noch nicht nachvollziehen, war er doch gegen jegliche Logik, jegliches inneres Gefühl und vor allem gegen mich selbst gerichtet.

 

Irgendwie lief das Leben so vor sich hin und keiner von uns fühlte sich damit glücklich. Ich hatte Todesgedanken und sah in einem raschen Ableben die Lösung aller Probleme, als eines Abends die Natur ihren Beitrag zu meiner Situation leistete. Wir hatten gerade die Hunde und Katzen versorgt als ich einen Hustenanfall bekam und vor dem Haus niederbrach. Da lag ich nun auf der Straße, bekam keine Luft mehr zum Atmen und schleppte mich langsam und mit letzter Kraft zurück ins Haus. Paporn stand daneben, bot mir keine Hilfe an und schimpfte, dass ich vor ihr keine Schau abziehen sollte. Dann ging sie zurück ins Haus und ließ mich dort liegen. Ich wusste nicht, was mit mir geschehen war und ging deshalb auch nicht zum Arzt. Statt dessen versuchte ich meiner täglichen Arbeit nachzugehen, doch meine Erschöpfung wurde immer stärker und unerträglicher. Erst Tage später ging ich zum Arzt und wurde sofort mit einer Lungenembolie in der Intensivstation aufgenommen. Mein Wunsch nach einem frühen Tod wäre fast in Erfüllung gegangen.

 

 

20

 

Die Tage verschwanden im Nichts, hatten weder Anfang, noch Ende und fanden ihre Wichtigkeit nur in dem, was ich für mich allein erlebte. Aus der Stadt brachten wir Mona, Lisa, Paula und Joey mit, unsere Hunde, die uns bislang so treu gefolgt waren. Nicky war noch immer in unseren Herzen und ihre Asche hatte einen schönen Platz in meinem Zimmer. Als erstes kam dann Hiso zu unserem Team. Sie war in einem kleinen Tierheim in unserer Nähe gelandet, nachdem sie von einem Taxifahrer mit einem Stein so geschlagen wurde, dass sie aufgrund der Kopfverletzungen über Monate im Koma lag. Es war ein jämmerlicher Anblick und Hiso war aufgrund ihrer Kopfverletzungen schwer behindert, konnte kaum etwas sehen und sich nur mit einiger Anstrengung bewegen. Nicht lange danach klingelte ein junges japanisches Mädchen an unserer Türe und bat darum, dass wir drei Katzen bei uns aufnahmen, denn sie hatten ihre Mutter verloren. Zunächst wollten wir jedoch keine Katzen bei den Hunden haben und gaben die drei Geschwister in eine Tierklinik, damit sie zumindest einmal ärztlich untersucht und behandelt wurden. Doch als wir sie da so den Gang entlang laufen sahen, da war sehr schnell klar, dass sie bei uns ein Zuhause haben würden. So kamen Garfield, Harry und Potter zu uns. Paporn hatte in Minburi eine alte Frau entdeckt, die in einer provisorischen Holzhütte unter einer Brücke lebte und sich dort um Straßenhunde kümmerte. Wir brachten Pa Tim, wie die alte Frau hieß, immer wieder Hundefutter und Geld, damit sie auch selbst genug zum essen hatte. Bei einem dieser Besuche fand Paporn einen Plastiksack, den jemand heimlich unter unser Auto geworfen hatte und es stellte sich heraus, dass der Sack voller junger Welpen war. Wir wussten, dass diese Welpen dort bei Pa Tim kaum eine Chance zum Überleben hatten, nahmen vier der kleinen Geschöpfe mit uns und brachten sie in die Tierklinik zur Behandlung. Da in diesem Jahr die Fußballweltmeisterschaft war, nannten wir sie einfach Klinsi, Klose, Zidane und Beckham. Sie waren lustige Geschöpfe und noch sehr klein. Bereits in der ersten Nacht aber starb der kleine Beckham und wir bangten um die anderen, denn es war klar, dass sie in Lebensgefahr schwebten. Doch sie waren in guter Pflege und nach zwei Wochen war es klar, dass sie es geschafft hatten. Obwohl wir bereits erhebliche Platzprobleme hatten, brachten wir die Drei zu uns nach Hause. Es war gleichzeitig das Ende der ruhigen Nächte und auch tagsüber kam es nun zu allerlei Zwischenfällen. Klinsi und seine Schwestern liebten es, die Gegend zu erkunden und kamen dabei regelmäßig den anderen Hunden in die Quere und je älter sie wurden, umso größer wurden die Probleme, bis wir die Hunde schließlich trennen mussten. Zunächst aber änderte Klinsi den Tagesablauf und ich musste jeden Tag um vier Uhr aufstehen, um die drei in den Garten zu bringen und mit ihnen zu spielen. Sie waren zudem noch total verwurmt und es sollte Wochen dauern, bis die drei innen, wie außen, sauber waren. Noch viel länger sollte es jedoch dauern, bis ich die Veränderungen in meinem Leben verstehen und erkennen konnte. Vielleicht war es auch ein Leugnen der Tatsache, dass sich mit dem Auftauchen dieser kleinen Kreaturen mein Leben ein für allemal verändert hatte. Wenn ich morgens um vier Uhr mit den drei braunen Winzlingen auf der Veranda saß und sie an mich drückte, da fühlte ich eine neue Art der Liebe zum Leben und je mehr wir zusammen in die Tage lebten, um so mehr begann ich damit, zu allen meinen Tieren ein ganz besonderes Verhältnis aufzubauen. Sie waren nicht nur irgendwelche Hunde und Katzen, die mich jeden Tag begleiteten, sie waren meine Freunde und vor allem die helfende Hand, die ich noch immer benötigte, um der Depression die Stirn zu zeigen. Sie waren aber auch die Fessel, die mich an dieses Haus, das Land und die Ehe band und mir ab jetzt die Möglichkeit nahm, frei für mich zu entscheiden, was ich tun wollte. Ich war nicht mehr frei und hatte für die Tiere eine Verantwortung übernommen. Wie ich diese Verantwortung mit meinem Drang nach Freiheit vereinen konnte, das wusste ich damals auch nicht und ich denke, dass ich noch heute darunter leide. Das war aber nicht die Schuld meiner neuen Freunde, es war vielmehr der Umstand, dass Paporn diese Verantwortung einfach von sich streifte, ungefragt auf mich alleine übertrug und das tat, was ich mir seit Jahren gewünscht hatte: Zeit zu haben, um die Dinge zu tun, die ich schon immer tun wollte.

 

Ich freute mich auf das neue Haus, doch bevor wir dort endlich einziehen konnten, gab es noch einige Dinge zu erledigen. Das neue Haus sollte so gestaltet werden, dass die Pflege der Tiere einfacher wurde und vor allem mir mehr Freiraum gab. Das zumindest hatte ich im Sinn. Das Grundstück war groß genug und der Garten geradezu geeignet für unsere Tiere. Dort im Garten mussten zwei Tierbungalows gebaut werden und das ganze Grundstück wurde mit einer hohen Mauer versehen. Auf diese Art würden die Tiere nun außerhalb des Hauses sein und doch ihren eigenen Bereich zum leben haben. Die Bauarbeiten gestalteten sich ausgesprochen mühsam, was unter anderem daran lag, dass man in Thailand solche Arbeiten mit dem Schraubenzieher zu erledigen versucht. Wir mussten jeden Tag auf der Baustelle sein und den Baufortschritt überwachen, die Arbeiten kontrollieren und danach sehen, dass die Arbeiten nicht allzu haarsträubend ausgeführt wurden. An manchen Tagen brachte ich unseren Klinsi mit mir, was den Bauarbeitern jedes Mal gehörig Respekt einflößte, denn Klinsi war inzwischen ein junger Mann geworden und hatte stattliche Maße angenommen. Bis schließlich alles erledigt und auch das Haus neu gestrichen und mit Dachrinnen ausgestattet war, vergingen Monate und ich empfand diese Zeit als ausgesprochen lästig, denn ich kam kaum mehr zu den Dingen, die ich selbst tun wollte. Zudem war es erschreckend aus erster Hand zu erfahren, wie ungebildet und vor allem realitätsfern diese Menschen waren, die sich da anschickten den Umbau für uns zu erledigen. Für eine willkommene Abwechslung sorgte ausgerechnet eine kleine Katze, die sich des nachts in unseren Garten wagte und von Paula unerbärmlich gejagt und letztlich gebissen wurde. Wir nannten sie Susi und sie musste über Wochen intensiv gepflegt werden, da keine Behandlung zur Wundheilung führte, bis wir uns entschlossen, entsprechende Medikamente importieren zu lassen. Susi lag in dieser Zeit immer auf meinem Schreibtisch und schlief zwischen Tastatur und Bildschirm. Endlich hatte ich die Möglichkeit mit einem anderen Wesen Kontakt aufzunehmen ohne mich im Netz der Worte zu verfangen, denn Worte sind die Bausteine jeder Lüge. Schritt für Schritt lernte ich die Gesten und Verhaltensweisen meiner Katzen und Hunde zu verstehen und ich bemühte mich nach allen Kräften in einer Art mit ihnen zu kommunizieren, die auch sie verstehen konnten. Es war ein langer Prozess, doch habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es auch ohne Worte möglich ist, die Seele eines Wesens zu erfahren. Vor allem Harry war mir immer ein deutlich besserer Psychiater als die Menschen, die sich diese Rolle zuschrieben. Meine Tiere wussten, wie es in mir aussah, sie sahen auf ihre Weise in mich und reagierten auf eine Art, wie ich es so dringend benötigte. Ich konnte mich jeden Tag auf sie verlassen, denn sie gaben nie auf, an meiner Seite zu stehen und mich vor allem dann zu lieben, wenn ich es eigentlich nicht verdient hatte. Wenn Harry auf meinem Bauch lag und mich mit seinen Pfoten am Kinn streichelte, mich zart auf die Wange küsste, da hatte ich plötzlich ein Einsehen mit der Welt, fand meine ganz eigenen Momente, die mich glücklich machten und mir die Kraft gaben, noch einen weiteren Tag aufzustehen und weiter zu machen. Sie waren meine Lebensretter und je mehr Tiere unser Haus bevölkerten, desto mehr Freunde hatte ich. Von den Menschen entfernte ich mich jedoch mit jedem Tag mehr, zog mich in meine vier Wände zurück und lebte mit meinen Tieren.

 

In den Wochen vor dem Umzug vollzog sich ein grundlegender Wandel in unserem Haus. Zum einen kamen immer mehr Tiere zu uns, vor allem Katzen wie Yoko, Jessica und Lotus. Roma und Tuna befreiten wir von ihrem Gefängnis in einer Tierklinik und gaben ihnen ein Zuhause, das inzwischen eine Katzenhochburg geworden war. Zum anderen wurde das Miteinander zwischen mir und Paporn zunehmend aggressiver und Streitigkeiten erfüllten die Tage, die ansonsten keinen Grund zur Klage gaben. Je näher wir an den Umzugstermin kamen, umso hässlicher wurde es zwischen uns und es war wieder einmal die Rede von Scheidung. Was für die Katzen und Hunde ein Zufluchtsort geworden war, schien für uns Menschen eine Kopie des Katzenlochs zu sein und in manchen Stunden drängte sich mir der Gedanke auf, dass ich insgeheim meine eigene Mutter geheiratet hatte. Wirkliche Gründe gab es für unsere blutrünstigen Kämpfe nicht, wir wollten einfach nicht mehr zusammen sein und konnten diesen Schritt doch nicht ganz so einfach machen, wie wir uns das in stillen Stunden ausgemalt hatten. Wie immer sprachen wir auch jetzt nicht darüber, ließen das Blut ungehindert aus den Adern fließen und nährten den Hass, der sich so heimlich eingeschlichen hatte. Unsere Ehe war am Ende und würde von nun an nur noch weiter absterben. Ich denke, dass wir das Beide ahnten und so beschlossen wir zumindest einen teilweisen Waffenstillstand. Im neuen Haus sollten wir getrennte Schlaf- und Arbeitsbereiche haben, damit wir uns einfacher aus dem Weg gehen konnten. Ich nahm diese Entscheidung mit Zuversicht an und begann mich bereits im Vorfeld geistig auf diese neue Lebensart einzurichten. Mit der Welt und ganz speziell mit Thailand war ich weitgehend fertig, zog mich in meine Welt zurück und lebte in meinen vielen Träumen und Vorstellungen. Meine Sehnsucht nach dem Ende der Einsamkeit wurde von meinen Tieren gestillt, die mich ab nun Tag und Nacht umgaben. Ich war begeistert mein neues Zuhause ganz nach meinen Vorstellungen einzurichten und sorgte für ausreichend Platz für die Katzen, die ab nun immer bei mir sein konnten. Mein ganzer Tagesablauf war schon bald auf das Leben der Hunde und Katzen abgestimmt. Ich stand jeden Tag um fünf Uhr auf und brachte die Hunde nacheinander in den Garten, bereitete ihre Unterkünfte für den Tag vor und machte mir dann eine gute Tasse Kaffee, die ich mit meinen Tieren auf der Veranda trank. Es war schön in dieser Ruhe zu sitzen, den Sonnenaufgang zu beobachten und den Beginn des Tages zu fühlen. Es gab zu dieser Zeit keine Menschen, die mich störten und die wenigen Stimmen, die ich hin und wieder vernahm, verhallten zwischen den Rufen der Vögel und dem täglichen Geheul der Hunde, die auf diese Weise den Tag begrüßten. Es war auch meine Zeit und wenn ich je in meinem Leben meine innere Ruhe gefunden habe, dann war es in diesen Stunden. Ich bin mir heute ganz sicher, dass es diese Verbindung der Dinge gibt, eine Harmonie allen Seins und die Möglichkeit, darin selbst aufzugehen, zu verschwinden und zu leben ohne zu leiden. Je mehr ich mich mit den Tieren beschäftigte, desto mehr entfernte ich mich von den Menschen. Darüber war ich nicht traurig, auch vermisste ich die Gesellschaft anderer Menschen nicht, denn in all den Jahren, die ich nun in diesem Land verbracht hatte, konnte ich ohnehin keinen Freund oder wenigstens einen Menschen finden, mit dem ich über mich und mein Leben hätte reden können. Meine Freunde waren nun Hunde und Katzen und schon bald konnte ich ihre Seelen fühlen, ihre Liebe und Zuneigung, die mir jeden Tag aufs Neue gegeben wurde. Endlich konnte ich mich auch wieder aussprechen, mich mitteilen und mich in einer Welt bewegen, die keine Lüge kennt.

 

Kaum ein Tag verging, an dem ich mir keine Gedanken über mein weiteres Leben machte. Ich stellte mir vor, dass ich wieder zurück nach Deutschland gehen und wieder einmal einen Neuanfang versuchen würde, ich sah mich bei Konrad in Rudenweiler, wie ich in der Abgeschiedenheit der ländlichen Idylle am Bodensee lebte und ich stellte mir sogar vor nach Italien oder nach Schottland zu ziehen, um mir dort ein neues Leben aufzubauen. Alles, was ich mir vorstellte, fand nicht hier in diesem Land statt, sondern fernab in einer Welt, die mir mehr als alles andere am Herzen lag. Ja, ich vermisste mein Europa, die Kultur und Gebräuche, vor allem aber die Kunst und die Gedankenwelt, die hier so schmerzlich fehlte. Und doch verwarf ich jede dieser Ideen und blieb da, wo ich gerade war und nicht sein wollte. Meine Kraft reichte nicht mehr aus, um einen meiner Gedanken in die Realität umzusetzen, zu gehen und neu anzufangen. Es war immer leicht für mich gewesen etwas Neues anzufangen, doch nun konnte ich meinen Körper gerade so durch die Tage bringen, die mir unendlich anstrengend vorkamen. Es war nicht nur meine psychische Schwäche, sondern zunehmend auch eine körperliche Schwäche, die mich lähmten und mir nur wenig Spielraum gaben, an meinem Leben zu arbeiten. Vielleicht wäre mir die helfende Hand eines guten Freundes nützlich gewesen, vielleicht hätte mich jemand aus diesem Dunkel herausführen können, doch diesen Jemand gab es nicht, weder hier, noch in weiter Ferne. Alles was mir also blieb, waren meine Tiere, denn auf Paporn konnte ich jetzt nicht mehr zählen. Sie hatte schon lange ihr Leben aus dem Haus nach draußen verlagert, nahm an Consulting Kursen teil und begann sogar ein Studium der Psychologie an der Ramkhamhaeng Universität. Ihre freien Stunden verbrachte sie lieber mit anderen Menschen, war oft bei Pa Tim und deren Hunde, die sie immer wieder betreute. Nur hier zuhause, in diesem Haus war sie nicht mehr präsent, hatte mich und selbst die Tiere vergessen und sich langsam immer weiter aus einer Verantwortung gestohlen, die sie sich einst selbst auferlegt hatte. Dabei hörte sie nicht auf, immer weitere Tiere nach Hause zu bringen und ich hatte leider nicht die Kraft, mich sinnvoll dagegen zu wehren. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht mehr und fügte mich in eine Situation, die mich immer weiter nach hinten drängte. Ich liebte die Tiere und auch die neuen Hunde und Katzen, die sie mit nach Hause brachte, doch fühlte ich seit Langem, dass diese Liebe nicht dafür ausreichen konnte, die Tiere auch tatsächlich dann alleine zu verpflegen.

 

Die Medikamente nahm ich seit meiner Lungenembolie nicht mehr und auch von meinem Psychiater hatte ich mich gelöst. Statt dessen verschaffte ich mir so viel Ruhe, wie ich es nötig hatte. Aus diesem Grunde schrieb ich auch nicht mehr in den Internet Foren, da mir die Aggressivität und vor allem die weit verbreitete Oberflächlichkeit schwer zu schaffen machte. Statt dessen hatte ich vor Monaten versucht, wieder an alte Freundschaften anzuknüpfen und mich dazu durchgerungen, eines Abends Sibylle in Wendlingen anzurufen. Ich hatte Zweifel, wie sie auf diesen Anruf reagieren würde, schließlich hatten wir uns eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Vielleicht hatte sie jetzt ein ganz anderes Leben, andere Interessen oder vielleicht hatte sie mich auch schon längst aus ihrem Gedächtnis verbannt. Zu meiner Überraschung begannen wir jedoch schon bald nach meinem Anruf eine rege Konversation per Email zu führen und mit der Zeit wurde sie ein wichtiger Bestandteil meiner Tage. Sie war in dieser Zeit der einzige Mensch, dem ich etwas aus meiner Welt erzählen konnte und der sich dann auch die Zeit nahm, mir darauf zu antworten. Ich kann nur erahnen, wie sehr sie sich mit mir herumplagte und welche Kraft es gekostet haben muss, meine sich stetig veränderten Stimmungen zu ertragen und nicht von mir zu lassen. Es war nicht leicht eine Brücke zwischen unseren Welten zu erbauen und sie zeigte mir immer wieder auf, wie weit ich mich von einem normalen Leben entfernt hatte. Doch in meinem Leben gab es nur noch wenige weltlichen Dinge, die für mich von Belang waren, denn meistens hielt ich mich an ganz anderen Orten auf, erlebte meine Abenteuer, ganz so, wie ich es früher auf meinen Zugfahrten getan hatte, die mich von Leutkirch nach Geislingen brachten. Es störte mich daher kaum mehr, dass wir wieder einmal eine der vielen Militärdiktaturen hatten und man uns das Recht zum Reden nahm. Es war mir auch egal, was in der Stadt geschah und ob aus diesem Land noch einmal etwas werden würde. Ich beschäftigte mich lieber mit meinen Hunden, denn die konnten zumindest bis fünf zählen ohne dabei die Finger zu benutzen. Zudem hatte sich unser Haus inzwischen weiter gefüllt, denn es waren Doi, Khao, Dream und Kanom dazugekommen, die Paporn allesamt auf der Straße aufgelesen hatte. Khao war ein ganz besonderer Hund und sie war mir vor allem sehr ähnlich. Sie lebte zuvor auf einer Baustelle in der Innenstadt und hatte sich dort ein Erdloch als Zuhause eingerichtet. Doch eines Abends wurde sie von einem Lastwagen angefahren und rannte vor lauter Schreck in den ersten Stock des Rohbaues, wo sie Unterschlupf und Schutz suchte. Doch dort waren Bauarbeiter, die sich einen Spaß daraus machten sie zu jagen und sie schließlich aus dem ersten Stock des Gebäudes zu werfen. Nach einigen Tagen in der Klinik stand fest, dass sie Glück hatte und nichts außer ihrem Vertrauen gebrochen war. Nun hatte sie ein neues Zuhause, doch Khao spielte nicht mit anderen Hunden, noch kam sie einem Menschen nahe. Wann immer sie konnte versteckte sie sich in einer Ecke und verbrachte dort die meiste Zeit des Tages. Nur wenn man sich ihr näherte bewegte sie sich und rann so schnell sie konnte davon. Ich verstand sie gut, fühlte mit ihr und nahm mir vor, ihr restliches Vertrauen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Über Wochen und Monate suchte ich immer wieder ihre Nähe, ohne ihr dabei zu nahe zu kommen, setzte mich hin und sprach mit ihr. Es war ihr anfangs sichtlich unangenehm einen Menschen in ihrer Nähe zu haben, doch nach einigen Wochen begann sie mir zu zeigen, dass sie bereits auf mich wartete. So verbrachten wir zwei unsere Zeit miteinander bis sie eines Tages von selbst auf die Veranda kam, sich langsam näherte, zögerte und schließlich auf das Sofa sprang und sich neben mich setzte. Seither sind wir enge Freunde. Das sind die Dinge, die für mich wichtig waren.

 

Aber ich schaffte es nicht, konnte der Belastung nicht standhalten und brach schließlich wieder total zusammen. Es war Regenzeit und die Hunde waren schon von Natur aus nervös. Da wir immer mehr Hunde hatten, gab es auch vermehrt Streitereien bis hin zu bösartigen Verletzungen, die sich meine Freunde in ihrer immer wieder aufkeimenden Aggression zufügten und mir dann die Arbeit überließen, sie danach wieder zusammenflicken zu lassen. Und dann waren da so Kameraden wie Joey, die stundenlang ohne jeglichen erkennbaren Grund einen Baum anbellen konnten und meine Nerven langsam, aber sicher ruinierten. Vor allem aber standen solche Zeiten auch unter dem Einfluss der Wut, die mir inzwischen im Magen steckte, der Wut auf meine Ehe und auf das, was ich sicherlich in meinem Leben hätte anders machen können. Es bahnte sich schon Tage zuvor an. Ich wurde nervös, zitterte und hatte tausend Schmetterlinge im Bauch. Hin und wieder brach ich dann ohne erkennbaren Grund in Tränen aus, verlor das Gleichgewicht und konnte mich nur noch damit retten, dass ich mich in jeder freien Minute ins Bett legte, um mich zu beruhigen. Doch der Zusammenbruch war nicht mehr aufzuhalten und so stand ich eines Nachmittags bei meinen Tieren im Garten und konnte nicht mehr weiter. Ich nahm meine Sachen und fuhr ins Krankenhaus, um ärztliche Hilfe zu suchen. Erst am nächsten Tag kam ich wieder nach Hause. Ich war wieder zurück auf den Pillen, die ich glaubte aus meinem Leben verbannt zu haben, aber offensichtlich konnte ich ohne diese Medikamente nicht mehr leben. Es dauerte Wochen bevor die Medikamente ihre Wirkung zeigten und ich mich einigermaßen stabilisieren konnte. Es war nicht mehr mein Leben, das ich da führte und was immer ich mir auch einzureden versuchte, es war auch nicht mehr lebenswert. Und dann kam der Tod in unser Haus, nicht auf einmal, sondern schön langsam und immer darauf bedacht, uns die letzte Kraft zu nehmen, die wir noch hatten. Zunächst adoptierten wir Hope, einen kleinen Welpen. Sie wurde in einem Tempel von einem Auto angefahren und war seither querschnittsgelähmt. Wir sahen sie in einem Tierheim und hatten keinen Zweifel, dass wir sie mit nach Hause nehmen mussten. Sie war ein wunderbarer Hund und wir richteten ihr einen eigenen Bereich mit Laufstall und weichen Decken ein. Wir ließen sie von einem Facharzt an der Kasetsart Universität untersuchen und versuchten alles, um ihr das Leben so einfach, wie möglich zu machen. Und dann kam der Tag als sie einfach zu ruhig war. Wir gingen sofort zum Tierarzt, aber es war schon zu spät. Hope starb an einem akuten Nierenversagen, wohl eine Folge des Unfalls, der auch ihre inneren Organe beschädigt hatte. Sie war seit Nicky der erste Hund, der bei uns starb und es war kaum zu ertragen, als wir sie zur Beerdigung in den Tempel brachten. Zur gleichen Zeit fanden wir Spirit in einem Tempel. Sie war ausgehungert, schwer verletzt und hatte Blutparasiten. Über viele Wochen musste sie intensiv behandelt werden, um ihre Wunden wieder zu schließen und dann, als sie gerade wieder einigermaßen gesund war, bekam sie Staupe und starb nur wenige Wochen später in meinen Händen ein. Und ganz so als ob dies alles nicht genug gewesen wäre, bekam der kleine Kater Romeo, den wir zusammen mit seiner Schwester Juliette adoptiert hatten, eine unheilbare Krankheit. Auch um ihn kämpften wir und verloren. Romeo hatte keine Chance mehr gehabt und starb nach einem zähen und harten Kampf. Wochen später geriet ich unversehens in einen Kampf zwischen Mona und Lisa, der so heftig und brutal wurde, dass ich dazwischen ging und versuchte, die beiden auseinander zu bringen. Meine Bemühungen waren nicht nur vergebens, sondern ich zog mir auch noch eine tiefe Fleischwunde am linken Bein zu. Ich schenkte der Verletzung keine besondere Bedeutung, säuberte die Wunde und wägte mich in Sicherheit. Doch wenige Tage später bekam ich heftigen Schüttelfrost und wurde im Krankenhaus mit einer ernsthaften Blutvergiftung in die Intensivstation eingeliefert. Bereits am nächsten Tag gaben meine Nieren ihren Dienst auf und es war den Ärzten zu verdanken, dass ich nicht dem kleinen Romeo gefolgt bin. Als ich wieder zuhause war, bemerkte ich bereits nach wenigen Tagen, dass Paula nicht wie sonst war, das Essen verweigerte und ansonsten nur noch ruhig in der Ecke lag. Auch ihr half die sofortige Einlieferung in die Tierklinik nichts mehr, denn ihre Leber versagte und sie starb schon nach wenigen Tagen. Zu guter Letzt starb der kleine Joey nur zwei Wochen später an Krebs.

 

Innerhalb nur eines Jahres hatten wir fünf Tiere verloren und der Tod war unser steter Gast in diesen Tagen. Ausgerechnet ich entkam ihm knapp und musste leben. Das war nicht gerecht, denn mit diesen Tieren starb auch eine Lebensfreude, wie ich sie nie gehabt habe. Warum nur wurde gerade ich verschont? Das Leben ging unaufhaltsam weiter und in dieser Zeit kam Fighter zu uns, ein Hund, der auf offener Straße so geschlagen wurde, dass man ihm ein Bein amputieren musste. Fighter erlebte noch die letzten Monate von Paula und beide wurden gute Freunde. Er umgarnte Paula so sehr, dass man spüren konnte, wie diese alte Dame einen zweiten Frühling erlebte. Das war schön für sie und machte ihren späteren Tod für mich etwas erträglicher. Überhaupt war der gute Fighter ein Stimmungsmacher und es war eine Freude zu sehen, wie er sich langsam mit allen anfreundete. Nur Lisa konnte nicht mehr mit ihrer Schwester Mona leben und da ich die ewigen Streitereien und Verletzungen satt hatte, zog Lisa nun zu Khao in das Wohnhaus. Khao hatte es außerhalb mit den anderen Hunden Doi, Dream und Kanom auch nicht geschafft und wurde ständig von den anderen attackiert und gebissen. Khao hatte daher eine schöne Ecke im Wohnhaus bekommen, wo sie sich eingerichtet hatte und ihre Ruhe genoss. Auch Sibylle hatte Paula und Joey noch erlebt, als sie uns in Bangkok besuchte. Solche Besuche war ich im Grunde nicht gewöhnt, denn in den Jahren in China und nun hier in Thailand, hatten es nur wenige Menschen geschafft, den Weg zu mir zu finden. Umso erfreulicher war es dann, dass sich Sibylle entschloss, mich und die Tiere hier in Bangkok zu besuchen. Sie war der einzige Mensch in meinem Leben, der mir geblieben war und mit dem ich reden konnte. Ihr Interesse für die Tiere und mein Leben, so wie ich es führte, gab mir dann auch den Mut, mehr von mir zu erzählen und zu beschreiben, wie es sich anfühlt, die Welt mit meinen Augen zu sehen. Sicherlich hatte ich damals zu viel geredet und vor allem zu wenig zugehört, aber das war schon immer mein Problem gewesen, vor allem dann, wenn ich mich über längere Zeit von allen Menschen ferngehalten hatte. Leider war ihr Besuch zu kurz und so fand ich mich sehr schnell in meinem normalen Tagesablauf wieder. Wäre es nicht schön gewesen, in der gleichen Straße zu wohnen und Anteil am Leben des anderen zu haben? Es schmerzte mich sehr, als sie schließlich wieder abflog und doch war ich nicht mehr in der Lage, dies auch angemessen zum Ausdruck zu bringen. Ich konnte nie mit Menschen umgehen und es ist mir auch bis heute nicht gelungen. Dafür hatte ich in den letzten Jahren andere Dinge gelernt und Fähigkeiten entwickelt, die mir in meiner Abgeschiedenheit durchaus hilfreich waren und deren Existenz ich noch vor Jahren für völlig abwegig gehalten hätte. Es sind Fähigkeiten von der Art, die man besser für sich behält, um nicht in den Verruf zu kommen ein Freak zu sein oder gar Schlimmeres. Erst die Einsamkeit und die Nähe zu den Tieren, mögen sie nun lebendig oder tot sein, ermöglichte mir, das störende Geräusch des Tages auszuschalten und auf Dinge zu hören, die in mir entstanden oder in mich eindrangen. Vor allem in den frühen Morgenstunden konnte ich die Kraft der Natur in mir spüren und ich wusste, dass ich dabei nicht alleine war. Ich hielt mich immer für einen realitätsbewussten und vor allem logisch denkenden Menschen, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht, doch die Erfahrungen, die ich jetzt machen durfte, gingen weit darüber hinaus und zeigten mir, dass es andere Realitäten gibt, die mit der Logik und dem Weltverständnis, wie ich es bislang kannte, nicht zu erklären waren. Es war eine faszinierende Welt, weit mehr als das, was ich mit dem bloßen Augen sehen konnte und ich liebte diese Welt. Es gab keinen Grund mehr hier zu sein, dieses Leben zu meistern, sondern nur noch die Sehnsucht, weiterzuziehen und alles irdische hinter mir zu lassen.

 

Paporn arbeitete nun bei AFS. Sie verließ morgens das Haus und kam erst spät am Abend müde wieder nach Hause. Außer der Haushaltshilfe und mir, waren sonst nur noch die Tiere hier und ich konnte mir den Tag selbst gestalten. Es war zunächst eine Erleichterung für mich, den ganzen Tag alleine zu sein und keine Anfeindungen ertragen zu müssen. Doch die Verantwortung für die Tiere belastete mich sehr und immer öfter hatte ich das Gefühl, diese Aufgabe nicht mehr meistern zu können. Später gab Paporn ihre Arbeit wieder auf und begann Jura zu studieren. Meinen fünfzigsten Geburtstag feierte ich daher alleine mit meinen Tieren, da niemand mehr da war, der für diesen Anlass Zeit gehabt hätte. Es war ein trauriges Bild, das sich mir nun bot und meine Sehnsucht nach einem Neustart oder dem Ende wurde immer stärker. Doch ich liebte meine Tiere und ich wusste, dass sie ohne mich nicht gut versorgt wären, denn Paporn hatte zu viel andere Dinge im Sinn. Schon bald verzerrte sich auch die Außenwelt, denn die Lage in Bangkok wurde durch die anhaltenden Proteste immer unsicherer. Rothemden, Gelbhemden und andere Farben waren dabei, das Land in Unruhe zu stürzen und schon bald gab es Tote, Verletzte, brennende Häuser und die stete Gefahr, dass die Unruhen außer Kontrolle geraten würden. Im Gegensatz zu Paporn, die auf Seiten der Rothemden bei keiner Demonstration fehlte, beobachtete ich den Zerfall von Recht und Ordnung zuhause am Fernseher. Im Grunde berührte es mich nicht, solange meine Tiere nicht in Gefahr waren. Doch als sich die Lage weiter zuspitzte konnte ich Paporn letztlich überreden, sich ebenfalls aus dem aktiven Geschehen zurückzuziehen. Der später einkehrenden Ruhe war jedoch nicht zu trauen, auch wenn die Thailänder behutsam wieder damit begannen, ihren Tagesgeschäften nachzugehen. Das Einzige was ich sehen konnte, war ein Land, das mir zusehends feindlicher wurde, mich beängstigte und mir jede Möglichkeit nahm, mich hier wohlzufühlen. Was die Menschen nicht erreicht hatten, schaffte dann die große Flut, die über Bangkok hereinbrach. Ganze Teile der Stadt standen plötzlich unter Wasser und niemand wusste genau, ob wir ebenfalls davon betroffen sein würden. Es war beinahe unerträglich jeden Tag darauf warten zu müssen, ob die Flut nun an unser Haus kommt oder nicht. Wäre ich alleine gewesen, so hätte mich diese Katastrophe kaum berührt, doch mit fast dreißig Tieren unter meiner Obhut, war ich in manchen Stunden der Panik nahe. Alles was wir tun konnten war Sandsäcke zu kaufen und das Haus notdürftig zu sichern. Doch wusste ich genau, dass bei drei Metern Hochwasser die meisten meiner Tiere gestorben wären. Aber die Flut verzog sich wieder und wie durch ein Wunder blieb unser Mubaan davon verschont. Für andere Menschen wäre die Angelegenheit nun sicherlich vorbei gewesen, doch habe ich nicht nur ein Problem mit Menschen, ich kann auch kaum oder gar nicht vergessen. Der Tod meiner Tiere, der Zerfall meiner Ehe, die Unruhen in Bangkok und nun die Flut bildeten eine klebrige Masse, die mir ständig im Kopf herumschwirrte und mir keine Ruhe ließ. Ich wurde schwächer und zu allem Übel zog ich mir dann auch noch die zweite Blutvergiftung zu, die mich wieder ins Krankenhaus brachte. Ich überstand auch dies, doch dauerte es nicht mehr lange, bis sich am gleichen Fuß, der mir die Blutvergiftung eingehandelt hatte, auch die zweite Thrombose und in der Folge natürlich eine Lungenembolie entwickelte.

 

In dieser Zeit starben dann auch Tiger und Jolie. Beides war mehr als tragisch. Jolie hatten wir schon vor Jahren adoptiert und als ich sie damals in meinen Händen hielt, hatte sie mich einfach angepinkelt. Da niemand die schöne Jolie haben wollte, weil sie nur noch drei Beine hatte, nahmen wir sie mit zu uns. Nun, Jahre später bekam Jolie Krebs und musste über Wochen künstlich ernährt werden. Jeden Tag verbrachten wir Stunden damit, sie zu füttern und ihr die notwendige Medizin zu geben. Vergeblich. Wir verloren auch diesen Kampf und Jolie hat uns schon bald verlassen. Ich war von alledem so geschwächt, dass ich auch keine Kraft mehr hatte, gegen die wieder stärker werdenden Depressionen anzukämpfen. In meiner Verzweiflung versuchte ich es mit einem Wechsel des Psychiaters. Doch alles was danach geschah war, dass ich so mit Medikamenten zugeschüttet wurde, dass ich überhaupt kein eigenes Leben mehr hatte. Mein Körper begann sich zu wehren und die Medikamente entwickelten nun ernsthafte Nebenwirkungen, die außer mir offensichtlich niemand ernst nahm. Wochenlang quälte ich mich damit herum, zitterte am ganzen Körper, hatte ständige Panikattacken und fand nur Hilfe in einem Arzt, der zur Lösung des Problems die Dosis immer weiter erhöhte. Das konnte nicht gut gehen. Und dann war da einer dieser Abende, die es nicht geben sollte. Ich saß in meinem Zimmer und spielte mit meinen Katzen. Die kleine Schreibtischlampe erhellte notdürftig den Raum und der Tod war zu mir gekommen. Ich wollte nicht mehr zittern, wollte keine Angst mehr haben und griff langsam in meine Schublade, um mir die Tabletten zu holen. Im Internet hatte ich mich informiert und ich war mir sicher, dass vierzig dieser weißen Pillen mir ein sicheres Geleit hinüber zu Nicky, Spirit und den anderen geben würden. Ich war nun ruhig geworden, meine Hand zitterte nicht mehr und ich entfernte jede Pille einzeln aus ihrer Verpackung. Es war gar nicht schwer. Ich hielt nochmals inne und schluckte dann alle hinunter. Dann ging ich noch einmal in die Küche und bat Paporn, doch am nächsten Morgen den Tierdienst zu übernehmen, da ich nicht mehr zuhause sein würde. Erst dann legte ich mich zu meinen Katzen ins Bett und verlor nicht lange danach das Bewusstsein. Tage später erwachte ich in der Intensivstation und lebte. Ich war noch immer da, musste am gleichen Bahnsteig wieder aussteigen, an dem ich eingestiegen war. Nach einigen Tagen war ich wieder zuhause, bei meinen Tieren und in einer kaputten Ehe. Nichts hatte sich verändert, absolut nichts. Fast sah es so aus, als ob ich einfach nicht sterben konnte.

 

 

Juliette hat mir schließlich verziehen, doch die Scheiterhaufen brennen weiter. Daran wird sich auch nichts ändern. Sie weiß es und ich weiß es. Erst wenn wir Romeo wieder sehen, werden die Tränen versiegen.

 

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